18. Sonntag nach Trinitatis (25. September 2016)

Autorin / Autor: Schuldekan Dr. Andreas Löw, Ludwigsburg [schuldek.ludwigsburg@elkw.de]

Römer 14, 17 -19

Streiten gehört schon immer auch zum Glauben„Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus!“ Mit diesen Worten, die Ihnen als Kanzelgruß vertraut sind, grüßt der Apostel Paulus die ihm unbekannte Gemeinde in Rom am Anfang des Römerbriefs. Frieden spricht er ihr darin zu, einen Frieden, auf den die römische Gemeinde dringend angewiesen ist. Denn friedlich ging es in ihr nicht zu, obwohl sie noch in ihren ersten, bescheidenen Anfängen steckte.

Es ist ernüchternd, aber es hilft nichts gegen die Einsicht: Interessenkonflikte, heftige Auseinandersetzungen, Streit unter den Christen sind so alt wie die Kirchengeschichte selbst. Auseinandersetzungen gibt es unter den Christen aller Zeiten, weil sie ihren Glauben und das, was sie vom Evangelium verstanden haben, so wichtig nehmen. Streit gibt es aber leider auch, weil einzelne Christen zuweilen nur sich selbst und ihren Erfahrungshorizont wichtig nehmen. Wahrscheinlich ist zumeist beides miteinander verknüpft, das Ernst-Nehmen des Glaubens und das Sich-selbst-wichtig-Nehmen. Und es ist oft kaum möglich, die nötigen Auseinandersetzungen vom unnötigen Streit zu trennen.

Auch um das, was man essen und trinken soll, hat man in Rom gestritten. Im Bibelabschnitt, für den heutigen Sonntag heißt es:
„Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist. Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet. Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.“

Streit um Essen und Trinken in der römischen GemeindeDie eine Gruppe in der römischen Gemeinde erklärte: „Als Christ muss man Vegetarier sein.“
Denn, so argumentieren sie, das Fleisch, das in Rom zum Verkauf angeboten wird, stammt in aller Regel von Opfertieren aus dem heidnischen Götterkult. An diesem heidnischen Götterkult dürfen sich Christen unter keinen Umständen beteiligen, auch nicht dadurch, dass sie das dort anfallende, später auf dem Markt günstig angebotene Fleisch kaufen und essen. Auch der Wein spielte bei Götzenopfern eine Rolle. Deshalb, so stellte diese Gruppe rigoros fest, trinken Christen keinen Wein.

Wenn Christen dieser Überzeugung von anderen Personen eingeladen wurden, kamen sie oft in Gewissenskonflikte. Wurde Fleisch aufgetischt und Wein angeboten, dann fühlten sie sich in ihrem Gewissen bedrängt. Noch mehr aber fühlten sie sich in die Ecke geschoben, wenn andere Christen spotteten: „Ihr Gemüsechristen – was macht ihr euch für Probleme. Unser Heil hängt doch nicht von dem ab, was wir essen oder trinken. Christus ist für uns gestorben. Mehr braucht es nicht zu unserem Heil. Christen können alles essen und trinken! Ihr habt die Freiheit, die Christus uns geschenkt hat, überhaupt noch nicht verstanden! Eigentlich seid ihr noch gar keine richtigen Christen.“

Das Reich Gottes als Folie für AuseinandersetzungenPaulus hat es in Rom also mit zwei Gruppen zu tun, die beide eine fatale Neigung zur Selbstgerechtigkeit haben. „Wir haben’s verstanden. Unser Verhalten entspricht dem Reich Gottes. Wir leben entschieden und authentisch.“ So reden beide. Diese Selbstgerechtigkeit aber hat mit dem Reich Gottes nichts zu tun. Wer meint, an bestimmten Speisevorschriften ließe sich zeigen, was christliche Identität ausmacht, der hat die Freiheit des Evangeliums noch nicht verstanden.
Aber auch der irrt, der meint, christliche Freiheit orientiere sich an einem abstrakten Freiheitsgedanken und nicht an den Bedürfnissen meiner schwächeren Schwester oder meines schwächeren Bruders im Glauben. Paulus kritisiert beide Seiten und ermutigt beide als mündige Christen, bei allen Auseinandersetzungen den Frieden im Blick zu haben. „Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.“ Paulus appelliert, ohne als Richter eine Entscheidung im konkreten Fall zu treffen, an beide Seiten, das Gemeinsame, das Verbindende in den Mittelpunkt zu stellen: „Denn das Reich Gottes ist… Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist.“

Gerechtigkeit als Kennzeichen des Reiches GottesWas Gerechtigkeit meint, hat Paulus in den ersten Kapiteln des Römerbriefs schon breit ausgeführt. Gerechtigkeit im Glauben, so seine zentrale Aussage, Gerechtigkeit im Glauben können wir uns nicht erarbeiten. Um Gerechtigkeit müssen wir nicht kämpfen oder streiten. Wir bekommen sie geschenkt. Ohne Vorleistung spricht Gott uns in der Taufe zu, dass er uns liebt, uns ein gnädiger Gott sein will. Und Gott bleibt seinem in der Taufe mit uns geschlossenen Bund treu, wenn er uns auf unserem Lebensweg, in unserem Sterben und durch den Tod hindurch begleitet. Als Gemeinde stärkt er uns in allen Anfechtungen und rettet uns aus Gefahr. Immer bleibt Gott mit uns in Verbindung, handelt und wirkt so, dass er die Gemeinschaft mit uns stärkt.

