18. Sonntag nach Trinitatis (15. Oktober 2017)

Autorin / Autor: Studienleiterin Pfarrerin Dr. Evelina Volkmann, Stuttgart [Evelina.Volkmann@elk-wue.de ]

Markus 10, 17 -27

Der reiche Mann geht traurig davonLiebe Gemeinde!
Ich stelle mir vor, wie der reiche Mann am Abend seinem Freund erzählt:
Heute habe ich Jesus getroffen.
Mit großen Erwartungen bin ich auf ihn zugegangen.
Aber jetzt bin ich nur verwirrt.
Jesus fand es wunderbar, dass ich die Gebote halte.
Er war begeistert.
Das war ein großartiger Moment.
Er hat mich sogar in den Arm genommen und liebevoll angeschaut.
Das war schön. Er strahlte eine solch große Ruhe aus.
Ich fühlte mich richtig eins mit mir.
Ich wünschte, dieser Moment hätte nie aufgehört.
Ich war total glücklich.
Wir lösten die Umarmung, und ich dachte:
Jetzt sagt er mir, was ich noch tun soll.
Ich wollte doch von ihm wissen: Was hält Gott von mir? Bin ich gut genug? Glaube ich richtig? Komme ich in den Himmel?
Oder haben die Recht, die immer noch mehr von mir verlangen?

Doch was dann kam, war wie eine kalte Dusche.
Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach.
Ich starrte ihn ungläubig an.
Hatte ich mich verhört?
Das kann doch nicht sein!
Alles verkaufen, was ich habe? Warum fordert Jesus das? Ist das die Bedingung? Muss ich wirklich auf allen Besitz verzichten, um richtig zu glauben?
Hat er mich wirklich verstanden?
Ich habe doch gar nicht gesagt, dass ich mich seinen Jüngern anschließen will. Die leben ja alle so arm.
Mein Besitz hat mich bisher doch auch nicht davon abgehalten, die Gebote zu erfüllen.
Ich bin sehr enttäuscht.
Das überfordert mich total. Alles weggeben? Wofür ich Jahre meines Leben gearbeitet habe? Und wovon ich anderen, auch armen Menschen abgegeben habe?
Ich bin dann einfach aus dem Gespräch gegangen.
Traurig.

Was hat Jesus mir eigentlich sagen wollen?
Irgendwie bin ich immer noch verwirrt.
Was hat er gemeint?
Soll ich nochmals zu ihm gehen und ihn fragen?
Worum geht es Jesus eigentlich?

Jesus, du treibst es auf die SpitzeIch stelle mir vor: Die Jünger diskutieren mit Jesus.
Sie fühlen mit dem reichen Mann mit.
Jesus, warum sagst du: „Wie schwer werden die Reichen ins Reich Gottes kommen!“
Warum machst du es den Reichen so schwer?
Sonst sagst du doch auch: Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht. Das passt doch nicht zusammen?
Muss man wirklich arm sein, um dir nachzufolgen?
Gewiss, wir haben alles verlassen. Unseren Beruf als Fischer. Unsere Eltern. Das ist schon gut. Wir sind jetzt ganz bei dir. Aber wir hatten auch nicht so viel. Da war das Loslassen nicht so schwer.
Der Reiche tut doch Gutes mit seinem Vermögen!
Er hält die Gebote!
Er unterstützt damit seine Familie.
Er bezahlt seine Angestellten.
Sogar deren Familien leben davon.
Du hast ihn doch sogar in den Arm genommen. Ihn liebevoll angesehen!
Und nun willst du, Jesus, dass er alles weggibt? Alles verkauft?
Was macht er denn falsch?
Klar, einmal kann man damit den Armen helfen. Aber dann ist das Geld auch weg. Und dann wird seine Familie arm. Willst du das, Jesus?
So schön ist es auch nicht, arm zu sein.

Aber du scheinst ja nicht einmal selber daran zu glauben, dass es klappen könnte.
Wie? Ein Kamel soll durch ein Nadelöhr hindurchpassen?
Das geht doch gar nicht.
Das ist doch grotesk!
Jesus, du übertreibst maßlos.
Also wird deiner Meinung nach auch kein Reicher ins Reich Gottes kommen.
Wieso bist du so ungerecht? Warum so streng?
Und überhaupt: Es gibt doch auch viele reiche Menschen, die uns unterstützen?
Was sagst du dazu, Jesus?
Was täten wir denn ohne sie? Ohne Susanna, ohne Johanna, ohne all die wohlhabenden Frauen, die uns helfen? (vgl. Lk 8,3)
Das ist doch ein Widerspruch!
Wie sollen wir dein Wort an den reichen Mann verstehen?
Bisher verwirrst du uns nur.

