2. Weihnachtsfeiertag (26. Dezember 2016)

Autorin / Autor: Pfarrer Matthias Hennig, Weilheim/Teck [Matthias.Hennig@elkw.de ]

Johannes 8, 12-16

Wo ist der beste Platz? Diese Frage, liebe Gemeinde, haben sich vorgestern Abend wohl Viele gestellt, die frühzeitig zur Christvesper da waren. Je nach Sitzplatz im Kirchengebäude bekommt man beim Krippenspiel eher Maria zu Gesicht oder die Engel oder eine Säule des Hauptschiffs. Jetzt ist es ganz ähnlich. Je nach Standort in der Kirchengeschichte klingt in der Weihnachtsbotschaft heute eher die Zeit an, in der Jesus gelebt hat. Oder die Fragen, die den Evangelisten Johannes beschäftigten. Oder die Themen, die wir unmittelbar vor Augen haben.
Ein Vorzug des 26. Dezember gegenüber dem 24. Dezember ist, dass wir fast freie Platzwahl haben. Nicht nur im Kirchengebäude, sondern auch in der Kirchengeschichte. So können wir für das Gespräch, das im Johannesevangelium in Kapitel 8 überliefert wird, verschiedene Blickwinkel ausprobieren. Und so lautet die Weihnachtsbotschaft zum zweiten Christfesttag:
„Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.
Da sprachen die Pharisäer zu ihm: Du gibst Zeugnis von dir selbst; dein Zeugnis ist nicht wahr.
Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Auch wenn ich von mir selbst zeuge, ist mein Zeugnis wahr; denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe; ihr aber wisst nicht, woher ich komme oder wohin ich gehe.
Ihr richtet nach dem Fleisch, ich richte niemand.
Wenn ich aber richte, so ist mein Richten wahr; denn ich bin’s nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat.“

(1) Bei allen Ortswechseln zeigen sich menschliche Lichtwelten ohne Erhellung(1a) Der Evangelist Johannes zoomt diese Szene förmlich heran. „Es war nahe das Laubhüttenfest der Juden“ (7,2.10). Dann: „Mitten im Fest ging Jesus hinauf in den Tempel“ (7,14). Schließlich: „Diese Worte redete Jesus am Gotteskasten“ (8,20). Dort an den Opferkästen, am Rand des Tempelvorhofs, kommen alle vorbei. Dort lässt man das Treiben der Geldwechsler und Händler hinter sich und geht zum Beten in den Hof der Frauen oder der Männer. Dort, wo beim jüdischen Laubhüttenfest die große nächtliche Lichtfeier stattfindet, ausgerechnet dort sagt Jesus: „Ich bin das Licht der Welt.“
Ist das Wort an diesem Ort ein Zufall? Oder ist es der Einfall des Evangelisten, dass Jesus den Widerspruch von jüdischer Seite erntet? An diesem ersten Ort des Gesprächs zwischen Jesus und den Pharisäern scheint Jesu Lichtwort das lichtvolle religiöse Ritual zu überstrahlen. Und weiter: Der Ruf in die Nachfolge Jesu rückt den Glauben, der nur Gewohnheit ist, in kritisches Licht. Es ist heilsam, wenn wir aus diesem Blickwinkel auf Weihnachten zumindest zwischen den Lichtern und dem Licht unterscheiden.
(1b) Ortswechsel. 70 Jahre später. Wir wechseln aus der Zeit Jesu in die Zeit des Evangelisten. Es geht jetzt aus der Jerusalemer Tempelwelt hinaus in die kaiserlich römische Welt. In der Christengemeinde, in der wir nun zu Gast, sind, mag es wie bei uns heute der 25. oder 26. Dezember sein. Ein Feiertag auf jeden Fall im Römischen Reich. Das Fest des „sol invictus“ wird gefeiert, des unbesiegten Sonnengottes! Auf den Straßen und Märkten herrscht ausgelassenes Treiben, es gibt Spiele und Brot, einen Tag lang sind alle auf der Sonnenseite des Lebens. Jesu Lichtwort übersteigt auch dieses Feuerwerk des öffentlichen Lebens: „Ich bin das Licht der Welt.“
Kommt uns auch das bekannt vor? Damals der Sonnengott des römischen Staatskultes und das zufriedengestellte Volk mit Spaß und Spiel – heute Stars und Sternchen in Youtube und das individuelle Glück auf der Sonnenseite des Lebens? Und das Eine wie das Andere verblasst im Licht des Glaubens an Jesus! Am zweiten Ort dieses Gesprächs zeigt sich: Die vielfältigen Lichtinszenierungen in der Unterhaltungs- und Konsumwelt werden im Licht der Jesusnachfolge auf ihre vordergründigen Absichten hin durchsichtig. Mag das Römische Reich auch lange her sein – von diesem Platz aus sehe ich, dass Jesus sein Wort den irrlichternden Götzen und Strategien entgegenhält: „Ich bin das Licht der Welt.“
(1c) Ein letzter Ortwechsel. Das Gespräch zwischen Jesus und den Pharisäern kommt uns auch inmitten unserer eigenen Lebenswelt zu Ohren. Nie zuvor war die Welt heller erleuchtet. Wer bei Nacht auf die Limburg steigt, sieht die Lichtpunkte der Autos und LKWs auf der Autobahn nonstop dahinhuschen. Man sieht die taghelle Baustelle vor dem Boslertunnel, dort wird an sieben Tage in der Woche gearbeitet, bei Nacht und bei Tag. Man erblickt die Positionslichter an den Schornsteinen des Kraftwerks in Altbach. Und der kreisende Lichtkegel des Stuttgarter Fernsehturms streicht übers Land. Immer ist jemand in Bewegung, immer bei der Arbeit, immer unter Strom, immer auf Sendung. „Ich bin das Licht der Welt“, spricht Jesus auch in unsere Welt des Lichts.
Die Orte, an denen dieses Gespräch zwischen Jesus und den Pharisäern immer wieder aufs Neue stattfindet, sind nicht identisch, doch sie berühren sich. Die menschengemachten Lichtwelten bieten nicht echte Erhellung: Sie bieten nicht menschliche Wärme, weil sie nicht wirklich in Beziehung bringen. Sie schaffen keine Orientierung, so viel es auch funkelt und blinkt. Von keiner der menschlichen Lichtwelten könnte ich sagen: Dort ist letztliche Klarheit, dort sind Beziehungen erfüllt, dort bleibt Heimat.