Aus dieser Grunderfahrung der Gemeinschaft schaffenden Gerechtigkeit Gottes heraus können auch wir Menschen Gerechtigkeit leben, indem wir mit Gott Gemeinschaft halten, Gottes Gebote halten und seinem Wort Vertrauen schenken. Und auch im Verhalten zwischen uns Menschen soll Gerechtigkeit herrschen: Gegen unsolidarisches, nur auf die je eigene Einsicht bauendes Handeln appelliert der Apostel, so in der Gemeinschaft zu leben, dass dadurch die Bedürfnisse meiner Mitmenschen, das, was der Erbauung der Gemeinschaft dient, mein Handeln bestimmt.

Frieden als Kennzeichen des Reiches GottesMit dem Frieden, einem weiteren Kennzeichen des Reiches Gottes, verhält es sich ebenso. Der Friede, den Gott selbst zwischen sich und uns Menschen durch Jesu Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen gestiftet hat, dieser Friede soll unsere Beziehung zu Gott und zu unseren Mitmenschen prägen. Friede, Schalom ist ja mehr, als wenn die Waffen schweigen und kein Krieg herrscht. Frieden meint vielmehr die lebensfördernde Geordnetheit der Welt im politischen, rechtlichen, kultischen, sozialen und kreatürlichen Kontext. Die vielen Aspekte des Schalom umfassen im weitesten Sinne ungefährdetes Wohlergehen, Glück, Ruhe und Sicherheit, und kommen dem sehr nahe, was wir als Inbegriff des Segens verstehen.

Freude im Heiligen Geist als Kennzeichen des Reiches GottesGerechtigkeit, Friede in diesem umfassenden Sinn, und nicht Recht-behalten-Wollen ist es, was nach Paulus die Grundpfeiler des Reiches Gottes sind und die das hervorrufen, was das Reich Gottes auf Gefühlsebene kennzeichnet: die Freude im Heiligen Geist. Wir alle sind ja in allem auf die Hilfe des Heiligen Geistes angewiesen. Er ist uns doch näher, als wir uns selber nahe sein können. Er wirkt in uns, dass wir überhaupt über das Reich Gottes, über Gerechtigkeit und Frieden nachdenken und sprechen können. Ja, und er bewirkt in uns Freude, ein Lebensgefühl, das auch, wenn der oft oberflächliche Spaß ein Ende hat, noch anhalten kann, ein Lebensgefühl, das sich in allem von Gott gehalten und getragen weiß.

Konkretionen„Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist.“ Was bedeutet das heute konkret? Die Auseinandersetzungen, die uns gegenwärtig in unserem Glaubensleben und in der Theologie, in der Kirche und in der Diakonie umtreiben, haben bis heute mit Blick auf die ungelöste Abendmahlsgemeinschaft und auf die ungerechte Verteilung von Nahrung und Wasser in unserer Welt mit Essen und Trinken zu tun. Aber auch viele andere innerkirchliche Auseinandersetzungen haben das Potential, den Unfrieden in der Kirche zu fördern, die Erbauung der Gemeinde zu verhindern.

Zum Beispiel die Auseinandersetzung um die Frage nach der Trauung von schwulen und lesbischen Paaren, die wohl im nächsten Jahr, wenn die neue Trauagende in unserer Landeskirche beraten wird, neu aufflammen wird. Oder die diakoniepolitische Frage über den weiteren Weg der Ambulantisierung der Pflege, die durch die neuen, politisch gewollten und gesetzlich fixierten Rahmenbedingungen im Bereich der Altenhilfe befeuert werden. Wie könnten derartige Fragen und Interessenkonflikte diskutiert werden, so dass die Diskussion und das am Ende erzielte Ergebnis zum Frieden und zur Erbauung unserer Kirche und unserer Diakonie dienen?

Vom Kommen des Reiches Gottes und der Mündigkeit von Christen im StreitBeim Meditieren des heutigen Bibelabschnitts ist mir die Beobachtung wichtig geworden, dass der Apostel Paulus nicht als Richtinstanz auftritt und den Streit um die angemessene Form des Essens und Trinkens in Rom eindeutig entscheidet. Bei aller theologischen und persönlichen Freiheit, die Paulus selbst in diesen Fragen hat, will er nicht die Sicht des anders Fühlenden und Denkenden aus dem Blick verlieren. Deshalb leitet er die beiden streitenden Gruppen als mündige Christen an, beim Ringen um die Entscheidung nicht die wesentlichen Kennzeichen des Reiches Gottes zu vergessen, nicht Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist zu vergessen. Und dabei vertraut Paulus darauf, dass das Bemühen um das Reich Gottes für uns Christen immer Aufgabe und Gabe Gottes zugleich sind. Denn Gott selbst kommt uns entgegen! Deshalb bitten wir auch nachher wieder gemeinsam: „Dein Reich komme.“ Und deshalb formuliert Paulus im Brief an die Römer auch die Gebetsbitte, die auch uns mit einschließt: „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des heiligen Geistes“. Amen.

Weg zur Predigt
Meine Predigthörerinnen und Predigthörer sind in erster Linie Schwestern und Brüder der Ev. Diakonieschwesternschaft Herrenberg-Korntal. Diese sind durch die jahrzehntelange Teilnahme an Bibelstunden, Bibeltagen und Bibelwochen theologisch gut gebildet und informiert. Sie schätzen es, wenn der Bibelabschnitt intensiv traktiert wird. Mir ist durchaus bewusst, dass nicht alle Hörerinnen und Hörer sich von so grundlegenden theologischen Überlegungen zu den paulinischen Kennzeichen des Reiches Gottes (Gerechtigkeit, Frieden, Freude im Heiligen Geist) mitnehmen lassen. In einer anderen Predigtvariante habe ich deshalb versucht, diese drei Abschnitte völlig wegzulassen und dafür die aktuellen Beispiele zu erweitern und breiter auszuführen sowie den Schlussabschnitt zu erweitern. Mir erscheint dies je nach Gemeinde eine sinnvolle Alternative.

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