2. Weihnachtsfeiertag (26. Dezember 2018)

Autor/in: Pfarrer Dr. Martin Bauspieß, Tübingen [martin.bauspiess@outlook.de]

Römer 1, 1 -7

Intention:Die Predigt am 2. Weihnachtstag greift zurück auf die Erwartungen der Adventszeit. Sie fragt: Wie können diese Hoffnungen Bestand haben in eine zerbrochenen Welt? Die Predigt entfaltet die Antwort des Paulus: Der gekreuzigte und auferstandene Christus gibt Grund, trotz allem an der Hoffnung festzuhalten.

Zeit der Erwartung„Morgen, Kinder, wird’s was geben, morgen werden wir uns freu’n! Welch ein Jubel, welch ein Leben wird in unserm Hause sein! Einmal werden wir noch wach, heißa, dann ist Weihnachts-tag!“ Das war das Lied der Adventszeit. Das Lied der Vorfreude auf Weihnachten. „M o r g e n“ wird’s was geben…“ An meinen eigenen Kindern kann ich sie heute wieder beobachten – und sie noch einmal spüren: Jubel, Leben, Freude – weil er kommt. Das ist Weihnachten.
Am zweiten Weihnachtsfeiertag liegt das Fest nun schon fast hinter uns. Haben sich die Erwartungen erfüllt? Oder sind wir einmal mehr enttäuscht worden? Der Polizeibericht in der Zeitung spricht jedes Jahr eine deutliche Sprache: Zu keiner Zeit sind die Fälle häuslicher Gewalt so häufig wie an den Weihnachtsfeiertagen. Die Erwartung von Harmonie und Familienidylle wird oft bitter durchbrochen: Angestaute Konflikte entladen sich, enttäuschte Erwartung schlägt um in Streit und manchmal sogar Gewalt.
„Morgen, Kinder, wird’s was geben, morgen werden wir uns freu’n!“ Wie jedes Jahr habe ich in der Adventszeit die Sehnsucht gespürt. Die Sehnsucht danach, dass sich mein Leben wieder öffnet für den, der in mein Leben kommt und es hell macht. Für den, der mein Herz von innen her erleuchtet, so dass ich mich von Herzen einfach freuen kann. Ich würde so gern jene „große Freude“ in mein Leben lassen, die einst den dunklen Himmel der Hirten auf dem Feld bei Bethlehem durchbrach, als der Engel zu ihnen herantrat und sprach: „Siehe, ich verkündige euch große Freude …!“ (Lk 2,10)

