19. Sonntag nach Trinitatis (26. Oktober 2014)

Autorin / Autor: Pfarrer Matthias Hennig, Weilheim/Teck [Matthias.Hennig@elkw.de ]

2. Mose 34, 4-10

Im Bett, am Boden, am Fuße des Bergs – sich Gott hinhalten

Liebe Gemeinde, ein Kind ist da, ein Säugling noch, sein Name: Samuel. Heute ist er unter uns. – Wie sind die Nächte? So fragt man die Eltern kleiner Kinder. Anstrengend kann es sein, wenn sich das Kind Nacht für Nacht meldet. Und was tun wir? Welchen Impuls spüren wir, wenn ein Kind in seinem Bettchen nachts schreit oder am Tag auf der Krabbeldecke, auf dem Boden weint? Ich hebe es hoch, ich nehme es her, ich flüstere ihm zu, ich trage es bei mir für einen Moment. Spürt das Kind Nähe, findet es meist wieder Ruhe. Ich lasse es nicht liegen in seinem Bett oder am Boden.
Auch Samuel, der nachher getauft wird, heben wir hoch, tragen ihn bei uns für diesen Moment. Aber wir halten ihn am Taufstein noch ein Stück höher. Wir stellen ihn Gott vor Augen! Vom Boden der Tatsachen heben wir Samuel auf und zeigen ihn Gott. Denn der Boden der Tatsachen auf unserer Welt ist hart und zerklüftet. Krieg- und Leidgeplagte flehen um Frieden, Vertriebene sehnen sich nach Heimat, Opfer schreien nach Gerechtigkeit, Zerbrochene suchen nach Heilung, die ganze Schöpfung ächzt nach Erlösung. Wer wollte sein Kind, ja ein jedes Kind, allein auf diesem Boden lassen? So halten wir Samuel Gott hin. Und Sie als Eltern sehen und hören es, uns allen wird es bei Samuels Taufe bewusst: Er und wir gehören Gott.
Macht Mose nicht etwas Ähnliches? Er hält Gott sein Volk hin. Sie sind am Boden. Sie hatten gebrochen mit Gott. Mit ihm, der sie aus Ägypten geführt hatte! Nicht nur ein Murren war es, nicht nur der Ruf nach den Fleischtöpfen Ägyptens, nicht nur der Streit untereinander. Dieses Mal wollten sie Hand an Gott selbst legen, formten ein Stierbild, wollten ihn, den Ewigen, verfügbar und handlich haben. Das war der Bruch. Und mit den Scherben der ersten Gebotetafeln liegen nun Israels Söhne und Töchter am Boden, unten, am Fuße des Bergs. Am Boden zerstört sind sie nach jenem Rausch um das sprichwörtliche goldene Kalb. Mose aber steigt auf den Berg, hebt das Volk mit seinem Gebet aus dem Staub und hält es Gott hin. „Vergib uns unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Erbbesitz sein.“
Versöhnung tut not. Groß ist die Schuld, tief die Entfremdung zwischen den Menschen und Gott. Das Leben geht fehl, wo der Mensch nur auf sein Ich und seine Werke bezogen bleibt. So verliere ich mich in mir selbst. – „Vergib uns unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Erbbesitz sein.“
Vielleicht ist es ein Kind, das unser Gewissen weckt? Wer sich einlässt auf sein Kind oder Patenkind, das Kindergarten- oder Schulkind, sieht die Welt noch einmal frisch: mit Freude am Spiel, mit Staunen auf einem Spaziergang, mit Lust am Leben. Zugleich stellen die Kinder ernste Fragen. Sie wittern das Unrecht unter den Menschen, sie schrecken auf bei Gewalt und Gemeinheit, sie zeigen auf Müll in der Natur. Bald ahnen sie, dass unsere Art zu leben ein Leben auf Kosten Anderer ist. – „Vergib uns unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Erbbesitz sein.“
Auch die Geschichte von Gottes ersterwähltem Volk schärft unser Nachdenken. Hat Gott nicht auch mich herausgeführt aus dem, was mich gefangen hielt? Es ist ja nicht wahr, dass er sich in meinem bisherigen Leben niemals gezeigt hätte. Und doch zweifle ich in Wüstenzeiten. Da häng ich mein Herz an dies und jenes, will Sicherheit, fasse zu Gott kein Vertrauen. Und: Auch ich habe im tanzenden Sog ums goldene Kalb auf Geld, Ertrag und Rendite gestarrt. – „Vergib uns unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Erbbesitz sein.“
Versöhnung tut not, denn groß ist die Schuld, tief die Entfremdung. Gewiss zu Anderen hin, doch auch zu mir selbst. Und statt Gott zu vertrauen, wollte ich mir Sicherheit schaffen. So bin ich am Boden, am Fuße des Berges, den Mose erklimmt. Oder steckt Beides in uns? Wie Israels Kinder am Boden zu sein; zugleich wie Mose den Weg unter die Füße zu nehmen? Dann will ich mein Leben Gott hinhalten. Und auch das Leben der Menschen, sie seien mir nah oder fern, das Leben der Kinder, das Leben Samuels.

