16. Sonntag nach Trinitatis (20. September 2026)

Autorin / Autor:
Pfarrerin Gudrun Ederer, Stuttgart [Gudrun.Ederer@elkw.de]

2. Timotheus 1, 7-10

IntentionDie Predigt will Mut machen. Sie gibt zu: Ja, es gibt Situationen und Lebensverhältnisse, die machen einen mutlos. Aber es ist nicht aussichtslos. Der Geist Gottes hilft uns, das besonnen zu erkennen. Weil Christus auferstanden ist, wird das Leben bleiben.

Halleluja! Wir leben nochHalleluja! Wir leben noch. 2000 Jahre lang feiern Christinnen und Christen auf der ganzen Welt Gottesdienst, werden getauft und bestattet, brechen das Brot und sorgen für Bedürftige. Sie bebauen und bewahren die Erde, Kirchengebäude schenken Staunen, Ruhe und Geborgenheit. Christinnen und Christen leben aus der Kraft und der Liebe Gottes. Der Heilige Geist bestimmt ihr Handeln. Die Kirche lebt seit 2000 Jahren.
Menschen, die an Jesus Christus glauben, haben 2000 Jahre nicht aufgegeben trotz Verfolgung, Rückschlägen, Anfeindungen. Die gute Nachricht hat sich dennoch ausgebreitet.

Wir in Deutschland stellen fest: Die verfassten Kirchen schrumpfen. Wir leiden unter dem Bedeutungsverlust der Kirchen, des Christentums. Das kann schon mutlos und verzagt machen. Wer braucht uns eigentlich noch? Wie soll es weitergehen mit unseren Gebäuden, mit unseren personellen Ressourcen? Manch einer mag sagen: „Ihr jammert auf hohem Niveau. Euer Leben wird nicht bedroht. Ihr dürft euch öffentlich treffen.“ Und trotzdem: wer hat nicht eine Ermutigung nötig?

Hören wir auf die Worte eines, der sich Paulus nennt, vielleicht einer der Paulus-Schüler im 2. Timotheusbrief:

„Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes.
Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.“

Was einen verzagt sein lässtZur Zeit der Abfassung des Briefes ist die Kirche noch jung. Timotheus, der Freund des Paulus, ist noch jung. Er braucht eine Ermutigung und bekommt sie auch.
Ich stelle mir die Herausforderungen für Timotheus vor, die jede neue Gemeinschaft kennt: Bisherige Freunde sagen: Sind wir euch nicht mehr gut genug? Warum müsst ihr immer etwas Neues erfinden? Ihr gehört nicht mehr zu uns.
Und zur damaligen Zeit mag Christsein auch bedeutet haben: Verlust des Arbeitsplatzes, kein Zugang mehr zu öffentlichen Ämtern.
Auch das gab es: Das eigene Leben konnte in Gefahr sein, Verfolgung und Tod drohten. Und das alles wegen des Glaubens an einen am Kreuz Hingerichteten? Diese Fragen musste sich Timotheus wohl auch gefallen lassen. Dieser Jesus von Nazareth, gestorben wie ein Verbrecher, gab nach außen einfach nicht viel her. Geradezu lächerlich wirkte das. Das Kreuz ist für andere eine Torheit, sagt Paulus. Aber mit Paulus konnte Timotheus auch nicht gerade angeben. Im Brief heißt es, Paulus ist im Gefängnis. Wer will es schon mit einem Verbrecher oder Versager zu tun haben? Andere Heilsverkünder waren viel erfolgreicher als Timotheus. Haben sie ihn lächerlich gemacht?

Wie ging Timotheus mit den Anfeindungen von außen und den Fragen von innen um? Timotheus mag sich für Jesus, für Paulus geschämt haben, anders ist wohl die Ermutigung nicht zu verstehen: „Schäme dich nicht des Zeugnisses von unserem Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin…“
Es ist auch anstrengend, sich ständig verteidigen zu müssen für das, was man tut. Da gibt es – auch heute – die Stimmen, die sagen: Hör auf, das bringt doch nichts. Du machst dich nur kaputt.
Wie sollte Timotheus handeln? Kroch die Angst vor dem nächsten Schritt in ihm hoch? Was sollte er tun, was lassen? Ich stelle mir vor, dass er immer verzagter, immer zögerlicher wurde.
Ich kenne solche Ängste:
Werde ich die bevorstehende Prüfung bestehen? Eigentlich sollte ich anfangen zu lernen, aber alles steht wie ein Berg vor mir. Ich bin wie gelähmt.
Ich muss in einer Freundschaft endlich die Wahrheit auf den Tisch bringen, aber wie wird die Freundin reagieren? Kündigt sie mir die Freundschaft auf? Ich schiebe das Gespräch immer weiter vor mir her.
Ich bin schwer krank. Soll ich mich operieren lassen oder nicht?
In solchen Situationen traut man sich nichts mehr zu – und manchmal Gott auch nichts.
Aussichtslos?

