2. Sonntag nach Epiphanias (18. Januar 2026)

Autorin / Autor:
Pfarrerin Christina Jeremias-Hofius, Oberndorf am Neckar [christina.jeremias-hofius@elkw.de]

Jeremia 14,1-9

Predigttext
14,1 Das ist das Wort des Herrn, das er Jeremia wegen der Dürre mitgeteilt hat:
2 Juda liegt traurig da, seine Tore sind verfallen.
Trauernd sind die Menschen zu Boden gesunken, Klagegeschrei steigt auf aus Jerusalem.
3 Die Reichen schicken ihre Diener, um Wasser zu holen. Sie gehen zu den Zisternen,
aber sie finden kein Wasser mehr.
Sie kehren mit leeren Krügen zurück.
Enttäuscht und betrübt verhüllen sie ihren Kopf.
4 Der Erdboden hat lauter Risse, weil es nicht geregnet hat.
Auch die Bauern sind betrübt und verhüllen ihren Kopf.
5 Selbst die Hirschkuh lässt ihr Junges im Stich.
Gleich nach der Geburt hat sie es verlassen, weil es nirgendwo mehr Gras gibt.
6 Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und hören sich an wie heulende Schakale.
Ihre Augen sind trüb geworden, denn weit und breit wächst kein Grün mehr.
7 Ach Herr, unsere Schuld klagt uns an, aber hilf uns doch um deines Namens willen!
Wir haben viel Schlimmes getan und uns so gegen dich gestellt.
8 Doch du bist die Hoffnung Israels, unser Retter in Zeiten der Not!
Warum interessieren wir dich dann nicht?
Unser Land scheint dir gleichgültig wie einem Fremden,
wie einem Wanderer, der nur eine Nacht bleibt.
9 Warum tust du so, als ob du nicht helfen kannst?
Warum bist du wie ein Held, der nicht retten kann?
Dabei bist du doch mitten unter uns, Herr, und wir tragen deinen Namen!
Lass uns doch nicht im Stich! (Jeremia 14,1-9)

Gott zeigt sich und bleibt doch verborgen
Da haben sie nichts zu trinken bei der Hochzeit zu Kana. Durstige Festgäste.
Zeig dich, sagt Mutter Maria. Von deiner mächtigen Seite!
Doch der Sohn weist sie brüsk ab: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Aber Mutter Maria kennt ihren Sohn. Und: Immerhin ist er ja da. „Hört auf ihn“, weist sie die Diener an.
„Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Und doch tut Jesus etwas. Wobei: Außer denen, die auf ihn hören, bekommt es keiner mit. So ganz nebenbei leuchtet etwas auf. Ein Strahl der Gotteserkenntnis, der Gnade. Und das Fest geht – mit einem upgrade sogar! – weiter.
Wer hat es mitbekommen? War Gott da? War er schon in der Wein-Not dabei?

Rudolf trauert. Alle um ihn feiern den Jahreswechsel. Er trauert immer noch. Seine Frau fehlt ihm so sehr. In den Jahresschluss-Gottesdienst konnte er noch nicht wieder gehen. Kurz vor Mitternacht schleicht er sich aus der Festgesellschaft weg. Er hält es nicht aus, allein unter Feiernden zu sein. Er verzieht sich in die kleine Kapelle im Ort. Kaum sitzt er da, geht die Tür auf. Eine Frau kommt herein. Mit großen Augen schaut er sie an: „Du?“
Er kennt sie schon lange. Sie war Lehrerin seiner Tochter. Am Rande hat er mitbekommen, dass sie vor kurzem Witwe geworden ist. Jetzt sitzen sie nebeneinander. Nicht länger allein. Nach einer Weile gehen sie raus. Miteinander. Zu den anderen Feiernden.

War Gott da? War er vorher da in der Einsamkeit und Trauer?

Abwesende Anwesenheit Gottes: Da. Und doch nicht da.
Oder anwesende Abwesenheit? Nicht spürbar, nicht erkennbar. Und doch da.

Da und doch nicht da: Wie Menschen heutzutage zusammen sind und doch nicht beieinander
Irgendwie ähnlich geschieht es heute, wenn Menschen zusammen sind.
Smartphone raus und ein Foto vom genialen Essen mit der Familie im Restaurant gemacht und in die Gruppe gepostet. Und die Gruppe für einen Moment an den Tisch geholt: Seht ihr? Obwohl die Gruppe im eigentlichen Sinn nicht da ist, bekommt sie es mit.
Da postet man weit weg ein Foto und kommt direkt bei den anderen an: Ich melde mich bei dir. Pling. Oder sonst ein Aufmerksamkeits- Weckgeräusch. Nicht da und doch da.
Oder auch umgekehrt: Da und nicht da. Während der eine sein Foto vom Essen postet, zieht er sich für einen Moment aus der Tischgemeinschaft heraus und ist bei seiner Gruppe. Und diese Anderen lassen sich vermutlich für einen Moment aus dem herausreißen, wo eigentlich gerade ihre Aufmerksamkeit liegt oder liegen sollte.
Abwesende Anwesenheit. Oder anwesende Abwesenheit. Nicht ganz da.

