20. Sonntag nach Trinitatis (18. Oktober 2026)
Markus 2,23-28
IntentionDie Predigt soll zeigen: Gottes Gebote sollen das Leben fördern. Auch die Gebote und Vorschriften für den Sabbat. Beim Brechen des Sabbatgebots wird deutlich, was der Sabbat ist und wer Jesus ist
Gebote und Verbote im AlltagWann sind Sie das letzte Mal beim Zu-schnell-Fahren geblitzt worden? Wahrscheinlich liegt das nicht lange zurück.
In vielen Ortschaften gilt eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h. Oft stehen die Blitzer an Stellen, wo es leicht bergauf geht und man gerne Gas geben möchte. Eine kleine Unachtsamkeit – und das nächste Bußgeld ist gewiss.
In unserem Alltag sind wir ständig mit Geboten und Verboten konfrontiert. Da ist nicht nur ein tägliches Arbeitspensum zu bewältigen. Wir müssen auch einen Dschungel an Regeln und Vorschriften beachten.
Wer in der kirchlichen Jugendarbeit aktiv ist, muss ein polizeiliches Führungszeugnis beibringen.
Wer eine Wohnung vermietet, muss sich um die nötigen Rauchmelder kümmern.
Wer ein Einkommen bezieht, muss jährlich eine Steuererklärung abgeben.
Und im Winter gilt vor unseren Grundstücken die Räum- und Streupflicht.
Was ist der Sinn von all diesen Geboten und Verboten?
Sie sind zwar lästig. Aber sie wollen auch etwas schützen.
Alle diese Gebote und Verbote drehen sich um ein höheres Gut.
Der Rauchmelder will unser Leben schützen.
Der Blitzer an der Straße will uns vor einem Unfall bewahren.
Das polizeiliche Führungszeugnis soll Missbrauch vorbeugen.
Die Steuererklärung soll Gerechtigkeit schaffen.
Und die winterliche Räum- und Streupflicht soll Hals- und Beinbruch verhindern.
Alle Gebote und Verbote drehen sich also um ein höheres Gut.
Auch in unserem heutigen Predigtwort geht es um ein Gebot und ein damit verbundenes Verbot. Das jüdische Sabbatgebot: Du sollst den Feiertag heiligen.
Wir hören Markus 2, 23-28:
„Und es begab sich, dass Jesus am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihn: Sieh doch, warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?
Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren:
wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren?
Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.“
Der Sinn des SabbatgebotsDas jüdische Sabbatgebot erinnert daran, das Gott sich bei der Vollendung seiner Schöpfung Ruhe gegönnt hat am siebten Tag. So erzählt es die Bibel.
Und so sollen, so dürfen sich auch seine Geschöpfe Ruhe gönnen am siebten Tag der Woche.
Aufatmen. Frei sein von Anforderungen und Leistungsdruck.
Einfach Freude daran haben, ein Geschöpf Gottes zu sein.
Im Einklang mit dem Leben. Im Einklang mit Gott.
Schabbat Schalom, wünschen sich deshalb die Juden gegenseitig: „Frieden am Sabbat“.
Der Theologe Ernst Lange hat einmal die Zehn Gebote der Bibel als die „Zehn Freiheiten“ bezeichnet.
Und gerade auch das Sabbatgebot verspricht Freiheit: frei sein vom Hamsterrad des Leistenmüssens, aber auch Abstand halten von Eingriffen in die gute Schöpfung Gottes. Da geht es um die Ehrfurcht vor dem Leben in seiner Unversehrtheit.
Schabbat Schalom.
„Was sind wir doch, was haben wir auf dieser ganzen Erd, das uns, o Vater, nicht von dir allein gegeben wird?“ So lautet eine Liedzeile bei Paul Gerhardt. Nicht auf das, was wir machen oder leisten, kommt es an, sondern allein auf die Gabe und das Geschenk Gottes. Wir können loslassen und uns freuen.
Schabbat Schalom.
Die Pervertierung zum SelbstzweckAber nun kommt ein großes Aber:
Gebote und Verbote sollen zwar ein höheres Gut schützen.
Aber sie können auch starr und lebensfeindlich werden.
Das geschieht dann, wenn sie das höhere Gut aus dem Blick verlieren. Wenn sie zum Selbstzweck werden.
Dann wird aus der ursprünglichen Entlastung eine Last.
In der jüdischen Tradition wurde so aus dem Sabbatgebot eine unübersehbare Fülle von Einzelvorschriften.
Bis ins letzte Detail hinein wurde definiert, welche Tätigkeiten am Sabbat verboten waren.
