1. Weihnachtsfeiertag (25. Dezember 2013)

Autorin / Autor: Pfarrerin Simone Straub, Stuttgart [simone.straub@elkw.de ]

Galater 4, 4 -7

Liebe Gemeinde,
„jetzt sind wir wieder unter uns“, sagte im letzten Jahr eine Frau zu mir beim Gottesdienst am zweiten Weihnachtstag. Es klang zwar ein bisschen bedauernd, aber auch so, als hätten die vielen, die vor nicht einmal 48 Stunden die Kirche gefüllt hatten, eigentlich da nichts zu suchen. So, als habe man sich damit abgefunden, dass hierzulande die Kirchen leer sind außer an dem einen einzigen 24. Dezember. Und ich selbst ertappe mich dabei, dass ich jedes Jahr nach Heiligabend auf ein Wunder warte, darauf nämlich, dass Fremde am anderen Morgen wiederkommen. Oder neue Gesichter kommen, weil diejenigen, die da waren, es gemacht haben wie die Hirten: Sie priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten. Andererseits wird uns auch nichts darüber berichtet, was mit diesen Hirten weiter geschehen ist. Ob sich ihr Leben verändert hat und sie von nun an jeden Sabbat in die Synagoge eilten? Es ist eigentlich kaum anzunehmen. Jedenfalls ist es so, dass ich, wenn ich heute so in „meiner Gemeinde“ fast jeden von ihnen schon mal getroffen habe, denke: ein schönes Gefühl und doch auch nachdenkenswert.
Warum sollte man sich auch heute erneut aufmachen? Der Gottesdienst gestern war schön und hat zum Familienfest dazugehört. Aber heute? Es regnet draußen, bei vielen ist noch die Familie zu Besuch. Ein gemütlicher Vormittag im Kreise der Familie hat ja auch was. Der Alltag mit seinen Aufgaben und Sorgen steht schon wieder vor der Tür. Und was das Kerzenlicht am Heiligen Abend noch gnädig verhüllt hat, kommt unbarmherzig wieder zu Tage: dass unsere Welt so gar nicht weihnachtlich ist, dass so vieles nicht stimmt, dass die Botschaft vom Weihnachtsfrieden oft genug in krassem Gegensatz steht zu dem, was wir erleben.

Weihnachten – das Fest der Sehnsucht

Auch an diesem Weihnachtsfest ist uns wieder deutlich geworden, dass wir uns eigentlich nach einer ganz anderen Welt sehnen. Nach einer Welt, in der es friedlich und gerecht zugeht, in der alle genug zum Leben haben, in der die Menschen sich verstehen, in der Menschen gut und sicher leben dürfen. In der Menschen friedlich zusammenleben.
Weihnachten gilt als das Familienfest schlechthin. Selbst meine Schülerinnen und Schüler der 10 . Klasse haben auf die Frage „Was gehört für dich zum Weihnachtsfest unbedingt dazu?“ geantwortet: „Zusammensein mit der Familie ohne Streit“. Ich hoffe, dass sich diese Erwartung bei ganz vielen erfüllt hat. Auch wenn ich weiß, dass das Weihnachtsfest immer auch das Fest ist, an welchen den Einsamen ihre Einsamkeit, den Traurigen ihre Traurigkeit und den Enttäuschten ihre geplatzten Hoffnungen mehr bewusst werden, als dies an anderen Tagen der Fall ist.
„Wie soll es denn in diesen Tagen Weihnachten werden?“, hat eine Mama mich gefragt, kurz nachdem ihr zehn Tage altes Mädchen verstorben ist. „Ich habe Angst vor diesen Tagen. Angst, seitdem ich ohne meinen Mann leben muss“, äußerte eine alte Dame beim Geburtstagsbesuch.
Weihnachten das Fest der Sehnsucht. Weihnachten ist aber auch das Fest der hohen Erwartungen und große Ängste.

