15. Sonntag nach Trinitatis (13. September 2015)

Autorin / Autor: Prälat i. R. Paul Dieterich, Weilheim a. d. Teck [Paul.Dieterich@t-online.de]

Matthäus 6, 25-34

Liebe Gemeinde!

„Das ist ein rechter Vogeltrost“, sagte einmal ein Bauer von Ochsenwang auf der Schwäbischen Alb dem Vikar Eduard Mörike, als er dort oben über dieses „Sorget nicht“ gepredigt hatte. Er wollte damit wohl sagen: „Herr Vikar, Sie haben ja keine Ahnung, Sie haben Ihr festes Gehalt, mit dem Sie leben können, wenn Sie halbwegs vernünftig damit umgehen. Aber ziehen Sie mal meine Stiefel an, gehen Sie mit hinaus, wenn wir diesem steinigen Boden das Brot, das wir zum Überleben brauchen, abringen. ‚Viel Steine gab’s und wenig Brot‘ heißt es bei uns. Vollends, wenn es wochenlang nicht regnet. Was soll mir da Ihr Rat ‚Sorget nicht‘ und der Blick auf die Vögel, die mir zusehen. Ich bin kein Vogel, den Gott auch so ernährt. Ich bin ein Bauer, der sich sorgt.“

Oder der Arbeiter in der Firma. Man hat die fremden Herren mit den guten Anzügen, die alles durchrechnen, im Chefbüro gesehen. Haben Sie heute meine Arbeitsstelle wegrationalisiert? Ist es nur eine Frage von Tagen, bis der Chef sagt: „Es tut mir leid. Aber Sie sind ja auch schon über fünfzig. Und in Anbetracht dessen, was wir rationalisieren müssen…“, den Rest kann sich der Arbeiter selbst zusammenreimen. Sorget nicht?

Oder der Exportleiter dieser Firma. Die Auftragsliste ist mager, die Konkurrenz aus China nimmt ihm den Atem. „Ich kann das, wie es wirklich um uns steht, gar nicht öffentlich sagen. Wenn das die Presse spitz kriegt, das ist für sie ein gefundenes Fressen. Und was dann geschieht, das weiß keiner.“ Sorget nicht?

Oder die Mutter eines behinderten Kindes, das nun vollends ganz hilflos ist. „Es darf nichts passieren“, sagt sie immer wieder, denkt sie, wenn sie ins Auto sitzt. „Was würde sein mit unserem Kind? Es ist nicht auszudenken.“ Sorget nicht? Ihr habt gut reden.

Oder die Frau, deren Kinder auf dem Boden schlafen und die morgens tatsächlich nicht weiß, wie sie ihre Kinder ernähren soll, geschweige denn, wie sie mit sollen ins Schullandheim. Der Nothilfeverein trifft sich alle vier Wochen. Letztes Mal waren es einundfünfzig Hilfsanträge. Die „verschämten Armen“ mitten unter uns gehen mit ihrer Armut nicht hausieren. Und wir können froh sein, wenn sie den Weg zur Diakonischen Bezirksstelle finden.

Oder wenn Sie gar einer der Asylbewerber wären, die in diesen Wochen bei uns ankommen. Sie haben sehr Schweres erlitten. Umsonst kommen sie nicht. Sie suchen ein Stückchen Boden, in dem sie wurzeln können. Kommen sie bei uns an? Oder wird ihnen in unserem christlichen Land nur gezeigt: „Ihr seid hier unerwünscht. Ja, wir sehen in euch eine Gefahr, die wir abwehren müssen, womöglich eine Gefahr für unsere ‚christliche Kultur‘? Ja, ihr seid ein Test. Aber einer, den wir jetzt nicht brauchen können. Jetzt nicht. Wir nicht. Geht mit Gott, aber geht!“

