15. Sonntag nach Trinitatis (24. September 2017)

Autorin / Autor: Pfarrer i.R. Dr. Werner Grimm, Tübingen [werner-grimm.verlag@t-online.de]

Lukas 18, 28 -30

Es vielfach wieder empfangen! (Lk 18,28-30)Petrus war wohl eine ganze Weile schon mit Jesus unterwegs, als er jäh noch einmal innehielt. War sie denn richtig – die damalige Entscheidung? Nachträgliche Zweifel, wie wir sie kennen. Petrus trägt sie seinem Meister vor:

Lukas 18,28 Da sprach Petrus: Siehe, wir haben, was wir hatten(1) , verlassen und sind dir nachgefolgt.
29 Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen,
30 der es nicht vielfach wieder empfange (2) in dieser Zeit und in der kommenden Welt das ewige Leben.


Liebe Gemeinde!
Dir nachzufolgen, sich auf dich rückhaltlos einzulassen, deinen Weg mitzugehen – was bringt’s, scheint Petrus den Meister zu fragen. Zumal: Eltern und Kinder verlassen, das ist kein Pappenstiel, und geschehe es auch um des Gottesreichs willen. Da stellen sich bei uns jedenfalls unangenehme Assoziationen ein: Jene jungen Leute, die sich dem IS in Syrien anschlossen – verließen nicht auch sie ihr bürgerliches Elternhaus um Gottes willen? Ich werde in vier Anläufen versuchen zu verstehen, was im Kern Jesus dem Petrus sagen wollte.

Erste Annäherung. Ich soll loslassen!?Ich erlaube mir, das griechische Wort, das meist mit „verlassen“ wiedergegeben wird, an dieser Stelle mit „loslassen“ zu übersetzen – genau das ist gemeint. Und damit stehen wir mitten in einem heute aktuellen, fast modischen Thema: Loslassen. Freilich kann uns das ständige Gerede „Du musst loslassen“ mittlerweile auch ganz schön aufs Gemüt schlagen. Ja, ja, natürlich, wir wissen schon: Eltern sollen ihre groß gewordenen Kinder freigeben! Der alte Geizkragen soll dran denken: Niemand kann etwas mit ins Grab nehmen! Und die Übungsleiterin bedrängt uns schier mit ihrem stereotypen: Sei mal ganz locker und lass dich los! Deine Kinder, deinen Besitz, deine innere Verkrampfung, deine liebgewordenen Vorstellungen – sollst du loslassen; ach ja, wie richtig – aber es nervt, dies immer wieder gesagt zu kriegen!
Vielleicht darum: Das vorletzte Mal, als ich sie im Altenheim besuchte, war sie noch relativ rüstig, die alte Frau. Ihre Lebenserfahrung bündelte sie in einen Satz, der mir bekannt vorkam: „Das Wichtigste, Herr Pfarrer, ist die Gesundheit. Die möchte ich gern behalten.“ Wie sie das sagte, fiel mein Blick auf ein eingerahmtes Portrait eben dieser Frau über dem Sofa – vielleicht 35, 40 Jahre alt könnte sie damals gewesen sein – ein wunderschönes Bildnis, und ich dachte, es gab wohl in ihrem Leben auch die Zeit, wo sie ein bisschen mehr festzuhalten suchte als nur die Gesundheit.
Als ich besagte Frau das letzte Mal besuchte, da sagte sie nicht mehr, dass die Gesundheit doch das Wichtigste sei, sie sagte aber auch nicht, sie lasse jetzt ihre Gesundheit los, sondern sie sagte traurig: „Eins nach dem andern wird einem genommen. Lesen kann ich nur noch die dicken Überschriften der Zeitung. Als sie mich ins Pflegezimmer verlegten, musste die Vitrine meiner Großmutter zurückbleiben. Letzte Woche ist mein Bruder gestorben. Ich bin die Letzte.“
Da war mir klar, warum es manchmal so deplatziert ist, ja zynisch, wenn ein Mensch sich von einem Oberschlaule sagen lassen muss: „Du musst loslassen lernen!“ Wenn schon, dann müsste man dieser Frau auch das Positive in der Antwort Jesu vermitteln können: „wirst dafür schon in dieser Zeit ein Vielfaches empfangen und in der kommenden Welt das ewige Leben“. Übersetzt: Die Trennung von so vielem ist nicht nur eine Sache von Wehmut und Traurigkeit. Sie schafft uns auch eine neue Freiheit. Zimmer und Möbelstücke einer früheren größeren Wohnung und Verantwortungen abgeben – das bedeutet ja auch eine Erleichterung – wir müssen sie nicht mehr putzen, nicht mehr instand halten, wir bekommen eine Menge Sorgen und Verantwortung los. Und wenn wir akzeptieren, dass das Leben draußen auch ohne uns weitergeht und die Jungen ihr eigenes Leben leben müssen, dann bekommen wir Kopf, Herz und Hände frei für das Wenige, was jetzt sein kann und was im Geiste der Liebe jetzt möglich ist. Und gilt für die geistigen Prozesse womöglich Ähnliches? Wenn du mit zunehmender Reife spürst, dass das Leben doch vielgestaltiger ist als deine bis dahin behaupteten Standpunkte und Standorte und Grundsätze – dann lass sie fahren dahin und fahr hinaus unter den weiten Himmel und bekenne dich zu deiner geweiteten Einsicht!