Die Wolke, die Worte, das Wasser – auf Gott zurückkommen

Wie komm ich dazu, solches zu tun? Es kann nur ein Zurückkommen sein. Mose kommt zurück auf den Berg. Dorthin, wo er die Wolke, die Stimme schon einmal erlebt hat. Er kommt zurück auf die Worte, in denen Gott sich kundgetan hat – „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägypten aus der Knechtschaft geführt habe.“ Er kommt zurück auf die Worte, mit denen sich Gott aufs Neue vorstellt – „der Herr, der Herr, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue“.
Um Vergebung von Missetat und um Versöhnung kann Mose nur bitten, weil er zurückkommt auf Gottes Worte und Wolke. Um Annahme bei Gott und Segen für Samuel bitten wir, weil wir zurückkommen auf Jesu Worte und das Wasser der Taufe. Ich kann mich wahrhaftig und ehrlich Gott zeigen, weil er sich mir zeigt. Er ist „barmherzig und gnädig und geduldig …“.
Worauf genau kommen wir zurück? Vielleicht auf die ersten Worte, von denen die Bibel erzählt, dass Gott sie den Geboten voranstellt: „… der ich dich herausgeführt habe aus Ägypten …“ Welchen Namen mein „Ägypten“ auch trägt, es ist die Grunderfahrung des Glaubens, von Gott herausgeführt zu werden aus der Knechtschaft; herausgeführt aus der „Tyrannei des gelingenden Lebens“ in die Freiheit. Darauf komme ich zurück! Darauf hin fasse ich Mut. Ich löse mich aus dem, was mich gefangen hält.
Vielleicht kommen wir auch auf die anderen Worte zurück. Sie sind uns aus der Geschichte über die zweiten Tafeln zu Ohren gekommen: „… barmherzig und gnädig und geduldig“ ist er. Da mag der Liedrefrain mitklingen: „Barmherzig, geduldig und gnädig ist er, viel mehr als ein Vater es kann.“ Wie wahr! „Viel mehr als ein Vater es kann“ wendet sich Gott in inniger Liebe mir zu. Im Hebräischen stehen für „barmherzig, geduldig und gnädig“ Worte, die meist mit einer Frau verbunden sind. Dem Mose offenbart sich kein ‘höheres Wesen‘ auf dem Berg, sondern Gott setzt sich mitfühlend, mutter-leiblich zum Mensch in Beziehung.
Heute ist ein Kind da, der Samuel. Er erfährt Liebe von Ihnen als Mutter in einzigartiger Weise. Das mag uns zu der Erinnerung führen, wie bergend und wärmend wir Gott schon erlebt haben – sei es in einem tröstlichen Gespräch, sei es in den Zeilen eines Briefs, sei es in einem Lied. Also in jenen Momenten, in denen wir spürten: Da handelt Gott. Darauf will ich heute zurückkommen! Darauf hin fasse ich Mut! Jetzt will ich‘s tun – wie Mose, der für Israel betet und um Vergebung bittet. Jetzt will ich‘s tun – wie Mütter und Väter, die ihr Kind zur Taufe bringen und um ein gesegnetes Leben bitten. Ich zeige mich Gott, weil er sich mir zeigt. Ich bete zu Gott, weil er zu mir spricht. Ich sage „Erbarme dich, Herr“, weil mir gesagt ist: „Barmherzig, geduldig und gnädig ist er.“

In Gottes Bund, mit Gottes Beistand, in Gottes Besitz – zu Gott gehören

Und nun? Sind die zweiten Tafeln für Gottes Volk die ‘zweite Chance‘? Geschieht die Taufe an einem Kind zugleich auf Probe, bis es selbst ein bewusstes „Ja“ sagt zu Gott? Ist auch das uns heute neu geschenkte Gottvertrauen ein Leben mit offenem Ausgang und auf Bewährung? Vielleicht empfinden wir es so. Aus Moses Begegnung klingt nach, was Gott aus der Wolke auch von sich sagt: „Ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!“
Nein, in Gottes Gnade bequem machen kann man sich‘s nicht. Es ist nicht egal, wie ich vor Gott mit mir und Anderen umgehe. Wie ich als Mensch lebe, das hat Folgen. Es hat schlimme Folgen, dass wir die Erde verbrauchen und Waffen ihre Sprache sprechen. Gestraft ist noch die dritte und vierte Generation nach uns von dem, was wir zerstören.
Wie viel weiter als die Folgen unseres Handelns jedoch reicht Gottes Güte, „der da Tausenden Gnade bewahrt“! Wie staunenswert weit ist Gottes Bund um Israel gefasst, wie weit Christi Bund um uns mit unseren Kindern und aller Welt Kinder! Bis ans Ende der Zeiten reichen sein Beistand und sein Mitgehen „in der Mitte des Volkes“! Alle Tage bis an der Welt Ende, sagt Christus zu, bei uns zu sein! Bei jeder Taufe werden die Kinder, die Eltern, die Paten, wir alle darin gewiss: Wir gehören Gott, sind sein Erbbesitz. Und ausdrücklich das Kind, das heute da ist, Samuel. Amen.

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