22. Sonntag nach Trinitatis (27. Oktober 2013)

Autor/in: Pfarrerin Susanne Joos, Stuttgart [Susanne.Joos@elkw.de]

Micha 6, 6 -8

Liebe Gemeinde!

Ein milder Abend im Spätsommer. Christiane und Birgit haben es sich auf einer Holzbank gemütlich gemacht, um die letzten Sonnenstrahlen einzufangen. Eine Wolldecke wärmt ihre Beine.
Christiane atmet tief durch: „Ich freu mich so, dass du mitgekommen bist in die Ferienwohnung.“
Birgit nickt: „Auch wenn es nicht die kürzeste Strecke ist hierher nach Mecklenburg, - der weite Himmel hier tut einfach gut.“
„Ich hätte schon längst Urlaub machen sollen“, sagt Christiane, „wieder mal hab ich viel zu spät geplant.
Ich fühl mich richtig ausgelaugt.
Irgendwie hört das nie auf mit der Anstrengung, und was ist dabei heraus gekommen!
Jetzt bin ich fast 50.
Der Mann schon lang weg. Und Tim, der ist jetzt 22 und hängt immer noch daheim rum. Er kommt einfach nicht in die Pötte.“
„Naja“, unterbricht Birgit, „jetzt untertreib mal nicht. Immerhin hast du eine anspruchsvolle Arbeit mit den Mädchen in der Wohngruppe. Das ist ja nicht von Pappe, was du da leistest. Und was du alles ehrenamtlich auf die Beine stellst!“
„Das seh ich schon“, meint Christiane. „Dennoch: Ich hab immer das Gefühl, es ist nicht genug. Als wenn ich noch nicht richtig in meinem Leben angekommen wäre.“

Wie sollen wir uns Gott nahen?

Ein Rechtsstreit auf freiem Feld, vor den Toren der Stadt.
Die Kontrahenten stehen sich gegenüber.
Auf der einen Seite steht Gott, - genau genommen ist er da gar nicht zu sehen. Doch da ist seine Stimme.
Auf der anderen Seite: Männer aus dem Volk Juda, die ihr Volk vertreten.
Gegenüber: Berge und Hügel. Berge und Hügel als Zeugen des Streites. Sie sollen entscheiden, wer Recht hat.
Als Erstes ist Gott zu vernehmen.
„Eure Anklage ist vor mich gekommen. Ihr beklagt euch über eure schlechte Stimmung und eure miese Lage.
Was hab ich euch getan?
Womit hab ich euch belastet?
Was ist es, womit ich euch müde gemacht habe?“
Verwundert schauen die Leute auf.
Auf einen Gegenangriff waren sie eher gefasst. Nicht auf diesen fast fürsorglichen Ton. Gott scheint tatsächlich nach seinem Anteil in diesem Streit zu fragen.
Schon spricht die Stimme in werbendem Tonfall weiter:
„Habt ihr vergessen, wie ich euch aus der Sklaverei geführt habe? Wie ich Mose und Aaron und Miriam geschickt habe, die mit euch gegangen sind? Die euch in tausenderlei Nöten beistanden? Wie ich bei euch war, als ihr kurz vor dem Einzug ins Gelobte Land noch einmal in höchster Gefahr wart?“

Betroffen schauen die Leute einander an.
„Ja, das stimmt“, sagt einer ganz vorne leise.
„Er war immer da. Vielleicht waren wir uns zu sicher, dass er immer auf unserer Seite steht. In den letzten Jahren haben wir so getan, als könnten wir uns alles erlauben mit Gott in der Mitte. Hingehört hat doch keiner mehr auf ihn.
Da ist eine Menge aus dem Ruder gelaufen.“
Das Gemurmel verstummt, in sich gekehrt stehen die Leute da.
Deutlich steht vor ihren Augen, wie sehr sie sich verrannt haben ins politische Durchsetzen und Fortkommen, in ihre ehrgeizigen Pläne.
Gott: Längst schon nur noch schmückendes Beiwerk. Wie sehr sie sich selber abgekoppelt haben von dem, dem sie ihre Freiheit verdanken!
„Und jetzt“, fragt einer, „was sollen wir tun?
Wie sollen wir Gott in der Höhe unter die Augen treten? Wie kann das wieder gut werden?“
„Sollen wir opfern?“ fragt einer. „Ein Brandopfer? Ein junges Kälbchen?“
„Tausend Widder!“ „Ströme von Öl!“ überbieten andere.
„Ich kann mich gegen den Gedanken nicht wehren“, sagt noch ein anderer: „Auch wenn Gott uns längst verboten hat, ein Kind zu opfern, ob es nicht doch das ist, was er jetzt will? Damit er merkt, wie ernst unsere Reue ist?“
„Seid still!“ ruft jemand. „Horcht auf.“
Da ist die Stimme des Propheten, der aus der Menge hervorgetreten ist.
Ruhig, tief, ganz klar hören sie ihn:
„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist
Und was der Herr bei dir sucht,
nämlich Recht tun und Freundlichkeit lieben
und aufmerksam mitgehen mit deinem Gott.“

Unbewusste Opfer?

