19. Sonntag nach Trinitatis (07. Oktober 2018)

Autorin / Autor: Prälat i. R. Paul Dieterich, Weilheim a. d. Teck [Paul.Dieterich@t-online.de]

Jakobus 5, 13 -16

Liebe Schwestern und Brüder!
Beten. Beten wir überhaupt? Oder haben wir uns das abgewöhnt? Weil es nicht geklappt hat? Ich habe einmal heiß gebetet. Aber meine Bitte wurde nicht erfüllt. Ich meine jetzt nicht das egoistische Gebet des Jugendlichen, dass ich bei irgendwelchen Sportwettkämpfen gewinne und nachher ganz oben als Sieger dastehe. Es gibt in jedem Leben tiefe Enttäuschungen: dass jemand, den wir gern hatten, sehr krank war und dass wir in aller Stille darum gebetet haben, er möchte nicht sterben. Und doch ist er gestorben. Wer kennt solche Enttäuschungen nicht?
Und dann die spöttische Bemerkung: Hat der große Gott, wenn es ihn gibt, nicht genug anderes zu tun, als dir deine Wünsche zu erfüllen? Was für eine naive Vorstellung von Gott hast du? Und wie lächerlich ist deine Selbstüberschätzung: Wer bist du, dass deine Wünsche eine Rolle spielen sollen?
Und überhaupt, ist dieses Beten um Gesundheit nicht etwas für Fromme, die ein bisschen einfältig sind? Ist das einem halbwegs aufgeklärten Menschen angemessen?
Und dann das „moralische“ Argument: Was soll diese nutzlose Beterei? Tu lieber etwas gegen die Übel, die du beklagst. Ist dein Beten nicht die frömmelnde Art, in der sich der Träge aus der Verantwortung stiehlt, statt selbst etwas Tapferes zu tun? Du schiebst Gott die Verantwortung zu, statt sie selbst zu tragen. Deine Beterei ist ganz schön bequem. Lieber eine klei-ne tapfere Tat als ein Schwall von Gebeten.
So gibt es viele Argumente, die uns daran hindern, wirklich und sogar aus-dauernd zu beten. „Argumente“, durch die unser „Gebetsleben“, wenn da-von überhaupt die Rede sein kann, rudimentär, kümmerlich wird. Hier und da ein kleiner Seufzer: „Sieh dir das an, lieber Gott.“ Und schon werfen wir wieder die Flinte ins Korn und denken: Verlorene Zeit! Tu lieber was Rechtes.
Oder wir haben irgendwann doch immer wieder gelernt, dass das, was in der Seele eines Menschen vor sich geht, leibliche Folgen hat. Nicht nur wenn er in seiner Angst schnell aufs Klo muss. Dass mir z.B. mein Bein zum Schreien weh tat in den Wochen, in denen eine große schwere Aufgabe auf mir lag. Und dass ich jetzt, wo ich das Alles geschafft habe, rein gar nichts mehr spüre.
Was wünschen wir dann einem von Krankheit Geplagten? „Kraft und Mut“. Die Kraft, das Kränkende durchzustehen. Und den Mut, trotzdem zuversichtlich nach vorne zu gehen. Schön, wenn wir das füreinander erbitten.

„Der Gerechten Gebet vermag viel …“Aber die Christen, mit denen Jakobus zu tun hat, bitten Gott ganz einfach um Heilung. Ja, sie haben in ihrer Gemeinde offenbar ein paar Leute, die einer zu sich ruft, wenn er krank ist. „Gerechte“ nennen sie die. Natürlich sind das nicht Selbstgerechte, die daherkommen, als seien sie eine höhere Weihe Mensch. Es sind ganz unauffällige Leute, die so leben, dass andere Zutrauen zu ihnen haben.
„Der Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist“, meint Jakobus. Und er würde das nicht so schreiben, wenn er nicht wüsste, dass andere das auch schon gemerkt haben.
Sogar ein gewisser Ritus hat sich bei ihnen eingebürgert: Wenn „die Ältesten“ kommen, um für einen Kranken und mit ihm zu beten, dann salben sie ihn sogar. Natürlich ist das für sie kein magischer Hokuspokus. Vielmehr denken sie dabei daran, dass Christus der Gesalbte heißt. Sie verdeutlichen mit dieser Salbung, dass der Kranke ganz nah bei Jesus ist. Oder, besser gesagt: dass Christus ganz nah bei ihm ist. Das ist ein schöner Brauch. Freilich geht das nur bei Menschen, die sich geradezu familiär vertraut sind.