(2) In allen Wortwechseln regt sich menschlicher Widerspruch gegen das Licht der WeltBei jedem Ortswechsel gibt es denselben Wortwechsel. Und allerorten und zu allen Zeiten stößt die Weihnachtsbotschaft auf Widerstand, wo sie nicht aufgeht in lichtvollen Ritualen, staatstragenden Reden und einer beispiellosen Konsumschlacht. Wo das „Licht der Welt“ zur Sprache kommt, stößt es auf blasiertes Desinteresse oder Widerspruch.
Warum erregt Jesu Satz einen solchen Ärger? In den Ohren der Pharisäer, in der Welt des Jerusalemer Tempels klingt es nach Gotteslästerung, wenn sich einer mit dem göttlichen Licht, mit dem ewigen Heil gleichsetzt. Hat das je einer gemacht? Die Könige Israels sollten sich die Krone jedenfalls nicht selbst aufsetzen, sondern wie Saul oder David wurden sie erkoren und wurden gesalbt. Die Propheten Israels haben sich nicht selbst eingesetzt, sondern wurden berufen und wehrten sich zumeist noch dagegen. Jesus aber setzt sich selbst umstandslos in eins mit dem Heil und Licht für die Welt. Das empört die Pharisäer damals, ist doch Gott allein „mein Licht und mein Heil“. Das pikiert die Römer, die ihre Götter in den Dienst des Staatswohls genommen haben. Das befremdet bis heute die Tüchtigen und Klugen und Erfolgreichen, die meinen, ein jeder sei selbst seines Glückes Schmied.
Doch halten wir inne! Gibt es nicht auch diejenigen, die in diesem Wortwechsel keine Stimme haben? Gibt es nicht auch diejenigen, denen mit Jesus ein Licht aufgeht? Am Ende des Wortwechsels deutet sich nämlich ein unvorhergesehener, „fröhlicher Wechsel“ an.

