2. Sonntag nach Trinitatis (10. Juni 2018)

Autorin / Autor:
Pfarrerin Kathrin Nothacker, Wien [Kathrin.Nothacker@elkw.de]

1. Korinther 14, 1-3; 14, 20-25

Unverständliche Rede – vielerlei SprachenEs war ein vielstimmiges und nicht verstehbares Gemurmel. Ineinander fließende Worte in verschiedensten Sprachen: Slowakisch, Ungarisch, Serbisch, Polnisch, Deutsch, Tschechisch und Slowenisch. Am Ende eines Gottesdienstes beteten wir gemeinsam das Vaterunser: jeder und jede in seiner und ihrer Sprache. Von außen musste sich das wie eine Geheimsprache anhören oder wie das Lallen von Kindern oder Betrunkenen. Unverständlich. Nicht einmal mehr einzelne Worte waren verstehbar. Verstörend musste das wirken auf Außenstehende, die dieser Gruppe von Menschen zuhörten und nicht wussten, was da geredet wurde.
Das Mitbeten des Vaterunsers war dagegen ein besonderes Erlebnis. Jeder und jede in seiner und ihrer Sprache. Wir wussten, was wir beteten und wussten, zu wem wir beteten. Es war das verbindende Gebet über Nationen, Sprachen und Kirchengemeinschaften hinweg. Es war unser gemeinsames Gebet – so wie Jesus es uns gelehrt hatte. Ein Gefühl starker und stärkender Gemeinschaft. Ein Gefühl: Gott, zu dem wir beten, ist mitten unter uns.
Vielleicht, liebe Gemeinde, ging es so vielsprachig und vielstimmig auch zu in der antiken Hafenstadt Korinth, in der sich eine christliche Gemeinde zusammengefunden hatte, an die der Apostel Paulus schreibt.
Vielsprachig waren die Menschen in Korinth. Aber die allen gemeinsame Sprache war Griechisch. Nur in der griechischen Sprache war Verständigung im Alltag möglich. Und dennoch lebten auch die Muttersprachen. Im Gebet durften sie vielleicht laut werden. Und dann wurde es zu unverständlichen Lautmalereien, die von außen keiner und keine verstand.
In dieser noch jungen, aber wachsenden Gemeinde von Christinnen und Christen in Korinth sammelten sich die unterschiedlichsten Menschen: Frauen und Männer; Menschen aus aller Herren Länder mit den unterschiedlichsten Sprachen; verschiedene Frömmigkeitsstile trafen aufeinander; unterschiedliches Bildungsniveau: Die einen konnten lesen und schreiben, die anderen waren Analphabeten. Da gab es Menschen, die es gewohnt waren, in der Heiligen Schrift zu lesen und sie mit Herz und Verstand zu durchdringen und zu erklären. Da gab es andere, die pflegten einen ganz unmittelbaren Gottesbezug und redeten, wie es ihnen gerade einfiel oder – wie sie sagten – wie es ihnen der Heilige Geist in den Mund legte.
All das traf in der Gemeinde in Korinth aufeinander und der Apostel Paulus versucht mit seinem Brief ein wenig Ordnung in dieses Durcheinander des Sprechens und Betens und Gottesdienstfeierns zu bringen. Er schreibt im ersten Korintherbrief im 14. Kapitel:

Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet!
Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse.
Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.
Liebe Brüder und Schwestern, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Bosheit geht; im Verstehen aber seid erwachsen.
Im Gesetz steht geschrieben: »Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, aber auch so werden sie nicht auf mich hören, spricht der Herr.«
Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen.
Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen?
Wenn aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen überführt und von allen gerichtet;
was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.


Der Glaube kommt aus dem VerstehenWahrscheinlich fällt uns die Identifikation ganz leicht. Wir Christinnen und Christen, die wir uns sonntags im Gottesdienst versammeln, gehören meistens der Landeskirche an. Sind volkskirchlich geprägt. Sind in der Lage, die Bibel selbst zu lesen, haben ein historisch- kritisches Bewusstsein, sprechen nicht in Zungen, auch nicht besonders prophetisch. Aber auf jeden Fall in ganzen Sätzen, die verstehen kann, wer es will und einigermaßen intellektuell dazu in der Lage ist.
Wir wissen, dass es in unseren Gottesdiensten einen geordneten Ablauf gibt, auf den wir uns verlassen können und erwarten bestenfalls auch keine Überraschungen, was die Liturgie, die Lieder, die Gebete und die Predigt anbelangt.
Das, was Paulus gutheißt, ist auch für uns nachvollziehbar. Das Wort der Predigt soll erbaulich, manchmal auch ermahnend und immer tröstlich sein. Unverständliche Zungenrede – davon halten wir - wie der Apostel Paulus – nichts. Wir wollen aus den Gottesdiensten etwas mitnehmen, ein Wort für unser Leben, eine Orientierung, eine Tröstung. Deshalb gehen wir in den Gottesdienst. Und manchmal ermutigen wir auch andere, mitzugehen in unseren Gottesdienst und zu hören, welchen Plan Gott für unser Leben hat. Kinder des Verstehens sollen wir sein. Im Verstehen wollen wir erwachsen sein.
Seit der Reformation lebt unser evangelischer Glaube aus dem Verstehen. Glauben und Verstehen gehören untrennbar zusammen. Unser Anspruch ist, dass wir das, was wir glauben, auch in Worte fassen können, die andere verstehen.
Nicht überall ist das so. Es gibt viele Gemeinden, in denen Menschen ganz unmittelbar religiöse Erfahrungen machen, und interessanterweise haben diese Gemeinden Zulauf. Es gibt dort die Zungenrede, es gibt spontane Heilungen, es gibt lautes Beten und Singen ohne Ordnung, dafür aber – so empfinden es viele Menschen – mit tiefen spirituellen Erfahrungen.
Was will uns Paulus also sagen und was nehmen wir mit aus diesem spröden, mahnenden Episteltext, der sich mit der richtigen Sprache und einer angemessenen Rede von Gott beschäftigt? Prophetische Rede, die der Apostel lobt, wäre nicht prophetische Rede, wenn sie uns nicht an irgendeiner Stelle aufrütteln und zum Nachdenken zwingen würde.
Paulus geht es im Kern darum, dass das Evangelium, die frohe Botschaft von Jesus Christus, unter die Menschen gebracht wird.
Er will uns dabei helfen, unserem Glauben die richtigen Worte zu geben und zu einer einladenden Form zu finden. Das ist nicht immer einfach und braucht unser Nachdenken und unsere Bereitschaft, sich in andere hineinzudenken.