Bei Gott ist es möglich!Ich stelle mir vor, wie Jesus liebevoll auf seine Jünger sieht und zu ihnen spricht.
Habt ihr’s auch nicht verstanden?
Ich bin beeindruckt von dem Mann. Wirklich.
Die Gebote hält er!
Schon seit er ein junger Mann ist.
Fantastisch! Ich freue mich über jeden, der das tut.
Darum habe ich ihn umarmt. Ihm gezeigt: Alles ist gut. Du brauchst keine Angst zu haben. Dein Glaube ist völlig in Ordnung.
Doch in seinem Blick lag Unsicherheit, Zweifel.
Ich hatte den Eindruck: Der strampelt sich ab. Er meint, er tut nicht genug. Er fühlt sich unter Druck. Als würde er an einem Glaubenswettbewerb teilnehmen: Wer ist am besten?
Dabei kommt es Gott auf solche Dinge doch gar nicht an.
Ich will ihn aus seinem Hamsterrad herausholen. Er wirkt doch völlig unfrei.
Natürlich ist es gut, dass er die Gebote hält.

Die Gebote stehen für die Liebe zwischen Gott und Mensch.
Die Gebote halten – einfach weil Gott es so gesagt hat. Das genügt. Absichtslos! Zweckfrei!
Sie sind keine Vertragsleistung.
Damit kann man sich nichts verdienen.
Gebote stehen für Vertrauen.
Das ist ähnlich wie in der Liebe zwischen zwei Menschen. Wenn der Mensch, den du liebst, dich um etwas bittet: Verlangst du dann eine Gegenleistung dafür? Nein, du wirst es aus Liebe tun.
Diese Liebe sehe ich bei dem Reichen. Sie reicht völlig aus. Doch er spürt das nicht.

Darum habe ich mich für eine Art Radikalkur entschieden. Ich habe dem reichen Mann etwas vorgeschlagen, das er vermutlich nie und nimmer erfüllen kann. Ich habe ihm vorgeschlagen, alles, was er hat, zu verkaufen und sich mir und meinen Jüngern anzuschließen.
Damit er merkt: Durch das Tun, durch gute Werke, durch das Gebotehalten beeinflussen wir Gott nicht. Gott lässt sich dadurch nicht beeindrucken.
Damit er spürt: Ich kann mir Gottes Lohn nicht verdienen.
Wichtig ist etwas anderes:
Was steht bei mir an der ersten Stelle? Ist es Gott? Denke ich an Gott, wenn ich die Gebote halte? Oder denke ich daran, wie gut ich es hinbekomme?
Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied.
Erinnert ihr euch an meine Predigt damals am See Genezareth?
Wisst ihr noch, wie ich gesagt habe:
Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden. Hier fressen sie die Motten und der Rost. Hier gibt es Diebe, die sie stehlen.
Sammelt euch aber Schätze im Himmel. Dort gibt es weder Motten noch Rost und auch keine Diebe.
Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. (vgl. Mt 6,19-21)
Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.
Das habe ich dem reichen Mann mitgegeben.
Er macht doch schon alles richtig.
Ich will nur, dass er versteht:
Gott liebt dich, wie du bist.
Gott zählt nicht nach, wie viele Gebote du schon gehalten hast.
Gott ist kein Erbsenzähler, kein kleinkarierter Buchhalter. Gott freut sich, wenn du seine Gebote hältst.
Dass du dabei an Gott denkst, ist wichtiger als alles andere auf Erden. Wichtiger als das, was du besitzt und bist.

Ich habe ja gespürt, dass er ins Nachdenken geraten ist. Dass er verunsichert aus unserem Gespräch wegging.
Hat er verstanden, was ich will?
Der Mensch kann sich sein Heil nicht verdienen.
Ihr nicht und der reiche Mann auch nicht. Niemand.
Daher habe ich gleich nochmal ein radikales Wort verwendet:
Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt.
Natürlich geht das nicht.
Das ist unmöglich. Bei den Menschen jedenfalls.
Aber nicht so bei Gott. Er vollbringt Wunder.
Das eine, das dem Reichen fehlt, ist für Gott kein Hindernis.
So gnädig ist Gott.
Das habe ich klargemacht.
Gott ist durch und durch barmherzig.
Gott liebt die Menschen, selbst wenn sie keinen Schatz an guten Werken vorzuweisen haben.
Du bist nicht das, was du leistest.
Du bist Gottes geliebtes Kind.
Vertraue auf Gott.
Das allein ist nötig.
Das habe ich ihm gesagt. Und euch auch. Amen


