2. Advent (08. Dezember 2013)

Autorin / Autor: Pfarrer Karl-Adolf Rieker, Herrenberg [Karl-Adolf.Rieker@elkw.de]

Offenbarung 3, 7 -13

Die Adventszeit, liebe Gemeinde, ist die Zeit der Türen.
Die Tür kann als Symbol der Vorweihnachtszeit- und Adventszeit gelten.
Nicht nur der Adventskranz mit seinen Kerzen und seinem Tannengrün ist ein Zeichen dieser Wochen vor Weihnachten.
Die Tür, die Türen spielen in diesen Tagen und Wochen auch eine besondere Rolle. „Macht hoch die Tür…“ – so heißt es ja im bekannten Adventslied.
Die Tür unserer Gemüter und Herzen ist damit gemeint. Aber auch ganz gegenständliche Türen können sich in der Adventszeit für uns auftun.
Die Türen im Adventskalender zum Beispiel.
Die Türen zwischen Nachbarn, die sich "Frohe Weihnachten" wünschen.
Die Türen der Kirchen, die besonders bei Weihnachtskonzerten und Gottesdiensten gut besucht sind.

Auch im heutigen Predigttext wird von einer Tür gesprochen:
„Ich habe vor dir eine Tür aufgetan, und niemand kann sie zuschließen;
denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und meinen Namen nicht verleugnet.“
Das sagt Gott in der Vision des Johannes zur Gemeinde Philadelphia. Gilt es auch für uns?
Erfahren auch wir, dass Türen für uns aufgetan werden? Türen zueinander, Türen zu den Herzen anderer Menschen, Türen zu Gott?
„Siehe, ich habe vor dir eine Tür geöffnet, denn du hast eine kleine Kraft…“
Ich persönlich mache die Erfahrung, dass gerade in der Advents- und Weihnachtszeit, wo Türen zwischen mir und anderen zugeschlagen sind, das besonders weh tut.
Ich mache die Erfahrung, dass es in dieser Zeit besonders schmerzt, wenn man einen anderen Menschen verloren hat, durch Tod, durch Streit, durch Gleichgültigkeit oder andere unglückliche Umstände. Die Trennungen, die durch unsere Familien, durch unsere Nachbarschaften und Freundeskreise gehen, werden uns in den gemütsbewegten Weihnachtstagen besonders schmerzlich bewusst. Und auch die Trennung, die zwischen uns und Gott besteht, die Trennung zwischen dem erwarteten Heil und den unheilvollen Zuständen dieser Welt, wird uns an Weihnachtstagen bewusst.
Es sind leider die verschlossenen Türen, die uns vor Augen stehen. Und es ist eher unsere kleine Kraft, unser Unvermögen, sie zu öffnen, das uns deutlich wird.

Der verschlossene Eingang

Es gibt eine Erzählung von Franz Kafka, die dieses Lebensgefühl der verschlossenen Tür zum Ausdruck bringt. Diese Erzählung ist mir beim Lesen des Predigttextes eingefallen. Ich möchte Sie ihnen kurz ins Gedächtnis rufen: Sie heißt „Vor dem Gesetz“ und sie handelt von einem Mann, der vor die höchste Instanz, eben vor das Gesetz, treten will, um sein Recht zu bekommen.
Das Tor zum Palast des Gesetzes steht offen. Vor dem offenen Tor aber steht ein Türhüter.
Der Türhüter verweigert dem Mann den Eintritt.
Als er protestiert, lacht der Türhüter und sagt: „Wenn es dich so lockt hineinzugehen, versuch es doch, trotz meines Verbotes. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter.
Von Saal zu Saal stehen aber Türhüter, einer mächtiger als der andere.
Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.“
Das entmutigt den Mann, und er entschließt sich, lieber zu warten. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und lässt ihn seitwärts der Tür sich niedersetzen.
Dort sitzt er Tage und Jahre.
Er macht viele Versuche eingelassen zu werden.
Er bittet und bettelt, er verflucht und besticht den Türhüter.
Dieser nimmt die Bestechung zwar an, sagt aber dabei:
„Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.“
Während der vielen Jahre des Wartens wird der Mann alt und älter.
Schließlich wird sein Augenlicht schwach, und er erkennt im Dunkel einen herrlichen Glanz, der aus dem Tor des Gesetzes strahlt. Kurz vor seinem Tod sammeln sich in seinem Kopf alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer einzigen Frage, die er dem Türhüter noch nicht gestellt hat.
Er winkt ihm zu und der Türhüter beugt sich zu ihm hinab.
Der Mann sagt: „Alle streben doch nach dem Gesetz. Wieso kommt es, dass in den vielen Jahren niemand außer mir Einlass durch das Tor verlangt hat?“
Der Türhüter erkennt, dass der Mann an seinem Ende ist, und er sagt: „Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“
Ein lebenslanges, vergebliches Warten.
Ein lebenslanges, vergebliches Mühen.
Das ist die traurige Botschaft dieser Geschichte.
Ich denke, sie spiegelt etwas wider von der Trauer über misslungene Versuche der Kontaktaufnahme zwischen uns Menschen.

