2. Weihnachtsfeiertag (26. Dezember 2013)

Autorin / Autor: Pfarrer Ulrich Wildermuth, Crailsheim-Altenmünster [ulrich.wildermuth@elkw.de]

2. Korinther 8, 9

Vielfältig und bunt sind die Gaben des Weihnachtsfestes: Wir freuen uns an den Geschenken, an Liedern und Gebräuchen und am Glanz der vielen Lichter.
„O du fröhliche, o die selige, Gnaden bringende Weihnachtszeit.“
Auch dieses Lied gehört dazu, für viele unverzichtbar.
Auf jeden Fall lenkt dieses Lied unsere Aufmerksamkeit auf die eine entscheidende Gabe von Weihnachten: auf die Gnade, die uns und aller Welt zuteil geworden ist.
Gnade – in diesem einen Wort sammelt sich wie in einem Brennpunkt der ganze Sinn von Weihnachten – und damit auch der ganze Sinn des christlichen Glaubens.
Lassen Sie uns deshalb dieses eine Wort heute so miteinander bedenken, dass uns Weihnachten näher kommt, weil Gott selbst uns im Kind in der Krippe näher gekommen ist.
Wir tun dies, indem wir einen Vers aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an die Korinther bedenken, der die Botschaft von Weihnachten eindrucksvoll und prägnant auf den Punkt bringt.
2. Korinther 8,9 lautet: „Ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet.“


Das Wort „Gnade“ führt uns in das Zentrum des christlichen Glaubens

Was ist das: Gnade?
Hier schreibt einer so griffig und so klar, weil er in seiner eigenen Biografie erfahren hat, was Gnade ist: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin“ (1. Korinther 15,10). Dass er, Paulus, der Verfolger der christlichen Gemeinde, mit einer Erscheinung des Auferstandenen gewürdigt und zu dessen Werkzeug berufen wurde – das konnte er selbst nicht anders deuten als mit dem Wort „Gnade“.
Vielen von uns aber fehlt eine solche umwälzende Glaubenserfahrung. Da kann es eine Hilfe sein, in einem Wörterbuch nachzuschlagen. Denn Wörter sind verdichtete Erfahrungen. So hatten die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm nicht nur an Märchen ihre Freude, sondern sie sammelten und untersuchten auch die deutschen Wörter. Im Gestöber der Wörter kann man sich nämlich regelrecht tummeln.
Jacob Grimm schreibt über dieses Geschäft: „Wie wenn tagelang feine dichte flocken vom himmel nieder fallen…, werde ich von der masse aus allen ecken und ritzen auf mich andringender wörter gleichsam eingeschneit“ (Vorrede zum 1. Band des Grimmschen Wörterbuchs, 2. März 1854).
Unter dem Stichwort „Gnade“ findet sich dort eine übergroße Fülle von Aufzeichnungen. So war die Grundbedeutung im Germanischen: „sich niederlassen, sich neigen“.

Da sehe ich vor mir gleichsam den Heiligen Martin, wie er sich von seinem Ross herabneigt, um für den frierenden Bettler am Straßenrand den Mantel zu teilen. Das ist Gnade.
Schon früh wurde dieser Begriff auch in der christlichen Mission benützt, um das zu bezeichnen, was Gott an uns tut.
Gnade – das ist das dem Menschen zugewandte Erbarmen und Wohlwollen Gottes und die Gabe, die daraus entspringt.
Das deutsche Wort „Gnade“ steht auch für das lateinische Wort „gratia“.
Denn wir empfangen sie immer gratis – also unverdient.
Und sie gleicht dem Freispruch eines zum Tod Verurteilten, wenn ein Staatspräsident Gebrauch macht von seinem sogenannten „Gnadenrecht“.
Da wird ein rechtmäßig und aufgrund seiner Taten Verurteilter freigesprochen. Das Urteil wird aufgehoben. Von einer höheren Instanz aus wird ihm noch eine Zukunft, eine Chance gewährt.
All das führt uns hinein in das Zentrum unseres christlichen Glaubens.
Und Paulus bringt es auf den Punkt: „Ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet.“


Der Zusammenhang: die Gnade und das Geld

Der Vers aus dem 2. Korintherbrief steht in einem Zusammenhang, bei dem es um das liebe Geld geht, denn der Apostel Paulus wirbt um eine Geldsammlung, um eine Kollekte für die Urgemeinde in Jerusalem.
So wie wir an Weihnachten Spenden sammeln für „Brot für die Welt“.
So wie viele Organisationen darum werben, dass Menschen andere in ihrer Bedürftigkeit unterstützen.
Von den maßgeblichen Aposteln der Urgemeinde in Jerusalem hatte Paulus ja offiziell die Erlaubnis bekommen, die frohe Botschaft von Jesus Christus in die Heidenwelt hinauszutragen. Und das ohne von den bekehrten Heiden verlangen zu müssen, dass diese sich beschneiden lassen.
Die Christen aus den Juden und die Christen aus den Heiden sind aber eine untrennbare Einheit. Und die ehemaligen Heiden verdanken sich der jüdischen Wurzel wie ein aufgepfropfter Zweig eines Ölbaums. Darum sollen diese der Urgemeinde in Jerusalem Respekt zollen und diese auch finanziell unterstützen. Denn gab es viel Armut. Und man war auf Hilfe angewiesen.
Der Aufruf zur Kollekte ist also ein Aufruf zu christlicher Solidarität.
Solidarität trotz unterschiedlicher Herkunft und trotz unterschiedlicher religiöser Prägung! Und so sind auch wir aufgefordert, Menschen in anderen Ländern zu helfen oder Menschen, die bei uns Asyl suchen, aufzunehmen.
Was aber macht uns fähig zur Hilfe?
Wie wird uns einsichtig, dass Barmherzigkeit unsere Sache und Aufgabe ist?
Der entscheidende Antrieb ist die Solidarität Gottes selbst: das, was Gott uns und der ganzen Welt in Christus geschenkt hat!
„Ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet.“

