2. Sonntag nach Trinitatis (14. Juni 2026)

Autorin / Autor:
Dekan Dr. Ekkehard Graf, Marbach [Ekkehard.Graf@elkw.de]

Matthäus 11,25-30

Intention
Der sogenannte Heilandsruf erklingt neu, wenn die Basisbibel zugrunde gelegt wird. Aber auch der vertraute Klang der Lutherbibel wird erinnert. Durch ein genaueres Nachfragen, was die Wortbedeutungen sind, kommen Predigthörende zu neuen Erkenntnissen, wozu Jesus damals wie heute einlädt.

Predigttext
Danach rief Jesus aus: Ich preise dich, Vater, du Herr über den Himmel und die Erde! Denn du hast das alles vor den Weisen und Klugen verborgen. Aber den einfachen Leuten hast du es offenbart. Ja, Vater, so hast du es gewollt! Alles hat mir mein Vater übergeben. Niemand kennt den Sohn, nur der Vater. Und niemand kennt den Vater, nur der Sohn – und die Menschen, denen der Sohn den Vater zeigen will.
Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch abmüht und belastet seid! Ich will euch Ruhe schenken. Nehmt das Joch auf euch, das ich euch gebe. Lernt von mir: Ich meine es gut mit euch und sehe auf niemanden herab. Dann werden eure Seelen Ruhe finden. Denn mein Joch ist leicht. Und was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last.

Predigt
Heute geht es darum, dass Jesus uns auf dreifache Weise einlädt:
1. Jesus lädt uns ein zu staunen.
2. Jesus lädt uns ein abzuladen.
3. Jesus lädt uns ein zu lernen.

1. Jesus lädt uns ein zu staunen
Jesus beginnt mit einem Ruf, der Gottes Handeln preist. Es ist faszinierend, dass der große Gott sich nicht durch besondere Bildung und Fähigkeiten entdecken lässt. Niemand benötigt einen akademischen Abschluss, um Gott zu verstehen. Weder Abitur noch Mittlere Reife sind gefragt, um bei Jesus in die Schule zu gehen. Nein, er nimmt uns rein ins Staunen, dass wir Gott entdecken ohne besondere Vorkenntnisse oder Leistungen. Es genügt, einfach zu Jesus zu kommen.
Bei ihm lernen wir, indem wir Jesus zuschauen und ihm zuhören. Und dadurch verstehen wir das Wichtigste. Denn Glaube ist keine komplizierte Wissenschaft. Glaube heißt einfach nur zu sagen: „Ja, Jesus, Danke!“ Das ist alles. Warum im Lauf der 2000 Jahre Geschichte der Christenheit so viel Kompliziertes daraus gemacht wurde, weiß ich nicht. Denn es ist wirklich so einfach. Wir müssen nichts leisten, um Gott irgendwie zu beeindrucken. Das schaffen wir sowieso nicht. Wir müssen auch nichts intellektuell verstanden haben. Wir müssen auch keine besondere religiöse Haltung an den Tag legen, nach dem Motto: Nur wenn du das und das genau so machst, dann wird Gott irgendwie mit dir in Beziehung treten. Das ist falsch! So lehren es allenfalls andere Religionen wie zum Beispiel der Hinduismus. Dort gilt es, die Götter gnädig zu stimmen und bestimmte Opferrituale und Meditationen zu erfüllen. Und auch im Islam gibt es viele Vorschriften, was man einzuhalten hat und befolgen muss, damit Allah hoffentlich einem irgendwie gnädig ist. Oder die Naturreligionen, in denen so viel Angst vor irgendwelchen bösen Geistern herrscht, die man irgendwie beschwichtigen muss.
Aber bei Jesus gibt es definitiv nichts, was du tun musst, was du leisten musst, was du verstehen musst, was du glauben musst! Es geht darum, seine Einladung anzunehmen.
Ja, das bringt einen immer wieder aufs Neue ins Staunen. Ich bin so dankbar, wie einfach es ist, mit Gott in Verbindung zu sein. Einfach, indem ich Jesus anschaue, ihm zuhöre und ihm vertraue.

