20. Sonntag nach Trinitatis (09. Oktober 2016)

Autorin / Autor: Pfarrer Klaus Pantle, Stuttgart [klaus.pantle@t-online.de ]

1. Thessalonicher 4, 1 -8

Liebe Gemeinde!

Gerhard und Rolf/Linda und JürgenGerhard und Rolf lernten sich in den 1960-er Jahren kennen. Beide waren Lehrlinge im Einzelhandel. Als sie eine Wohnung fanden, zogen sie zusammen. Inzwischen gehen sie auf die 80 zu. Wenn sie verheiratet wären, würde man sie als eingespieltes altes Ehepaar jenseits der Goldenen Hochzeit betrachten.

Die Arbeit im Einzelhandel ist anstrengend und hat unangenehme Arbeitszeiten. Man verdient nicht viel und kann mit der Rente keine großen Sprünge machen. Insofern war ihr Leben nicht leicht. Krisen gab es genug. Aber der eine blieb dem anderen ein verlässlicher Begleiter. Gleichzeitig ließen sie einander die Freiheit, die sie brauchten. Wann immer sie konnten, verreisten sie zusammen.

Im Seniorenalter waren sie unvermutet gefragt, als in die Wohnung über ihnen ein alleinerziehender Vater mit zwei Mädchen einzog. Der Vater kam aus dem Nahen Osten, war tagsüber bei der Arbeit und hatte wenig Zeit für die Kinder. Nach und nach spielte es sich ein, dass diese nach der Schule zuerst zu Gerhard und Rolf kamen, bei ihnen zu Mittag aßen und diese ihnen bei den Hausaufgaben halfen. Da der Vater schlecht Deutsch sprach und nur eine rudimentäre Schulbildung besaß, übernahm Rolf den Kontakt zur Schule und besuchte die Elternabende. Irgendwann begannen die Mädchen von sich aus die alten Herren „Opa“ zu nennen. Inzwischen leben Vater und Töchter in einem anderen Stadtteil in einer größeren Wohnung, aber noch immer sind die beiden wichtige Bezugspersonen für die Kinder und unterstützen sie, soweit sie können, auch finanziell. Gemeinsam feiert man Familienfeste und Weihnachten.

Linda und Jürgen leben mit ihren halbwüchsigen Jungs in einem schönen Haus. Beide sind Akademiker. Nach der Geburt des ersten Kindes hat Linda aufgehört zu arbeiten und bis heute nicht wieder damit angefangen. Dafür engagierte sie sich auf verschiedenen Ebenen für Kinder und ihre Familien im Stadtteil. Merkwürdig war, dass die Jungs im Kindergarten und in der Schule als sozial schwierig galten und ihre Mutter in der Öffentlichkeit wüst beschimpfen konnten. Manche fragten sich, welcher Ton wohl bei ihnen zu Hause herrschte.
Bei Lehrerinnen und Erziehern war Linda berüchtigt, weil sie auf fordernde Weise die Interessen ihrer Kinder zu Lasten anderer Kinder einklagte, die aus bescheideneren Verhältnissen stammten und langsamer lernten. Eines Tages brach Linda zusammen und verschwand für Monate in einer psychosomatischen Klinik.

Paulus befremdet und fasziniertWie leben wir? Und wie bewältigen wir unser gemeinschaftliches Leben? Darum geht es Paulus in diesem Predigttext. Seine Hinweise zu einem gelingenden gemeinschaftlichen Leben sind für uns heute einerseits faszinierend, andererseits aber auch fremd.
So wendet sich Paulus explizit an die „Brüder“. Seine Adressaten sind ausschließlich Männer.

Dabei hat er Frauen auch im Blick, allerdings auf eine Weise, die für die meisten von uns heute irritierend ist. Luther übersetzt an einer Stelle: „Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ein jeder von euch seine eigene Frau zu gewinnen suche in Heiligkeit und Ehrerbietung.“ Blickt man ins griechischen Original, dann steht dort: „Das ist der Wille Gottes, dass ein jeder sein eigenes Gefäß in Heiligung und Ehre zu besitzen weiß.“ Paulus‘ Perspektive auf die Frau ist zeittypisch. Sie erscheint als Objekt männlichen Handelns. Der Mann „besitzt“ sie in doppeltem Sinne: Er bezahlt den Brautpreis und hat dadurch das Recht, sie im sexuellen Sinne zu besitzen, damit sie ihm als „Gefäß“ dient, das Nachkommen produziert und den Fortbestand der Großfamilie sichert.

