20. Sonntag nach Trinitatis (13. Oktober 2013)

Autorin / Autor: Pfarrerin Claudia Kook, Nürtingen [claudia.kook@elkw.de]

Markus 2, 23 -28

Nichts wert

„Diese Zahlen haben Ihnen als heilig zu gelten und sonst gar nichts!“ Es fliegt etwas Spucke, als die Chefin diese Worte mit großer Geste ausspricht. Paula, die sich auf der anderen Seite des Schreibtisches befindet und inzwischen deutlich kleinlauter geworden ist, antwortet: „Aber doch nicht auf Kosten der Mitarbeiter.“ „Demnächst vor allem auf Ihre Kosten, wenn Sie so weiter machen“, sagt die Chefin, jetzt in bedrohlich sachlichem Ton, und verabschiedet Paula mit einem Kopfnicken.
Als Paula wieder an ihrem Arbeitsplatz sitzt, schüttelt sie immer wieder den Kopf. „So war die doch früher nicht“, denkt sie. „Wird man so, wenn der Druck zu groß ist? Sind einem dann die Menschen nichts mehr wert?“

Was ist Ihnen heilig?

Liebe Gemeinde, was ist Ihnen heilig? Was steht bei Ihnen an alleroberster Stelle? Sind Sie bereit, alles dafür zu tun? Unter welchen Umständen geben Sie das, was Ihnen heilig ist, doch lieber auf?
Ein Zeitsprung – zweitausend Jahre zurück, ins Heilige Land zum heiligen Tag: Die Erzählung vom Ährenraufen am Sabbat (Markus 2, 23-28):
23 Und es begab sich, dass Jesus am Sabbat durch ein Kornfeld ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen.
24 Und die Pharisäer sprachen zu Jesus: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?
25 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren:
26 wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjatars, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren?
27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.
28 So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.

Liebe Gemeinde, so hat Jesus gedacht und gehandelt. In großer Freiheit hat er stets aufs Neue das getan, was wichtig war. So eng wusste er sich mit Gott verbunden, dass er aus dieser inneren Gewissheit heraus sich allem, was üblich war, entgegenstellen konnte. Nicht aus einer Laune heraus, sondern weil es ihm um die Menschen ging. Weil er sich dem Leben verpflichtet fühlte.

Jesus und unsere Sonntagsgesetze

Zurück zu Paula: Abends hat Paula ihren Bibelkreis. Gemeinsam lesen sie die Erzählung vom Ährenraufen am Sabbat. Sie ist die jüngste in diesem frommen Kreis, der heute überhaupt nicht so fromm ist, denn Gertrude schimpft gerade mit dem Heiland persönlich: „Dem ist ja wohl gar nichts heilig! Genau wie meine pubertierende Enkelin. Immer alles hinterfragen. Immer alles besser wissen. Wenn ich Pharisäer gewesen wäre, ich hätte noch ganz anders mit dem Herrn Jesus gesprochen!“ Alle schweigen betreten und stellen sich vor, wie die herrische Gertrude den armen Jesus zur Rede stellt. Jemand sagt vorsichtig: „Es geht doch um die Gesetze. Die ganzen Sabbat-Gesetze. Dass die völlig überzogen sind.“ Aber da Gertrude schon mal Fahrt aufgenommen hat, ist sie nicht zu bremsen: „Wäre Jesus etwa auch gegen unsere Sonntagsgesetze?“ Mit ironischem Ton fährt sie fort: „Dann läge er heute voll im Trend der Zeit. Alle wollen sie doch die Sonntagsruhe abschaffen. Die Läden, die Firmen, die ganze Wirtschaft, weil es viel Geld bringen würde, wenn der Sonntag nicht immer alle Abläufe unterbrechen würde. Da könnten die mit ganz anderen Umsatzzahlen aufwarten. Der Mensch ist schließlich für die Wirtschaft da, nicht die Wirtschaft für den Menschen, oder? Meinst du es so?“ „Nein, so meine ich es nicht. Du hast recht. Es ist gut, dass unsere Sonntagsgesetze gelten.“ „Und ich finde“, ergänzt Gertrude, „Jesus hätte sich ruhig auch an die paar Sabbatgesetze halten können.“

Es kommt darauf an, was einem wichtig ist

Paula mischt sich ein: „Es kommt darauf an, was einem wichtig ist. Die Umsatzzahlen oder die Menschen.“ Und weil die anderen nicht verstehen, wie sie auf das Thema kommt, erklärt sie: „Meiner Chefin sind die Umsatzzahlen heilig.“ Sie wendet sich an Gertrude: „Du hast vorher gefragt, ob denn dem Jesus gar nichts heilig wäre. Doch eben. Gerade. Die Menschen sind ihm heilig. Die stellt er ganz vorne an. Die hungrigen Menschen, um genau zu sein. In diesem Fall die Jünger. Die hatten vermutlich richtig Hunger, wie so viele Menschen damals. Für Jesus zählt nicht irgendein heiliger Tag. Nicht irgendwelche heiligen Gewohnheiten. Oder Regeln. Und vor allem keine Zahlen.“ Paula redet weiter. Der ganze Ärger vom Arbeitstag bricht aus ihr heraus. „Vielleicht ist Jesus der einzig wirklich freie Mensch, den es gibt. Weil er sich überhaupt nicht von dem abbringen lässt, was ihm wichtig ist. Weil er genau weiß, wofür er lebt. Und worauf es ankommt. Weil er sich durch und durch von Gott getragen weiß. Dabei muss er doch geahnt haben, dass es gefährlich ist, was er tut. Aber nein, ganz ruhig bleibt er, und lebt, was er für richtig hält. Er lebt für die Menschen. Nichts wirft ihn um.“ Und Paula denkt bei sich: Warum bin ich nicht so?
„Freiheit ist ja schön und gut. Aber ohne Regeln können Menschen nicht menschenwürdig zusammenleben“, belehrt Gertrude. „Noch dazu das Sabbatgebot, das ein Gesetz von Gott höchst persönlich ist, zum Wohl der Menschen.“

