2. Sonntag nach Epiphanias (11. Januar 2026)

Autorin / Autor:
Pfarrerin Judith Markgraf, Stuttgart [Judith.Markgraf@elkw.de]

Matthäus 3,13–17

Intention
Für Menschen ist es ein zentrales Bedürfnis, geliebt zu werden. Jesus bekommt in der Taufe Gottes Wohlwollen zugesprochen. Mit seinem ganzen Leben gibt er Gottes Liebe und Gerechtigkeit weiter. Auch über dem Jahr 2026 und über der neuen Amtszeit des Kirchengemeinderats steht der Zuspruch Gottes.

Liebe Gemeinde,
Menschen brauchen Zuspruch. So habe ich es auch in der Grundschule erlebt, in der ich unterrichtet habe. Als die Viertklässler auf der Schwelle zum Übertritt in die neue Schule stehen, kommen ihnen von oben Papierflieger mit stärkenden Sätzen der Schulgemeinschaft zugeflogen. Botschaft: Keine Sorge, ihr schafft das!
Auch Jesus erreicht eine Botschaft von oben, als sein Wirken beginnt, allerdings als Taube.

Predigttext
Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm zu.
Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. (Mt 3,13–17)

Du bist mein liebes Kind!
So wie du bist, bist du gewollt! Wie viele Kinder, Töchter und Söhne, sehnen sich nach diesem Satz. Doch oft bleibt diese Liebeserklärung aus – hinterlässt einen lebenslang bohrenden Schmerz und tiefe Zweifel. Es ist grundlegend zu spüren, ich bin gewollt.

Gewollt oder nicht gewollt?
Nicht alle Menschen fühlen sich anerkannt. Manchen Menschen wird ihr Wert abgesprochen.
Mit Schrecken muss ich an Bethel denken. Ich berichte gerne als Pfarrerin über die heutige diakonische Arbeit in den Bodelschwinghschen Stiftungen in Bielefeld. Es hat für mich als Theologiestudentin in Bethel aber auch dazugehört, sich mit der Anstaltsgeschichte zur Zeit des Nationalsozialismus zu beschäftigen. Damals war die Frage „Ist ein Leben wertvoll?“ lebensentscheidend für Kranke, Menschen mit einer Behinderung oder einer psychischen Beeinträchtigung.
In Bethel kam es zu Zwangssterilisationen. Ab Frühjahr 1940 wusste man in Bethel Bescheid von der sogenannten „Aktion T4“. Mit Meldebögen sollten die Patientinnen und Patienten kategorisiert werden. Bethel füllte die Meldebögen nicht aus. Deshalb untersuchte im Februar 1941 eine staatliche Ärztekommission alle Patienten und Patientinnen. Im Vorfeld des Besuchs der „T4-Ärztekommission“ haben Anstaltsärzte Menschen vorkategorisiert. Es wurde mit Toten gerechnet. Dazu kam es nicht. Im August 1941 wurde die „Aktion T4“ offiziell eingestellt. Es wurden aber Menschen aus kirchlichen Heilanstalten in staatliche Einrichtungen verlegt, auch aus Bethel. Und sieben Menschen jüdischen Glaubens wurden im Rahmen einer Sonderaktion der „Aktion T4“ aus Bethel verlegt und ermordet.
Eine bleibende Mahnung, sich immer wieder anzuschauen, wie Gott Liebe meint. Ich behalte das im Kopf ebenso wie die schönen Begegnungen in Bethel während meines Diakoniepraktikums.

Solidarität mit den Schwachen
Um Gottes Liebe auf die Spur zu kommen, schauen wir uns das Geschehen am Jordan genauer an.
Johannes der Täufer staunt: Was macht Jesus da? Jesus reiht sich in die Warteschlange am Fluss ein. Einige Sünderinnen und Sünder in der Schlange empfanden sich bestimmt als nicht liebenswert. Sie sind zu Johannes gekommen. Aber statt einer strengen Umkehrpredigt des Täufers lauschen sie der Anrede Jesu aus buchstäblich heiterem Himmel: „Du bist das Kind meines Wohlgefallens.“ Von Himmel fällt nicht Zorn, sondern der barmherzige Blick des Ewigen herab. Gottes liebevolle Herrschaft beginnt.

Christus macht von Anfang an gemeinsame Sache mit den Menschen, mit ihren Fehlern und mit ihrer Angst. Er stellt sich in die Reihe derer, die Lasten und Lebensabgründe tragen.
Auf seinem späteren Weg erleidet auch Jesus ungerechten Spott, grausamste Gewalt, enttäuschte Freundschaft sowie das Gefühl, allein gelassen zu werden.
Jesus unterstreicht mit seinem Leben: Ich stehe euch zur Seite. Ich bekomme euer Schicksal mit. Ich teile es. Ich bin nicht ein mächtiger Herrscher, sondern ein Dienender.
Jesus wendet sich insbesondere denen solidarisch zu, die nicht zu den Tollen, den Machthabern, den Checkern gehören. Gottes Liebesprojekt gilt den Verlorenen, die heute auch Verlierer beziehungsweise Loser genannt werden. Gott sieht auch jene, die jemand Wichtiges verloren haben, bisher der Liebe entbehrten oder den Kurs im Leben aus den Augen verloren haben.
Nach seiner Taufe gibt Jesus Gottes Liebe energisch weiter in seinen Predigten und in seinen Taten.
Jesus zeigt uns: Gott verzeiht. Fang immer wieder neu an. Es ist wohltuend, Gott zu spüren. Neues Leben lockt! Jesus hat Menschen wieder glauben lassen: Gott sieht, was ich bin und kann. Ich habe auch als Kleine und Kleiner Einfluss in dieser Welt.
Jesus hat ein feines Gespür: Niedergedrückt und mit Schwächen hadernd, wagt keiner die Zukunft anzupacken. Nur Ermutigte schauen alte Fehler ehrlich an. Gottes Botschaft erleichtert: Du bist mein geliebtes Kind!