Das Verhältnis der Geschlechter zueinander ist also asymmetrisch. Für die meisten von uns heute gilt im Blick auf das Geschlechterverhältnis die Gleichwertigkeit, die der Gleichheit in Christus entspricht (Galater 3,28). Wenn wir also heute von Ehe oder von partnerschaftlichen Beziehungen reden, dann ist damit etwas anderes gemeint, als wenn Paulus das tut. Dazu kommt, dass Sexualität als solche für Paulus keinen Wert an sich hat. Sie dient der Fortpflanzung und wird ansonsten als Gefahr betrachtet. Auch das sehen die meisten Glaubenden heute anders und begreifen Sexualität als gute Gabe Gottes, die verantwortlich gelebt werden will.

Paulus‘ Lebens- und Verhaltensregeln sind bestimmt durch sein Weltverhältnis. Auch das unterscheidet sich grundlegend von unserem heute. Paulus erwartet jeden Moment die Wiederkunft Christi. Davon handeln die auf den Predigttext folgenden Abschnitte des 1. Thessalonicherbriefes. Deshalb sind alle ethischen Verhaltensregeln, die Paulus an seine Gemeinden gibt, darauf abgestellt, für diese Wiederkunft allzeit „geheiligt“ und bereit zu sein. Man ist das, wenn man sich von den „Heiden“ klar abgrenzt. Von maßgeblichen jüdischen wie christlichen Kreisen dieser Zeit werden „Heiden“ pauschal der „Unzucht“ und der Habgier bezichtigt. Die meisten von uns leben nicht permanent in der unmittelbaren Erwartung des „Tags des Herrn“ (1. Thessalonicher 5,1). Und missionstheologisch haben wir gelernt, dass es schöner ist, für unseren Glauben zu werben, indem wir anderen zeigen, was wir daran lieben, als dass wir Andersgläubige abqualifizieren.

Den grundsätzlichen Anspruch des Paulus, unser Leben nach dem Willen Gottes zu gestalten,
werden jedoch vermutlich die allermeisten von uns teilen. Sonst säßen wir heute Morgen nicht hier. Was trotz aller Fremdheit aus den Worten des Paulus auch zu uns hindurch klingt, ist etwas Schönes: Der Mensch ist auf ein Du hin geschaffen. Gelingendes Leben ist ein Leben in Beziehung, und zwar in wechselseitiger Beziehung. Eine Liebesbeziehung ist „wie ein Bogenstrich“, der „aus zwei Saiten eine Stimme zieht“: „Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,/ nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,/ der aus zwei Saiten eine Stimme zieht./ Auf welches Instrument sind wir gespannt?/ Und welcher Geiger hat uns in der Hand?" (Rainer Maria Rilke).

Gelingendes Leben ist resonantes Leben. Menschen bringen einander zum Klingen, und dieser Klang wirkt nicht nur für sie selbst, sondern erzeugt Resonanzen in ihr Lebensumfeld hinein. Im Sinne des Paulus gesprochen ist es gut, wenn eine positive Resonanz nicht nur zwischen Liebenden oder füreinander Sorgenden und ihr Umfeld vorhanden ist, sondern wenn es in diesen Beziehungen auch eine vertikale Resonanzebene gibt. Gott ist es, „der seinen Heiligen Geist in euch gibt“, sagt Paulus. Er gab ihn gestern und gibt ihn heute und wird ihn morgen geben. Dessen können wir gewiss sein. Gott schenkt uns seinen Geist als verbindende, Resonanzen erzeugende Kraft zwischen sich und uns und zwischen uns als Liebenden und füreinander Verantwortlichen. Wir sind schon das, was wir sein sollen: Geisterfüllte, resonante Wesen, die in resonanten Beziehungen leben können. Das bedeutet nicht, dass wir miteinander in reiner Harmonie leben. Es bedeutet ein Leben in wechselseitiger Wahrnehmung, Zuwendung und Achtung, in der Sprache des Paulus „in Heiligkeit und Ehrerbietung“.