Er wie DuDieses „Sorget nicht!“ gibt uns Jesus nicht, damit wir es denen um die Ohren schlagen, die wirklich Sorgen haben. Vielmehr können wir nicht genug in deren Schuhe treten, es lernen, mit ihren Augen unsere Welt zu sehen. Das Wort Jesu „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ heißt ja wörtlich: „Liebe deinen Nächsten. Er wie du.“

Die Indianer sagen, man könne einen Menschen nur verstehen, wenn man einmal ein paar Wochen in seinen Mokassins gehe. Darum geht es. In der Politik, in der Kirche, in unseren Ehen, mit unseren Kindern, mit denen, die uns Schwierigkeiten machen. Das wäre Freiheit, in ihren Mokassins zu laufen. Die christlichste aller Sportarten ist: über den eigenen Schatten zu springen. Wir haben alle bisher diese Freiheit noch wenig ausprobiert. Gott gebe uns diese Freiheit! Und er bewahre uns vor angeblich christlichen Redensarten, mit denen wir die wirklichen Tests, in die er uns gestellt hat, vernebeln.

Frau Sorge und das hörende SchafSorget nicht! Goethe lässt in Faust II im 5. Akt einmal „Frau Sorge“ auftreten. Geradezu triumphierend sagt sie:
Würde mich kein Ohr vernehmen,
Müsst es doch im Herzen dröhnen;
In verwandelter Gestalt
Üb ich grimmige Gewalt.
Und dann zeigt er auf, wie es dem geht, der von Frau Sorge besessen ist.
Wen ich einmal mir besitze,
Dem ist alle Welt nicht nütze:
Ewiges Düstre steigt herunter,
Sonne geht nicht auf nicht unter,
Bei vollkommnen äußern Sinnen
Wohnen Finsternisse drinnen,
Und er weiß von allen Schätzen
Sich nicht in Besitz zu setzen.
Glück und Unglück wird zur Grille,
Er verhungert in der Fülle.
Sei es Wonne, sei es Plage,
Schiebt er’s zu dem andern Tage,
Ist der Zukunft nur gewärtig,
Und so wird er niemals fertig.
Frau Sorge schildert den Menschen, den sie am Wickel hat, noch eingehender. Sein Leben ist:
So ein unaufhaltsam Rollen,
Schmerzlich Lassen, widrig Sollen,
Bald Befreien, bald Erdrücken,
Halber Schlaf und schlecht Erquicken
Heftet ihn an seine Stelle
Und bereitet ihn zur Hölle.

Jesus sagt das viel einfacher, indem er uns schlicht Schafe nennt. Warum Schafe? Wohl deswegen: Schafe haben ihre Nase fast immer am Boden. So auch wir. Die Rede vom „aufrechten Gang“ ist ein hohes Ideal, das vielleicht ein paar wenige erreichen. Otto Normalverbraucher, zu dem wir uns zählen dürfen, ist den Dingen hingegeben, die gerade anstehen, Terminen, kniffligen Alltagsfragen, den Aufgaben, die uns gerade gestellt sind.

Nicht dass wir so unsere Lebenszeit zubringen, ist das Problem, sondern ob wir in alledem doch hören, was Jesus uns sagt. „Meine Schafe hören meine Stimme“, sagt er. Jeder, der mit Schafen umgeht, weiß, dass sie ein ganz erstaunliches Gehör haben und dass sie instinktiv unterscheiden zwischen der Stimme ihres Hirten und anderen Stimmen.

Unser Leib und Leben – Gottes GabeAn dem, was Jesus uns hier in der Bergpredigt sagt, fällt auf, dass er das irdische Leben und unseren Leib ganz anders sieht als jene Bewegung, die damals auch in Palästina sehr im Kommen war. Man nannte sie Gnosis, d.h. Erkenntnis. Nach ihr galt das Erdenleben nicht viel. Und vom Leib sagte man geradezu soma = säma, d.h. der Leib ist nur wie ein Grab, in dem die Seele gefangen ist. Der Leib ist minderwertig.

