2. Sonntag nach Weihnachten (04. Januar 2026)

Autorin / Autor:
Pfarrerin Sabine Bullinger, Crailsheim-Blaufelden [Sabine.Bullinger@elkw.de]

Jesaja 61,1–3(4.9)10–11

Intention
Die Weihnachtszeit neigt sich dem Ende zu. Manche sind froh darüber, viele stimmt es traurig, denn die Advents- und Weihnachtszeit ist eine besondere Zeit, voller Erwartungen, Erinnerungen und Geheimnisse. Die Predigt soll zeigen, wie Weihnachten weitergeht.

Abschied von Weihnachten
Fast zwei Wochen sind seit Heiligabend vergangen. Die Weihnachtsgäste sind abgereist. Der Weihnachtsbaum fängt an zu nadeln. Die Erwartungen an das Fest des Friedens waren groß. Manche Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Die gewohnte Routine kehrt allmählich zurück. Noch drei Tage, dann sind die Schulferien zu Ende. Schade, sagen die einen. Überstanden, denken die anderen. Festzeiten wie die Weihnachtstage sind schön und anstrengend.
Im Gottesdienst heute am 2. Sonntag nach dem Christfest singen wir noch Weihnachtslieder und denken an das Kind in der Krippe. Doch mit dem Kopf sind wir schon halb im Alltag, der bald wieder beginnt oder bereits begonnen hat. Das Krippenkind wird demnächst zusammen mit den anderen Krippenfiguren ein letztes Mal in die Hand genommen und in die Weihnachtskiste gepackt. Die Sterne an den Fenstern wirken fremd, wenn die Weihnachtsbeleuchtung in der Stadt fehlt. Die Tage werden ganz allmählich wieder länger. Weihnachten muss Platz machen. Verstaut auf dem Dachboden bis zum nächsten Jahr. Abschied vom Jesuskind.

Jesus in Nazareth
Dazu passt der Predigttext aus Jesaja 61. Denn er erinnert an den erwachsenen Jesus. Anfang dreißig ist er inzwischen. Sein öffentliches Wirken hat begonnen. Als Wanderprediger zieht er durchs Land. So kommt er wieder einmal nach Nazareth, wo er aufgewachsen ist. Nach seiner Gewohnheit geht er in die Synagoge und wird gebeten, aus der Jesaja-Rolle zu lesen. Und er liest diese Worte aus Jesaja 61, die heute unser Predigttext sind:
„Der Geist Gottes des Herrn ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn und einen Tag der Rache unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden ‚Bäume der Gerechtigkeit‘, ‚Pflanzung des Herrn‘, ihm zum Preise.“

Und wie eine Antwort darauf, heißt es ein paar Verse weiter in Jesaja 61:
„Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. Denn gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht, so lässt Gott der Herr Gerechtigkeit aufgehen und Ruhm vor allen Völkern.“

Jesus legt die Jesaja-Rolle aus den Händen und fängt an, zu ihnen zu reden: „Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren“ (Lk 4,18–21).
Die alten Worte der Verheißung aus dem Munde eines Nazareners, der jetzt mit ein paar Jüngern als Wanderprediger umherzieht. Diesen haben die Leute nicht als Spross aus Davids Stamm, als den Gesalbten Gottes, als Messias, erwartet. Sollte dieser wirklich der Erwählte Gottes sein und die dazugehörigen Gerechten? Nein, den königlichen Spross und die Bäume der Gerechtigkeit hatten sich die Leute wahrlich anders vorgestellt.
Nazareth ist ein Dorf am Rande des Römischen Reiches. Dort wohnen einfache Leute. Sie leiden unter der römischen Besatzung und haben genug andere Sorgen im Alltag. Doch die alten Verheißungen vom kommenden Messias kennen sie. Dass der Gesalbte Gottes aus ihrer Mitte kommen soll, können sie nicht glauben. Wie kann sich Jesus anmaßen, so aufzutreten? Es macht sie wütend.
Jesus hatte es wohl schon geahnt: „Kein Prophet gilt etwas in seinem Vaterland“ (Lk 4,24). Das kann nicht gut enden. Über der Krippe ist schon das Kreuz zu ahnen.

