3. Advent (15. Dezember 2013)

Autorin / Autor: Pfarrer und Studienleiter Johannes Gruner, Bad Urach [Johannes.Gruner@elkw.de]

Offenbarung 3, 1 -6

Liebe Gemeinde!
Wieder einmal hat sich die Visitatorin angemeldet, um die Gemeinde zu besuchen. Die Eingeweihten kennen das. Visitation wird das genannt. Gelassen sehen Kirchengemeinderat und Pfarrer dem Besuch entgegen. Sie haben ja auch einiges zu bieten: von der Krabbelgruppe und dem Kleinkindgottesdienst über Konfirmandenarbeit und Jugendarbeit. Anfragen junger Familien werden abgedeckt. Auch die mittlere Generation wird bedient: Es gibt zwei Frauenkreise, und sogar die Männer haben einen eigenen Kreis. Die Umweltgruppe tagt regelmäßig und arbeitet darauf hin, dass die Energiebilanz stimmt. Die Kirchenmusik kommt nicht zu kurz mit Kirchenchor, Posaunenchor und Gospelchor. Und selbstverständlich gibt es auch Angebote für die älteren Gemeindeglieder: den Kreis für die über 60-jährigen und den klassischen Seniorenkreis.
Ein wenig stolz ist die Gemeinde schon auf das, was so alles bei ihr los ist. Sie ist wohlgeordnet. Auch im Gemeinwesen der Stadt wird die Gemeinde positiv wahrgenommen. Darum sehen alle gelassen der Sitzung mit der Visitatorin entgegen. Man ist ja selbst überrascht, was alles getan wird und wie lebendig die Gemeinde ist. Und wie erwartet berichtet die Visitatorin lobend, was sie alles an Aktivitäten wahrgenommen hat: Die vielen Kreise und Gruppen, die Einbettung der Gemeinde in die Gesellschaft. Doch dann kommt der Satz, mit dem niemand gerechnet hat: „Ich habe mir alles gut angesehen. Ich habe viele Gespräche geführt. Und ich komme zum Ergebnis: Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot.“ Der Kirchengemeinderat ist sprachlos. Der Pfarrer ringt sichtlich um Fassung und fragt: „Was bedeutet das?”

Die Gemeinde in Sardes

Sardes. Eine stolze Stadt. Aus ihr stammt der sagenhafte König Krösus. Aber die stolze Zeit ist jetzt vorbei. Jetzt ist Sardes im Römischen Reich kaum mehr bekannt. Das einzig Bekannte ist ihr Kaiserkult. Denn Kaiser Tiberius hatte einst die Stadt nach einem verheerenden Erdbeben wieder aufbauen lassen. Darum wird hier dem Kaiser besonders konsequent geopfert. Wer ihm aber nicht opfert, ist verdächtig. Wer die Opfermahlzeiten auslässt, wird ausgestoßen. Ansonsten können die Bewohner sich frei in der Stadt bewegen. Sie können sich versammeln und ihre eigenen Gottesdienste halten. Sardes ist liberal, so sagen die Bewohner. Jeder kann nach seiner Façon selig werden. Nur der Kaiserkult hält die Stadt zusammen. Und darum müssen sich auch alle Bewohner daran halten. Ist doch klar: Wer hier ausschert, der hat in der Stadt nichts verloren.

So lässt es sich gut leben in Sardes, denkt auch die Christengemeinde. Es ist doch nur etwas Äußerliches, dem Kaiser ein Opfer zu bringen, beschwichtigt man sich. In Wirklichkeit steht man dem ganzen Opferkult ablehnend gegenüber. Doch das braucht man nicht nach außen zu zeigen. So wird die Christengemeinde in Ruhe gelassen. Sie ist nicht anstößig und fügt sich gut in die Gesellschaft ein. Da kann sie doch viel mehr bewirken, als wenn sie sich öffentlich gegen den Herrscherkult stellt, meint sie. Es lässt sich viel leichter von Christus erzählen und von der Freiheit, die er gebracht hat, sagt sie sich. Auch die Freiheit, am Opfer für den Kaiser teilzunehmen, sich innerlich jedoch davon zu distanzieren, genießt sie. Und so blüht die Gemeinde. Die Gottesdienste sind gut besucht. Die Gläubigen bleiben unbehelligt von den Spitzeln des Staates und der Stadt. Die Gemeinde in Sardes ist lebendig, meint sie.