Kraft, Liebe, BesonnenheitNein. Denn da gibt es ein Geschenk – für Timotheus, für uns:
„Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Diese Zusage gilt Timotheus und, weil sie im Plural formuliert ist, auch dem Briefschreiber selbst und allen, die den Brief lesen, also auch uns.
Das alles ist schon in uns durch den Heiligen Geist:
Kraft, Liebe, Besonnenheit.
Es sind die Gaben Gottes:

Uns ist der Geist der Kraft gegeben.
Christinnen und Christen sind keine Supermänner und -frauen. Sie machen Fehler, sie können manchmal nicht mehr weiter. Sie sind schwach. Sie leiden unter Krankheiten. Sie machen die Erfahrung: Es ist nicht unsere eigene körperliche, psychische oder mentale Kraft, die uns leben und handeln lässt. Es ist die Kraft Gottes.
Sie macht uns stark – auch wenn es darum geht, Situationen auszuhalten, zu leiden. Es ist die Kraft der Auferstehung Christi. So kann man demente Angehörige pflegen. Dann sieht man im mit einer schweren Krankheit zur Welt gekommenen Kind die Liebe Gottes und begleitet sein Aufwachsen mit Kraft und Liebe. Dann kann man in der Politik alles für ein gutes Miteinander geben.

Uns ist der Geist der Liebe gegeben.
Gottes Liebe treibt unser Lieben, das manchmal auch sehr kleinlich agiert. Zu gern wird da ausgesiebt: Der gehört zu uns, und dieser nicht. Sie hat mich nicht gegrüßt, dann grüße ich das nächste Mal auch nicht. Manches verlangt auch unserem Lieben viel ab: dem, der mich tief verletzt hat, zu verzeihen, oder in dem, der politisch extrem anders denkt als ich, trotzdem ein geliebtes Geschöpf Gottes zu sehen.
Gottes Liebe treibt unser Lieben: Wir lernen von Jesus. Wir staunen über vorbehaltlose Liebe, die uns entgegenkommt und können sie zurückgeben. Weil wir uns als Gottes geliebtes Kind sehen, strahlen wir in die Welt hinein.

Uns ist der Geist der Besonnenheit gegeben.
Gottes Geist lässt aufmerksam handeln. Gottes Geist wirkt darauf hin, dass wir unsere Fähigkeiten gut nutzen können. Er ist wie eine sanfte Hand im Rücken, die bedeutet: Jetzt fang mal an zu lernen. Du wirst die Prüfung schaffen. Du kannst das!
Gottes Geist ist wie eine Umarmung, die bedeutet: Was auch kommt, du bist nicht allein.
Gottes Geist hindert uns auch am unbesonnenen, voreiligen Handeln.

Timotheus wird noch einmal zu verstehen gegeben: Den Geist der Kraft, Liebe und Besonnenheit hast du, weil Gott dich berufen hat, nicht wegen deiner Leistungen, sondern aus der Gnade Christi. Er führt dich durchs Leben, er stärkt dir den Rücken, er macht es in dir und um dich herum.

Unvergänglichkeit: Halleluja, wir leben!Halleluja, wir leben! Weil Christus lebt. Durch sein Leben und Handeln in der Welt, durch sein Auferstehen und Sterben hat er es hell gemacht in unserem Leben. Die Dunkelheit des Todes ist besiegt. Lieblose, geistlose Kräfte haben keine Macht mehr. Da ist etwas ganz und gar Unvergängliches ins Leben gekommen.
Das Leben wird bleiben. Es setzt sich fort – begonnen mit Gottes Sieg über den Tod, die Auferweckung Jesu, seit 2000 Jahren. Weil es Christus, der Lebendige, will.

Darum habe ich keine Bange. Christus lebt und wir leben auch. Die Kirche lebt, vielleicht anders, aber die Gemeinschaft der Christinnen und Christen auf der Welt bleibt bestehen. Amen.

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