2. Advent (06. Dezember 2015)

Autorin / Autor: Pfarrerin Susanne Joos, Stuttgart [Susanne.Joos@elkw.de]

Jakobus 5, 7 -8

Hemden vor dem AltarSeptember 2015. In der Kapelle staut sich die Hitze, die bunten Fenster lassen sich nicht öffnen. Die Kirchenbänke sind kaum mehr sichtbar unter Bergen von Hosen, Pullovern, T-Shirts und Wintermänteln.
Vor dem Altar sortieren zwei junge Frauen: Hier ein Stapel mit Blusen. Daneben Hemden. Langärmlige zuerst, weiter hinten Kurzärmlige.
Auf dem Geländer an der Wand, an dem sich die früheren Bewohner des Altenheims festgehalten hatten, wenn sie zum Gottesdienst kamen, lehnen jetzt Kuscheltiere in allen Farben.

Vor ein paar Tagen sind in dem gerade leer stehenden Gebäude Flüchtlinge untergebracht worden.
Über Facebook haben sich Freiwillige gefunden, die sich um die Kleiderspenden kümmern.
Die Tür zum Foyer geht auf. Eine Sozialarbeiterin schaut herein. Jetzt ist ein Arzt da!, sagt sie. Wir brauchen Dolmetscher. Arabisch und Farsi. Kann jemand helfen?
Ein älterer Mann, der gerade Schuhe sortiert, meldet sich: Ich bin vor zwanzig Jahren aus dem Nordirak gekommen, ich bin Kurde, arabisch spreche ich auch.
Eine junge Frau mit kurzen Haaren winkt: Meine Mutter spricht Persisch. Ich kann mich einigermaßen verständlich machen.
Zusammen mit der Sozialarbeiterin verlassen die beiden Freiwilligen die Kapelle.

Was kommt da auf uns zu?Im September waren es schon viele, jetzt im Advent sind es noch weit mehr: Menschen, die Krieg und Gewalt und Aussichtslosigkeit nicht mehr ertragen. Sie kommen, um Schutz zu finden und Zukunft.
Sie verändern unser Land, sie verändern Europa.
Anfangs war da viel Elan und Bereitschaft zu helfen, jetzt gibt es dies alles noch immer, aber auch Erschöpfung. Sorge, Angst, bei manchen macht sich abgrundtiefer Hass Luft.
Was kommt da auf uns zu?

Niemand kann vorhersagen, wie das alles werden wird. Keiner weiß, wie unsere Gesellschaft sich entwickeln wird. Welche von all den Entscheidungen, die jetzt getroffen werden, sich später als gut erweisen werden. Und doch muss entschieden und gehandelt werden, im Kleinen wie im Großen.
Sich heraushalten geht nicht mehr, wie wir es vielleicht lange geglaubt haben. Weit weg von den Krisenherden, als Nutznießer der alten ungerechten Ordnung.
Advent 2015: Was kommt da auf uns zu?So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn!
So bleibt gelassen, liebe Schwestern, das Kommen des Herrn ist nahe.

Frühregen und SpätregenDer Wind ist frisch geworden. Jetzt riecht man das Meer in den Gassen von Alexandria. Jakobus geht zügig in die Richtung seines Viertels. Er will nach Hause und den Brief zu Ende schreiben. Seit Wochen formuliert er immer wieder an einem Rundbrief an die christlichen Gemeinden, die aus den jüdischen Gemeinden heraus entstanden sind.
Er sucht noch nach den richtigen Worten für den Schluss.
Worauf kommt es letztlich an?

Jakobus denkt an seine Reisen in den vergangenen Jahren. Viel Armut ist ihm in den Gemeinden begegnet. Die Reichen erscheinen ihm selbstzufrieden und gleichgültig.
An einem gerechten Ausgleich haben sie wenig Interesse.
Die erste Begeisterung über das Evangelium hat sich längst gelegt, man hat sich eingerichtet. Erwartet vielleicht auch nicht mehr viel.

