16. Sonntag nach Trinitatis (15. September 2013)

Autorin / Autor: Pfarrer Albrecht Nuding, Schönaich [Albrecht.Nuding@elkw.de]

Lukas 7, 11 -17

Liebe Gemeinde,
wer ist Jesus? Um diese Frage geht es in allen vier Evangelien immer wieder neu. Wie sollen wir ihn einordnen? Was können wir von ihm erwarten? Wie steht er zu Gott?
Und genau diese Fragen stehen auch hinter unserem heutigen Predigttext aus dem Lukasevangelium. Ich lese die Geschichte vom Jüngling zu Nain aus dem 7.Kapitel die Verse 11 bis 17:

„Und es begab sich danach, dass er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm und eine große Menge.
Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe; und eine große Menge aus der Stadt ging mit ihr.
Und als sie der Herr sah, jammerte sie ihn und er sprach zu ihr: Weine nicht!
Und trat hinzu und berührte den Sarg, und die Träger blieben stehen. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, steh auf! Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter
Und Furcht ergriff sie alle, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und: Gott hat sein Volk besucht.
Und diese Kunde von ihm erscholl in ganz Judäa und im ganzen umliegenden Land.“

In den letzten Monaten habe ich an mehr Trauerzügen teilgenommen als mir lieb ist – manchmal mehrmals in der Woche. Sicher: Das liegt an meinem Beruf als Pfarrer, aber nicht nur. Auch als Nachbar und als guter Bekannter von Trauernden habe ich an Beerdigungen teilgenommen. Und aus eigener Erfahrung weiß ich, wie ganz anders – mit schwerem Herzen und schleppendem Schritt und mit Tränen im Gesicht – nehme ich an einem Trauerzug teil, wenn da jemand zu Grabe getragen wird, den ich lieb hatte. Trauerzüge können trostlose Wegstrecken sein. Großer Schmerz und beinahe unbegrenztes Leid ziehen da im Zug mit, und auch dem Erschrecken über die Endgültigkeit des Todes kann sich wohl niemand von uns bei einer Beerdigung ganz entziehen.

Jesus kreuzt den Weg des Trauerzuges

Den Weg eines solchen Trauerzuges kreuzen Jesus und seine Jünger und eine große Menge von Leuten, die mit ihm sind. Zwei gegenläufige Bewegungen prallen hier als Menschenansammlungen aufeinander. Die, die die Realität des Todes schwersten Herzens akzeptieren und loslassen müssen, treffen auf jene, die auf ein neues Leben mit Gott und von Gott hoffen. Niedergeschlagene und Verzweifelte treffen auf Menschen voller Erwartungen und Hoffnung. Die Hilfsbedürftigen begegnen dem Helfer, die Erbarmungswürdigen dem Erbarmenden, die in Not, dem der Not wenden kann. Der Trauerzug trifft auf den Lebensspender.

Wir erleben keine Totenerweckung

Aber dennoch erleben wir bei unseren Trauerzügen ans Grab nicht, dass da einer kommt und zu dem Toten oder der Toten sagt: „Steh auf!“ So sehr wir uns das auch manchmal wünschen würden. So groß unsere Sehnsucht auch ist, dass da Jesus ein Machtwort spricht und auf sein Wort hin Leben wieder möglich wird. Auch wenn wir lange auf Heilung einer Krankheit gehofft und für Heilung gebetet haben, müssen wir spätestens bei der Beerdigung den Tod als Wirklichkeit anerkennen, die Macht hat in unserer Welt. Noch nie hat jemand den Trauerzug, in dem ich mitging, gestoppt und den Toten auferstehen lassen. Das Erlebnis einer Totenerweckung wie die, von der unser Predigttext berichtet, bleibt uns verwehrt.
Und dennoch können wir trotzdem bekennen: Gottes Barmherzigkeit ist stärker als der Tod. Gottes Barmherzigkeit führt uns zu einem neuen Leben.