2. Jesus lädt uns ein abzuladen
Jesus sagt: „Kommt zu mir!“ Dieser Einladung wollen wir gerne folgen. Aber manchmal kommt es vor, dass einem die Kraft dazu fehlt, zu Jesus zu kommen. Dann gilt: er kommt zu dir!
Jesus hat damals nicht gewartet, bis endlich irgendwelche Schüler zu ihm kommen, die bei ihm lernen wollen. So war das bei den anderen Rabbis jener Zeit. Jesus aber ist gezielt auf einige zugegangen und hat sie eingeladen, mit ihm zu gehen und bei ihm zu lernen. Und so kommt er auch heute zu uns nach (ORTSNAME).
Und er ruft uns zu: „Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch abmüht und belastet seid! Ich will euch Ruhe schenken.“ Bestimmt haben manche auch noch im Ohr, wie es Martin Luther übersetzt hat: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ Und ich lege noch eine dritte Variante daneben, wie sich der griechische Originaltext übersetzen lässt. Jesus spricht diejenigen an, die erschöpft sind und durch andere belastet. Das klingt ganz so, als würde Jesus direkt zu uns im 21. Jahrhunderts reden. Denn das ist doch genau unsere Situation. Allenthalben hören wir von Burnout, von Überlastung, von Überforderung. Und vielen von uns geht es so, dass wir am Ende unserer Kräfte sind. Nicht nur durch die Arbeit belastet, bei manchen gibt es dann auch noch Freizeitstress. Erschöpft und durch andere belastet, ja da finden wir uns wieder, der eine mehr als die andere, aber wir kennen das.
Jesus hat dabei nicht nur die Belastungen im Blick, die von anderen herrühren. Er weiß genau, dass wir uns oft selbst belasten. Indem wir zum Beispiel eigene Wege einschlagen, indem wir meinen, es besser zu wissen oder besser zu können. Immer wieder lässt man den Herrgott einen guten Mann sein und will nichts von ihm wissen. Die Bibel nennt das Sünde, das Abweichen von dem guten heilvollen Weg, den Jesus für uns bereithält. Oft treffen wir Entscheidungen ohne Gott und wundern uns dann, warum wir so erschöpft und belastet sind. Es hat damit zu tun, dass wir Jesus aus dem Blick verlieren.
Deshalb ruft uns Jesus zu sich und bietet uns an, dass wir bei ihm abladen dürfen. Alles, was belastet. Alles, was uns nicht guttut. Alles, was uns von Gott trennt. Und wenn wir abgelegt haben, können wir zur Ruhe kommen. Das griechische Wort an dieser Stelle kann man auf zwei verschiedene Arten übersetzen. Es kann heißen „zwischendrin ausruhen“. Das sind die kleinen Pausen, die wir uns im Alltag verschaffen. Die einen gönnen sich regelmäßig zwischendurch einen Kaffee, andere rauchen eine Zigarette. Und es gibt welche, die ihrem Körper jeden Tag eine halbe Stunde Mittagsschlaf genehmigen. Also wir wissen, wie es geht, zwischendrin mal Pause zu machen und auszuruhen. Genau dazu lädt uns Jesus ein. Bei all dem, was uns erschöpft und belastet, dürfen wir bei ihm zwischendrin einfach mal ausruhen.
Die andere Art, dieses Wort zu übersetzen, heißt „wiederholt Pause machen“. Auch das ist ein guter Hinweis für uns. Wir sollen einen Lebensrhythmus finden, in dem es immer wieder Pausen gibt. Selbst Gott hat nach der Schöpfung in sechs Tagen eine Pause gemacht. So dient uns der Sonntag zum Pause machen und bei Gott zur Ruhe kommen. Dazu hat Jesus uns heute eingeladen. Und wir sind seiner Einladung gefolgt, indem wir hier im Gottesdienst zusammen sind – und nächsten Sonntag dann wieder.

3. Jesus lädt uns ein zu lernen
Jesus sagt: „Lernt von mir!“ Als dieser besondere Lehrer entfaltet er keine große wissenschaftliche Lehre. Nein, er lädt ein, bei ihm zu entdecken, wie gutes Leben geht.
Wir sollen erkennen, was wichtig ist und es dann auch so machen. Jesus sagt: „Ich meine es gut mit euch und sehe auf niemanden herab.“ Mit dieser Haltung gegenüber anderen wird es automatisch friedlicher. Man kann aus dem griechischen Text heraus auch übersetzen: „Ich bin von Herzen ganz bei den Kleinen.“ Was für eine Haltung, was für eine Zuwendung! Das passt zu dem, was wir am Anfang festgestellt haben. Niemand muss bei Jesus besonders intellektuell sein, niemand muss studiert haben. Bei Jesus darfst du so sein, wie du bist. Nicht von großer Bedeutung, aber eben ganz nah bei Jesus. Und wenn du manchmal denkst: Ich bin doch nur eine von Milliarden, Jesus übersieht mich bestimmt. Dann antwortet dir Jesus: „Ich sehe dich ganz genau. Ich bin ganz bei den Kleinen, ich bin ganz bei dir. Du musst nicht Bundeskanzler sein, damit ich dich sehe. Im Gegenteil, genau dort, wo Menschen in Gefahr geraten, übersehen zu werden, da bin ich ganz dabei! Und diese Haltung kannst du bei mir lernen. So kannst auch du mit anderen umgehen. Sei auch du ganz nah bei denen, die meinen, sie seien nicht so wichtig. Such die Gemeinschaft mit den anderen und du wirst merken, wie gut dir das tut. Wie auch den anderen!“
Zum Lernen bei Jesus gehört auch noch dieses. Jesus sagt: „Nehmt das Joch auf euch, das ich euch gebe.“ Beim ersten Hören dachte ich: Oh nein, jetzt wird mir von Jesus ja doch was Schweres auferlegt. Dabei dachte ich, ich darf bei ihm abladen! Doch an dieser Stelle übersetzt Martin Luther genauer. Jesus sagt: „Nehmt auf euch mein Joch!“ Jesus redet hier von seinem Joch. Das ist das in der Antike übliche Doppeljoch, unter das immer zwei Zugtiere nebeneinander gespannt werden. Es ist sein Joch – und ich werde neben Jesus gespannt. Ich bin mit ihm unter diesem Doppeljoch. So kann ich von ihm lernen. Wir sind gemeinsam unterwegs. Er weiß die Richtung, ich gehe neben ihm her. Er hat die stärkeren Schultern, ich spüre das Joch gar nicht auf mir lasten. Er hat die Kraft zu ziehen, ich muss mich nicht anstrengen. Das bedeutet es, bei Jesus zu lernen. Einfach neben ihm bleiben und schon geht es in neuer Leichtigkeit voran. Auch in der neuen Woche.
Bei Jesus konnten wir heute wieder einmal staunen, wie sehr er uns schätzt und denen nah ist, die sich für nicht so wichtig halten. Bei ihm können wir abladen und Pause machen. Immer wieder aufs Neue. Und bei ihm können wir lernen, wie ein befreites Leben aussieht. Nämlich mit ihm gemeinsam im Doppeljoch unterwegs zu sein und uns von da aus den anderen zuzuwenden.
So geht’s! Amen.

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