17. Sonntag nach Trinitatis (08. Oktober 2017)

Autorin / Autor: Pfarrer Prof. Dr. Klaus Müller, Karlsruhe [klaus.mueller@ekiba.de]

1. Johannes 5, 4

Hört, hört, liebe Gemeinde, Glaube ist ein Sieg – „glauben“ soll ein Sieg sein. Wer glaubt, gewinnt. Wir gehören ja alle gern zu den Siegern – aber „Glauben“? Ist nicht „glauben“ auch in der deutschen Grammatik ein schwaches Verb?! Wie kann denn der Glaube mit Sieg zu tun haben?
Das weiß allerdings schon jeder Fußballtrainer, wenn er sagt: „Jungs, ihr müsst an euch glauben, sonst könnt ihr nicht siegen!“
Die Frohe Botschaft meint tatsächlich: Glaube ist etwas für Siegertypen. Glaube ist eine ganz starke Sache.
„Starke Sache“ – ja und trotzdem nicht eine Sache der Muskeln und der harten Fäuste.
Also es bleibt dabei: Glaube ist ein Sieg, der die Welt überwinden kann. Kein Satz für Schwächlinge. Sondern für Menschen, die ihre Stärke wo ganz anders entdecken.
Um hier richtig zu verstehen, brauchen wir aber Licht und Erleuchtung von einem anderen Wort, vom Wort Jesu, der sagt:
„In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden / besiegt.“
Darin höre ich die Message des heutigen Sonntags, wie sie im Wochenspruch gebündelt ist: Im Hinblicken auf den Einen – Jesus Christus – der das von sich gesagt hat, können auch wir sagen: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“
Im Siegeswort Jesu kommen – in umgekehrter Reihenfolge – drei Dinge zusammen: die Siegeserklärung, die nüchterne Zustandsbeschreibung und das tröstliche ABER.

Die SiegeserklärungZunächst die Verlautbarung dessen, der triumphiert hat: Ich, ich habe die Welt besiegt.
Jesus spricht: Ich habe die Welt überwunden. Und ihr könnt’s im Glauben auch.
Wie denn das, fragst du?
* Nicht mit Atombomben und biologischen und chemischen Kampfmitteln – das ist das ABC pervertierter Siegertypen – nicht so. Sondern, so sagt Christus, mit meinen Fingern, die ich dem Tauben in die Ohren gelegt habe – so habe ich die Welt besiegt. Eine Welt aus Krankheit und Leiden.
* Nicht mit Kettenfahrzeugen, Tornados und B52 Bombern, mit Leopardpanzern und Nachtsichtgeräten, nicht so. Sondern mit einer Schürze und einem Eimer Wasser bewaffnet, drinnen in der Kammer mit den Jüngern, als ich ihnen die Füße gewaschen habe – so habe ich die Welt besiegt. Eine Welt aus Stolz und Herrschsucht und Vorne-dran-sein-Wollen.
* Nicht mit diplomatischen Tricks und machtpolitischem Kalkül, nicht so. Sondern mit dem ungeschützten Wort der Liebe und der Vergebungsbereitschaft, damals als sie die Ehebrecherin zu mir brachten und sie auf der Stelle steinigen wollten. So habe ich die Welt besiegt. Die Welt aus Hartherzigkeit und Freude am Verurteilen und Runtermachen und Schlechtmachen anderer.
Beginnt ihr zu verstehen, was für ein Siegertyp ich bin?!, fragt Jesus.
* Nicht mit der geballten Faust, sondern mit meinen gefalteten Händen im Gebet zu meinem Vater im Himmel, ihm seinen Willen lassend. So habe ich die Welt besiegt. Eine Welt aus religiöser Verkrampftheit und frommen Zwangsvorstellungen – nicht nur bei den sogenannten Islamisten.
Ich habe die Welt besiegt – und ihr könnt’s im Glauben auch, spricht Jesus Christus. Und ich sage euch auch, wo das zu Tage tritt, dass es so ist. Ich habe triumphiert dort am dritten Tag, am Ostermorgen. Ich habe die Welt überwunden, den unumschränkten Herrscher dieser Welt: den Tod.
Ich bin so ganz anders als die Siegertypen dieser Welt. Und doch bin ich der Einzige, dem diese Siegeserklärung in Wahrheit zusteht: Ich habe die Welt überwunden. Und im Glauben könnt ihr’s auch!