Türen, die einem verschlossen bleiben – zum Mitmensch, zu Gott

Vielleicht kennt der eine, oder die andere von Ihnen, liebe Gemeinde, diese Erfahrung auch. Man hat alles versucht, aber man kommt nicht, oder nicht mehr hindurch zum Zentrum eines Menschen – zu seinem Herzen.
Der Weg wäre einem klar und bekannt.
Aber die Tür da hinein ist versperrt.
Das Vertrauen, das früher einmal zwischen mir und dem anderen da war, ist weg.
Die Gemeinsamkeiten sind zerstört.
Der Karren ist verfahren.
Solche zerstörten und versperrten Beziehungen gibt es unter uns - leider!
Es gibt sie vielleicht öfter als wir zugeben.
Und auch das andere, nämlich die Trauer über die misslungene Kontaktaufnahme zwischen Mensch und Gott, steckt in dieser Geschichte.
Mit dem Gesetz, der obersten Instanz, meint der Jude und Jurist Franz Kafka in seiner Geschichte niemand anderen als Gott.
Für den Menschen ist und bleibt Gott ein Leben lang unsichtbar. Er kann tun, was er will. Er kann sich mühen und plagen, er kommt nicht durch. Die Tür ist für ihn versperrt.
Er kommt von seiner Seite aus nicht hinein in das Zentrum Gottes – zu seinem Herzen.

Advent: Gott öffnet die verschlossene Tür – Christus kommt zu uns

Aber, und das ist nun das Gegenteil zur Kafka-Geschichte,
Gott kommt uns Menschen von seiner Seite aus entgegen.
„Siehe, ich habe vor dir eine Tür geöffnet, und niemand kann sie mehr zuschließen…“
Das sagt Gott zu uns, und damit kehrt er den Spieß um.
Wir Menschen müssen nicht mehr zu ihm hindurchdringen.
Wir müssen keinen Zwang und keine Gewalt anwenden, um die Tür zu öffnen.
Wir brauchen auch keine großen Leistungen erbringen, sondern wir können ihn empfangen.
Gerade an Advent und Weihnachten kommt der zu uns, der aus dem Zentrum Gottes, aus seinem Herzen, den Weg und die Tür zur Welt geöffnet hat.
Christus steht in der Tür, auf der Schwelle unseres Lebens und bittet freundlich darum, dass wir ihn empfangen und zu uns hereinlassen.
„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an…“
Das, liebe Gemeinde, ist ein schönes und eindrückliches Bild für den Advent:
„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an…“
Christus hat angeklopft bei uns.
Er hat die Tür geöffnet, und nun steht er auf der Schwelle.
Er tritt nicht ein in unser Haus.
Er achtet das Hausrecht.
Er wartet, bis wir ihn unsererseits hereinbitten.
Er drängt sich uns nicht auf.
Er bleibt bescheiden auf der Türschwelle stehen und wartet.
Er ist es, der wartet und der warten kann.
Er wartet sogar ein ganzes Leben lang, langmütig, in Geduld.
So steht er auch jetzt, in dieser Adventszeit, an der Schwelle zur Tür unseres Lebens.
Er geht nicht fort.
Er wartet.
Er wartet, solange wir leben, dass wir ihn hereinbitten zu uns, in unser Haus, in unser Herz.

Advent: Feier der geöffneten Tür – mit Christus rechnen

Advent ist die Zeit, in der wir uns vorbereiten auf Weihnachten, damit Christus einziehen kann.
Die Kinder öffnen jeden Tag eine neue Tür des Adventskalenders.
Welche Türen öffnen wir Erwachsenen?
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit…“ Dieses Lied ist deshalb so beliebt, weil es eine tiefe Wahrheit ausspricht. Weil es aus der verborgenen Tiefe unserer Seelen das ausdrückt, wonach wir uns wirklich sehnen. Danach nämlich, dass die Türen offen stehen, die Türen zwischen uns Menschen, und die Türen zwischen Gott und uns Menschen.
Es ist die Sehnsucht danach, dass die Trennungen verschwinden und Gemeinschaft, Friede, Liebe und Vertrauen bei uns einkehren.
Diese Sehnsucht steigt gerade an Weihnachten aus der Tiefe unserer Seelen empor, alle Jahre wieder.
Man muss aufpassen, dass diese Sehnsucht nicht nur romantisches Gefühl bleibt. Ein Festtagsgefühl, das nach Weihnachten wieder weggepackt und in der Tiefe der Seele verstaut wird.
Das Bild des wartenden, an die Tür unseres Lebens klopfenden Jesus Christus, kann das verhindern. Denn er hat diese Sehnsucht nicht nur gepredigt und gelebt, sondern er ist auch dafür gestorben.
Das hat mit Romantik und Weihnachtsstimmung wenig zu tun. Das ist Realität.
Es ist die Realität der geöffneten Türe Gottes.
Diese Realität sieht am Kreuz und am Elend der Welt nicht vorbei, sondern öffnet sich dafür und will uns Menschen darin beistehen und uns helfen.
Gott will herein in unsere Welt.
Wir sollten ihn empfangen.
Wir können unsererseits die Tür aufmachen und sagen:
Ja, komm!

„Komm, in unsre stolze Welt,
Herr mit deiner Liebe Werben.
Überwinde Macht und Geld,
lass die Völker nicht verderben.
Wende Hass und Feindessinn
auf den Weg zum Frieden hin.“

Amen.

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