FremdheitserfahrungenBeim Besuch des Gottesdienstes einer afrikanischen Migrantengemeinde in London spürten wir Westeuropäer deutlich Fremdheit. Die Afrikaner und Afrikanerinnen trugen allesamt weiße Gewänder. Alle mussten die Schuhe ausziehen, die Frauen den Kopf bedecken. Die Musik war laut und von ständigem Trommeln begleitet, es gab laute Halleluja-Rufe, Klatschen und viel Bewegung. Die Predigt wurde begleitet von zustimmenden Kommentaren und lauten Wiederholungen, auch von persönlichen Zeugnissen. Die Länge des Gottesdienstes setzte uns Besucherinnen und Besuchern zu: Mehr als drei Stunden war man zusammen. Und dennoch: Neben all dem Fremden und Befremdenden, es war eine erkennbare protestantische Gottesdienstform und die Gemeindeverantwortlichen legten großen Wert darauf, zur Gemeinschaft der evangelischen Kirchen dazu zu gehören.
Eine andere Erfahrung: Der Abendmahlsgottesdienst in reformierter Form, der von einem slowakischen Pfarrer geleitet war, hatte eine ganz andere Prägung. Strenge Fragen zur Beichte wurden gestellt. Das Gewicht der Sünde lag schwer auf den Gottesdienstbesuchern. Der altertümliche Talar des Pfarrers, die strenge Liturgie, die lateinischen Einsetzungsworte – all das löste ebenfalls ein Fremdheitsgefühl unter den deutschen Gottesdienstbesucherinnen aus.
Eine Studentin fand vor kurzem den Weg in einen Gottesdienst einer Stuttgarter Gemeinde. Sie saß ein bisschen verloren in der großen Kirche. Ein Gesangbuch hatte man ihr in die Hand gedrückt. Aber es war schwer, das Psalmgebet zu finden. Es war schon vorüber, bis sie es im violetten Teil des Gesangbuches gefunden hatte. Zu den Gebeten stand man auf. Das kannte sie nicht aus ihrer Heimatgemeinde. Dort stand man zur Bibellesung auf. Sie wurde immer unsicherer. Während der Predigt gab es keine Gefahren, irgendetwas falsch zu machen. Aber es waren Worte wie aus einer anderen Welt. Sie hatten wenig mit dem Leben zu tun. Wenig mit dem, was die junge Frau am Anfang ihres Studiums und beim Neuanfang in einer fremden Stadt beschäftigte. Und dann kam das Abendmahl. Komplizierte Anweisungen, auf welcher Seite es den Wein und den Saft gibt, welches Zeichen man den Austeilenden geben sollte für das eine oder das andere. Es war so eine kleine Runde. Sie fühlte sich fremd und beobachtet. Und wollte danach auch nicht mehr zum Kirchenkaffee bleiben.
Diese drei geschilderten Fremdheitserfahrungen helfen vielleicht dazu, den Apostel Paulus zu verstehen. Bei allem, was uns heute in unseren Gemeinden von der Situation der Christinnen und Christen in Korinth unterscheidet, worum es damals und heute geht, ist, dass wir uns immer wieder miteinander überlegen, wie wir Menschen am besten das Evangelium weitergeben können, was Menschen brauchen, um ihren Glauben ausdrücken zu können, auch was wir brauchen, um gestärkt und getröstet aus einem Gottesdienst hinaus zu gehen.
Glaube und Verstehen brauchen die Liebe
Paulus will uns dabei helfen, unserem Glauben die richtigen Worte zu geben und zu einer einladenden Form zu finden. Darüber nachzudenken, wie es gelingen kann, dass ich von meinem Glauben rede, ohne erstarrt zu sein in Sätze, die eine religiös unmusikalische Gesellschaft nicht mehr verstehen kann. Und wie es gelingen kann, mit unserem Glauben nicht nur den Kopf und den Verstand anzusprechen, sondern auch das Gefühl und das Herz. Und immer wieder zu fragen, was mir selbst guttut und was den anderen. Und auch zu akzeptieren: Die Form, die mir fremd und unverständlich ist, ist für die anderen Heimat ihres Glaubens.
Was uns dabei hilft, sagt uns Paulus im Abschnitt seines Briefes an die Korinther, der dem unseren unmittelbar voraus geht (1. Korinther 13,1-13). Es ist die Liebe, die uns leiten soll in unserem Reden, in unserem Handeln, in unserem Erklären und Verstehen, in unseren Gottesdiensten und in unserem Zusammenkommen als Gemeinde.

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.
Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.
Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.
Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf,
sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu,
sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit;
sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird.
Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk.
Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.
Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

Amen.

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