Bei Videokonferenzen geschieht Ähnliches. Von verschiedenen Orten aus trifft man sich. Sieht sich ins Gesicht, sieht die Mimik, manchmal auch die Gestik. Großeltern erleben weit entfernte Enkelkinder ganz nah. Sie lesen ihnen abends aus der Ferne vor.
Bei vielen Videokonferenzen geschieht auch anwesende Abwesenheit. Da passiert nebenher etwas, was die Aufmerksamkeit erfordert: Das Kind schreit. Aus den Augenwinkeln nimmt man wahr, dass eine Mail eingegangen ist. Nebenher wird noch etwas anderes erledigt. Jemand, der eigentlich in der Konferenz dabei ist, entzieht sich. Da und doch nicht ganz da.

Wie empfinden Sie das bei Gott? Reicht es Ihnen, so wie er da ist?
Verborgen beim Weinwunder? Da und doch nicht da? Dem Witwer nicht genug zugänglich? Und doch plötzlich möglicherweise erfahrbar? Wenigstens etwas? Besser als nichts? Oder hätten Sie gern mehr an spürbarer, erkennbarer Gegenwart Gottes?

Ob da oder nicht da – es bleibt Deutungssache
Vielleicht geht es Ihnen wie mir und Sie können die Frage gar nicht pauschal beantworten. Weil manchmal „wenig“ besser ist als „nichts“ und manchmal „wenig“ nicht reicht.
Und manchmal wird es besonders, wenn mehrere Beteiligte ein und dieselbe Situation ganz unterschiedlich einschätzen.
Wie in unserem Predigttext, wo Gott dem Propheten Jeremia seine Sicht der Dinge im Blick auf seine Anwesenheit in Juda und Jerusalem schildert. Und das Volk daraufhin Gott mitteilt, wie sie ihn erleben (Jeremia 14, 1-9):

„Das ist das Wort des Herrn, das er Jeremia wegen der Dürre mitgeteilt hat:
Juda liegt traurig da, seine Tore sind verfallen. Trauernd sind die Menschen zu Boden gesunken,
Klagegeschrei steigt auf aus Jerusalem.
Die Reichen schicken ihre Diener, um Wasser zu holen.
Sie gehen zu den Zisternen, aber sie finden kein Wasser mehr.
Sie kehren mit leeren Krügen zurück.
Enttäuscht und betrübt verhüllen sie ihren Kopf.
Der Erdboden hat lauter Risse, weil es nicht geregnet hat.
Auch die Bauern sind betrübt und verhüllen ihren Kopf.
Selbst die Hirschkuh lässt ihr Junges im Stich.
Gleich nach der Geburt hat sie es verlassen, weil es nirgendwo mehr Gras gibt.
Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und hören sich an wie heulende Schakale.
Ihre Augen sind trüb geworden, denn weit und breit wächst kein Grün mehr.
Ach Herr, unsere Schuld klagt uns an, aber hilf uns doch um deines Namens willen!
Wir haben viel Schlimmes getan und uns so gegen dich gestellt.
Doch du bist die Hoffnung Israels, unser Retter in Zeiten der Not!
Warum interessieren wir dich dann nicht?
Unser Land scheint dir gleichgültig wie einem Fremden, wie einem Wanderer, der nur eine Nacht bleibt.
Warum tust du so, als ob du nicht helfen kannst?
Warum bist du wie ein Held, der nicht retten kann?
Dabei bist du doch mitten unter uns, Herr, und wir tragen deinen Namen!
Lass uns doch nicht im Stich!“

So sieht es Gott
Gott nötigt Jeremia, hinzusehen, was passiert ist, nachdem Gott sich von Juda und Jerusalem abgewendet hat: Das Land ist dürr geworden. Die Menschen haben sich daneben verhalten. Sie haben Gott verletzt. Sie haben gesündigt. Und das hat Auswirkungen auf Mensch und Tier. Doch statt Sintflut jetzt das Gegenteil: Dürre. Regional begrenzt, weil Gott die Erde ja erhält. Das hat er versprochen. Aber hier: Leben verdorrt, weil Beziehung zerstört ist. Für die Menschen gibt es kein Wasser. Sie trauern wie beim Tod einer geliebten Person. Hier ist mehr als nur akuter Wassermangel. Der Tod steht im Raum. Lebensentzug. Und alle wissen und spüren es. Die Tiere leiden auch. Tiermütter verlassen ihre Kinder, überlassen sie dem Tod. Augen brechen. Das Atmen fällt schwer. Was haben die Tiere denn getan?
Die Erde bringt keine Frucht hervor, keine Pflanzen, kein Leben. Was hat denn der Boden getan? Wir lernen es mühsam gerade neu: Das Verhalten von uns Menschen wirkt sich auf die ganze Schöpfung aus.
Gott nötigt Jeremia, hinzusehen. Was der sieht, ist furchtbar. Es ist kein schöner Anblick, wenn Gott Leben entzieht, wenn er abwesend wird. Er, der ewig Anwesende.

