6. Sonntag nach Trinitatis (07. Juli 2013)

Autorin / Autor: Hochschulpfarrerin Christina Jeremias-Hofius, Tübingen [christina.jeremias-hofius@elkw.de]

Jesaja 43, 1-7

Liebe – schwäbisch gesprochen – Haderlompen und Gesegnete,
liebe – lutherisch gesprochen – Sünder und zugleich Gerechtfertigte,
ja Du, Sie, wir sind nämlich als solche mitgemeint,
wenn Gott sein Wort durch den Propheten Jesaja an Jakob und Israel zugleich richtet:

Jakob wird angeredet. Jakob, der Betrüger. Und im selben Atemzug bei seinem anderen Namen angesprochen, dem Namen des Segens am Jabbok: Israel. Und gemeint ist in beiden Fällen der Nachkomme Abrahams und Isaaks und mit ihm all seine Nachkommen und also auch wir.
Mit dieser Anrede lässt Gott keinen Zweifel daran:
Er weiß, mit wem er sich da einlässt:
Mit den Nachkommen des Mannes, der im Traum den Himmel offen und Himmel und Erde durch die Himmelsleiter verbunden sah: jenes Mannes, dem Gott in Bethel die Zusage machte: Ich will mit dir gehen; und der sich trotzdem nur mit Vorbehalt darauf einließ und verhandelte:
Wenn Gott sein Wort hält, dann soll er mein Herr sein.
Gott weiß, dass er sich auf die Nachkommen dieses Mannes einlässt. Darum die Anrede mit „Jakob“.

Und zugleich weiß er, dass es die Nachkommen jenes Mannes sind, der ihm den Segen abgerungen hatte. Darum die Anrede mit „Israel“.
Mit dem Namen, mit dem Gott zugesteht:
Ihr seid solche, die nicht aufgeben, sich an Gott festzuhalten, Gott nicht gehen zu lassen.
Jakob alias Israel – Gott weiß, auf wen er sich da einlässt.
Und Gott unterstreicht die Bedeutung des Angesprochenen:
Sein Gegenüber – es heiße Jakob, es heiße Israel – hat er geschaffen, gemacht.
Die Existenz von Jakob, von Israel ist von Gott bejaht, das Gegenüber stellt ein Kunstwerk Gottes dar: echte Handarbeit.

Im Exil – aber die Zeit des Fürchtens ist vorbei

Jakob, Israel ist angesprochen.
Jakob, Israel im Exil, in der babylonischen Gefangenschaft zunächst, dann unter persischer Herrschaft, fremdbestimmt.
Jakob, Israel im Exil – also da und so, wo und wie er nicht leben will.
In einer trostlosen bis unerträglichen Situation. Man hat sich daran gewöhnt. Aber Wohlsein, Segen – das muss sich anders anfühlen. Denn das, was ist, fühlt sich nicht gut an. Und im Segen drückt sich doch die Güte, das Gut-Sein Gottes aus.
Das kann’s nicht sein. Das kann’s doch nicht sein.
Und: Das soll’s auch nicht sein, nicht länger sein. Darum macht der Prophet seinen Mund auf: „Und nun spricht Gott“ – zuvor hat er anders geredet. Aber nun spricht Gott so:
Fürchte dich nicht. Die Zeit des Fürchtens ist vorbei.
Die angesprochene Person, Geschöpf, Betrüger, Kunstwerk und Gesegneter zugleich, bekommt also mitgeteilt: Und jetzt – Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Siehe, Altes ist vergangen, Neues ist geworden und in der Umsetzung begriffen: Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Ich habe es getan – und die Wirkung dessen wirst du in Folge spüren. Resultatives Perfekt nennt der Grammatiker das. Perfekt(es), das sich auf Gegenwart und Zukunft auswirkt: Ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen – mit der Wirkung: Du bist jetzt und in Zukunft mein.

Aufbruch ist angesagt und möglich

Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen: Und dann redet Gott vom Gehen. Aufbruch ist angesagt.
Aufbruch auf einen Weg, der erhebliche Gefahren in sich birgt: Wasser und Ströme, Feuer und Flammen.
Wasser und Ströme, die einen untergehen lassen wollen; Lebenswegsituationen, die einem das Gefühl vermitteln: Das Wasser steht mir bis zum Hals – wenn doch nur der Scheitelpunkt erreicht wäre! Und Angst steigt auf, und die Enge wächst.
Feuer und Flammen, die einen verzehren wollen. Die einen ausbrennen und zu Asche zerfallen lassen wollen – Burnout – und alles droht einem unter den Händen zunichte zu werden.
Aufbruch in Gefahren. Doch jetzt eben auch mit der Zusage: Fürchte dich nicht – ich bin und bleibe mit dir. Das letzte Wort über dein Leben habe ich.