Wir lernen von Jesus im Umgang mit Trauer und Tod

Auch wenn wir nicht wie Jesus Tote auferwecken können, so können wir von ihm aus unserer Geschichte doch einiges im Umgang mit dem Tod und mit Trauernden abschauen. Ein paar Beobachtungen am Verlauf unserer Geschichte möchte ich hervorheben:
Zum Einen: Jesus hat Mitleid mit der Mutter. „Und als sie der Herr sah, jammerte sie ihn“ (V.13). Auf Griechisch heißt Mitleid: Sympathie. Seine Sympathie gilt der Witwe, die nun völlig mittellos da steht und nach dem Tod ihres Mannes nun den zweiten schweren Schicksalsschlag hinnehmen muss. Mit dem einzigen Sohn ist ihre Hoffnung auf Versorgung und Pflege im Alter gestorben. Nach damaligem Recht hat sie auch ihren Ernährer und Rechtsvertreter verloren. Jesus hat zurecht Mitleid mit ihr. Deshalb tritt er hier dem Tod und vor allem seinen Folgen im Namen des Lebens entschieden entgegen.
In unserer Zeit gehört oftmals die Einsamkeit zu den schwersten Folgen eines Todesfalles in der Familie. Hier können wir alle etwas tun und Trauernde nicht allein lassen. Und das gilt nicht nur für Erwachsene, gerade auch Jugendliche und Kinder können trauernde Menschen auf andere Gedanken bringen und ihnen ihre Sympathie zeigen. Auch ihr, Konfirmandinnen und Konfirmanden, könnt hier Großeltern, die um den anderen Teil trauern, etwas schenken, nämlich: eure Zeit und damit Zuwendung. Es ist viel mehr als eine Binsenweisheit, wenn der Volksmund sagt: Geteiltes Leid ist halbes Leid.
Eine andere Facette unserer Geschichte könnte leicht zu einem Missverständnis führen, weil Jesus ausdrücklich zu der Frau sagt: „Weine nicht!“ Er will vielmehr die Perspektive dieser verzweifelten Mutter dahin lenken, dass es ganz und gar nicht Gottes Ziel ist, dass Eltern ihre Kinder zu Grabe tragen müssen (vgl. Jes 65,20). Gott will vielmehr am Ende aller Tage alle unsere Tränen abwischen (Offb 21,4), weil dann diese vergängliche Welt vergangen sein wird und mit ihr auch der Tod. Von Gott her sind wir im Letzten zum Leben bestimmt. Für Tränen gibt es dann – aber erst dann – keinen Grund mehr. Bis dahin aber können, ja sollen und müssen wir Gott unser Leid klagen, wenn wir vom Tode betroffen sind. Und die Trauer anderer gilt es auszuhalten und nicht kleinzureden, denn jedes Sterben ist ein Zeichen dafür, dass Gott mit dieser Welt noch nicht am Ziel ist.
Meine dritte Beobachtung bezieht sich darauf, dass der Tod und der Tote für Jesus kein Tabu sind. Er geht ganz dicht an den Toten heran und berührt den Sarg. Er hat keine Angst davor, dass die Begegnung mit dem Toten ihn nach jüdischem Verständnis unrein machen könnte. In unserem Leben haben wir oftmals schon Sorge davor, nach einem Todesfall den Angehörigen zu begegnen und fühlen uns darin hilflos, was wir ihnen sagen können. Ich kenne solche Sorgen vor schwierigen Trauergesprächen durchaus auch, aber meine Erfahrung ist, dass nicht das Ablenken von der Trauer, sondern dass den Angehörigen das Reden über den Tod und über die Verstorbene gut tut, den Angehörigen hilft und sie trösten kann.

Jesus geht unseren Trauerzügen voran

Jesus, liebe Gemeinde, ist in der Zeit seines öffentlichen Wirkens sicher an manchen Trauerzügen vorbeigekommen und hat zu anderen Toten nicht gesagt: „Steh auf“, so dass der Tote sich aufrichtete und zu reden anfing wie der Jüngling zu Nain. Diese Auferweckung eines jungen Mannes ist vielmehr ein herausgehobenes, ein besonderes Wunder. Mit diesem überaus starken Zeichen will Jesus etwas deutlich machen: nämlich, dass das Reich Gottes nun angebrochen ist. Das Wunder der Auferweckung von den Toten ist ein Zeichen, dass für den Tod im Reich Gottes kein Platz mehr ist. Die Auferweckung des Jünglings von Nain ist zunächst nur ein Signal und noch nicht das Ende des Todes. Auch dieser Wiedererweckte musste wieder sterben. Vielleicht aber nach seiner Mutter. Eines ist durch das Zeichen von Nain unübersehbar geworden: Gott in der Person Jesu Christi ist das Leben und hat Mitleid mit den Trauernden. Als Gekreuzigter ist er bei allen Trauernden in unseren Trauerzügen auf dem Friedhof und leidet mit. Erst mit seiner Auferstehung ist sein Sieg über den Tod endgültige Wirklichkeit geworden. Eine Wirklichkeit, mit der wir alle auch heute an den Gräbern dieser Welt rechnen dürfen. Als Auferstandener geht Jesus Christus deshalb heute allen unseren Trauerzügen voran und kommt denen, die ihm vertrauen, im anderen Leben entgegen.

Wer ist Jesus?

Zum Warten auf den Messias gehört für das Judentum die Erwartung, dass eines Tages ein großer Prophet wiederkehren wird, der selbst Tote auferwecken kann wie einst Elia den Sohn der Witwe von Zarpat, die ihm Unterschlupf gewährt hatte, vom Tod wieder ins Leben zurückbrachte. Das war und ist die große Hoffnung: dass ein Gottesmann kommt, der selbst den Tod überwinden kann.
Und das erlebten alle, die mit Jesus den Trauerzug am Stadttor von Nain kreuzten und alle, die im Trauerzug mitgingen: Selbst der Tod kann Jesus nicht widerstehen. Und diese Botschaft verstanden die Leute auch. Die Reaktion der Menge macht es deutlich. Er ist da, den sie erwartet haben.
Alles, was die Menschen mit dem Messias verbinden, geht mit seinem Reden und Tun in Erfüllung: Lahme gehen, Blinde sehen und mehr noch: Sogar Tote werden auferweckt. Jesus ist der verheißene Retter.
Aber nicht Jesus loben die Menschen am Stadttor von Nain für die Tat, sondern Gott. Die Menge erkennt, dass sich Gottes Erbarmen in Jesu Handeln Geltung verschafft. Nicht den Menschen Jesus, sondern Gottes Vollmacht, aus der er handelt, preisen sie. Jesus bezeugt durch die Totenerweckung in Nain, dass Gott uns Menschen nicht allein lässt: im Leben wie im Sterben. Sein Erbarmen, seine Sympathie gilt allen: den Lebenden und den Toten. Alle, die vom Wunder von Nain hören, wissen eine Antwort auf die Frage, wer Jesus ist. Sie können sagen: Diesen Mann hat Gott gesandt. Mit ihm hat das Reich Gottes unter uns schon begonnen. Ihm können wir vertrauen im Leben und im Tod. Amen.

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