So sieht es das Volk
Und während alles darniederliegt, wirft das Volk seine Klage in den Himmel wie einen Anker. Sie behaften Gott auf seine Anwesenheit und klagen seine Aufmerksamkeit ein. Wie Kinder an den Händen, Haaren oder Kleidern von Erwachsenen zupfen, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen, so tut es das Volk hier: Du bist doch für uns zuständig! Wir haben deine Warnung überhört. Wir sind gestürzt, haben große Schmerzen – doch bitte, jetzt kümmere dich, tröste, heile, verarzte. Heile, heile Segen. Hör unser Schreien.

Und das Geschrei ist groß:
Du bist unser Gott! Darauf pochen sie. Ja, wir haben Fehler gemacht. Doch du bist der Gott für uns. Du bist es dir und deinem Namen schuldig, dich zu kümmern. Du bist doch Vater und Mutter für uns. Warum verhältst du dich so abweisend?
Abwesende Anwesenheit: So erfährt das Volk seinen Gott. Es findet,
Gott tut, als gehöre er nicht zu seinem Volk. Als beträfe ihn die Dürre nur am Rande. Befremdlich findet das das Volk. Wobei: Könnte es sein, dass das Volk ihn ausgrenzt? Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Erfahrung des Gottessohnes. Wer macht hier wen zum Fremden? Wer fremdelt hier mit wem?

Das Volk erzählt Gott, wie sie die Situation wahrnehmen. Abwesende Anwesenheit. „Du bist ja doch unter uns, Herr.“
Doch viel zu wenig da.
Eine Mutter, die nur mal kurz reinschaut, um gleich wieder die Tür zuzuziehen. Das ist ihnen zu wenig. Gott soll bei ihnen, unter ihnen wohnen! Ständig erreichbar.
Es bleibt die Sehnsucht danach. Bis heute. Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns? Der Evangelist Johannes hat präziser formuliert: Das Wort ward Fleisch und zeltete unter uns. War richtig da. Auf Zeit. Und doch: Da.
Das Volk hält daran fest: Gott ist da. Es hält Gott fest: Bleib! Zeig dich!

Doch was, wenn die Stunde dazu noch nicht gekommen ist? Während Jeremia nicht müde wird zu sagen: „Hört auf ihn!“?

Doch sie hören nicht. Sie dürsten. Sie dürsten nach Gottes vollständiger Gegenwart. Ein kleinmütiger Gott taugt nicht. Und als kleinmütig erleben sie Gott. Warum tut er nichts? Ist ihm der Auftrag zu groß? Traut er sich vielleicht nicht einzuschreiten? Der Dürre zu wehren? Das Volk hält daran fest: Du kannst das, Gott! Doch Gott tut nichts. Und der Gottessohn, Jesus verzagt tatsächlich in Gethsemane: Lass diesen Kelch an mir vorübergehen.

Gott, greif ein! Reicht deine Kraft nicht? Denkst du, du kannst nicht helfen? Du kannst! Wir trauen dir das zu. Und das andere auch?
Gott klein und schwach – Gott ein Kind in der Krippe und ein Mann am Kreuz: Dass Gott sich so verhalten will, dass Gott sich so verhält als Reaktion auf menschliches Verhalten, das hat das Volk nicht im Blick. Und die Jünger schlafen in Gethsemane und wir feiern Weihnachten als Fest der Familie und der Geborgenheit.

Abwesende Anwesenheit – auf Hoffnung hin reicht sie
Und es hört nicht auf mit der anwesenden Abwesenheit und der abwesenden Anwesenheit, nicht wahr? Jesus der Christus zeltet unter den Menschen. Ganz und gar anwesend! Doch denen, die auf den mächtigen Messias warten, denen reicht Gott so nicht. Christus hat zugesagt: „Siehe ich bin bei euch alle Tage.“

Wir halten dann und wann die leeren Hände hin und lassen uns Christus in Brot und Wein schenken, doch denen, die hadern und mit ihrer Lebenssituation kämpfen, reicht Gottes Anwesenheit oft genug nicht.
Und doch ist Gott da. Er hat in Zeiten der Dürre die Seinen im Blick und lässt sie nicht. Er redet und ruft. Er wendet sich ab und kann doch nicht anders als uns im Blick zu haben. Er kommt uns nahe. Und dann und wann wird aus Wasser Wein, aus einer Not eine Rückkehr zum Fest, aus der Ferne Nähe. Dann und wann ein wenig Gnade. Spürbar! Und das wieder und wieder. Aus Gottes Fülle. Bis das „abwesend“ in der Anwesenheit keinen Platz mehr hat. Bis dahin: Gott sei Dank für jegliche Form seiner Anwesenheit! Amen.

Predigt zum Herunterladen: Download starten (PDF-Format)