Damit sind wir nun bei Jesus und seinen Jüngern.
Sie durchstreifen am Sabbat Kornfelder und bedienen sich im Gehen an dem, was die Natur ihnen bietet: sie raufen Ähren aus, zermahlen die Körner mit ihren Fingern und genießen die so gewonnenen Kohlenhydrate.
Die gesetzeskundigen Pharisäer nehmen daran Anstoß. Dabei geht es ihnen nicht um den Mundraub, sondern um den Bruch des Sabbatgebots: Was die Jünger da tun, gilt als Ernte. Und zu ernten, ist am Sabbat verboten.
Es geht den Pharisäern einzig darum, einen Regelverstoß, eine Ordnungswidrigkeit nachzuweisen.
Vielleicht auch nur, den Anhängern Jesu etwas Negatives anzukreiden.
Jedenfalls wird bei ihnen das Sabbatgebot zum Selbstzweck.
Schabbat und kein Schalom.
Die Antwort JesuWie reagiert nun Jesus auf den Vorwurf der Pharisäer?
Er erinnert die Gesetzeskundigen an die Heiligen Schriften.
Er holt sie dort ab, wo sie kompetent zu sein vorgeben: bei der Kenntnis des Wortes Gottes.
Er erinnert sie an David, den großen, von allen bewunderten König Israels. Dieser betrat einst den Tempel und bediente sich an den Schaubroten. Denn er und seine Leute hatten einfach Hunger. Und da aßen sie von den heiligen Broten, obwohl so etwas nur den Priestern erlaubt war.
Man stelle sich vor: Bei uns betritt jemand am Erntedankfest die Kirche, nimmt das Brot vom Altar und vespert – weil er Hunger hat.
Und lässt sich vielleicht auch noch einige der anderen Erntegaben schmecken. Wie peinlich!
An einen solchen Vorgang erinnert Jesus die Pharisäer.
Und dann fügt er noch – wie es sich für einen Rabbi gehört – einen Lehrsatz hinzu:
„Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“
Jesus bringt so die ursprüngliche Bedeutung des Sabbats wieder zur Geltung:
Der Ruhetag soll eine Wohltat sein und keine Zwangsjacke.
Das übergeordnete Gut ist das Wohl des Menschen, seine Unversehrtheit an Leib und Seele: das Leben
Es geht beim Sabbat um Entlastung, nicht um weitere Lasten.
Schabbat Schalom.
Wer Jesus istAber es geht noch um mehr:
Jesus zeigt nicht nur auf, was der Sabbat bedeutet.
Er macht auch deutlich, wer er selbst ist.
Jesus vergleicht sein Handeln und das seiner Jünger mit dem Handeln Davids.
Damals gab es eine verbreitete Denkfigur, den Schluss vom Kleineren zum Größeren.
Jesus gibt sich selbst als den neuen und größeren David zu erkennen. Und so beansprucht er höchste Autorität.
Darum folgt nun ein Wort der Vollmacht:
„So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.“
Am Anfang also eine Episode, so nebenbei – das Ährenraufen am Sabbat. Dann das Streitgespräch Jesu mit den Pharisäern.
Und daraus wurde: ein Öffnen der Augen und ein Öffnen der Herzen: nicht nur hin zum Sabbat, sondern auch hin zu Jesus.
Die leichte LastUnd wir? Manchmal seufzen wir unter den Anforderungen und Vorschriften, die tagtäglich auf uns einstürmen.
Es ist mühsam, all das abzuarbeiten, was uns von unseren Vorgesetzten oder den Behörden auferlegt wird.
Die Politiker reden zwar viel von Ent-Bürokratisierung, aber spürbar ist davon noch recht wenig.
Die Souveränität, mit der Jesus den Pharisäern begegnet,
wäre da eine große Hilfe.
Es muss nicht gleich die Zerschlagung eines gordischen Knotens sein. Schon kleine Entlastungen sind gut.
Eine kleine Ruhepause nach einer Anstrengung.
Oder nach einer Krankheit die stufenweise Wiedereingliederung in den Arbeitsalltag.
Oder das leider nicht mehr so häufige Hitzefrei in der Schule.
Vor allem aber ist es Jesus selbst, der uns entlastet.
Er spricht:
„Kommt her zu mir alle,
die ihr müde seid
und ermattet von übermäßiger Last,
die ihr seufzt unter harten Geboten
und unter der Last eurer Schuld.
Aufatmen sollt ihr und frei sein.“ *
Amen.
*Mt 11,28. Übertragen von Jörg Zink (bei EG 639)
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