13. Sonntag nach Trinitatis (25. August 2013)

Autorin / Autor:
Pfarrerin Barbara Vollmer, Bad Wurzach [barbara.vollmer@elkw.de]

Matthäus 6, 1-4

Fromme Heuchler

„Wissen Sie, Frau Pfarrerin, ich gehör‘ nicht zu den Kirchgängern. Ich glaub‘ auch so an meinen Gott.“ Ich bin bestimmt nicht die einzige Pfarrerin, die bei Besuchen immer mal wieder diesen Satz hört. Gerne wird er begründet mit der Feststellung: „Und wenn ich seh‘, was die tun, die so fromm in die Kirche springen…“
„Die frommen Heuchler“ – das ist geradezu ein klassischer Typus, der sich wohl durch alle Religionen zieht. Menschen, die ihren Glauben wie eine Standarte vor sich her tragen: „Schaut her, wie ernst ich es mit meinem Gott meine. Seht doch, wie wichtig mir mein Glaube ist.“
Menschen, die sich dann nicht selten im Umgang mit anderen als rigide und zuweilen unbarmherzig erweisen und die vor allem ganz genau wissen, wie man richtig glaubt und sich – moralisch – jedem überlegen fühlen, der seinen Weg mit Gott anders sucht als sie.
Wer sich offen, zum Beispiel durch regelmäßigen Kirchgang, zu seinem Glauben bekennt, der muss sich nicht wundern, wenn er daran gemessen wird. Leider fällt das Urteil nicht immer günstig aus, und es wäre also ein Leichtes, über sie herzuziehen. Über die, bei denen Anspruch und Sein so weit auseinanderklafft; über die, die fromm tun und doch so weit von Gott entfernt sind – jedenfalls unserem Urteil nach.
Aber ich bin mir nicht sicher, ob wir damit das treffen, was Jesus gemeint hat. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob seine Rede nur an die gerichtet ist. Ich glaube, sie geht uns alle an.
Natürlich macht Jesus an einem drastischen Beispiel klar, worum es ihm geht. Und wir begreifen am Extrem, was richtig und was falsch ist und wie wir zu handeln haben bzw. wie wir uns besser nicht verhalten sollten. Zugleich aber besteht die Gefahr, dass wir mit Fingern auf die anderen zeigen, und die Worte Jesu beruhigt an uns ablaufen lassen: „Herr, zum Glück bin ich nicht wie diese, das alles geht mich also gar nichts an.“

Wen meint Jesus mit dem frommen Heuchler?

Geht mich die Sache wirklich nichts an? Bin ich nicht im Grunde doch wie diese?
Eine meiner Urlaubslektüren war ein kleines Büchlein von Stefan Zweig: „Historische Miniaturen“ hieß es. Die erste davon beschäftigt sich mit „Nunez de Balboa“, dem Mann, der als erster Europäer den pazifischen Ozean erblickt hat. Ein Abenteurer war er, wie alle Conquistadores, einer mit Mut und Kühnheit und einem ausgeprägten Gefühl für Ehre, der andererseits nicht zögerte zu lügen und zu betrügen; und der nichts dabei fand, wehrlose Gefangene zu seinem Vergnügen von Bluthunden zerreißen lässt.
Zweig kommentiert das so: „Einmalige unerklärliche Mischung in Charakter und Art dieser spanischen Konquistadoren. Fromm und gläubig, wie nur jemals Christen waren, rufen sie Gott aus inbrünstiger Seele an und begehen zugleich in seinem Namen die schändlichsten Unmenschlichkeiten der Geschichte.“
Da haben wir es, wieder im Extrem natürlich, was für uns alle gilt. Keiner von uns ist so „angenehm einfach“, dass wir ihn eindeutig gut oder böse nennen könnten. In jedem von uns wohnen mindestens zwei Seelen. Wir alle sind zugleich zu Gutem und zu Bösem fähig und „in Wirklichkeit .. ist kein einziges ‚Ich‘... eine Einheit“ (Hermann Hesse, Der Steppenwolf). „Wir sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den bei Gott haben sollten“, schreibt Paulus nach Rom (Röm 3,23) und weiß auch um die innere Gespaltenheit der Menschen: „Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht“, sagt er (Röm 7, 18).
Schieben wir die Worte Jesu also nicht von uns, auch wenn wir uns nach eigenem Urteil nicht unter die „frommen Heuchler“ zählen. Diese Worte gehen uns alle an, auch deshalb, weil es in ihnen um mehr geht, als es vordergründig scheinen mag.