Darum sorgt der Brief des Sehers Johannes für Unverständnis. „Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot!” Dieser Satz schlägt ein. Er stiftet Verwirrung. Die Gemeindeverantwortlichen sind empört. „So kann der Seher doch nicht mit uns umspringen.” Eigentlich ist die Gemeinde in Sardes enttäuscht, als sie den Satz des Johannes ver¬nimmt. Sie strengt sich doch so an, Menschen von der Befreiung durch Jesus Christus zu erzählen. Sicher, hier und dort muss man Kompromisse eingehen. Aber das geschieht doch, damit der Glaube an Christus verbreitet wird! Wer hört denn sonst auf diese Botschaft? Doch nicht, wenn die Gemeinde klein und unscheinbar ist! Doch nicht, wenn man sie nicht wahrnimmt! Es sind die vielen Angebote, die die Gemeinde attraktiv machen! Es kann gar nicht anders sein: Johannes muss sich getäuscht haben. Die Gemeinde in Sardes lebt doch! Sie ist lebendig! Die Gemeindeverantwortlichen können das gar nicht anders sehen. Und doch: Was sieht Johannes, was die Gemeinde nicht sieht?

Textilfabrik in Dhaka

Bangladesh, April 2013. Beim Einsturz einer Fabrik in der Hauptstadt Dhaka kommen über 1100 Menschen ums Leben. Illegal waren weitere Stockwerke auf das Hochhaus gesetzt worden. Als sich am Morgen des Unglückstages Risse in den Mauern zeigten, zwangen die Fabrikbesitzer die Arbeiterinnen, ihre Arbeit aufzunehmen. Aus Angst vor Gehaltkürzungen nahmen die meisten ihre Arbeit auf. Stunden später stürzte das Gebäude zusammen und begrub die Arbeiterinnen unter sich. In diesen Fabriken wurden Textilien u.a. für Europa genäht, T-Shirts z.B., die in Deutschland billig verkauft werden. Hauptsache billig, so lautet immer noch oft das Motto bei uns. Dabei würde sich der Preis für ein T-Shirt nur um 25 Cent erhöhen, wenn die Näherinnen ordentlich bezahlt werden würden. Und vielleicht nochmals um denselben Betrag, wenn auch die Baumwolle umweltgerecht erzeugt werden würde. Doch fragen wir im Laden danach? Legen wir Wert auf gerechte Arbeitsbedingungen, nicht nur bei uns, sondern auch in anderen Ländern? Soll Gerechtigkeit nur bei uns Geltung haben? Boykott hilft den Menschen in Bangladesh nichts. Aber als Christinnen und Christen und Verbraucher können wir mit unserem Verhalten für ein Stück Gerechtigkeit sorgen, wenn wir das wollen.

Das Wesen einer lebendigen Gemeinde

Was ist eine lebendige Gemeinde? Was sieht Johannes, was wir nicht sehen? Johannes sieht die Äußerlichkeit, mit der die Gemeinde ihren Glauben lebt. Er sieht hinter all die äußere Lebendigkeit. Ja, äußerlich scheint die Gemeinde in Sardes lebendig. Aber für Johannes ist sie tot, weil sie die Liebe Gottes nicht lebt. Die Gemeinde in Sardes schläft. Johannes will sie wachrütteln durch seinen Brief. Liebe Gemeinde in Sardes, so sagt Johannes, besinne dich doch auf den Kern deines Glaubens. Besinne dich darauf, was dich zum Glauben gebracht hat. Besinne dich darauf, was für dich die frohe Botschaft ist. Der Glaube an Christus befreit davon, anderen gefallen zu müssen. Er befreit davon, sich ständig vergleichen zu wollen. Er befreit dazu, eigenständig zu werden und auf eigenen Füßen zu stehen. Die Äußerlichkeiten verblassen so schnell, wie die Moden wechseln. Was heute attraktiv erscheint, kann morgen uralt aussehen. Johannes aber fragt nach dem inneren Feuer, das die Gemeinde ausmacht. Er fragt danach, was die Gemeinde antreibt. Er fragt: Was ist die Quelle, die dir Kraft zum Leben gibt? Kraft als Gemeinde, aber auch Kraft als Glaubende.
Darum sagt Johannes: „Wach auf und stärke das andere, das sterben will!” Er macht der Gemeinde Mut, anders zu sein. Anders vielleicht, aber so, wie es dem Wesen Gottes entspricht. Wie es Ursprung der Gemeinde entspricht. Gott ins Zentrum des Lebens stellen, nicht die Zahlen. Gott ins Zentrum stellen, nicht den Anerkennungsfaktor. Es kommt darauf an, wie wir von Gott angesehen sind. Anders zu sein muss ja nicht auf Biegen und Brechen geschehen. Wir können uns anderen öffnen, wie sich Christus uns geöffnet hat. Wir können für andere da sein, wie Christus für andere, für uns, da ist. Lebendig ist die Gemeinde dort, wo sie sich allein auf Christus verlässt. Lebendig ist die Gemeinde, wo ihr Zahlen gleichgültig sind. Gemeinde ist für andere da. Wo sie sich selbst genügt, ist sie ungenügend. Ist sie tot. Selbstbewusst ist eine lebendige Gemeinde. Sie ist sich bewusst, dass Christus das Ziel vorgibt: Das Leben mit ihm, um andere für ihn zu gewinnen. Darum sagt Johannes: „Wach auf und stärke das andere, das sterben will.”