Zweite Annäherung. Identität und Menschen verraten?Petrus war nun freilich keiner, der altershalber loslassen musste. Jung war er, und freiwillig ließ er zurück, was er sein „Eigenes“ nennt, noch wörtlicher aus dem Griechischen übersetzt, sagt er: „Wir haben losgelassen ta idia, die Dinge, die unsere Identität ausmachen.“ Ja, darf man denn das überhaupt: sein Ureigenes aufgeben? Ist das nicht Verrat? Das Haus, das man sich in dieser Welt als Ausdruck des eigenen unverwechselbaren Lebensstils sehr persönlich im Laufe von Jahren eingerichtet hatte – einfach ausziehen? Im Geistigen: Die Lebensphilosophie, die man sich unter Mühen und Schmerzen erarbeitet hatte – für nichtig erklären? Unsere Lieblingsbeschäftigung, die unsere Leidenschaft und Begeisterung erweckt und stets zuverlässig verhindert hatte, dass uns Schwermut hinabzog – sie abstoßen?
Bedenken wir ferner: Das Loslassen, von dem Petrus spricht, heißt auch: Menschen verlassen! Und das empfinden wir ja nun als mindestens sehr schmerzlich, wenn nicht sogar als unmoralisch! Wenn die Jungen die Alten nicht mehr sehen möchten, weil die Hände zittern und den Kaffee verschütten. Wenn zwei Brüder nur noch in Anwesenheit des Anwalts miteinander sprechen. Wenn die schwangere Frau vom Freund ausgerechnet jetzt verlassen wird – mit dem Kind und mit hundert verzweifelten Fragen. Wie ein kleiner Tod, sagt sie, ist das. Die verlassen wurden – sie frieren in der Stille, die sie nun umgibt; und vor ihnen liegt einsamer Weg im Dunkeln.
Hätte Jesus an dieser Stelle dem Petrus nicht rigoros das sagen sollen, was er an anderer Stelle ja immer wieder sagte und was heute vielleicht dringender zu sagen wäre – in einer Gesellschaft, in der so viele Beziehungen brechen, Menschen weggeschmissen werden, Bindungen sich auflösen – hätte Jesus dem Petrus nicht besser gesagt, was er ja auch in seinem Repertoire hatte: „Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“ und „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“ und „Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu“. Warum kriegt Petrus nicht das zu hören? Ist er als einer der Zwölf, die mit Jesus die Gottesherrschaft verkündigen sollen, den üblichen Regeln der Menschlichkeit entnommen? Das mag ich nicht glauben.

Dritte Annäherung. Die Schwestern und Brüder in ChristusNun hat man, dritte Annäherung, Jesu Antwort oft so gelesen, dass er hier in einer seiner drastischen Übertreibungen, dass auch jeder den Punkt verstehe – dass er hier von den wunderbaren Chancen seiner Gemeinde rede, dass sie nämlich eine Art „geistliche Familie“ bilde, die einem Menschen unter Umständen mehr bedeuten kann als die leibliche Familie. Untereinander verbunden sind diese Familienglieder nicht durch die Geburt, sondern durch das Bekenntnis zu dem einen Meister! Wo er prägend wirkt, da mag es schon geschehen, dass die traditionellen, mit der Familie in Verbindung gebrachten Werte – dass sie in einer solchen Gemeinde lebendiger gelebt werden als in einer kränkelnden Familie. Dass ein alter, scheuer Mann von einer Diakonieschwester liebevoller gepflegt wird, als es seine Tochter fertigbrächte. Dass einer, der nie Vater war, einem jungen, suchenden Menschen in dessen Orientierungslosigkeit zur Vaterfigur wird. Allerdings: Viele Gefahren der natürlichen Familie lauern auch auf die geistliche, und auch in der geistlichen Bruderschaft leidet ‚Kain‘, wenn er das Gefühl hat, mit dem, was er bringt, nicht beachtet zu werden, während ‚Abels‘ Einsatz so unverschämt viel Resonanz findet. Nichtsdestotrotz: In unseren Gemeinden mühen wir uns immer wieder, die Realität mit der Ursprungsidee Jesu zur Deckung zu bringen. Nicht immer leicht. Nehmen Sie nur den durch die Maschen des Sozialnetzes gefallenen, womöglich von seiner Familie und vielleicht auch noch von allen guten Geistern Verlassenen. Wer sagt zu ihm im Mittwochscafe (3) : „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“