Weihnachten – eine erfüllte Zeit

Auch Paulus berichtet in unserem Predigttext von Weihnachten. Er schreibt:
„Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.“
Nur diese wenigen Worte, hat Paulus in seinen vielen Briefen geschrieben, um von Weihnachten zu erzählen. Keine Engel, keine Hirten. Wir erfahren nichts vom Stall oder von den Weisen aus dem Morgenland. Alles, was uns die Weihnachtsgeschichte so vertraut macht, fehlt. Da wird nichts ausgeschmückt, kein Tannenzweig oder gar noch eine Lichterkette dazugelegt. Da wird nichts ausgeschmückt. Nur wenige, nüchterne Worte: „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan.“ Aber diese Nüchternheit ist vielleicht auch gerade die Stärke an dem Weihnachtsbericht des Apostels: aller Glitzerstaub weggepustet und alle Hintergrundmusik ausgeschaltet. Keine Ablenkung mehr.
„Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan.“

Konzentration auf das Wesentliche

„Als die Zeit erfüllt war“, beginnt Paulus seinen Weihnachtsbericht.
Weihnachten ist erfüllte Zeit. Weihnachten ist die Antwort auf alle Verheißungen des Alten Testaments. Weihnachten ist die Erfüllung aller tiefen und oft unbewussten Sehnsüchte. Weihnachten ist die Erfüllung all dessen, was Menschen im Tiefsten je gehofft haben.
„Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn.“
Paulus geht es um das Wesentliche. Ihm geht es um die Folgen dieser Nacht, die Konsequenzen für alle Menschen dieser Erde. Es geht um das Ende unserer Verlorenheit. Es geht um Kindschaft und Erbe. "Als die Zeit erfüllt war", da konnte Gott nicht anders, als selbst zu uns zu kommen. Er kommt als Kind in unsere Welt. Gott greift ein. Gott wird einer von uns. Ein Mensch. Er unterwirft sich den Bedingungen, mit denen wir tagtäglich zu kämpfen haben: in der Zeit zu leben, älter zu werden, verpasste Chancen im Leben aushalten zu müssen. Fehler zu machen, krank zu sein und zu sterben. Gott selber kommt ganz und gar und lässt sich auf diese unsere Bedingungen ein. Mit dieser Geburt eines Kindes, am Tag "als die Zeit erfüllt war", geschieht ein Neubeginn.

"Als die Zeit erfüllt war" – hat sich Gott ganz auf unsere Seite gestellt. Nicht nur ein bisschen, mit Zögern, ob es wohl gut ist, sich in solche Tiefen zu begeben. Gott stellt sich auf unsere Seite. Und genau deshalb wird es Weihnachten auch für alle Trauernden und Einsamen, auch für alle Betrübten und Ausgeschlossenen, auch für alle, die sich vor Weihnachten fürchten.
Es macht nämlich einen Unterschied, ob ich weiß, dass einer neben mir steht. Dass einer da ist, der zuhört, wenn alle anderen weghören. Dass einer da ist, der meine Tränen sieht, die ich den anderen nicht zeigen würde. Es macht einen Unterschied, ob ich ein Kind Gottes bin, ein wichtiger und einzigartiger Mensch. Dieses Kindsein macht jede und jeden von uns zu etwas ganz Besonderem. Die Liebe Gottes gilt mir persönlich. Ich bin sein Kind und Erbe. Gott ist da. Er schickt seinen Sohn als Mensch zu uns Menschen. Und so können wir Kinder sein.

„Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.“

Die Zeit war erfüllt. Damals in Bethlehem, zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und obwohl Paulus dieses Kind in der Krippe nie gesehen hat, obwohl er den Wanderprediger und Rabbi nie getroffen hat, holt auch ihn dieses Kind irgendwann ein. Der auferstandene Christus begegnet ihm auf der Reise. Zu einem Zeitpunkt, als für ihn die Zeit erfüllt war. Eine Begegnung, die sein Leben einschneidend verändert hat. Er wurde zum glühendsten Vertreter der Sache Jesu, zu einem scharfsinnigen Theologen und einem Gemeindegründer. Wie es ihm wohl ohne diese Wende gegangen wäre? Vielleicht weil Paulus die Folgen dieser einen Nacht im eigenen Leben erfahren hat, vielleicht schreibt er deshalb so knapp und prägnant wie möglich an die Galater: Ihr seid frei und mündig. Keinem Gesetz untertan, keinen Zwängen unterworfen. Einzigartig seid ihr und von Gott geliebt - gerettet. Einfacher gesagt: Ihr seid Kinder.

