4. Advent (22. Dezember 2013)

Autorin / Autor: Pfarrer Johannes Schleuning, Weinstadt-Schnait [Pfarramt.Schnait@elkw.de]

Jesaja 52, 7 -10

Wenn ich von einer Beerdigung auf dem Schnaiter Friedhof zurückkomme, die mir besonders schwer gefallen ist, sagt meine Frau manchmal, wenn sie mich die Treppen zum Pfarrhaus heruntersteigen sieht: „Du kommsch` aber schwer daher.“
Genau umgekehrt ist es, wenn unsere Tochter frühmorgens durch das Treppenhaus unterwegs ist: Ungeduldig, eilig, erwartungsvoll trappeln die Schritte durchs Haus, voller Spannung, was der neue Tag wohl bringen wird.
An unserem Schritt erkennt man bisweilen schon von Ferne unsere Stimmung.
So auch hier:

„Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten“

Was für ein schöner Klang, schnelle Beine, beschwingt von der guten Nachricht, nicht verhalten, sondern dem Boten selber fast schon voraus.
Lange hatte man in Jerusalem solche Schritte nicht mehr gehört. Da waren nur die schleppenden Schritte der Alten und der Armen, die nicht ins Exil verschleppt worden waren wie die anderen. Und dazwischen die harten Stiefeltritte der Besatzer, der Unterdrücker, der Sieger.
Aber jetzt nicht mehr! Jetzt horcht alles auf: die schnellen Füße der Boten, die von der Heimkehr der lange Gefangenen künden. Die Wächter, die mit lauter Stimme rufen: Sie kehren zurück! Und selbst die Trümmer werden aufgefordert, zu jubeln.
So ist der vierte Advent: Jesus ist noch nicht geboren, aber seine Eltern sind schon vor Bethlehems Toren. Gott ist noch nicht zur Welt gekommen, aber die Wächter auf dem Turm sehen ihn schon. Die gute Nachricht von seiner Geburt ist noch nicht erklungen, aber die Füße der Freudenboten sind schon zu hören. Alles ist in Bewegung, in Erwartung, in Vorfreude auf den, der da kommt.
Der erste Advent ist festlich, der zweite hebt den Blick zum Horizont der Wiederkunft Christi, der dritte ist ernst, zur Buße ermahnend, aber den vierten Advent nennt der Liturgische Kalender unserer Kirche: „Die nahende Freude“.
Das muss auch gegen alle verbreitete Lust gesagt werden, mit der manche Christen den Weltuntergang predigen, besonders den Untergang der anderen. Gegen alle Reden und Evangelisationen, die noch immer mit der Angst arbeiten und dem Teufel einen Platz einräumen, den er nicht verdient und den er in der Bibel auch nicht hat. Gegen alle finstere Bußpredigt, sei sie nun rechts oder links herum gestrickt.
Wir sind Boten der Freude, Friedensstifter, Prediger der guten Nachricht, Heilsankündiger. Wir sollen zu Zion sagen: „Dein Gott ist König!“ Angst, Tränen, Selbstverachtung gibt es schon mehr als genug. Wir dürfen ja auf den zeigen, der aus den Himmeln zu uns kommt. Auf den Messias, den Heiland und Erlöser. Was für eine freudige Nachricht!

Die Trümmer haben Grund zur Fröhlichkeit!

