2. Sonntag nach Weihnachten (03. Januar 2016)

Autorin / Autor: Kirchenrätin Ursula Pelkner, Stuttgart [Ursula.Pelkner@elk-wue.de]

1. Johannes 5, 11 -13

Liebe Gemeinde!
Gerade noch lag das Kind in der Krippe, schon predigt der 12jährige Jesus im Tempel (vgl. Schriftlesung); gerade noch steckten wir mitten in den Weihnachtsvorbereitungen, schon ist das neue Jahr angebrochen; gerade noch legte das Kind seine kleine Hand vertrauensvoll in meine, schon drückt mir das große Kind einen Kuss auf die Wange und geht für ein Jahr ins Ausland; gerade noch... Und jetzt? – Was bleibt? fragen wir uns, wenn wir das Gefühl haben, alles entgleitet uns, wenn Veränderungen anstehen, die wir nicht selbst gestalten können. Was bleibt? fragen wir uns insbesondere beim Jahreswechsel.

War es ein rasches Jahr für Sie, liebe Gemeinde? Eines, das nur so dahin galoppierte, wo man gar nicht stehenbleiben und innehalten konnte? War es ein leichtes Jahr, das mit seinen kleinen Freuden und Ärgernissen im Gewohnten dahinglitt? Oder war es ein schweres Jahr für Sie, wo die anstrengenden und leidvollen Tage sich zäh erstreckten und nicht vorübergehen wollten? Manchmal sind wir froh, dass das Jahr um ist, manchmal sind wir erschrocken, dass es schon wieder soweit ist. Der heutige Predigttext setzt dieser Zeitlichkeit, mit der wir so sehr ringen, etwas ganz anderes entgegen. Er spricht vom ewigen Leben:

„Und das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn.
Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.
Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.“

Zweifelsohne sind das zentrale Glaubenssätze. Aber sie kommen ein wenig schroff und karg daher. Wer glaubt, der hat; wer nicht glaubt, der hat nicht. Steil ragen diese Sätze auf, wie ein Gebirge. Meine Eltern haben mir vor ein paar Jahren eine Karte von den Drei Zinnen in Südtirol geschickt. Meine Mutter hatte ein kleines Kreuz auf die Postkarte gemacht: zu Füßen der steil aufragenden Bergspitzen: Bis hierher sind wir gewandert, schrieb sie. Dass der Weg dort endete, war klar. Die Drei Zinnen erklimmen? Ausgeschlossen, nicht nur für ältere Menschen. Nur trainierte Superkletterer mit guter Ausrüstung könnten sich daran wagen. So kommen mir diese drei Sätze aus der Bibel beim ersten Lesen auch vor. Schroff ragen sie vor einem auf. Nichts für mich, möchte man sagen. Haben wir es heute mit einem Bibeltext für christliche Superkletterer zu tun? Nichts für uns?

„Mama, wie ist das mit dem ewigen Leben? Ich kann mir das gar nicht vorstellen, dass es gar nie aufhört.“ Für meinen Sohn war das ewige Leben eine unheimliche Vorstellung. Ich war überrascht. Ich hatte es immer als tröstlich empfunden zu wissen, dass es da etwas gibt, das nicht unseren zeitlichen Gesetzen vom Werden und Vergehen gehorchen muss, etwas, das nicht vom Tod ganz klar und knallhart begrenzt ist. Andererseits: Klar ist es unheimlich, sich vorzustellen, dass etwas kein Ende hat. Klar übersteigt das unsere Vorstellungskraft, weil wir nichts anderes kennen als dass alles irgendwann aufhört. Und manchmal fürchten oder bedauern wir das Ende, manchmal sehnen wir es aber auch herbei. Wer will schon ewig leben? Die Vorstellung, dass alles immer so weitergeht, sie ist wirklich gruselig!

Liebe Gemeinde, ich glaube aber, davon spricht der erste Johannesbrief nicht. Gegen Ende des Briefes möchte der Verfasser doch seine Gemeinde, die ihm am Herzen liegt, nicht beunruhigen. Im Gegenteil, er möchte sie aufrichten und ermutigen, den begonnenen Weg als Christinnen und Christen fortzusetzen. Er möchte ihnen etwas Stärkendes und Tröstliches mitgeben: „Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr an Christus glaubt.“ Das ewige Leben ist nicht gleichbedeutend mit Leben ohne Ende. Ewig ist nicht endlos! Ewig ist überhaupt nicht zeitlich, ewig ist göttlich!

Was heißt das? Wir nehmen die drei Zinnen in Angriff, liebe Gemeinde. Aber wir gehen außen herum und suchen einen gangbaren Weg. Außerdem brauchen wir Hilfsmittel: die Kunst, ein Lied, und die Erfahrung.

Die KunstLiebe Gemeinde, wenn Sie zufällig einmal in der Weihnachtszeit in Blaubeuren sind, dann sollten Sie sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, die Klosterkirche zu besuchen und dort insbesondere den gotischen Hochaltar zu betrachten. Im Feiertagszustand, wenn die Bildtafeln des Altars ganz geöffnet sind, sieht man auf dem linken Altarflügel eine eindrucksvolle Darstellung der Geburt Christi. Ein schroffer Fels, das sog Klötzle Blei, Wahrzeichen Blaubeurens, an dessen Fuß Hirten Schafe hüten, und die ummauerte Stadt Blaubeuren selbst bilden die Hintergrundkulisse.

Im Vordergrund spielt sich das Weihnachtsgeschehen in einem verfallenen, ruinenartigen Stall ab. Sein Dach ist beschädigt. Seine Mauern sind durchlöchert. Auf einem Tuch am Boden liegt das Jesuskind; Maria und Joseph knien anbetend davor. Durch das offene Seitenportal treten erwartungsvoll die Hirten.