Beten und BekennenUnd noch etwas kommt bei diesen Besuchen immer wieder vor: Einer be-kennt dem andern das, was er ganz falsch gemacht hat, so falsch, dass es ihn nach Jahrzehnten noch umtreibt. Was er anderen schuldig geblieben ist. Das ist ja bei uns allen nicht wenig. Das drückt uns oft schwer, es kann uns durchaus krank machen. „Da ich es wollte verschweigen, verschmachteten in mir meine Gebeine“, sagt einer im Psalm 32. Wenn dann einer den anderen daran erinnert, dass wir alle von der Vergebung der Sünden leben, dann ist das bei weitem die beste Medizin, die „aufrichtet“ und gesund macht.
Das heißt nun überhaupt nicht, diese Leute gingen davon aus, dass, wer krank wird, dass der eine besondere Sünde getan hätte. Das sei nun die Strafe. Und sie müssten den Sünder nun ein wenig stupfen, damit er bekennt, was er gesündigt hat. Nein, solche Folgerungen sind unsinnig. Aber: Wenn vertrauenswürdige Menschen da sind, denen man sagen kann, was man falsch gemacht hat und was man anderen schuldig blieb, das tut wohl. Das hilft zu der guten Atmosphäre, in der einer gesund werden kann.

Gott ist und bleibt der HerrKann. Nicht muss. Gott ist und bleibt der Herr. Die Entscheidung, ob er einem Menschen die Last seiner Krankheit abnimmt oder ob er noch diese Last auf ihm lässt, die lässt er sich auch von „Gerechten“ nicht abnehmen. Jede Bitte um Heilung sollte darum mit dem Gebet beginnen: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ Aber wenn wir das wirklich so meinen, dann können wir wie ein Kind mit dem Vater oder der Mutter reden: „Du könntest doch. Wie wäre es, wenn…“
Ganz fern ist hier der Gedanke, diese „Gerechten“, deren Gebet viel vermag, seien Leute, die meinen, sie hätten die Gabe gesund zu machen für sich gepachtet. Sie könnten das. Sie seien „Gebetsheiler“, ihre Art zu salben sei eine Heilpraxis, mit der sie jemanden gesundmachen könnten. Ganz fern ist ihnen der Gedanke, sie könnten eine „Gebetsheilanstalt“ aufmachen. Als einst bei Christoph Blumhardt einer Bad Boll eine „Gebetsheilanstalt“ nannte, da hat er sich wie von der Tarantel gestochen auf dem Absatz umgedreht und wurde grob. Und als vor einiger Zeit einer auf den glorreichen Gedanken kam, das Bad Boll der Blumhardts ein evangelisches Lourdes in Württemberg zu nennen, da haben ihm doch einige heftig widersprochen, so dass er seinen originellen Ausdruck wieder in der Mottenkiste der Werbeslogans verschwinden ließ. Die Gemeinde des Jakobus wurde nicht zum frühchristlichen Lourdes.

Mit den Kranken leben und für sie betenDie Christen in dem Umkreis von Jakobus haben aber ihre Kranken nicht im Stich gelassen. Wenn sie krank waren, dann haben sie umso intensiver mit ihnen gelebt und mit ihnen und für sie gebetet.
Was denken Sie, wenn Sie das hören? „Eia, wärn wir da?“ Bei uns ist das alles so eben nicht möglich. Wir sind eben anders?
Ja, wir sind anders. Aber wer sagt denn, dass wir so bleiben müssen? Wer sagt denn, dass wir für Christus aussichtslose Fälle sind? Er kann und er will sogar bei uns vieles verändern. Und er tut es. Lassen wir es geschehen? Sogar, wenn wir selbst ziemlich anders werden?
Amen.

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