Vierte Annäherung. „Der es nicht vielfach wiederempfange!“Eine Episode aus dem ältesten Evangelium macht mich stutzig. Markus erzählt von Petrus: Erst kurze Zeit war er weg von daheim und mit Jesus unterwegs, als er diesen ins Haus seiner Schwiegermutter bat, die mit hohem Fieber darniederlag. Jesus nahm ihre Hand, und als sie wieder aufstehen konnte, hat sie Jesus und die Jünger freundlich bewirtet – diese schier liebevolle Szene (Mk 1, 29-31) spricht nicht gerade dafür, dass Petrus nachhaltig mit seinen Angehörigen gebrochen hat.(4)
Demnach kam es Jesus, wenn er in die Nachfolge rief, nicht auf eine brutale und endgültige Trennung von den nächsten Angehörigen an. Vielleicht trifft die Lutherübersetzung das Richtige: Ihr zufolge hat Jesus das „Wiederempfangen des Verlassenen“ in Aussicht stellt! Dann wäre nicht das sein Rat: alles hinzuschmeißen, einen radikalen Schnitt zu machen und für immer auszuwandern. Sondern der Punkt, um den es ihm geht, wäre: Wenn man merkt, dass einen das Vorletzte total beherrscht bis dahin, dass man meint, ohne einen bestimmten Menschen gar nicht mehr leben zu können, wenn man das Gefühl hat: Ich bin gefangen im Eingeschliffenen und in dem, was tagaus tagein Druck macht – dann soll man die Tagesgeschäfte und die üblichen Spielchen einfach mal sein und stehen lassen, um sich entschieden der Frage nach dem Sinn des Ganzen zuzuwenden. Dann wird es dringend, jene innere Stimme zu erhorchen, durch welche der verdrängte Christus zu uns spricht.

Manche Christen, die im Übrigen mit beiden Beinen in der Welt stehen, wählen, um zu solcher Konzentration zu finden, einen zweiwöchigen Klosteraufenthalt. Die Auszeit kann natürlich auch auf andere Art genommen werden. Jedenfalls: Nachher wird man an den Ort und in das zurückkehren, in das man zuletzt so furchtbar verbacken und so fruchtlos verfilzt war.(5) Jetzt wird man manches mit anderen Augen sehen – mit den unter der Gottesherrschaft gewordenen viel klareren Augen, und es wäre der Anfang zu einem seelisch reicheren Leben. Man wird das Abgegebene vielfach wiederempfangen. Das „vielfach“ würde dann bedeuten, dass derselbe Besitz, dieselben Beziehungen und Verhältnisse hernach, nach einer Auszeit „um des Reiches Gottes willen“, eine viel bessere Qualität haben. Danach würden wir es angemessen schätzen und nicht mehr so hoffnungslos überfordern – als das einem auf Zeit geliehene Leben mit den dazu gehörenden Menschen – mit eben diesen Menschen mit ihrem Charme und mit dem, was uns Beschwer macht. Danach würden wir – im weitesten Sinn – zärtlicher lieben. Würden manchem schwierigen Weggenossen dennoch eine Achtung entgegenbringen, die etwas weiß von der Vielgestaltigkeit der Schöpfung. Würden der Barmherzigkeit Gottes uns weniger in den Weg stellen. Würden Wichtiges besser vom Zweitwichtigen und vom Nebensächlichen unterscheiden. Und wissen, dass auch das noch nicht das Ewige ist. Amen.

Anmerkungen:
1 Im griechischen Text: ta idia = „das Eigene“.
2 Elberfelder Bibel 1993: „der nicht Vielfältiges empfangen wird“.
3 Segensreiche Einrichtung der Friedensgemeinde Stuttgart, seit vielen Jahren geleitet vom Ehepaar Gerhardt.
4 Man beachte auch die Darstellung des Johannes: Jesu letzte Liebestat – am Kreuz - war eine Weisung aus liebenden Fürsorge für seine Mutter! „Als Jesus seine Mutter sah und neben ihr den Jünger, den er besonders liebte, sagte er zu seiner Mutter: Liebe Frau, das ist jetzt dein Sohn! Dann wandte er sich zu dem Jünger und sagte: Sieh, das ist jetzt deine Mutter! Da nahm der Jünger die Mutter Jesu zu sich und sorgte von da an für sie“ (Joh 19,26f).
5 Wir kennen das psychologische Gesetz aus vielen Familiengeschichten: Wie oft verlässt ein ‚Flegel‘, flügge kaum geworden, mit der ersten realen Möglichkeit das Elternhaus, wobei die Nerven beiderseits blank liegen, wobei Rechnungen aufgemacht werden, wobei noch einmal die Fetzen fliegen. Und irgendwann kehren sie dann zurück, und die alten Spannungen sind auf ein gut verträgliches Maß zurückgestutzt, und es ist immer große Freude, wenn sie zu Besuch kommen. Sie haben sich und ihr Verhältnis aus dem Abstand mit anderen Augen sehen gelernt.



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