15. Sonntag nach Trinitatis (08. September 2013)

Autorin / Autor: Dekan Dr. Friedemann Richert, Künzelsau

Apostelgeschichte 17, 5-6

Schule des Glaubens

Leben ist nicht gleich Leben. Es kann gut oder schlecht geführt werden. Darum müssen wir lernen, unser Leben gut zu führen. Und das ein Leben lang.
Ebenso steht es mit dem Glauben. Er kann wahrhaftig oder menschlich sein. Darum müssen wir unseren Glauben immer wieder erlernen. Tag für Tag. Wir leben heute im Sinne Lessings mit dem garstigen Graben zwischen Glauben und Geschichte. Insofern steht uns Heutigen die Bitte der Apostel nach Stärkung des Glaubens gut an. Aber auch den Aposteln? Erfuhren sie nicht den Glauben aus erster Hand? Warum also deren Bitte: „Stärke uns den Glauben.“ War schon bei der Grundlegung des Glaubens sozusagen sogleich eine Erweckungsbewegung nötig?
Eine Vielzahl von Erweckungsbewegungen durchzog schon die Christenheit. Und alle wollten einen Glauben aus erster Hand verkündigt wissen, wollten in direkter Nachfolge der Apostel stehen: Erweckung und geistiges Leben direkt vom Herrn empfangen, Glauben ungefiltert und rein wie am Anfang. Solch ein wirkmächtiger Glauben sollte und soll die Kirche durchdringen, so zumindest dachten und denken die Erweckungsprediger bis heute.
Doch wie sieht dieser reine Anfang aus? Es ist geradezu erstaunlich, wie nüchtern und karg der Evangelist Lukas die Begegnung zwischen Jesus und den Aposteln beschreibt:
Hilflos stehen die Jünger neben ihrem Herrn und bitten kleinlaut: „Stärke uns den Glauben.“ Dahinter verbirgt sich die Einsicht, dass der Glaube immer wieder erlernt und buchstabiert werden muss, will er wahrhaftig sein und bleiben. Stärke uns den Glauben ist der Leitgedanke für die Schule des Glaubens. In diese sind wir zeitlebens gestellt. Darin sind wir den Aposteln gleich.
Ob das den unzähligen Erweckungspredigern bewusst war und ist? So kleinlaut und be-scheiden wollte niemals ein Erweckungsprediger seine Worte verstanden wissen. Man denke nur an die großen Erweckungsbewegungen des Pietismus oder an die vielen charismatischen Bewegungen unserer Tage. Mit Glaubensstärke sollen Welt und Mensch berührt und zum Heil geführt werden.
Die Bitte der Apostel hingegen „Stärke uns den Glauben“ ist bescheiden und erweist sie zugleich als Anfänger des Glaubens. Wer so bittet, will sich von Christus selbst leiten lassen und will nicht der menschlichen Glaubenshaltung erliegen, „den heiligen Geist zur Schule führen zu wollen“, wie Luther den Irrglauben umschreibt. Darum lehrt er auch trefflich im kleinen Katechismus: „Ich glaube, dass ich nicht glauben kann.“ Wir sind, wie die Jünger Jesu, keine Glaubenshelden und keine Heiligen. Wir sind zeitlebens in die Schule des Glaubens gefordert. „Stärke uns den Glauben“, eine wahrhaft entlastende Bitte.

Die Konfrontation Jesu

Umso erstaunlicher ist es, dass Jesus auf diese Bitte überhaupt nicht eingeht. Kein Wort des Verständnisses, kein Wort des Trostes. Anstelle dessen ein Wort der Konfrontation.
„Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.“
Der wahrhaftigen Selbsterkenntnis der Jünger stellt Jesus die Macht des Glaubens gegenüber. Und zwar eine Macht, die Unmögliches möglich machen will. Doch die Frage sei erlaubt: Mit der Macht des Glaubens einen tief verwurzelten Baum zu entwurzeln und ihn dann in das Meerwasser zu verpflanzen, was soll das eigentlich?
Man kann von Glück sagen, dass weder die Apostel noch wir mit dieser Macht des Glaubens ausgestattet waren beziehungsweise sind. Man stelle sich nur einmal die Unordnung und das Chaos vor, könnten wir mit der Macht des Glaubens Bäume entwurzeln.
Nein, so kann die Antwort Jesu nicht verstanden werden. Wir verstehen sie vielmehr erst dann, achten wir darauf, warum die Apostel ihren Glauben gestärkt wissen wollten.
„Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht. Und wenn er es bereut, so vergib ihm. Und wenn er siebenmal am Tag an dir sündigen würde und siebenmal wieder zu dir käme und spräche: Es reut mich!, so sollst du ihm vergeben“ (Lukas 17, 3f.). So lautet die Unterweisung der Jünger, auf die diese mit: „Stärke uns den Glauben“ antworten.