Aufbruch ist angesagt. Aussiedler bis heute können ein Lied von dem Mut singen, den es braucht, um sich auf einen riskanten Weg zu machen.
Dann, wenn die Frage sich stellt: Vertrautes, wenn auch wenig Geliebtes verlassen, um aufzubrechen ins gefährliche Unbekannte oder in unbekannte Gefahren?
Wenn die Frage sich stellt, weil plötzlich – und jetzt! – Freiheit möglich ist.
Denn: Gott hat freigekauft. Hat einen Ersatz angeboten, der die Kräfte der Unterdrücker bindet.
Damals hat er dem Kambyses, dem persischen Herrscher, Ägypten und das vordere Nordafrika – Kusch und Seba – gegeben.
Und später, viel grundsätzlicher hat er dem Tod, dem alten Tyrann, seinen Sohn überlassen – und der hat ihn total gebunden. An Christus beißt sich der Tod die Zähne aus – und wir sind frei.
Die alten Herrscher haben jetzt anderes zu tun, als Jakob, Israel und seine Nachkommen zu unterdrücken. Und sie, wir können gehen.

Und sie, wir können gehen – einfach so?

Einfach so? Wo ist der Haken? Umsonst ist nichts auf dieser Welt –lehrt uns das nicht die menschliche Erfahrung? Ach Jakob, änderst Du dich denn nie? Lass die Vorbehalte!
Einfach gehen – ohne sich selbst freigekauft, freigekämpft zu haben? Sich davonmachen? Ohne heldenhaften, siegreichen Abgang? Wie steht man denn dann da?
Ach Israel, änderst Du dich denn nie? Lass das Kämpfen und öffne die Hände und die Augen:

Wertgeachtet stehst du da

– und mehr als wertgeachtet, viel mehr: kostbar. Ein Schatz in Gottes Augen. Wie eine Perle. Für die Gott alles verkauft. Menschen und Völker und letzten Endes auch seinen eigenen Sohn.
Herrlich stehst du da. Gewichtig. Darum: Wenn der Wind darüber, über dich geht, bist du eben nicht länger einfach weg. Alles Fleisch ist wie Gras oder wie eine Blume – nein, und nun nicht mehr. Auf Dich hat Gott seine Hand gelegt.
Geliebt stehst du da. Hier sagt einer nicht nur: Ich mag dich, du. Oder: Ich habe dich lieb. Nein, der, der dich zu seinem Eigentum erklärt hat, macht sich nicht zum Besitzer, zum Habenden. Er hat dich nicht. Nicht einmal lieb. Sondern er liebt dich. Betont steht da im hebräischen Urtext das Personalpronomen, so dass die Aussage lautet: „Ich, ich liebe dich“. Mit all seinem Sein liebt er dich.
Fürchte dich nicht.
Weder um deinen Wert, weil du dich Gott verdankt weißt,
noch auf deinen Weg, wenn du aufbrichst,
noch vor der Ungewissheit, wenn du nach vorne schaust.
Darum: Geh. Brich auf. Fürchte dich nicht. Gott ist mit dir – am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Heute und alle Tage.

Brich auf – ohne Sorge um die anderen – in aller Gelassenheit

Geh. Brich auf. Das ist Deins.
Und Gott verspricht, das Seine zu tun: zu sammeln. Die Verlorenen und Zerstreuten.
Die, die ihr Zentrum verloren haben, also die Unkonzentrierten, will er konzentrieren, zum Zentrum führen: „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes“, verheißt Jesus (Lukas 13,29).
Gott wird sammeln.
Söhne und Töchter gleichermaßen – hier ist nicht Mann noch Frau. Gendermainstreaming Gottes.
Eben alle, die (in der Taufe) nach Gottes Namen genannt sind.
Alle, die Gott zu seiner Ehre geschaffen, zubereitet, gemacht hat.
All die Betrüger und zugleich von Gott nicht Lassenden
All die Sünder und zugleich von Gott Gerechtfertigten.
All die Haderlompen und trotzdem Gesegneten.
Um deren Sammlung kümmert sich Gott.

Freibrief in die Freiheit.
Gottes große Einladung zur Gelassenheit in Blick auf die Mission.
Gottes großer Lockruf zur Bereitschaft aufzubrechen in die realistisch betrachtet nicht ungefährliche Zukunft.
Denn: Wir werden dem Wasser nicht entgehen – siehe die großen Überschwemmungen für manche direkt vor ihrer Haustür.
Wir werden den Tränen und der Not nicht entgehen.
Wir werden dem Feuer nicht entgehen – siehe z.B. die Waldbrände in den Sommermonaten.
Wir werden dem Gefühl der Müdigkeit und des Ausgebranntseins nicht entgehen.
Aber wir können all dem mit einer anderen Grundeinstellung begegnen.
Aus der Zusage Gottes heraus.
Mit einer Grundeinstellung, die Hanns Dieter Hüsch in der Anfangsstrophe eines Psalms so in Worte gefasst hat (aus: Hanns Dieter Hüsch- Uwe Seidel, Ich stehe unter Gottes Schutz. Psalmen für Alletage, 5.Aufl. 2000, S.140):

„Ich bin vergnügt, erlöst, befreit,
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.“

Gott sei Dank für diese Zuversicht! Amen.

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