Ganz anders spricht Jesus vom Leib. Er ist „mehr wert“. Er ist wie unser ganzes Leben Gottes Gabe für uns. Als wolle er uns Mut machen, morgens im Bad vor dem Spiegel Gott zu loben und zu danken im Sinne des Verses „Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet“. Auch wenn dieser Leib schon straffer, schon sportlicher war und auch dann, wenn er modischen Idealbildern nicht ganz entspricht. Was macht’s? Er ist Gottes kostbare Gabe. Wir dürfen uns in ihm wohl fühlen und freuen und dürfen selbstbewusst in ihm leben, weit davon entfernt, uns dessen zu schämen, was Gottes gute Gabe ist.

Dann haben wir weder irgendeinen Kleiderluxus noch die Sorge um die Frage, ob wir immer passend daherkommen, nicht mehr nötig. Die Frage, ob wir immer tadellos verpackt sind, ist ja nur Ausdruck dessen, dass wir uns des Inhalts unbewusst schämen. Hat ein Mensch verstanden, dass er mit Haut und Haaren Gottes geliebtes Geschöpf ist, dann wird er sich von der Frage, ob er passend gekleidet ist, keine grauen Haare wachsen lassen. Nicht dass er es darauf anlegt, durch seine Kleidung andere zu schocken, aber doch so, dass er weiß: Es gibt Wichtigeres als das, dass meine Kleidung nach irgendjemandes Geschmack ist. Ich bin, der ich bin, von Gott geschaffen in dieser oder jener Verpackung.

Jeder Tag eine Möglichkeit, Gottes Barmherzigkeit spürbar zu machenUnd wenn uns aufgeht, dass jede Stunde unseres Lebens Gottes Geschenk an uns ist, dann werden wir ganz von selbst mit den Gaben, die Gott uns gegeben hat, tun, was seine Gottesherrschaft wenigstens ahnen lässt. Wir werden dann alles, was wir vorhaben, Tag für Tag überprüfen mit der Frage: Mache ich damit irgendwem spürbar, dass Gott der barmherzige Vater und Jesus der Herr ist? Oder ist das, was ich vorhabe, lediglich viel Lärm um nichts? Diese Frage hilft uns, dass uns „klein das Kleine und groß das Große werde“. Unser Leben bekommt eine Kontur. Wir wissen, wozu wir da sind. Paulus nennt das die „herrliche Freiheit der Kinder Gottes“.

Freilich werden wir nie „Gottes Reich und seine Gerechtigkeit“ schaffen oder gar machen. Wer immer das versucht hat, ist kläglich gescheitert. Wir „bringen“ das Reich Gottes auch nicht. Aber so leben, dass andere spüren können, dass er über allem lebt, dass die Liebe Jesu nicht tot ist, wenn uns das bestimmt, dann leben wir gern, dann wird uns nie langweilig sein, und dann findet Frau Sorge keine Chance an uns.

Ein früherer Staatsminister sagte kürzlich: „Was sollen die Machtkämpfe und die Prestigeaktionen hin und her? Wir leben kurz. Tun wir etwas Gescheites, das anderen Hoffnung gibt.“

Die Kraft, die wir morgen brauchen, ist wie die Luft, die wir morgen atmenAber dann wird auch der morgige Tag uns heute nicht bedrücken. Jeden Tag mit seiner Lust und mit seiner Plage leben, Gott abends danken, dass er uns nicht im Stich gelassen hat. Damit rechnen, dass unsere Kräfte wie die Luft sind, die wir atmen. Wir haben sie nie auf Vorrat. Wir können sie nicht stauen. Wir würden ja platzen. Die Luft, die wir morgen atmen, wird uns morgen gegeben. Die Kraft, die wir morgen brauchen, gibt uns Gott morgen. Damit können wir rechnen.
Amen.

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