Die nüchterne LebenserfahrungJesus verkündet seine Siegesbotschaft nicht ohne die nüchterne Feststellung: In der Welt habt ihr Angst. Eine ganz ungeschminkte, reale, wirklichkeitsnahe Beschreibung unseres Daseins. Ihr habt Angst in der Welt. Es soll keiner kommen und uns diese Angst einfach ausreden!
Angst – das ist Enge, Beengung, beklemmendes Gefühl.
Diese ungeheure Möglichkeit der Zerstörung zu spüren und zu ahnen. Im großen weltpolitischen Maßstab diese tiefe Sorge um die Zukunft unserer Erde, das Bangen um den Frieden in der Welt. Wenn die Mächtigen dieser Welt leichtfertig mit Krieg spielen, todernst, dann klingt in mir Jesu Wort nach – in der Welt habt ihr Angst.
Aber auch ganz persönlich: Was werden die nächsten Wochen und Monate bringen, mir ganz persönlich: Werde ich zurechtkommen im noch frischen Schuljahr, am Arbeitsplatz. Der nächste Untersuchungstermin – ich habe Angst.
Jesus gesteht sie uns zu: die Angst.
Die biblische Botschaft verschließt nicht die Augen vor der Wirklichkeit.
Glauben, liebe Gemeinde, ist erhöhte Wachsamkeit für die Wirklichkeit. Glaube ist potenzierter Realitätssinn. Nicht irgendeine Flucht vor der Realität. Auch nicht vor der politischen Realität. Das ist mir wichtig zu betonen. Glaube macht die Augen auf und sieht die Polis: das Gemeinwesen. Der Wochenspruch mit seiner Siegesmeldung will mir nicht die Sinne vernebeln. Glaube ist Sinn und Geschmack fürs Reale. Im Glauben an Christus den Sieger kann ich dazu stehen: „In der Welt habt ihr Angst.“

Die Ermutigung„Aber seid getrost!“ Die Botschaft vom Sieg und die Wahrnehmung meiner Ängste werden verbunden und zusammengehalten durch dieses kleine Sätzchen. Das ist die Ermutigung, das ist der aufrichtende Zuspruch. Das ist dieses kleine wunderbare Wörtchen „Aber“. Es ist nicht das „Aber“ des Nörglers, der überall noch ein Haar in der Suppe findet und noch einen Grund zum Lamentieren.

Dieses „Aber“ Jesu ist ermutigend, aufrichtend, aufhelfend. Es gibt ein im vollen Wortsinne heilsames „Aber“ in der Bibel. Es ist der heilsame Widerspruch gegen die eisernen Gesetze dieser Welt. Es ist die Erinnerung daran, dass wir im Glauben dieser Welt etwas entgegenzusetzen haben. Es ist das große göttliche Veto gegen die oberste Faustregel dieser Welt, dass der Starke dem Schwächeren Angst macht, dass der oben den treten soll und darf, der unten ist.

„Aber seid getrost!“ Das ist die große Widerrede gegen die Herrschaft des Todes, die alles Leben bedroht.
Wunderbares, heilsames „Aber“ Jesu! Aber seid getrost! Fasst Mut! Tretet fest auf die Füße! Er sagt nicht: Augen zu! Denkt an etwas anderes! Es wird schon nicht so schlimm kommen! Sondern: Habt Mut mitten in euren Ängsten! Es gibt Grund dazu.
Denn euer Glaube ist der Sieg, der die Welt überwindet – in der Nachfolge dessen, der von sich sagt: Ich habe die Welt überwunden.
Wenn das also klar ist: dass Christus mit seinem Sieg vorausgeht, dass es ein Sieg eigener Art ist … dann können wir an diesem Sonntag und alle Tage unseres Lebens mit einstimmen als die Nutznießer und Teilhaber am Sieg Christi und bekennen: Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
Amen.

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