Der Künstler hat die Altartafeln in einen Goldrahmen gefasst und die ganze Szenerie auf Goldgrund gemalt. Gold, das ist für die alten Meister die Farbe der Ewigkeit. Gold ist die Farbe der ewigen himmlischen Welt Gottes, die sich nicht irgendwo in unermesslichen Entfernungen befindet, sondern die sich ganz dicht hinter den vordergründigen Realitäten unserer Welt ausbreitet.

Will sagen: Es kommt auf unser Schauen an, ob wir nur den hässlichen, zerfallenden Stall sehen oder auch den göttlichen Glanz; ob wir im übertragenen Sinn nur Verfall, Scheitern und Schuld sehen oder auch Vergebung, Liebe und Hilfe. Das Ewige, Göttliche ist immer schon da, es tritt nicht erst am Ende der Tage auf den Plan. Es ist eher wie ein Raum, der sich hinter unserer Realität verbirgt, in den wir immer wieder einmal hineingehen dürfen, den wir aber auch immer wieder verlassen müssen, weil wir ja noch in diesem Leben verhaftet sind.

Ein LiedEwig ist nicht endlos. Ewig ist nicht zeitlich. Ewig ist göttlich. Das zweite Hilfsmittel, um das ewige Leben zu verstehen, ist ein Lied.

„Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben.“ Paul Gerhardt hat den Text dieses wunderbaren Weihnachtsliedes verfasst. Auch er malt quasi ein Bild. Mit Worten malt er uns ein Andachtsbild vor Augen. Andächtig stehe ich vor diesem Bild und betrachte das Weihnachtsgeschehen, das Wunder der Menschwerdung Gottes. Dabei soll und kann ich gar nicht außen vor bleiben, soll und kann gar nicht die distanzierte Museumsbesucherin sein, sondern ich werde hineingezogen, werde Teil des Geschehenes. Ich stehe bei Maria und Josef oder bei den Hirten oder von mir aus auch bei Ochs und Esel an der Krippe und werfe einen Blick hinein.

Und ich sehe nicht nur das kleine Kind, sondern auch mein Leben: „O Jesu, du mein Leben“. Was ich besinge, wenn ich dieses Lied singe, ist keine alte Geschichte, es ist meine Geschichte: „O Jesu, du mein Leben“. Gott wird Mensch, und damit wird auch mein Leben von Gott umfangen. Und die ganze Liebe, die von Gott seinem Sohn zufließt, die fließt auch mir zu, auch wenn ich kein unschuldiges Kind mehr bin; mir, mit allen meinen guten und meinen schlechten Seiten; mir, mit den raschen und leichten Tagen und mit den zähen und schweren Zeiten, die ich erlebt habe; mir, mit aller Unordnung, die ich in meinem Leben zurückgelassen habe.

„Gott ist die Liebe“, das ist ein ganz zentraler Satz im ersten Johannesbrief, und der taucht auch den heutigen Predigttext in ein ganz bestimmtes Licht. „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Die Liebe ist die Brücke zwischen Gott und den Menschen.
Wir sehen und spüren diese Brücke ganz besonders an Weihnachten, wenn wir mit an der Krippe stehen. Da ist es, liebe Gemeinde, das ewige Leben. Es tritt ganz plötzlich in mein Leben, in diesem andächtigen Augenblick an der Krippe. Aber nicht nur da.

Die ErfahrungKrippenerfahrungen machen wir, glaube ich, immer wieder. Es ist so, wie Marie Luise Kaschnitz die Erfahrung der Auferstehung beschreibt: „Manchmal stehen wir auf, stehen wir zur Auferstehung auf, mitten am Tage, mit unserem lebendigen Haar, mit unserer atmenden Haut.“

Wir könnten es auch so ausdrücken: „Manchmal stehen wir an der Krippe mitten am Tage, mitten in unserer Geschäftigkeit rührt uns etwas in der Tiefe unserer Seele an. Mitten in unseren Kummer kommt auf einmal ein Trost, wie angeflogen. Mitten in unserer Ängstlichkeit kommt uns plötzlich eine Zuversicht zu. Mitten in die Gleichförmigkeit unserer Tage kommt auf einmal eine Fröhlichkeit. Mitten in unsere Selbstzweifel hinein kommt die Gewissheit, dass wir geliebt und wertvoll sind.

Mitten in einer schlimmen Zeit bekam ich eine Postkarte von einer Freundin: einfarbig dunkelrot mit einer kleinen gezeichneten Krone und der Aufschrift: aufstehen, Krone richten, weitermachen. Diese Karte hat mich sehr erfreut und wirklich aufgerichtet. Denn sie sagt doch: Du hast eine Krone, sie ist vielleicht aufgrund deiner Erlebnisse ein bisschen verrutscht, aber sie wurde dir nicht genommen. Du hast deinen Wert und deine Würde, und jetzt steh auf und zeig dich! Dass ich Gottes geliebtes Kind bin, dass ich meinen Wert und meine Würde von Gott bekomme, ist die Grundlage meines Lebens. Goldglanz von der Krippe her.

Hören wir vor diesem Hintergrund noch einmal den letzten Satz des Predigttextes: „Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr an Christus glaubt.“ Das ewige Leben, wir haben es schon jetzt, Fröhlichkeit und Zuversicht, Trost und Gewissheit, gelegentlich, bruchstückhaft. Immer wieder fällt der Goldglanz von der Krippe her auf unser Leben, und wir bekommen eine Ahnung von dem, auf das wir zugehen: ewiges Leben in Fülle, Gottes Liebe ganz. Amen.




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