Verzeihung

Es geht also um Vergebung und Verzeihung. Es geht darum, wie wir mit der Schuld derjenigen umgehen, die sich gegen uns versündigt, die sich an uns verfehlt und vergangen haben. Gräbt sich diese Schuld nicht tief in unser Herz ein, tief verwurzelt wie ein Baum? Und saugt und laugt dieser Schuldenbaum nicht unser Herz und Wesen aus? Sind wir dann, wenn wir diesen Schuldenbaum ansehen, nicht Gefangene unserer selbst, solange wir Verfehlungen und Vergehen uns gegenüber den anderen nachtragen?

Glaube macht frei

Glaube macht frei, so Jesus. Frei von Schuld und Sünde mit ihren tiefliegenden Wurzeln. Glaube macht frei von Verletzungen und seelischen Verkrümmungen. Warum? Weil der Glaube das letzte, klärende und bereinigende Wort nicht der Schuld und der Sünde überlässt, sondern Gott selbst zuspricht. „Herr, sprich du zu uns, so ist uns geholfen, was immer auch unsere Schuld und Sünde sei“, so lautet ein altes Kirchengebet.
Die Bitte um Glaubensstärkung und die Antwort Jesu vom Senfkornglauben können uns in die Freiheit eines Christenmenschen einweisen. Denn die Macht des Glaubens besteht darin, alle Bäume der Schuld und Sünde, alles Unkraut des Nachtragens und des Nicht-vergeben-Wollens ins Meer zu verpflanzen. Und dort, in diesem Meer der Liebe Gottes, da vergehen und verderben alle bösen Sünden. Darum liegt es an uns, diese Vergebung auch anderen gegenüber zu üben.
Nun freilich gelingt uns dies nicht immer. Dass dem so ist, liegt wohl daran, dass wir uns selber wichtiger nehmen als Gott und sein Wort. Wenn Jesus vom Glauben spricht, der wie ein Senfkorn ist, klein und unscheinbar, dann meint er die Kraft, die in diesem Samenkorn steckt. Aus einem Senfkorn, so wusste man damals, kann ein großer, schattenspendender Baum werden, unter dem man gerne weilt. Demnach will das Bild vom Senfkorn sagen: Aus dem Glauben an Gott, aus der mutigen Zuversicht auf Gottes Erbarmen, erwächst – wie von selbst – durch Gottes Wirken eine Kraft in uns, die mehr und mehr zur Verzeihung bereit ist.
Allerdings: Verzeihung nicht verstanden als billiges und menschenunwürdiges Dulden und Hinnehmen von bösartigen Verfehlungen uns gegenüber. Das sei ferne.

Leben in der Kirche

Jesus redet hier vom Zusammenleben der Christen untereinander: „Wenn dein Bruder sün-digt, so weise ihn zurecht“, unterweist Jesus seine Jünger. Führt die Zurechtweisung zur Reue, dann ist es unsere Christenpflicht zu vergeben, und zwar siebenmal. Denn Reue ist nichts anderes als zu spät erwachte Vernunft. Dieser zu spät erwachten Vernunft fällt es dann wie Schuppen von den Augen und lässt mich erkennen und bekennen: „Wenn ich gewusst hätte, dann hätte ich das nicht getan. Bitte vergib mir.“
Die Zahl Sieben ist im Neuen Testament die Zahl der Vollkommenheit. Wir sind also gehalten, bei Reue vollkommen zu vergeben und nichts nachzutragen. Aber auch hier gilt: Es handelt sich hier um das Verhältnis von Christen untereinander. Jesus sagt nicht: Wenn ein Fremder sündigt und sich an dir vergeht, sondern: wenn dein Bruder sündigt.
Christen sind keine wehrlosen Figuren, die in der Welt von der Welt wie Marionetten vorgeführt werden können, weil sie sich alle Bosheit gefallen lassen müssten. Der Welt gegenüber sollen wir Christen vielmehr wachsam und wehrhaft sein. Die obigen Worte Jesu taugen nicht für einen Umgang etwa mit Gewaltverbrechern oder Terroristen. Sie sind vielmehr für das kirchliche Zusammenleben gedacht. Dieses soll vom Geist der Vergebung getragen und gezeichnet sein.
So nämlich miteinander zu leben, befreit und macht das leichter, was uns beschwert. Luther hat darum Recht, wenn er sagt:

„Glaube ist eine lebendige, entschlossene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiß, dass er tausendmal darüber stürbe. Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen: Das tut der heilige Geist im Glauben. Daher wird er ohne Zwang willig und lustig, Gutes tun Gott zu Liebe und zu Lob, der ihm solche Gnade erzeigt hat, so dass es unmöglich ist, Werke des Glaubens zu scheiden, so unmöglich, wie Brennen und Leuchten vom Feuer geschieden werden kann.
Darum sieh dich vor vor deinen eigenen falschen Gedanken und unnützen Schwätzern, die von Glauben und guten Werken zu urteilen klug sein wollen und die größten Narren sind. Bitte Gott, dass er Glauben in dir wirke; sonst bleibst du wohl ewig ohne Glauben, auch wenn du sinnst und tust, was du willst oder kannst“ (Vorrede zum Brief des Paulus an die Römer, 1522).

Es bleibt dabei: Herr, stärke uns den Glauben. Amen.

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