Die Weihnachtsgeschichte als Weg in die Tiefe

Der ewig reiche Gott ist Mensch geworden, Kind in der Krippe in einem armen Stall – dieser Weg in die Tiefe ist der Weg der Gnade.
Die Weihnachtsgeschichte des Lukas zeichnet diesen Weg nach.
Sein Bericht macht eine auffallende Bewegung:
Er beginnt in Rom, bei Augustus, dem Kaiser, in der größten und reichsten Stadt, beim mächtigsten Mann. Aber dann geht es beständig abwärts: von Augustus zu Quirinius, vom Kaiser zu seinem Statthalter, von Rom nach Syrien. Es geht nach Nazareth zu Joseph, in eine kleine Stadt, zu einem gewöhnlichen Bürger. Trotz seiner schwangeren Braut muss er sich auf den Weg machen, von der Stadt Nazareth in das kleine Bethlehem. Dort findet er für sich und seine Frau nicht einmal ein festes Haus. Unter menschenunwürdigen Umständen muss die Frau entbinden, muss ihr Kind auf die Welt kommen.
Der Bericht des Lukas hat seinen Tiefpunkt erreicht.

Ludwig Thoma hat in einem Gedicht diesen Tiefpunkt intuitiv erfasst und reimt mit bayerischem Akzent:
„So war der Herr Jesus geboren / im Stall bei der kalten Nacht. /
Die Armen, die haben gefroren, / den Reichen war’s warm gemacht.
Sein Vater ist Schreiner gewesen. / Die Mutter war eine Magd. /
Sie haben kein Geld besessen, / die haben sich wohl geplagt. /
Kein Wirt hat ins Haus sie genommen; / sie waren von Herzen froh,
dass sie noch in Stall sind gekommen. / Sie legten das Kind auf Stroh.
Die Engel, die haben gesungen, / dass wohl ein Wunder geschehn. /
Da kamen die Hirten gesprungen / und haben es angesehn. /
Die Hirten, die will es erbarmen, / wie elend das Kindlein sei. /
Es ist eine Geschicht für die Armen. / Kein Reicher war nicht dabei.“
So sieht Ludwig Thoma den Tiefpunkt der Erzählung des Lukas.

Das also ist Gnade: sich neigen und herabsteigen. Sich zu denen begeben, die bedürftig sind. Gott ist Mensch geworden. Jesus Christus ist Armer unter Armen geworden.

Gnade als Ursprung der Freude

Und gerade wurde in die Nacht der Welt ein Licht hineingetragen.
Zwar endet diese Abwärtsbewegung endet am Kreuz von Golgatha.
Aber an diesem tiefsten und dunkelsten Punkt kommt sie uns allen, kommt sie der ganzen Welt zugute. Hier geschieht Versöhnung, Rettung und Heil.
Davon hat Martin Luther in einem Lied gesungen:
„Er ist auf Erden kommen arm, / dass er unser sich erbarm / und in dem Himmel mache reich / und seinen lieben Englein gleich. / Kyrieleis. // Das hat er alles uns getan, / sein groß Lieb zu zeigen an. / Des freu sich alle Christenheit / und dank ihm des in Ewigkeit. / Kyrieleis“ (EG 23).
Diese rettende Bewegung – das ist Gnade.
Ist das zu billig?
Wird Gnade manchmal verschenkt wie eine Schleuderware?
Ja. Gnade ist nicht nur billig. Sie ist mehr als billig.
Sie gibt es umsonst, gratis, als Geschenk. Unverdient und unverdienbar.
Aber sie ist auch teuer. Teuer für ihn. Teuer erkauft. Sie hat Jesus das Leben gekostet. In ihr hat Gott uns sein Eigenstes gegeben.
Gnade ist so teuer, dass sie für uns unbezahlbar ist.
Aber gerade darum schenkt sie uns Gott umsonst.

Wenn das kein Glück ist?
Wenn das kein Grund ist zur Freude?
„Ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet.“

Zum Schluss noch eine kleine Geschichte, die ich bei Dorothee Sölle gefunden habe:
„Ein alter Mann wurde einmal danach gefragt, was er unter Gnade verstehe. … (Das war seine Antwort:)
‚Ich war als Soldat in Russland und dort auch nach dem Krieg als Gefangener. Ich arbeitete mit einem Bauern, dessen beide Söhne von den Deutschen erschossen worden waren. Der Bauer ließ mich nachts mit der Familie auf dem warmen russischen Ofen schlafen. Sie ertrugen es, dass ich sie manchmal berührte. Das war für mich Gnade.‘“

Da ist einer russischen Familie unendliches Leid widerfahren. Zwei Söhne sind von den Deutschen erschossen worden. Und dennoch behaftet diese Familie den Kriegsgefangenen nicht dabei, dass er zu den Feinden gehört und deren Schuld teilt. Vielmehr teilen sie ausgerechnet mit ihm, was sie haben: ihre Wärme und ihre Menschlichkeit.

So etwas erfahren dürfen – das ist Gnade.
Und das ist Weihnachten.
Amen.

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