16. Sonntag nach Trinitatis (16. September 2018)

Autorin / Autor: Pfarrer Karl-Adolf Rieker, Herrenberg [Karl-Adolf.Rieker@elkw.de]

Apostelgeschichte 12, 1 -11

Eine Nachtgeschichte ist es, liebe Gemeinde, die wir da gerade gehört haben.
Eine Geschichte, die sich in der Nacht ereignet hat.
Eine Geschichte, in der es um dunkle, nachtschwere Dinge geht.
Jakobus, der Apostel, wird von Herodes hingerichtet.
Petrus, der Hauptapostel, wird gefangen genommen.
Kerker, Ketten, Eisentore und Wachen sind die Kulissen, vor denen diese Nachtgeschichte spielt.
Und es ereignen sich nicht nur dunkle, sondern sogar wundersame Dinge in ihr.
Ein Engel taucht auf.
Er leuchtet, er redet, er berührt den Petrus, und er führt ihn ins Freie.
Die Wachen sind wirkungslos, das Eisentor öffnet sich von selbst,
und Petrus findet sich taumelnd und überrascht auf der nächtlichen Straße wieder.
Es ist wie im Traum.
Es ist wie ein Märchen.

Bei Tageslicht aber, und mit klarem, kritischem Blick betrachtet,
kann man sich fragen, ob so etwas überhaupt sein kann.
Rettung durch einen Engel, Ketten und Tore öffnen sich wie durch Geisterhand, und wie im Traum wird einer in die Freiheit geführt.
Das ist nicht nur eine wundersame, sondern auch eine schier unmögliche, unglaubliche Geschichte.
Was will und kann sie uns sagen und bedeuten?

Nun, ich denke sie kann uns einiges sagen, diese Geschichte.
Wir dürfen allerdings nicht den Fehler machen und uns an den wundersamen Begleiterscheinungen aufhalten, die in ihr vorkommen.
Die Wunder sind das eine, aber die Tatsache, dass Petrus gefangen war und dass er befreit wurde, ist das andere.
Und das ist für uns, die wir diese Geschichte hören und verstehen wollen, wichtig.
Es sind zwei Fragen, die uns diese Geschichte näherbringen können, und zu denen ich Sie, liebe Gemeinde, nun einladen will.
Ich will mit Ihnen über diese zwei Fragen nachdenken und Antworten finden, und wir werden sehen, dass diese Antworten hautnah etwas mit uns und unserem Leben zu tun haben.

Die erste Frage ist:
Wie sieht die Gefangenschaft des Petrus in dieser Geschichte aus, und was bedeutet sie für uns?
Und die zweite Frage heißt:
Wie sieht die Befreiung des Petrus aus, und was bedeutet sie für uns?

Und über beiden Fragen, über der Gefangenschaft und über der Befreiung steht die Nacht.
Die Nacht, liebe Gemeinde, ist wichtig in dieser Geschichte, ja, sie ist vielleicht sogar der Schlüssel zum richtigen Verständnis dessen, was diese Geschichte uns sagen will.

Die Gefangenschaft des PetrusDie Gefangenschaft des Petrus im Kerker von Jerusalem war von der Nacht gekennzeichnet.
Vielleicht war es auch sogar bei Tage Nacht und dunkel im Kerker.
Auf jeden Fall war es zum Zeitpunkt der Rettung, als der Engel erschien, Nacht.

Solche Nachtgefängnisse sind auch uns nicht unbekannt.
Es gibt sie bis heute.
Es gibt sie ganz real.
Wieviel tausend Menschen sind wohl gegenwärtig, zum jetzigen Zeitpunkt, so gefangen wie Petrus?
Eingekerkert in finstere Löcher, gefangen in Staatsgefängnissen.
Und egal, ob sie zu Recht oder zu Unrecht gefangen sind, ihre Seufzer und Stoßgebete steigen auf zu Gott und flehen um Rettung.

Aber auch im übertragenen Sinne gibt es Nachtgefängnisse.
Gefängnisse im Kopf, die sich nachts, wenn wir nicht schlafen können, auftun und uns stundenlang gefangen nehmen.
Da liegt einer zum Beispiel nachts wach und grübelt.
Er grübelt über das, was er am andern Tag zu bewältigen hat, und alles wächst sich ins Ungeheure aus.
Oder da kämpft jemand des Nachts mit Schmerzen, und die Stunden ziehen sich und nichts kann den Schmerz in dieser Stille dämpfen.
Oder du schreckst auf aus einem Traum und kommst nicht mehr zur Ruhe, deine Gedanken wandern zurück in die Vergangenheit, und es wird dir klar, was du alles falsch gemacht und an wem du schuldig geworden bist in deinem Leben, und du bist nie so verlassen wie in dieser Nacht.

O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
„Ich schlief, ich schlief - ,
aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
Die Welt ist tief,
und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
doch alle Lust will Ewigkeit -,
- will tiefe, tiefe Ewigkeit!“

So hat der Philosoph Friedrich Nietzsche in „Also sprach Zarathustra“ zum Ausdruck gebracht.(1)
Herzeleid, die Vergänglichkeit und die Suche nach der Ewigkeit können einen in der Nacht umtreiben und sogar quälen.
Und wer weiß, wie viele flehende, verzweifelnde und ängstliche Gedanken von Sterbenden des Nachts gen Himmel gesandt werden.
Wer weiß, wieviel seelische Qual gerade des Nachts in Krankenhäusern umgeht?
Man kann es nur erahnen.
Die Nacht ist die Zeit der Schwere und des Dunklen.
Alpträume, Nachgespinste stellen sich ein.
Die Frage nach dem letzten Sinn des Lebens kommt in uns hoch.
Und die Frage nach der letzten und endgültigen Nacht, die Frage nach dem Tod.