Die Kraft der Verheißungen
Es ist schon erstaunlich, dass diese Verheißungen aus dem Propheten Jesaja so viele Jahrhunderte überdauert haben. Schon zur Zeit Jesu waren sie einige hundert Jahre alt. So oft erlebten die Menschen während all dieser Zeit Kriege, Unterdrückung, Besatzung und auch Deportation. Die Herrschaft wechselte – da waren die Babylonier, die Perser, die Griechen und Römer –, die Schwierigkeiten des Alltags blieben. Trotz all der widrigen Umstände gab es immer auch Menschen, die diese Worte der Hoffnung auf eine gute Zukunft gesungen, gelebt und weitergegeben haben. Sie haben sich trotzig festgehalten an den Verheißungen Gottes: Siehe, es kommt eine Zeit…
Es sind Worte, die die Wirklichkeit verändern. Die frohe Botschaft dringt in die Herzen, Zerbrochenes wird heil, Menschen werden frei, Trauernde werden getröstet. Statt niedergedrückt und in Sack und Asche gekleidet, werden die Menschen aufrecht gehen, geschmückt, in schöne Kleider gehüllt und mit Freude gesalbt. Stark wie Bäume, gerecht, zum Lob Gottes. So wird die Gerechtigkeit Gottes wachsen vor aller Welt.
Daran erinnert Jesus in Nazareth: So fängt Gottes Zeit an. Mit ihm, mit Jesus hat sie neu begonnen für alle Menschen. Alte Worte der Verheißung, die Wirklichkeit werden – klein wie ein Samenkorn, doch mit dem Potenzial, starke Bäume zu werden, die Schutz, Geborgenheit und Heimat geben für so viele.

Weihnachten geht weiter
Das zeigt: Weihnachten geht weiter. Weihnachten ist mehr als einige Wochen Lichterglanz, Weihnachtsmarkt und Krippenspiel. Mehr als im Advent erwartungsvoll hervorgekramte Weihnachtskisten, die im Januar wieder wehmütig weggepackt werden. Weihnachten geht weiter, blitzt hervor zwischen den abgefallenen Nadeln des Weihnachtsbaums. Glitzert wie ein paar Streifen vergessenes Lametta am Baum. Versteckt sich wie der beim Abräumen vergessene Stern im Weihnachtszimmer und erinnert daran, dass die Weihnachtsbotschaft mehr ist als das Halleluja der Engel über Bethlehems Hirtenfelder, die gleich wieder gen Himmel fuhren.
Die Botschaft von Weihnachten, dieses „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids“ (Lk 2,10f) bleibt nicht beim Krippenkind stehen.
Die Tage jetzt am Ende der Weihnachtszeit verweisen auf den erwachsenen Jesus, der all das ist und tut, wovon die alten Verheißungen gesprochen haben. Der den Gott zeigt, der unter den Menschen wohnen will. Der sich den Menschen zuwendet und ihnen mit Worten und Taten demonstriert, wie Gott ist und wie Gottes Reich jetzt schon anfängt: Ausgegrenzte werden dazugehören. Zerbrochene Herzen werden verbunden. Aus den Trümmern des Lebens entsteht Neues. Gerechtigkeit wird aufgehen aus Samen, die Gott großzügig ausbringt über gutem und schlechtem Land. Gehüllt in den Mantel der Liebe werden Menschen die Hoffnung spüren, die Gott ihnen verheißen hat.
Das ist Weihnachten im Alltag. Und wir sind dabei, wenn Weihnachten weitergeht, eingehüllt in Jesu Mantel der Liebe und von dieser Liebe weitergebend – mit unseren Ideen, mit unseren Gaben, in unseren Lebensbezügen, in den Herausforderungen unserer Zeit, so wie es Jesus vorgelebt hat. Amen.

Predigt zum Herunterladen: Download starten (PDF-Format)