18. Sonntag nach Trinitatis (29. September 2013)

Autorin / Autor: Dekan Volker Teich, Schorndorf [Volker.Teich@elkw.de]

2. Mose 20, 1 -17

Liebe Gemeinde,
Deutschland hat gewählt. Die Zeit des Wahlkampfes ist vorbei. Wer wollte, konnte bei Veranstaltungen mitdiskutieren. Dies ist der Sinn der Wahlvorbereitungen. Fragen werden gestellt, Fragen, die viele bewegen. Was ist gerecht beim Lohn? Wie soll es mit dem Euro und Europa weiter gehen? Als evangelische Kirche haben wir nach der Zukunft guter Pflege nachgefragt, in der der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht allein die Frage nach der Bezahlbarkeit. Es ist gut, wenn wir in unserem Land immer wieder neu nach den Werten nachfragen, die unser Zusammenleben tragen.
Heute Morgen, gewissermaßen nach der Wahl, hören wir auf den biblischen Text schlechthin, der menschliches Zusammenleben regelt. Dieser Text ist die Magna Charta für das Zusammenleben einer Gesellschaft. Es gibt kaum eine Verfassung zumindest in Europa oder in Amerika, die sich nicht auf diesen Text der Bibel beruft. Wir hören heute Morgen auf 2. Mose 20, 1-17 – die Zehn Gebote – unseren Predigttext:

1 Und Gott redete alle diese Worte:
2 Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. 3 Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
4 Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: 5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, 6 aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.
7 Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.
8 Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. 9 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. 10 Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. 11 Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.
12 Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.
13 Du sollst nicht töten.
14 Du sollst nicht ehebrechen.
15 Du sollst nicht stehlen.
16 Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
17 Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.

Jetzt könnte man über jedes der Zehn Gebote eine Predigt halten. Heute Morgen sollen es nur drei Grundgedanken sein, denen wir nachdenken.

1. Vom Ich zum Du
„Ich bin der Herr, dein Gott“, sagt uns Gott heute Morgen. „Ich bin der Herr, nicht Du!“ Was für eine Zumutung und was für eine Befreiung! Wir Menschen wollen doch gerne Herrgott sein. Wir wollen doch so gerne im Mittelpunkt stehen. Wie viel Allmachtswahn kennzeichnet die Geschichte! Immer wieder griffen Menschen über sich hinaus und wollten mehr sein und herrschen.
In der Zeit der Aufklärung war der kleine Vers zu hören:
„Lasst uns über Zäune klettern,
denn dazu sind Zäune da,
lasst Laternen uns zerschmettern,
unsre Lichter leuchten ja!“
Voller Übermut, voller Lebensfreude klingt dieser Satz. Man würde ihn so gerne nachsprechen. Doch die Zäune, die damals gemeint waren, waren die Gebote Gottes und die Laternen, die zerschmettert werden sollten, waren die Lichter der Kirche und die Lichter des Glaubens. Ja, zugegeben, diese Lichter waren oft trübe, sie waren oft Funzeln. Doch das Licht der Vernunft, das Licht des autonomen Menschen, der sich selbst alleine in den Mittelpunkt stellt, dieses Licht ist oft noch trüber, noch dunkler. Es folgte nicht das helle Zeitalter der Neuzeit. O nein, selbstkritisch müssen wir bekennen, wie viel Leid, wie viel Kriege in den letzten hundert Jahren waren. Wo der Mensch allein Herr ist, da wird ein Mensch dem anderen Menschen zum Wolf. Wo der Mensch sich absolut setzt, da beginnt die Herrschaft der Barbarei und der Tyrannei.
Wie gut ist es, dass Gott zu uns sagt: „Ich bin der Herr, dein Gott!“ Und wir? Wir dürfen Mensch sein, befreiter Mensch. Denn Gott sagt: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten, dem Land der Knechtschaft befreit hat."
Vom Ich zum Du, vom Ich zum befreiten Du. Gott schenkt Freiheit! Das Volk Israel befreite er aus Ägypten, aus der Sklaverei. In Jesus Christus hat er uns von der Macht der Sünde und des Todes befreit. Was für ein Jubel, was für ein Glanz ist in diesen Versen zu hören. Gott schenkt uns Freiheit und er allein will unser Gott sein.
Das Volk Israel stand jenseits des Schilfmeeres, Miriam schlug die Pauke, und das Volk sang und tanzte und freute sich seiner Freiheit.
Als am Abend des Ostertages die Emmausjünger nach Jerusalem zurückkamen, da kannte der Jubel der Jünger keine Grenzen mehr: Er ist auferstanden! Er ist der Herr! Er führt in die Freiheit.