(3) Der fröhliche Wechsel bringt Lebensgewissheit im Lichte JesuEin fröhlicher Wechsel ergreift die, die Jesus beim Wort nehmen. Wo uns das Krippenspiel berührt hat und wo uns ein Satz, ein Gedanke klargemacht hat, dass Jesus das „Licht der Welt“ ist – da ändert sich alles. In dem Krippenspiel von vorgestern Abend kam genau das in Bewegung und kam genau das zur Darstellung, was Jesus mit dem Lichtwort sagt: „Wer mir nachfolgt, … der wird das Licht des Lebens haben.“
(3a) Was „haben“ die Weisen aus dem Morgenland? Das Licht des Lebens leuchtet in der Welt und in der Weihnachtsgeschichte mit seiner Orientierungskraft auf. Im Stall von Bethlehem entdecken die Weisen aus dem Morgenland ihr Ziel. Die Rätselei am Himmel und der Irrweg über den Erdenherrscher Herodes haben ein Ende. Das Licht der Welt zeigt den Weg, den ich mit meinem Leben gehen darf.
(3b) Was „haben“ die Hirten von draußen auf den Feldern, bei den Schafen? Das Licht des Lebens bringt der Welt Erkenntnis. Im Stall von Bethlehem wird den Hirten eine verborgene Wahrheit aufgedeckt. Sie werden Zeugen davon, dass sich Gott zu ihnen herablässt und uns Menschen zugute den Weg in die Tiefe geht. Das Licht der Welt scheint in die Finsternis von Schuld und Sünde. Es führt mich von den vielfältigen Feldern der Arbeit, „von draußen“ nach drinnen, zur Klarheit über mein Leben.
(3c) Schließlich stiftet das Licht der Welt Beziehungen. Im Stall von Bethlehem erfahren alle Beteiligten Geborgenheit mit dem Blick auf das Kind. Das Licht der Welt bringt Wärme und stiftet die Beziehung zu Gott, stiftet gute Verbundenheit auch unter uns Menschen.
Das Lichtwort Jesu bringt nicht weniger als die Weihnachtsgeschichte selbst einen Wechsel in Gang. Der „fröhliche Wechsel“ klingt uns auch aus dem Weihnachtslied in den Ohren: „Er wird ein Knecht und ich ein Herr; das mag ein Wechsel sein!“ (EG 27,5). Der Wechsel besteht darin, dass ich von Jesus her Orientierung bekomme wie die Weisen für ihren Weg. Er besteht darin, dass ich von Jesus her Klarheit bekomme wie die Hirten für die Nacht, in der es auf eines allein ankommt. Der Wechsel besteht darin, dass ich von Jesus her eine Wärme und Heimat finde, die es nur in der Beziehung zu ihm gibt.

(4) In den Wechsel-Fällen bewährt sich die Lebensgestaltung im Lichte JesuWie geht das vor sich, wenn ich nun mit gemeint bin in der Weihnachtsgeschichte und nicht wie hinter einer Säule beim Krippenspiel dahocke? Wie sieht das konkret aus, wenn das Lichtwort Jesu in meinem Leben nicht eine Behauptung ist, sondern zur Erfahrung wird?
(4a) Augen auf! Zum Beispiel für jenen Keller unter der Münchener Lukaskirche, gleich neben der Isar. Von November bis Ostern öffnet an jedem Abend ein Gemeindeglied die Tür, sobald die Dunkelheit einbricht. Die steile Treppe hinter der Tür führt in die Kellerräume unter der riesigen Kirche. Die Abstrahlung der Heizungsanlage und der Heizungsrohre wärmen zwei Flure. 20 obdachlose Frauen können dort schlafen und etwas Warmes essen. Am Morgen verlassen die Frauen wieder den Keller. Am nächsten Abend öffnet sich die Tür zum Keller erneut, zu den Fluren unter der Sakristei und dem Chorraum der Lukaskirche. Hier, unter dem Bild des Gekreuzigten und unter dem Tisch des Herrn leuchtet das Licht der Welt. Es ist das warme Licht christlicher Nächstenliebe und praktizierter Jesusnachfolge, das Abend für Abend aufscheint. Jesus Christus, Licht des Lebens – er ist das Licht für die Welt, wärmend wie eine Kerze.
(4b) Augen auf! Zum Beispiel für jene Momente, in denen Sie und ich spüren: So geht’s nicht weiter. Da gibt es seit Jahren Ärger unter den erwachsenen Kindern und vor allem das Zerwürfnis mit dem alten Vater. Der Vater stirbt. Zuerst misstrauisch, dann im offenen Streit und schließlich weinend sitzen die Söhne und Schwiegertöchter beim Trauergespräch. Versöhnung tut not. Wie gut, dass eine Trauerfeier im Namen Gottes auf dem Friedhof nicht die Menschen rühmt, sondern Gott anruft mit Bitte und Dank. Wie gut, dass kein Trauerredner irgendjemanden in günstiges Licht rücken muss. Wie gut, dass in Gottes Namen Versöhnung geschieht. Am Ende eines langen Trauergesprächs haben alle das Gefühl: Jetzt ist eine schwere Last von uns genommen. Jesus Christus, Licht des Lebens – er ist das Licht für die Welt, klärend, erhellend wie eine Fackel in den dunklen Räumen unserer Biographien.
(4c) Augen auf! Zum Beispiel auch für das, was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im AK Asyl tun. Was würde Jesus tun, wenn ihm Bedürftige und Schutzsuchende vor Augen kommen? Die Mitarbeitenden im AK Asyl gehen mit den Flüchtlingen zum Arzt oder aufs Amt, holen ein am Knie verletztes Kind in der Schule ab und fahren mit ihm und der Mutter zur Kinderambulanz. Sie reparieren Fahrräder oder stellen – wie der CVJM – die Räume für eine Kleiderkammer zur Verfügung. Ein Segen, was der AK Asyl macht. Jesus Christus, Licht des Lebens – er ist das Licht für die Welt, orientierend, leitend, wegweisend wie ein Markierungslicht in der Landschaft.
Wie wahr, was wir vorhin als Lied des Tages gesungen haben: „Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein‘ neuen Schein; es leucht wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht.“ Amen.

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