15. Sonntag nach Trinitatis (13. September 2026)
1. Mose 2,4b-9.(10-14.)15.(18-25)
IntentionOft vergessen wir, dass jede Übersetzung bereits eine Interpretation und nicht einfach nur die Wiedergabe eines Textes ist. Im Predigttext begegnen uns zwei recht bekannte Verse, an denen sich schön zeigen lässt, wie sie gegen unserer Hörgewohnheit übersetzt werden können und wie dies das Verständnis des Textes verändert.
Die bessere HälfteHat Ihnen schon mal jemand gesagt, Sie seien seine oder Ihre „bessere Hälfte“? Ich selbst wurde noch nie so bezeichnet, aber mein Bruder nennt seine Partnerin gerne mal scherzhaft seine bessere oder schönere Hälfte. Vergangene Woche, beim gemeinsamen Abendessen, habe ich nachgefragt, warum er das macht. So versteht er das Werk „Symposion“ des griechischen Philosophen Platon, hat er geantwortet. Platon beschreibt dort, dass die Menschen ursprünglich kugelförmig gewesen seien, mit zwei Gesichtern, vier Armen und vier Beinen. Diese vollkommenen Wesen waren so stark und glücklich, dass die Götter, aus Neid und Furcht, sie in zwei Hälften zerschnitten haben. Seither sehnt sich jede der beiden Hälften nach ihrem fehlenden Gegenüber. Mit einem Augenzwinkern ergänzte mein Bruder, dass ihm diese Vorstellung doch sehr viel sympathischer sei als der Gedanke, dass die Frau aus einer Rippe des Mannes erschaffen worden sei, noch dazu als dessen Gehilfin
Die Erschaffung des Menschen
Damit meinte er die Erzählung von der Erschaffung des Menschen, wie sie uns im ersten Buch Mose, in Kapitel 2 überliefert wird:
„Dies ist die Geschichte von Himmel und Erde, da sie geschaffen wurden. Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte alles Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.
Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. […] Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. (…)
Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. […] Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen. Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen wurde keine Hilfe gefunden, die ihm entsprach. Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. Da sprach der Mensch: Die ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch. Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht. […]
Gott der Herr nahm den Menschen und brachte ihn in den Garten Eden. Er sollte ihn bearbeiten und bewahren. […]"
Eine sprachliche EntdeckungsreiseDiese Übersetzung der aktuellen Lutherbibel klingt sicher vielen vertraut. Manche haben vielleicht auch noch den Wortlaut der Vorgängerversion im Ohr. Es lohnt sich, an zwei Stellen mal genauer hinzuschauen. Ich werde dabei auch den Text der hebräischen Bibel heranziehen. Man kann auch verschiedene Übersetzungen miteinander vergleichen und kommt so den Bibelstellen auch auf die Spur, bei denen es im Blick auf die Übersetzung spannend ist.
Die Frau als Gegenüber oder als Gehilfin?Beginnen wir mit Vers 18: „Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.“ In der Übersetzung der Lutherbibel von 1984 wurde noch übersetzt: „Ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.“ In einer Fußnote wird allerdings schon damals darauf verwiesen, dass wörtlich zu übersetzten wäre: Ich will ihm eine Hilfe schaffen als ein Gegenüber (d.h. die zu ihm passt). Erst in der aktuellen Version der Lutherbibel von 2017 wurde das dann auch im fortlaufenden Text umgesetzt.
Die Übersetzung der Basisbibel aus dem Jahr 2021 wird noch deutlicher: „Ich will ihm eine Hilfe machen – ein Gegenüber, das ihm entspricht.“
Das hebräische Wort „ezer“, das hier mit „Hilfe“ übersetzt wird, begegnet uns auch an anderen Stellen, besonders in den Psalmen. Dort wird diese „Hilfe“ ganz eng mit Gott verknüpft. In Psalm 121 heißt es „Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Und in Psalm 33 wird Gott selbst mit dieser Hilfe identifiziert: „Er ist unsere Hilfe und unser Schild.“ Es wäre völlig unpassend „ezer“ hier mit „Gehilfe“ zu übersetzen. Es bedarf also einer Erklärung, wenn es im Blick auf die Frau mit „Gehilfin“ und nicht wie an anderen Stellen mit „Hilfe“ übersetzt wird.
Und doch haben viele noch die Worte der alten Lutherbibel im Ohr, die uns und viele Generationen vor uns geprägt hat. So stellt sich mancher die Frau als Gehilfin des Mannes vor. Dieses Bild wirkt nach, wenn Frauen keine Führungspositionen zugetraut werden oder wenn sie in Filmen als die fürsorglich kaffeekochende Assistentin dargestellt werden und ganz aktuell in dem neuen Trend rund um die so genannten „Tradewifes“. Diese Bewegung versucht jungen Frauen einzureden, dass ihre Erfüllung darin läge, ihrem Ehemann zu dienen.
Rippe oder Seite?Eine zweite spannende Stelle findet sich in Vers 21 und 22: „Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm.“
Hier ist es die Basisbibel, die in einer Art Fußnote anmerkt, dass „seine Rippe“ wörtlich mit „seine Seite“ zu übersetzten sei.
Die Bibel in gerechter Sprache übersetzt deshalb konsequent „Adonja, also Gott, nahm eine von seinen Seiten und verschloss die Stelle mit Fleisch. Dann formte Adonaj, also Gott, die Seite, die sie dem Menschenwesen entnommen hatte, zu einer Frau.“ Erst dann ist die eine Hälfte des Menschen ein Mann und die andere eine Frau.
Hier ist die Wirkungsgeschichte fast noch stärker, denn es gehört quasi zum abendländischen Allgemeinwissen, dass gemäß der biblischen Überlieferung Eva aus einer Rippe Adams erschaffen wurde. Jedenfalls, wenn man auf die Übersetzung Luthers hört.
Es macht einen UnterschiedIch hoffe, ich konnte an diesen beiden Versen deutlich machen, wie spannend Übersetzen sein kann und wie beim Übersetzen immer beides zusammenkommt: Der biblische Text in seiner Ursprache und unser Verständnis, das geprägt ist von unserer Geschichte, der Tradition, in der wir aufgewachsen sind und der Zeit, in der wir leben.
Es lässt sich nun nicht sagen, was „falsch“ oder „richtig“ übersetzt ist, denn wir können nicht mit denjenigen sprechen, die die Texte verfasst haben und sie nach ihrer Intention fragen. Aber soviel ist sicher: Manchmal kann der Wortlaut einer Übersetzung, den wir für selbstverständlich halten, bei genauerer Betrachtung genauso gut auch anders übersetzt werden. Die Folgen können weitreichend sein. Eine Frau als Gehilfin ihres Mannes, das ist etwas anderes als sein Gegenüber.
Es macht einen Unterschied, ob ich mir die beiden ersten Menschen als zwei Seiten des einen ersten Menschen vorstelle oder ob einer von beiden aus einer Rippe des anderen erschaffen wurde. Wichtig ist für mich, dass diese beiden ersten Menschen ursprünglich eins waren, dass sie deshalb unbedingt gleichwertig und auf Beziehung angelegt sind. So wie es der erste Mensch in der biblischen Erzählung formuliert: „Sie ist es! Sie ist von meinem Fleisch und Blut. […] Von mir ist sie genommen, wir gehören zusammen.“
Wir brauchen also gar nicht Platon zu bemühen, um zu zeigen, dass Mann und Frau einander ebenbürtig sind. Im biblischen Text steckt sogar noch mehr: Wir sollen einander Gegenüber und Hilfe sein. Amen.
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