Tagsüber sind diese Schatten vielleicht weit genug fort, wir können sie verdrängen, können darüber dann, bei Tag, sogar nur den Kopf schütteln.
Aber sie sind da, und sie kommen wieder.
Bei dem einen mehr, beim andern weniger.
Wir sehen es uns einander nicht an, und wir zeigen den anderen unsere Nachtgefängnisse, unsere Nachtängste auch nicht.
Und doch sind sie Wirklichkeit.
Und diese Wirklichkeit des Dunkeln und der Angst kann unüberwindlich und grenzenlos werden.
Es kann ein ganzes Leben überschatten.
Es kann einen Menschen fesseln und lähmen.
Seine Seele ist wie eingemauert und kann nicht mehr aus diesem Gefängnis hinaus.

Petrus kam heraus. Er wurde befreit. Für ihn ist die unglaubliche Wendung in jener Nacht geschehen.
Und erstaunt zuerst, aber dann zutiefst gewiss, hat er bekannt:
„Nun weiß ich in Wahrheit, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat!“

Die Befreiung des PetrusHier kommt nun die zweite Frage:
Wie sieht denn die Befreiung des Petrus aus und was bedeutet sie für uns?

Als Petrus zu sich kommt, steht er allein wie zuvor in der Dunkelheit.
Er befindet sich im nächtlichen Jerusalem, nur eine Gasse entfernt von seinem Gefängnis.
Die Nacht ist noch nicht zu Ende.
Petrus ist nicht ins Helle, in ein strahlendes Licht entrückt worden.
Der Begleiter lässt ihn nach wenigen Schritten stehen, mitten in der Nacht.
Der Anfang und das Ende dieser Geschichte liegen also ganz dicht beieinander.
Sie liegen in der Nacht. Wenig hat sich verändert.

Nur eines ist anders: Das Dunkel, das vorher unbezwinglich und undurchdringlich erschien, hat durch den Engel Gottes ein anderes Gesicht bekommen.
Es ist entzwei, geteilt.
Es kann sich nicht mehr mit bleierner Macht über alles legen.
„Und ein Licht erschien in dem Gemach...“ so heißt es in der Geschichte.
Ein Licht, ein Stück vom Glanz Gottes erhellte die Nacht des Petrus.
Ein Licht, ein Stück vom Glanz Gottes zeigte ihm, dass dem Dunkel die Alleinherrschaft genommen ist.
Danach, nach diesem Licht, ist es immer noch Nacht – aber es ist eine Nacht, die ihrem Ende entgegengeht.

Liebe Gemeinde, immer noch gibt es diese Nacht, die Nacht der Schwermut, der Trauer und des Todes in unserem Leben.
Aber die Grenzen dafür sind von Gott schon festgesetzt.
Und seine Boten wachen über diese Grenzen, dass sie nicht über uns zusammenschlagen.
Auch das Dunkel in unserem Leben ist umschlossen von Gottes Licht.
Wie aber können wir dieses Licht erfahren und ihm folgen, so wie Petrus?
Erzwingen kann man es nicht – so viel ist sicher.
Petrus lag da, in der Nacht.
Es war die Nacht vor seinem Todesurteil.
Und was tat er? Er schlief.
Wie sehr muss er auf Jesus vertraut haben und in seinem Glauben an ihn getröstet und getrost gewesen sein angesichts des Todes!
Der Tod war ja durchlitten und besiegt von seinem Herrn.
Darum konnte er dem Sterben entgegensehen.
Darum konnte er aber wohl auch der Stimme des Boten folgen, der ihn aus der Todeszelle herausführte.

Dem, was nur noch begrenzte Macht hat, kann ich mich stellen.
Wir sind dem, was unser Leben beschwert, dem, was eine dunkle Macht über uns hat, nicht hoffnungslos ausgeliefert.
Und wir brauchen es auch nicht vor uns selber und vor anderen zu verbergen.
Wir können den dunklen Schatten und Ängsten ins Gesicht sehen.
Wir können das im Vertrauen auf Jesus, und im Glauben an Gottes gute und bewahrende Macht.

Und schließlich glaube ich, dass auch uns unerwartete Boten Gottes begegnen.
Vielleicht sind sie nicht so wundersam wie der Engel in dieser Geschichte, aber es gibt Begegnungen, die unser Leben in ein unerwartetes Licht rücken.
Es gab sie fast für jeden von uns schon.
Es sind Momente des Lichtes und der Liebe:
Ein Brief zum Beispiel, der uns fröhlich macht.
Eine zärtliche Berührung, eine anteilnehmende Frage, eine hilfreiche Geste.
Es kann ein entscheidender Moment sein, ein Augenblick, in dem wir uns wieder herausrufen lassen ins Leben.
Es muss sich dabei gar nicht viel geändert haben, fast nichts –
und doch fanden wir uns nachher auf eigenen Füßen wieder,
bereit, einen neuen Weg in Angriff zu nehmen.

Auch, dass ein Mensch einem anderen zum Engel wird,
ist ein Wunder.
Ein Wunder, bei dem Gottes gute Macht unser Leben berührt.

Amen.

Anmerkungen
1 Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Teil 4 Das trunkene Lied.


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