Zu den Hintergründen der Predigt Markus 10,17-27
Bekannt geworden ist diese Erzählung unter der Überschrift „Der reiche Jüngling“. Im Paralleltext Mt 19,16-26 ist tatsächlich von einem „Jüngling“ die Rede.
Jesus bewegt sich hier im Rahmen des frühen Judentums. Dieses hat „das Bild vom himmlischen Schatzhaus entwickelt, worin die Taten der Gerechtigkeit […] gespeichert werden“ (W. Eckey, Das Markusevangelium, Neukirchen-Vluyn 1998, 264). Diese werden – so die apokalyptische Vorstellung – im Endgericht offenbar. Diese Vorstellung wird häufig als „jüdische Werkgerechtigkeit“ fehlgedeutet, als würde man im Judentum die Gebote halten, um Verdienste bei Gott zu erwerben. Dem wird der auf Gottes Gnade hinweisende Jesus entgegengestellt, der – unter anderem diesen fragenden Mann – von solchen „Abwegen“ befreien wolle. Wer das Bild des himmlischen Schatzhauses jedoch in dessen jüdischem Kontext deutet, kommt zu anderen Ergebnissen: Im Judentum werden die Gebote „als Ausdruck der umfassenden Zuwendung Gottes zum Menschen verstanden. Diese […] Deutung steht in Einklang mit der sonst im rabbinischen Judentum vorhandenen Auffassung des ‚Gesetzes als Gnade‘“(G. Holtz, Eine Kritik christlicher Interpretationen des sog. jüdischen Verdienstdenkens, in: M. Stöhr (Hg.), Lernen in Jerusalem – Lernen mit Israel, VIKJ Bd. 20, Berlin 1993, 322-333, 330f.). Wir begegnen hier dem Gesetz als Evangelium! Natürlich stellt Gott denjenigen, die sich an die Gebote halten, Lohn in Aussicht. So übrigens auch Jesus seinen Jüngern in V 28-31. Der geht aber auf Gottes freie, liebende Initiative zurück, ist vom Menschen nicht zu beeinflussen. Beim Menschen schlägt sich dies adäquat in der Haltung nieder, die Gebote nicht um des zu erwartenden Lohnes willen zu halten: Die Gebote sollen völlig zweckfrei „um des Himmels willen“ gehalten werden (a.a.O., 331). Übrigens: Gott erbarmt sich auch derer, die nichts in ihrem Schatzhaus haben (vgl. 4. Esra 8,36). Die Frage ist, ob der reiche Mann das weiß.
Jesus bewegt sich zugleich im Rahmen des Armutideals der ersten Christen. „Jesus und die Urchristenheit radikalisieren die Vorstellung vom Schatz im Himmel im Sinn der Forderung einer Preisgabe des eigenen Besitzes zugunsten der Armen als Konsequenz der Entscheidung für ein Leben in der Nachfolge“ (Eckey, 264). Doch keineswegs alle Jesusanhänger lebten dieses Ideal. Die Bedingung, armer Jünger zu werden, gab es nicht.
Diese Perikope weist frei nach Luthers Erklärung des ersten Gebots im Großen Katechismus – woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott – auf das sola gratia hin. Lebe ich das erste Gebot? Verlasse ich mich ganz auf Gott? Oder sichere ich mich ab? Jesus befreit uns davon. Jesus nimmt dem Reichen, den Jüngern, den Menschen überhaupt, die Angst um ihr Heil, das uns ganz allein Gott schenkt.
Meine Predigt beleuchtet das Geschehen nacheinander aus verschiedenen Perspektiven: Für die Perspektive des reichen Mannes verwende ich das Stilmittel des Gesprächs mit einem Freund, das nach der Begegnung mit Jesus stattfindet: Der reiche Mann geht traurig davon.
Die Perspektive der Jünger gebe ich durch Gedanken bzw. Fragen wider, die sie in ihrem Entsetzen und ihrer Empörung an Jesus stellen: Jesus, du treibst es auf die Spitze.
Die Perspektive Jesu fange ich durch eine kurze Predigt Jesu an seine Jünger ein: Bei Gott ist es möglich!
Zwei Tage nach dem jährlichen Torafreudenfest (13.10.2017) schlage ich eine Predigt vor, die den Geboten Gottes ihr gutes Recht lässt. Gleichzeitig soll sie die jüdisch-christliche Glaubensüberzeugung widerspiegeln, dass Gott allein es ist, der den Menschen einen Schatz im Himmel schenkt.

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