Kinder Gottes

Liebe Gemeinde, Kind sein bedeutet frei zu sein, bedeutet „jemand“ zu sein und sicher. Und dann ist es ganz egal, wie meine Herkunft ist, ob gebildet oder nicht. Alle sind gleich. Die sozialen Schranken, die sich auch bei uns aufbauen, sie werden von Gott eingerissen. Die Gräben, die sich zwischen arm und reich auftun, sie werden zugeschüttet. Alle sind gleich - gleich wertvoll, gleich geliebt. Tun können wir dazu nichts. Allein Gott hat entschieden, dass die Zeit erfüllt war, in die Menschheitsgeschichte einzugreifen. Die Liebe Gottes gilt jedem Einzelnen. Sie gilt mir persönlich. Ich bin sein Kind und Erbe. Und gleichzeitig stellt mich Gott noch hinein in eine Gemeinschaft von Menschen, die auch seine Kinder und deshalb meine Geschwister sind. Das sind nicht nur die leiblichen Schwestern und Brüder, sondern auch die Menschen hier in unserer Gemeinde und weit darüber hinaus.
Auch das gehört zu Weihnachten. Dass wir diese Tatsache ernstnehmen, dass wir wieder damit beginnen, mit unseren Schwestern und Brüdern zu reden, uns auszutauschen, sie in Anspruch zu nehmen, ihnen auch zu helfen. Weihnachten schafft zuallererst Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch. Gott hat sich ausgesucht, dass wir seine Kinder sind. Brief und Siegel darauf haben wir in der Taufe bekommen. Aber er will auch alle Menschen an der Krippe miteinander verbinden. Damit sie sich auf keinen Fall mehr allein oder nicht dazugehörig fühlen. Diese Dazugehörigkeit gilt nicht nur an einem Tag im Jahr, sondern über das ganze Leben hinaus.
Und Paulus schreibt weiter: „Wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.“

Die Konsequenz

Das sollen wir uns merken. Nicht nur für heute, sondern lebenslang:
Wir sind Kinder und Erben. Wir haben neben unseren Eltern einen Vater im Himmel.
Freundschaften können zerbrechen, Ehen auseinandergehen. Aber ein Kind bleibt Kind seines Vaters, und ein Vater bleibt Vater seiner Kinder.
Als Kinder sind wir freie Menschen. Wir sind mündige Menschen. Wir sind in unsere Welt hineingestellt – und wir tragen Verantwortung für sie. Nicht nur in der Stillen Nacht und an den Feiertagen, sondern gerade dann, wenn vom Glanz von Weihnachten nichts zu sehen und zu spüren ist. Dann, wenn es um das Wesentliche geht. Wenn uns der Alltag wieder hat, wenn das Leben es nicht gut mit uns meint. Dann haben wir etwas davon, dass wir Kinder und Erben sind. Kinder Gottes! Weihnachten heißt: Wir gehören dazu, wir gehören zu Gott. Er ist unser Vater, der alles tut, um uns aus der Knechtschaft unserer Angst, unserer Todesangst, unserer Lebensangst zu befreien. Weihnachten ist der Beginn der Geschichte Gottes mit uns Menschen, die damals in Bethlehem ihren Anfang genommen hat. Eine Geschichte, die andauert bis heute und unsere Sehnsucht wach hält.
„Alles beginnt mit der Sehnsucht“, schreibt Nelly Sachs in einem Gedicht: „Fing nicht auch deine Menschwerdung, Gott, mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an? So lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen, dich zu suchen, und lass sie damit enden, dich gefunden zu haben.“
Amen.

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