In unsere Sehnsucht hineinAuch die ersten Christen in Rom kannten schon diese Sehnsucht. Der Apostel Paulus, Gesandter Jesu Christi, richtet ihnen und damit auch uns diese Botschaft aus, die Gott für uns hat. Hören wir einmal genau hin!
„Paulus, ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes, das er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in den Heiligen Schriften,
von seinem Sohn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, der ein-gesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft nach dem Geist, der da heiligt, durch die Auferstehung von den Toten - Jesus Christus, unserm Herrn.
Durch ihn haben wir empfangen Gnade und Apostelamt, den Gehorsam des Glaubens um seines Namens willen aufzurichten unter allen Heiden, zu denen auch ihr gehört, die ihr berufen seid von Jesus Christus.
An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen in Rom: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!“
Eine Botschaft, die Gott „zuvor verheißen hat durch seine Propheten …“, schreibt Paulus. Es ist eine alte Geschichte, von der er uns erzählt. Eine Geschichte der Verheißung, die sich mit dem Namen David verbindet. David war jener König Israels, der in der Rückschau zum Idealbild einer Heilszeit geworden war. Als er König war, war Gott erfahrbar in einem irdischen Königreich mitten unter den Menschen, hier in unserer Welt. Das ist die Sehnsucht, an die Paulus die Römer damals erinnert hat. Und er erinnert auch uns: dass Gott mitten unter uns tritt, mitten in unser Leben. In unsere Welt, die sich nach Heilung sehnt und Frieden. In Dein und mein Leben, in dem es viel Helles, aber manchmal auch Dunkelheiten gibt. Zu Dir und zu mir, denen manches gelingt, aber manchmal auch etwas zerbricht. Auch in unser zerbrochenes Leben hinein ergeht heute diese Botschaft: Es gibt einen Grund zur Freude! In Jesus kommt Gott zur Welt! Auch zu Dir! Auch in Dein Leben! Damit es heil werden kann.
Paulus wusste, dass die Hoffnung immer wieder an der Wirklichkeit zerbricht. Das Volk Israel weiß davon zu erzählen – bis heute. Wer heute nach Bethlehem fährt, an den Ort, von dem Lukas erzählt, dass Jesus dort zur Welt kam, der muss dort durch militärische Absperrgitter hindurch und an bewaffneten Soldaten vorbei: Hat sich die Hoffnung erfüllt, die Gott einst verheißen hat?
Das Königtum Davids ging schließlich unter. Der Tempel, der Ort der Gegenwart Gottes, wurde zerstört. Wo ist er in unserem Leben? Kommt er auch in diesem Jahr zu uns?
Paulus erzählt: In Jesus Christus kommt die mit David verbundene Hoffnung zum Ziel. Ganz anders, als wir es erwartet haben, eben so, dass sie nun auch unsere Erwartungen zerbricht. Es ist kein für alle sichtbarer und triumphierender Herrscher, in dem Gott in unsere Welt kommt. Es ist ein in ärmliche Windeln gewickeltes Kind. Ein Wanderprediger aus Galiläa, der vom Kommen der Gottesherrschaft erzählt. Ein unbequemer Hoffnungsträger, der die bestehenden Verhältnisse in Frage stellt, der behauptet, dass die Gottesherrschaft in ihm bereits da ist. Die personifizierte Hoffnung, die am Kreuz zerbricht: Das ist Jesus.
Am tiefsten Punkt menschlichen Lebens keimt die Weihnachtshoffnung auf: Weil Jesus dorthin geht und sich zerbrechen lässt, darum kann er auch in das Zerbrochene unseres Lebens kommen. Er kann, in all dem bei uns sein und uns heil machen. Denn Jesus bleibt nicht im Tod. Er wird auf-erstehen. In der Auferstehung Jesu von den Toten zeigt Gott: Ich habe den Tod überwunden. Hier wird sichtbar, was es bedeutet, dass Gott in einem Menschen in unserer Welt da ist. Der heilige Gott nimmt ein menschliches Leben, nimmt das menschliche Leben an, unser aller Leben, mit allem, was es ausmacht. Mit den Dingen, die uns jetzt schon erfüllen und Freude schenken. Und mit den Dingen, die uns Sorgen machen, die uns traurig machen und ängstlich. Die Weihnachtsfreude geht nicht über das alles hinweg. Über der Krippe von Bethlehem liegt der Schatten des Kreuzes von Golgatha. Aber über dem Kreuz von Golgatha leuchtet das Licht des Ostermorgens – und von hier aus fällt es zurück in jene Nacht, in der das alles begonnen hat.
Hört doch nicht auf zu hoffen! Hört nicht auf, euch zu sehnen nach Frieden und nach Liebe! Hört nicht auf damit, etwas zu erwarten! Lasst eure Hoffnung nicht totkriegen! Auch wenn sie immer wieder an der Wirklichkeit zerbricht. Glauben heißt: auch gegen die Wirklichkeit hoffen. Und unsere Welt braucht Menschen, die hoffen und sich sehnen. Menschen, die etwas erwarten. Weihnachten gibt uns den Grund dazu.

Neu sehen lernenWir müssen freilich neu sehen lernen, um das nicht nur zu erkennen, sondern um es auch zu spüren und zu glauben. Neu sehen lernen, uns verwandeln lassen durch die Botschaft, von der Paulus uns heute erzählt. Er erzählt sie hinein in unsere enttäuschten Erwartungen. Er macht uns zu Leuten, die Hoffnung haben.
Diese Welt, in der wir alle leben, ist die Welt, die Gott liebt. Diese Welt, in der kein Frieden werden mag. Diese Welt, in der Menschen fliehen müssen, weil sie keine Heimat mehr haben. Diese Welt, in der Beziehungen zwischen Menschen zerbrechen. Diese Welt, in der wir gerade am Weihnachtsabend schmerzlich spüren, wie uns ein geliebter Mensch fehlt, den der Tod uns genommen hat. Diese Welt, in der sich Hoffnungen oft nicht erfüllen. Dieser Welt gilt Gottes Liebe, die in Jesus erschienen ist. Von ihr aus fällt ein Licht in unsere Welt hinein.
Wie wäre es, wenn wir den Rückblick auf unser altes Jahr und den Ausblick auf das neue, das sich bereits ankündigt, wie wäre es, wenn wir unser Leben ins Licht dieser Liebe stellen würden? Dann würden wir anfangen, von innen her zu leuchten. Dann würden wir uns freuen. Dann wäre es Weihnachten geworden. Dann wäre aus dem „Damals“ der Weihnachtsnacht ein „Heute“ für uns geworden: „Euch ist heute der Heiland geboren!“ Heute können wir uns freu’n – und uns so verwandeln lassen von ihm. Amen.