Kirche für den anderen

In diesen Tagen werden Vesperkirchen eröffnet. Kirchen öffnen sich für Menschen, die wenigstens für einige Stunden Essen und Zuwendung bekommen wollen. In einer Ecke werden Haare geschnitten, in der anderen werden Menschen von Ärzten untersucht. An den Tischen begegnen sich Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft. Sie erleben sich hier als Menschen. Sie erleben, dass sie akzeptiert werden, woher auch immer sie kommen, was auch immer ihre Geschichte ist. Veranstalter und die meisten Mitarbeiter wissen, dass sie damit dem Willen Jesu nachkommen, der sich zu allen Menschen gesandt weiß. Für wenige Wochen begegnen sie sich. Und viele verändert diese Begegnung. Sie bekommen neue Augen für die Not der anderen. Sie hören die Sätze mancher Sozialpolitiker anders. Und sie öffnen sich neu dem Evangelium. „Wach auf und stärke das andere, das sterben will!”

Aus dem Glauben für andere da zu sein. Diese anderen gehören nicht unbedingt zur Kerngemeinde. Es sind vielmehr die Menschen, die abgehängt wurden, z.B. weil sie krank sind. Oder weil sie keinen Beruf ausüben dürfen. Oder weil sie als Flüchtlinge mitten unter uns leben. Oder weil sie zurzeit in Trauer leben. Zu diesen schickt uns Christus. Dann wird aus der Liebe, die wir von Christus empfangen, eine Liebe, die auch anderen zugutekommt. Dann wird uns selbst die Arbeiterin in Bangladesh wichtig. Dann sehen wir die Not des allein erziehenden Nachbarn. Dann wird unser Glaube zur tätigen Liebe am Nächsten. Weil wir wach sind. Manchmal so, dass andere uns dafür loben und für vorbildlich halten. Manchmal aber werden wir dann auch belächelt. Und manchmal ecken wir dann auch mit unserem Verhalten an.

Wache, lebendige Gemeinde

Johannes rüttelt die Gemeinde in Sardes wach. Sie soll nicht nur äußerlich lebendig sein, sondern von innen heraus leben. Sich von Christus inspirieren lassen. Nicht von Zahlen, nicht von Anerkennung durch andere. Und dann die Angst verlieren, anzuecken. Dann den Mut gewinnen, sich nicht anzupassen. – – –

Vielleicht war das Urteil der Visitatorin wirklich zu hart. Aber eines hat sie bewirkt: Die Gemeinde schaut nochmals auf die Aktivitäten, auf die sie so stolz ist. Jetzt aber mit anderen Augen. Jetzt steht die Frage im Vordergrund: Ist in unserem Tun Christus spürbar? Wird in all unseren Aktivitäten deutlich, wie und warum diese frohe und befreiende Botschaft von Jesus Christus zu den Menschen kommt? Werden andere durch unsere Arbeit gestärkt? Wissen wir um die Menschen, denen es nicht so gut geht? Aber auch um die Menschen, denen es gut geht und die auch auf ein anerkennendes Wort warten. Auf ein Wort, das sie bestätigt. Auf das Wort, das Gott zu ihnen spricht. Ja, Johannes rüttelt auf, verstört. Er verstört, um uns wachzurütteln, damit wir uns darauf besinnen und prüfen, wo auch bei uns Christus wieder neu erlebbar wird. – Amen.

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