2. Vom Alltag zum Sonntag
Gedenke des Sabbattages! Dieses Gebot nimmt auffällig viel Raum in unserem Predigttext ein. Die Begründung dieses Gebotes ist in den biblischen Texten unterschiedlich. Das eine Mal ist es das Handeln Gottes selbst: An sechs Tagen erschuf er Himmel und Erde, am siebenten Tag ruhte er von allen seinen Werken. Das andere Mal ist es das Geschenk der Freiheit. Israel darf ruhen, weil es frei ist, frei von der Sklaverei!
Was für ein Geschenk ist der Sonntag! Was für ein Segen ist dieser Lebensrhythmus zwischen Arbeit und Ruhe. Wir brauchen nicht immer arbeiten. Wir müssen uns unseren Fleiß nicht immer beweisen. Nein, wir dürfen ruhen, ausruhen, weil Gott es uns gebietet. Was für eine herrliche Grundordnung ist in den Zehn Geboten umschrieben. Unser Leben hat eine Zeitstruktur. Es gibt Morgen und Abend, Tag und Nacht. Und es gibt die Woche mit Werktag und Sonntag. Was für ein Geschenk! Israel, das Volk Gottes, hielt den Sabbat. Wir Christen haben den Sonntag. Es waren die ersten Christen, die diese Änderung durchführten. Weil Jesus am ersten Tag der Woche auferstanden ist, feierten sie den Sonntag als Ruhetag. Sie trafen sich frühmorgens, um Gottesdienst zu feiern. Denn ohne Gottesdienst ist der Sonntag kein Sonntag. Das Licht der Auferstehung, das Wort des auferstandenen Herrn gibt diesem Tag seinen Glanz und sein Gepräge. Martin Luther erklärt deshalb das Feiertagsgebot so: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern es heilig halten gerne hören und lernen.“
Was für eine Gabe! Der lebendige Gott selbst will am Sonntag unserem Leben Mitte und Ziel geben. Wir dürfen uns an ihm freuen, ihm Lieder singen und er beschenkt uns reich! Was für ein Glanz! Die ganze Woche, jeder Arbeitstag bekommt seinen Glanz vom Sonntag her. Denn Gott gibt uns seine Weisung und seinen Segen am Sonntag für die ganze Woche.

3. Vom Du zum Wir
Mose bekam die Zehn Gebote auf zwei Tafeln. Auf der ersten Tafel ist unser Verhältnis zu Gott beschrieben. Auf der zweiten Tafel geht es um unser Verhältnis zum Nächsten, um unsere Familie und um das Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Diese beiden Tafeln gehören zusammen. Die erste Tafel lässt sich so zusammenfassen: Du sollst Gott, den Herrn, über alle Dinge fürchten, lieben und ihm vertrauen. Die zweite Tafel: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst. Das Doppelgebot der Liebe zeigt den Zusammenhang der beiden Tafeln an. Beides, die Liebe zu Gott und die Liebe zu unserem Nächsten gehören zusammen. Wenn ich Gott liebe, sehe ich auch meinen Nächsten. Ihm soll es so gut gehen, wie mir.
Die Propheten des Alten Testamentes zeigten immer wieder, wie diese zweite Tafel ein Gradmesser war, ob das Volk Gottes noch auf gutem Wege ist oder nicht. Witwen, Waisen und Fremden, den Schwachen in einer Gesellschaft, soll es gut gehen. Sie sollen zu ihrem Recht kommen. Die Liebe zu Gott, dem Herrn, wird im Handeln am Nächsten konkret. Man kann nicht Gott im Gottesdienst loben und seinen Nächsten verachten und vergessen. „Bleib mir weg mit dem Geplärr deiner Lieder…“, konnte Amos im Namen Gottes dem Volk entgegenhalten.
Vom Du zum Wir. Weil Gott uns anredet, uns seine Liebe schenkt, dürfen wir den Mitmensch neben uns sehen, wie er ist. Wenn es ihm schlecht geht, sollen wir ihm helfen. Wenn es ihm gut geht, sollen wir nicht neidisch auf ihn blicken und sein Hab und Gut begehren. Wir sind alle miteinander Menschen über denen Gott, der Vater, seine Sonne aufgehen lässt und wir sind Menschen, die miteinander auf dem Weg zum ewigen Leben sind.
Die Zehn Gebote sind Grundregeln zum Leben. Sie laden uns jeden Tag neu zur Nachfolge Jesu ein. Unser Scheitern dürfen wir ihm bringen. Von seiner Gnade dürfen wir leben und sein Geist leitet uns auf rechtem Weg. Amen

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