Es geht um das Lebendige

Paula überlegt laut: „Aber es kann doch nicht einfach um die Gebote an sich gehen. Es geht doch um das Lebendige, das darin enthalten ist. Und das muss man selbst entdecken. Da muss man sich einlassen. Nur weil man Gottes Gebote befolgt, kommt man doch der Wirklichkeit Gottes nicht näher. Darum geht es Jesus doch, oder? Dass man genau hinschauen und hinspüren muss, dass man nachdenken muss, dass man entscheiden muss. Einfacher geht es nicht. Sonst passiert es immer wieder, dass die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt.“

Einübung in die Freiheit

Am Abend, beim Zubettgehen, geht Paula immer wieder dieser schreckliche Satz durch den Kopf: „Diese Zahlen haben Ihnen heilig zu sein.“ So weit sind wir schon, denkt sie, dass uns Zahlen heiliger sind als Menschen.
Und weil sie nicht nur eine nachdenkliche sondern auch eine ordnungsliebende Frau ist, schreibt sie alles ordentlich auf. Sie nimmt ihr Büchlein, das neben dem Bett liegt, und schreibt: Was ist mir heilig? Dann zählt sie auf: Meine Familie. Meine Freunde. Überhaupt Menschen. Die Menschenwürde. Alles was lebt. Das Leben an sich. Die Liebe.
Und auf einem anderen Blatt schreibt sie: Was bin ich bereit, dafür zu tun? Sie legt enttäuscht den Stift zur Seite. So viele Kompromisse schleichen sich Tag für Tag in ihr Leben. Das soll sich ändern. Mehr Gottvertrauen. Mehr Rückgrat wünscht sie sich. Die Freiheit, die sie heute in der Jesusgeschichte entdeckt hat. Sie nimmt sich verschiedene Dinge vor: Sie entwickelt ein Ritual. Irgendwann hatte sie mal etwas Entsprechendes gelesen. Daran erinnert sie sich jetzt wieder: Morgens, gleich nach dem Aufstehen, wenn sie noch ganz empfindsam dem Tag gegenübersteht, ihre Träume noch in der Luft hängen, stellt sie sich mitten in den Raum. Sie spürt mit den nackten Füßen den Boden. Lässt sich tragen. Atmet ruhig. Steht zu sich. Richtet sich auf. Den Kopf in den Himmel hinein. Spürt die Freude über den Tag in sich aufsteigen. Von den Füßen bis in die Haarspitzen. Und nimmt sich etwas vor. Jeden Tag irgendetwas. Sie bleibt so lange so stehen, mit festem Stand und aufrechter Haltung, bis sie weiß, was es heute sein soll. Sie sagt es laut in den Raum hinein. Manchmal ist es nur etwas ganz Kleines. Dass sie sich nicht ärgern wird, wenn sie den Kaffee verschüttet. An manchen Tagen nimmt sie sich Großes vor, zum Beispiel, dass sie einer Umweltgruppe beitritt. Was sie dann auch tut, in der Hoffnung, dort Gleichgesinnte zu treffen, von denen sie lernen und mit denen sie sich austauschen kann. Mit denen sie sich gemeinsam für das einsetzt, was nicht nur ihr heilig ist, sondern auch anderen. An einem Morgen beschließt sie, einen Leserbrief zu schreiben. Sie will nicht immer nur zu Hause meckern, sondern sich in die öffentliche Diskussion einmischen. Sie nimmt sich vor, sich nicht mehr von ihrer Chefin beeindrucken zu lassen. Das muss sie sich an mehreren Tagen vornehmen, denn es klappt nicht beim ersten Mal. Und so übt sie sich ein. Sie übt sich ein in die Freiheit, die Jesus voller Gottvertrauen vorgelebt hat. Die Freiheit, dem Leben zu dienen. Und sich dabei von nichts und niemandem aufhalten zu lassen.
Liebe Gemeinde, vielleicht versuchen Sie etwas Ähnliches. Oder finden in anderer Weise Ihren Weg. Ihren eigenen Weg. Begleitet und getragen von Gott. Und erfahren etwas von dieser tiefen Gewissheit, aus der heraus Jesus gehandelt hat. In aller Freiheit. Den Menschen zuliebe. Ja, das vor allem: in Liebe zu den Menschen.
Amen.

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