Die Leute haben den Paulus gut verstanden: Der Mensch ist gerecht vor Gott allein durch den Glauben. Nicht durch Leistung.
Doch darüber haben einige die Gebote vergessen. Glauben ohne entsprechendes Handeln aber hat keinen Wert, davon ist Jakobus überzeugt.
Über all dies hat er bereits in seinem Brief geschrieben, hat ermahnt, zurechtgewiesen, getröstet.
Hat geworben für die Weisheit Gottes, die Früchte tragen soll in den Gemeinden.

Ob es ankommt, was ihm wichtig ist? Ob es die aufrüttelt, denen es gut geht, ob es denen hilft, die jetzt leiden und verzweifelt sind?
Jakobus tritt durch das Tor seines Hauses, überquert den Hof und steigt die steinerne Treppe hinauf zu seinem Gemach. Als er aus dem Fenster schaut, sieht er unten im Hof den Pflug seines Nachbarn stehen.
Er denkt daran, wie oft der Nachbar auf sein Feld hinaus gezogen ist, um zu arbeiten. Wie er jetzt auf die Ernte wartet.

Auf einmal spürt Jakobus, wie Gelassenheit sich in ihm ausbreitet.
Den Regen, der die Saat keimen lässt, den Regen, der die Frucht vollends zur Reife bringt, den kann keiner herbeizwingen. Sorgfältig seine Arbeit tun, das geht. Dass sie Früchte bringt, das ist ein Geschenk, das man nur empfangen kann.
Niemand kann irgendetwas anbauen oder anpacken ohne das Gottvertrauen, dass ihm das in die Hände und aufs Feld oder ins Herz fällt, was er nicht selber machen kann.

Eine Weile noch steht Jakobus am Fenster und genießt die Augenblicke der Ruhe.
Dann setzt er sich, greift zu seiner Feder und schreibt beherzt seinen Brief weiter.

„So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.“

Die Herzen stärkenLiebe Gemeinde, wie viele Umbrüche hat die Menschheit seit biblischen Zeiten erlebt! Die Erwartung des Paulus, dass Jesus noch zu seinen Lebzeiten wiederkommt, war schon bald enttäuscht worden. Sie ist immer mehr – wie schon bei Jakobus – einer Nüchternheit gewichen. Einer Nüchternheit, die sich einstellt darauf, dass die Geschichte weitergeht.
Die Welt verändert sich, neue Herausforderungen warten.
Was kommt noch alles auf uns zu!

Und dennoch hören wir: Es ist der Herr, der kommt!
Auch im Advent 2015 hören und glauben und bekennen wir: Das Kommen des Herrn ist nahe.
Inmitten aller Unsicherheiten und Ängste werden wir daran erinnert:
Der barmherzig ist und gnädig, geduldig und von großer Güte, der kommt auf uns zu.

Wie es ausgeht, braucht nicht unsere Sorge zu sein.
Schwarzmalerei und Katastrophendenken sind nicht christlich.
Ebenso wenig wie Schönfärberei und illusionäres Wunschdenken.
Christlich ist die Geduld, die sich darauf verlässt, dass die Früchte sich einstellen werden, wenn der Himmel es will.
Christlich sind Geduld und Ausdauer, bei dem zu bleiben, was uns geboten und aufgetragen ist.

Wer einen langen Atem behalten will, tut gut daran, sein Herz zu stärken.
Was stärkt die Herzen?
Sich bewegen. Lachen.
Sich Schweres von der Seele reden.
Ab und an kräftig durchatmen. Miteinander beten und feiern.
Zu den eigenen Grenzen stehen und über sich hinauswachsen.

Es ist der Herr, der auf uns zukommt.
Dann, wenn Lebensmut aufflammt.
Wenn nicht nur Hemden geteilt werden und Sprachkenntnisse und Turnhallen und Waldheime, sondern auch Büros und Arztpraxen, Kenntnisse und Fragen und Hoffnungen.
Es ist der Herr, der auf uns zukommt,
in einer überraschenden Wendung
auch in dem, was uns stört und irritiert.

Advent 2015.

„Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.“
Amen.

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