Begehren heute: „schneller, höher, weiter, mehr"Das in unserer Welt zu leben, ist nicht leicht. Bei uns erscheint heute das 10. Gebot komplett umgedreht: Nicht: „Du sollst nicht begehren …“, sondern: Du sollst alles begehren – und das sofort! Menschliches Leben wird in allen Dimensionen als optimierbar und steigerungsfähig angesehen. Der eigene Körper, Wissen, Beziehungen, Besitz, Macht, selbst Religion – alles wird als Kapital betrachtet, das es zum eigenen Nutzen zu vermehren gilt. Das kulturelle Programm der Spätmoderne, in der wir leben, basiert auf der Devise: „schneller, höher, weiter, mehr“. In unserer hyper-individualistischen und konkurrenzbasierten Kultur bekommen deshalb Beziehungen zwischen Liebenden und zwischen Eltern und Kindern eine immense Bedeutung. Denn nur noch hier scheint es möglich zu sein, in resonanten Beziehungen zu leben. Überall draußen herrschen Konkurrenzdruck und Leistungsstress.

Aber natürlich schwappt all das auch in die familialen Beziehungen hinein und überfordert und überfrachtet sie maßlos. Resonanzachsen verstummen. Familien zerbrechen. Im Extremfall landen Familienmitglieder wie Linda mit Burnout in der Klinik, weil ihr Leben zwar erlebnisreich, aber erfahrungsarm geworden ist. Weil vergessen wird, dass jeder Mensch einen Raum braucht, in dem er vorbehaltlos angenommen wird. Wirklich leben kann der Mensch nur in und von Beziehungen, die nicht instrumentalisiert sind.

Resonant lebenGott besitzt mich. Sein Geist wohnt schon in mir. Ich muss nichts erringen, ich muss nichts gewinnen, ich muss nichts werden, ich bin es schon. Deshalb kann ich einen alternativen Lebensstil wagen. Ich brauche mich nicht benutzen lassen, und ich brauche niemand zu benutzen: weder im Bereich der Liebe und Sexualität noch im Geschäftsleben.
Resonant zu leben bedeutet, die Fähigkeit bewahren, sich berühren zu lassen – von Gott und von den Menschen um mich. Daraus entwickelt sich Verbundenheit. Sie ist ein zentraler Faktor gelingenden Lebens.

Unsere protestantische Tradition hat einen starken Markenkern: das sind Freiheit und Gewissen. Bei allem sinnvollen und notwendigen Wandel der Beziehungsformen und Moralvorstellungen bleiben Treue und Verlässlichkeit, Verbindlichkeit und gegenseitige Verantwortung weiter etwas, das zu Recht von uns erwartet wird. Blickt man auf die als Grundbedürfnis und starke Lebensenergie verstandene Sexualität, die in unserer Lebenswirklichkeit nicht ausschließlich, wenn auch besonders sinnvoll in einer stabilen Partnerschaft gelebt wird, so kann man weitere Kriterien hinzufügen: „Freiwilligkeit, Einvernehmen und Selbstbestimmung, Achtung vor den Verwirklichungschancen des Anderen und seiner Andersheit, Schutz des je Schwächeren, Lebenszufriedenheit, Bereitschaft zum Verzeihen und zum Neuanfang“ (Peter Darbrock).

Nach evangelischem Verständnis bleibt alle Lebensgestaltung immer von Ambivalenzen umweht. Wir können uns bemühen, besser, „vollkommener“, resonanter miteinander zu leben. Aber Vollkommenheit werden wir nicht erreichen, und das müssen wir auch nicht. Allerdings gilt: „Wer nicht lieben oder glauben, arbeiten oder spielen darf, wie er oder sie will, gleicht einer festgehaltenen Saite, die nicht schwingen kann oder darf“ (Hartmut Rosa). Und wenn andere das bei anderen zu verhindern suchen, dann versündigen sie sich an ihnen.

Positive Resonanzerfahrungen lassen sich nicht machen und vor allem nicht steigern, optimieren und anhäufen. Diesen Erfahrungen wohnt ein unaufhebbares Moment der Unverfügbarkeit inne: „Der Geist weht, wo er will!“ (Johannes 3, 8). Was wir im Idealfall erfahren können, ist ein existenzielles Gefühl der Verbundenheit und des gelingenden Miteinander – die momentane und erahnte Gewissheit eines erfüllten Lebens im Geist Gottes. Amen.

Literatur:
Traugott Holtz/Wolfgang Trilling: Der erste Brief an die Thessalonicher/Der zweite Brief an die Thessalonicher, EKK XIII/XIV, Studienausgabe 2014, S. 149ff.
Peter Darbrock: Freiheit als Markenkern. Worin sich evangelische Sexualethik von der offiziellen katholischen unterscheidet, in: Zeitzeichen 2/2016, S. 29f.
Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016 – Zitat Rilke S. 141 und S. 728.


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