Erfüllung aller Gerechtigkeit als bedingungslose Liebe
Jesu Reden und Handeln wird bereits am Jordan zusammengefasst mit: „Erfüllung aller Gerechtigkeit“. Was meint Jesus mit diesem seinem Lebensprojekt?
Schon in der Antike gilt Gerechtigkeit als Basis gelingender Gemeinschaft. Der soziale Friede wird durch menschengemachte Gesetzgebung und Rechtsprechung sowie durch Pflichten und Verantwortungsübernahme gestärkt.
Auch heute wissen wir aus dem Beispiel aus Bethel, aber auch aus der oft ernüchternden Gegenwart, dass Rechte von Menschen mit Füßen getreten werden. Eine demokratische Rechtsordnung mit Gleichstellung und Grundrechten für alle Menschen braucht unsere Anstrengung.
Auch Religionsunterricht dient der Demokratieerziehung. Er lehrt Teilhabe und Respekt vor der Menschenwürde des Mitgeschöpfs. Manchmal bewegt sich was im Kopf. Bei der Besprechung der Geschichte von der Heilung des Gelähmten fragte ein Schüler: „Warum soll ich mich für einen Menschen mit Behinderung interessieren?“ Kommentar eines Mitschülers: „Weil du kein asoziales Schwein bist!“

Machen wir uns das auch am Anfang des Jahres 2026 klar: Jesus geht es nicht nur darum, Chancengleichheit zu gewähren oder lebensnotwendige Güter gerechter zu verteilen. Für Jesus meint Gerechtigkeit auch: Für Gott bist du richtig, als Geschöpf geachtet. Gott gibt dir eine Würde, die dir niemand wegnehmen kann.
Mir ist wichtig: Gott schenkt seine Liebe bedingungslos. Jesus hat vor der Taufe weder öffentlich gepredigt noch ein Wunder getan, sondern zuerst hört und erfährt er Gottes Liebe.
Auch Jesus knüpft Liebe nicht an Bedingungen: Seine Jüngerinnen und Jüngern mussten keine Bewährungsprobe vor ihrer Berufung bestehen. Jesus macht sie einfach zu seinen Wegbegleitern. Motto: Du kannst das. Auch du bist Gottes geliebtes Kind! Auch an dir hat Gott Wohlgefallen! Gemeinsam schenkt uns Gott sein Reich.

Zuspruch von oben
Der gütige Weg Jesu, der mit seiner Taufe beginnt, stellt uns Gottes sanftmütiges Wohlwollen für alle vor Augen.
Daher fangen wir auch heute mit Gottes sanftmütigem Wohlwollen an: Gott steht dir zur Seite. Du bist Gott wichtig. Gott liebt sein Geschöpf. Sätze wie dieser haben zentrale Bedeutung für unser Handeln.
Wir führen heute die neu oder wiedergewählten Kirchengemeinderäte und Kirchengemeinderätinnen ein. Wir schauen als Kirchengemeinderatsgremium: Wo erleben wir Gottes Liebe in der Gemeinde? Wann lachen, weinen oder feiern wir gemeinsam? Wo können sich Menschen mit all ihrer Verletzlichkeit begegnen? Wo denken wir über Gott und die Welt nach?
Die bisherigen Mitglieder des Kirchengemeinderats bekommen heute einen bunten Regenbogenschirm geschenkt. Der Regenbogenschirm symbolisiert: Gott liebt uns als sein Geschöpf so wie wir sind, egal wem unsere Partnerinnen- und Partnerliebe gilt, egal, woher wir kommen, welche Religion wir haben, wie es um unsere Bildung steht oder wie es uns körperlich und seelisch geht.

Unsere Aufgaben
Als ganze Gemeinde fragen wir: Wie sind wir in all unserer Unterschiedlichkeit füreinander da? Wie unterstützen wir Menschen, die ein tröstendes Wort brauchen? Wie loben wir als Gemeinde Gottes Güte?
Auch in der Heiligen Taufe geht es um Gottes Ja zu uns. In der Taufe feiern wir den Getauften als neuen Menschen, als ein geliebtes Kind Gottes.
Nach ihrer Taufe leben Menschen nicht fehlerfrei. Aber Gottes Geist inspiriert und begleitet Getaufte. Er schiebt Getaufte bei ihrem Tun und Lassen tüchtig an.
Das große Ja Gottes zu uns trägt und umgibt uns in allen Aufgaben, die jede und jeder im Jahr 2026 vor sich hat. Als Gemeindeleitung, als Gemeinde und als Einzelperson wissen wir vorab nicht, welche Entscheidungen richtig sind. Darum bitten wir um Gottes Kreativität und Stärke, um Gottes Geistkraft.
Wenn wir dieses Jahr auf Versagen und Schwächen von uns oder von anderen stoßen, dann sind wir zu einem gnädigen Umgang miteinander eingeladen: Schau auf Christus, orientiere dich an Gottes Art zu verzeihen. Erinnere dich: Jesus wendet sich uns liebevoll zu.
Und damit wir uns gegen die Abwertung von Menschen wehren und eine liebevolle, diakonische Gemeinschaft im Sinne Jesu bilden, lassen wir uns heute Hilfe von oben zufliegen. Nicht, Papierflieger, keine Taube, sondern Gottes Wohlwollen. Amen.

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