Birgit und Christiane schlendern die Dorfstraße entlang.
Heute ist der Himmel bedeckt, die Luft ist feucht.
„Lass uns mal die Kirche anschauen“, schlägt Birgit vor, „vielleicht ist sie offen.“
Die beiden nähern sich dem alten Gemäuer auf der kleinen Anhöhe über dem Flüsschen.
Die wuchtige Holztüre gibt nach, und schon stehen sie in dem überraschend hellen Raum, nur wenig länger als breit. Geld scheint die Gemeinde nicht viel zu haben, da wurde schon seit Jahrzehnten nur das Allernötigste gemacht. Doch die üppigen Gartenblumen auf dem Altar sind ganz frisch.
„Schau mal diesen Bollerofen an!“ meint Birgit. „Der ist noch von vor dem Krieg. Und die Anleitung auch.“ Lachend lesen die beiden die Anweisungen, worauf beim Anheizen des Ungetüms alles zu achten ist.
Dann setzen sie sich nebeneinander in eine Bank, jede in Gedanken versunken.
„Weißt du, was mir grad durch den Kopf geht?“ meint Christiane nach einer Weile. „Dieses Gefühl ‚es ist nie genug’, das ich seit meiner Kindheit habe, vielleicht geht das noch über meine Geschichte hinaus. Mein Vater hat nie darüber gesprochen, aber dass es ihn belastet hat, wie brav seine Mutter ihren Job im Krieg in Nazidiensten gemacht hat, das kann ich mir nicht anders vorstellen. Uns hat er so erzogen: Wir sollten alles gut und besser machen.
Immer war da so ein Druck, der mich nicht hat atmen lassen und herausfinden, was ich eigentlich möchte.
Den Druck hab ich auch oft in der Kirche gespürt, deshalb geh ich da kaum mehr hin.“
„Aber du kannst dich doch nicht opfern für deine Vorfahren, das geht ja nicht“, entgegnet Birgit. „Die müssen für Ihres geradestehen und du für dich!“

Christianes Blick ruht auf dem Altar, dem schlichten Kreuz und den herrlichen Blumen. „Du hast Recht. Vielleicht hab ich unbewusst versucht, etwas gut zu machen, indem ich mich so anstrenge. Ganz schön größenwahnsinnig. Wie schön wäre es, meine Familie einfach diesem Kreuz da vorn anzuvertrauen und die alte Schuld hier zu lassen, – und herauszufinden, was in meinem Leben dran ist, – jetzt!“
Noch eine Weile bleiben die beiden sitzen, lauschen in die Stille des Raumes.
Dann erhebt sich Christiane. Geht zum Altar, – das muss jetzt einfach sein –, und holt eine einzelne leuchtend gelbe Aster aus dem Strauß. Die nimmt sie mit, sich zu erinnern, wie leicht es eben in ihr geworden ist.


Es ist dir gesagt!

Das innere Ringen mit Gott, die Unsicherheit: Wann ist es genug? Wie kann es gut werden? – Gott selbst hat es längst unterbrochen. Keine Opfer. Auch keine versteckten Opfer unserer Kraft und Gesundheit und Lebensfreude.
Was der Höchste bei uns sucht, das ist längst gesagt. Es ist nicht spektakulär, es ist nichts, was überfordert. Eher ist es eine Haltung, ein lebenslanger Weg: „nichts als Recht tun und Freundlichkeit lieben und aufmerksam mitgehen mit deinem Gott“.


Aufbrechen und weitergehen

In der Bahn schauen die beiden Frauen aus dem Fenster und lassen noch einmal die mecklenburgische Landschaft an sich vorüberziehen.
Birgit streckt sich. „Gut erholt fühl ich mich, jetzt kann der Herbst kommen. Toll, dass du mich mitgenommen hast!“
Christiane nickt. „Weißt du was? Ich hab grad einen Entschluss gefasst. Wenn ich heimkomme, werde ich meinen Sohn bitten, bis in einem halben Jahr auszuziehen.
Und wenn Tim unbedingt noch bleiben will, dann teilen wir die Räume neu auf und rechnen aus, was er an Miete zahlt. Dann soll er halt irgendeinen Job annehmen. Das tut uns beiden nicht gut, wenn ich mich für ihn aufopfere und mich doch immer ärgere. Wer weiß, vielleicht gefällt es ihm sogar, wenn ich mehr nach mir schau’?“
„Gute Idee“, meint Birgit. „Der Tim spürt doch genau, dass du ihn magst, das verkraftet der gut. Bin sehr gespannt, wie es bei dir weitergeht!“
Amen.

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