Das ist der großen Freude tiefster Grund: Gott kommt zu denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.
Wer war Maria aus Nazareth? Ein Nichts, verglichen mit dem römischen Kaiser, mit dem Landpfleger in Syrien, mit dem Statthalter von Jerusalem! Aber mit ihr und mit keinem Menschen sonst fängt Gott die größte Geschichte aller Zeiten an.
Und so war es schon immer:
Mit Jona, der davonläuft, rettet Gott eine Millionenstadt vor dem Verderben.
Mit Elia, der im Begriff ist sein Leben wegzuwerfen, fängt Gott neu an und schickt ihn wieder vor Herrscher und Könige.
Mit David, dem großen Übertreter der Gebote, macht Gott Jerusalem zur Hauptstadt Israels bis zum heutigen Tag.
„Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.“ Für uns sind Trümmer das Ende unserer zerbrochenen Träume. Für Gott sind sie der Anfang dessen, was er aus unserem Leben machen will.
Auch unsere Kirche gleicht bisweilen einem Trümmerfeld: Abbruch der Tradition, persönliche Eitelkeit, Streit der Konfessionen, mühsame Suche nach Mitarbeitern, immer mehr leere Sitzplätze im Gotteshaus. Wie soll das noch enden? Hat unser Glaube überhaupt Zukunft?
Wie gut, dass Gott mit Scherben so viel anfangen kann. Wie gut, dass die Trümmer – ausgerechnet die Trümmer! – Grund zur Freude haben. Wie gut, dass Gott uns nicht weglegt, wenn wir Risse und Bruchstellen haben, sondern gerade dann beginnt, uns einzubauen in das Haus der lebendigen Steine.
Das war auf dem Zion so mehr als 500 Jahre vor Christi Geburt. Das war in Bethlehem so vor 2000 Jahren. Und heute tut er es immer noch. Er legt mich nicht wie etwas Wertloses auf die Seite, er baut aus den Trümmern eines Menschenlebens etwas Neues und Großes auf, das am Ende seiner Ehre dient. Deshalb hat Jesus die Kaputten aufgespürt und gefunden, die Verlorenen, die die sich selber verachtet haben. „Die Verrückten“ hat Hans-Dieter Hüsch sie genannt, „ich sing für die Verrückten, die seitlich Umgeknickten, für diese Leute will ich singen“. Aus solchen hat Jesus neue Menschen gemacht, die trotz aller Risse heil und ganz waren, weil er sie mit seiner Liebe heil und ganz gemacht hat. Ich muss ihm nur die Trümmer überlassen, dann kann er auch mit mir etwas Neues beginnen.

Schon jetzt sieht der Prophet das Heil anbrechen

Jerusalem liegt noch weitgehend in Schutt und Asche, der Tempel ist noch weit entfernt von seiner alten Pracht und die Exulanten sind noch nicht einmal zurück.
Und dennoch schreibt Jesaja „Dein Gott ist König!“, der Herr „hat sein Volk getröstet, hat Jerusalem erlöst, hat offenbart seinen heiligen Arm und aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes“. Nicht: werden sehen, sondern sehen schon jetzt!
Das macht die nahende Freude: Sie sieht in der alten, zerrissenen Welt schon jetzt den Anbruch der neuen Welt Gottes. Sie sieht im alten Adam schon den, den Christus zur Liebe befreit hat. Sie sieht in den herumliegenden Trümmern schon die wieder erstandene Stadt, das neue Jerusalem. So entsteht Hoffnung und Mut, aus diesen Bruchstücken etwas Neues zu bauen.
Die Liebe hat diesen Blick auch: Sie sieht in einem alt gewordenen Menschen nicht nur das, was er nicht mehr kann, sondern die Leistung und die Spuren, auch den Glanz und die Würde eines gelebten Lebens. Sie sieht dem Teenager nicht nur den Trotz des Pubertierenden an und seine Pickel, sondern die Suche nach Leben, nach Orientierung, nach Begleitern, die man beim Wort nehmen kann.
Jesus hatte diesen Blick, der die verborgenen Chancen eines Lebens immer schon entdeckt hat. Und wir können bei ihm lernen.
Oder bei Jesaja, dem Evangelisten unter den Propheten des Alten Bundes. Der an den Füßen der Freudenboten schon hört, was kommen wird. Der die Trümmer zur Freude aufruft, weil sie bald wieder ein Ganzes sein werden. Der im Alten das Neue schon erkennt, nämlich das Heil unseres Gottes, das er bereitet hat vor allen Völkern und das jetzt vor der Tür steht.
Amen.

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