Nächstenliebe und mein Platz im Himmel

Vordergründig geht es um das Almosen geben. Tatsächlich aber geht es um Gerechtigkeit. Um das genauer zu verstehen, müssen wir einen Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zur Zeit Jesu werfen. Zu dieser Zeit gibt es nämlich durchaus ein Wohlfahrtssystem, das die Armen unterstützt, damit sie nicht betteln müssen. Bettler, das sind die Blinden, die Lahmen, die Verkrüppelten, denen keine Wahl bleibt als zu betteln, wenn sie ihrer Familie nicht zur Last fallen wollen. Gesellschaftlich sind sie verachtet, und weil man ihre Erkrankung als Strafe Gottes ansieht, haben sie auch keinen Anspruch auf einen Platz bei Gott. Im Leben nicht und auch nicht danach. „Blinde werden nicht hineinkommen in das Haus des Herrn“, lesen wir bei Samuel (2.Sam 5,8).
Ist das nicht schon himmelschreiend ungerecht?
Der hingegen, der ihre Not durch Almosen lindert, genießt dadurch ein besseres Ansehen, und zwar nicht nur vor den Menschen, sondern auch vor Gott, so glaubt man.
Wer also seine gute Tat an die große Glocke hängt, der spekuliert auf gesellschaftliche Anerkennung, und mehr noch: Er spekuliert auch auf einen Platz im Himmel.
Und das nun ist vielleicht die menschlichste und die kritischste Sache an dem Ganzen, auch heute noch. Wir alle spekulieren doch auf einen Platz im Himmel. Und wir wollen auch gesellschaftlich anerkannt sein und etwas gelten - und wir tun viel, um uns Anerkennung zu verdienen.
Leistung ist dabei das Zauberwort. Damals offensichtlich ebenso wie heute:
Meine Schülerinnen und Schüler zum Beispiel sind total vom Leistungsdenken besetzt (was kein Wunder ist, denn danach werden sie in der Schule ja beurteilt). Es wird fraglos von ihnen akzeptiert: Wer viel leistet, soll selbstverständlich auch viel verdienen. Und wer wenig leistet, bekommt halt wenig oder nichts. Für den Gedanken, dass jeder das bekommt, was er braucht (wie es etwa in der Schriftlesung Matthäus 20, 1-16 zum Ausdruck kam), kann ich sie gar nicht gewinnen. Aber genau darum geht es bei Gott und darum geht es auch bei der Gerechtigkeit. Jeder soll das bekommen, was er zum Leben braucht, unabhängig von guten Zensuren und herausragenden Leistungen.
Nur ist das bei uns nicht angekommen.
Wir vergewissern uns der guten Zensuren, die wir durch Wohltätigkeit, Fleiß, Treue und Pflichterfüllung bei Gott und den Menschen erreicht zu haben glauben. Je mehr wir davon aufweisen können, desto angesehener und wichtiger kommen wir uns vor. Dass andere davon wissen, ist überaus wichtig dabei, denn sonst erkennen sie ja gar nicht, wie gut, wie wichtig, wie verdienstvoll wir sind.
Kein Wunder also, dass die Menschen damals ihre Almosen gerne mit großer Geste verteilt haben. Kein Wunder, dass so viele auch heute noch sich ihrer Taten rühmen müssen, wenn es sonst keiner sieht.
Kein Wunder, dass Jesus dies zurückweist.
Deshalb kein Wunder, weil es doch eigentlich genau darum nicht geht.
Wer von uns könnte sich denn seinen Platz im Himmel verdienen? Hat nicht Paulus auf den Punkt gebracht, was bei Jesus erlebbar war: Den Himmel gibt es ohne Vorbedingungen, ohne gute Leistungen, ohne gesellschaftliche Hürden. Wir „sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den (wir) bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist“ (Röm 3, 23f).

Der Zugang in den Himmel: statt eigene Leistung Vertrauen auf Gott

Der Himmel gilt denen, die „Gott fürchten und lieben“. Auch Bettler können hineinkommen, Blinde, Zöllner, Frauen und Kinder, wir. Wichtig ist allein, ihm zu vertrauen. Gott zu vertrauen. Darauf zu vertrauen, dass wir ihm wichtig sind, dass wir bei ihm Ansehen genießen.
So einfach ist der Zugang in den Himmel, allein: Wir glauben es ja nicht! Wir vertrauen ja nicht! Weil dieses „Prinzip Vertrauen“ allem widerspricht, was wir kennen und erleben.
Wir erleben ja eben, dass es ohne Fleiß keinen Preis gibt. In der Schule spätestens fängt es damit an. Wir erleben, dass es „oben“ und „unten“ gibt und manche Menschen wichtiger scheinen als andere. Wir erleben, dass wir uns Anerkennung verdienen müssen, unter den Menschen und gerade wir Pfarrerinnen und Pfarrer sind da besonders anfällig. Wie fleißig sind wir, damit unsere Gemeinde uns anerkennt, wie unermüdlich besorgt um das Wohl der Einzelnen. Wie darauf bedacht, geduldig zu sein, recht zu predigen, alle zu bedienen!
Ja, und wie gut tut es, wenn unsere Anstrengung auch gesehen wird und wenn sie sich auszahlt in guten Zensuren, Lob und Anerkennung oder womöglich einen hervorragenden Platz in unserer Gesellschaft. Da ist es schon verständlich, dass die Forschen die Werbetrommel rühren und auf ihre Leistungen hinweisen, während die Bescheidenen still darauf hoffen, dass jemand ihre Verdienste sieht und anerkennt.
Still das Gute tun, im Verborgenen schaffen; helfen, weil geholfen sein muss, nicht weil man damit gut dasteht; vertrauen, dass Gott es sieht. Nein, nicht, dass Gott es sieht, sondern dass er uns schon angesehen hat. Um unserer selbst willen. Und dass wir längt schon Gnade gefunden haben und unseren sicheren Platz bei ihm… Wie schwer ist das! Wie schwer, zu vertrauen, zu glauben, dass wir Gott lieb sind. Auch als Bettler, auch als unvollkommene Kirchgänger; als Menschen mit mindestens zwei Seelen in unserer Brust, zuweilen gut, zuweilen schlecht; manchmal erfolgreich und manchmal auf der total falschen Spur.
Wie schwer ist Glauben!
Und doch, darum allein geht es. Zu vertrauen, dass es auf Gott ankommt, allein auf ihn. Zu vertrauen, dass wir uns nichts verdienen müssen (es auch nicht können), zu vertrauen, dass Gott uns gibt, was wir brauchen. Ohn‘ unser Verdienst, allein aus Gnade und Barmherzigkeit.
Amen.

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