7. Sonntag nach Trinitatis (14. Juli 2013)

Autor/in: Pfarrerin Eva Ulmer, Weil der Stadt [Eva.Ulmer@elkw.de ]

Lukas 9, 10 -17

Liebe Gemeinde,
mit einer der bekanntesten Geschichten aus dem Neuen Testament haben wir es heute zu tun. Viele werden die Geschichte wohl aus dem Religionsunterricht oder der Kinderkirche kennen. Und ich wage einmal zu behaupten, dass die Speisung der Fünftausend sicher auch zu den bekanntesten Wundererzählungen der Bibel gehört.
In unserem Predigttext, liebe Gemeinde, wird Ihnen das Vermehrungswunder von Brot und Fischen sicher am stärksten präsent sein. Nicht nur, weil Sie die Geschichte schon oft gehört haben, sondern weil es ja auch viele Bilder davon gibt.
Jesus teilt Brot und Fische, und viele Menschen werden satt.
In unserem Predigttext ist das Vermehrungswunder, der eigentliche Höhepunkt der Geschichte, aber ganz knapp und am Schluss erwähnt. Davor steht eine lange Einleitung. Zunächst geht es nämlich erst einmal um etwas ganz anderes.

Viele Menschen folgen Jesus und seinen Freundinnen und Freunden nach. Selbst als sie sich in die Wüste zurückziehen, lassen die Menschen nicht locker. Sie wollen den Rabbi aus Nazareth hören. Sie wollen erfahren, was Jesus vom Reich Gottes zu erzählen hat. Sie sehnen sich nach der Heilung ihrer Leiden und trauen Jesus zu, dass er sie an Leib und Seele heil machen kann.
Und dann ergibt sich auf einmal ein ganz menschliches Problem. Die vielen Menschen werden hungrig und müssen versorgt werden. Denn schließlich hat niemand daran gedacht, genügend Nahrungsmittel für die vielen Menschen mitzunehmen.
Der Proviant reicht bei weitem nicht für die Menschenmassen aus. Mit fünf Broten und zwei Fischen kommt man nicht weit.
Was also tun?
Am naheliegendsten ist da der Vorschlag, den die Jüngerinnen und Jünger machen: die Menschen wegschicken, damit sich jede und jeder selbst versorgen kann.
Aber mitten in der Wüste ist das gar nicht so leicht. Da kann sich nicht mal eben eine Gruppe von mehreren Tausend Menschen mit Lebensmitteln versorgen.
Und auch die zweite Möglichkeit, dass nämlich die Jüngerinnen und Jünger einkaufen, fällt aus ganz praktischen Gründen aus. Wo auch – mitten in der Wüste?
Was also tun?
Die vielen tausend Menschen scheinen recht hartnäckig gewesen zu sein. Sie ließen sich nicht abwimmeln und auch das aufgetretene Problem der Versorgung hielt sie nicht ab, weiter Jesus zuzuhören und seinen Reden zu lauschen.

Und Jesus? Er ist in unserem Predigttext zunächst eine Randfigur. Von ihm und seiner Reaktion erfahren wir erst gegen Ende der Geschichte. Zu Beginn machen sich die Jüngerinnen und Jünger ohne ihn Gedanken, wie das Problem gelöst werden kann. Jesus scheint– wenn überhaupt– ein stiller Beobachter zu sein.
Doch schließlich greift Jesus in das Geschehen ein: „Gebt ihnen zu essen“, sagt er. Er spricht ein Machtwort und entscheidet sich ganz anders, als es die Jüngerinnen und Jünger vorhatten.
Und dann organisiert er ganz praktisch denkend, wie die Menschenmasse in kleinere Gruppen aufgeteilt und versorgt werden kann, so dass alle etwas abbekommen und dass niemand zu kurz kommt.
Das eigentliche Speisungswunder wird in unserem Predigttext nur kurz, scheinbar am Rande erwähnt. Für uns aufgeklärte Menschen ist das gar nicht so leicht zu verstehen, wie das geschehen konnte. Wie aus fünf Broten und zwei Fischen Nahrung für fünftausend Menschen werden konnte.

Das Reich Gottes erleben

Mir scheint, in unserem Predigttext geht es auch nicht in erster Linie darum, dass Jesus Brot und Fische vermehrt hat. Und schon gar nicht um das Wie. Es geht vielmehr darum, dass die Menschen erfahren, wie das Reich Gottes aussieht. Das ist das Anliegen der Menschen, die Jesus in die Wüste folgen. Das ist die Aussage unseres Predigttextes. Ein Aufblitzen des Reiches Gottes mitten in der Wüste – mitten in der lebensfeindlichen Umgebung, in der es am Nötigsten fehlt.
Das praktische Handeln Jesu zeigt es uns auch ganz deutlich. Der Vorschlag der Jüngerinnen und Jünger, die Menschen wegzuschicken wird auf eindrücklichste Art und Weise korrigiert. Die Jüngerinnen und Jünger – wie so oft bei Jesus – werden eines Besseren belehrt.
Denn bei Jesus wird niemand weggeschickt, alle dürfen bleiben und alle sollen satt werden.
Das ist es, was das Reich Gottes sichtbar und spürbar, ja sinnlich erlebbar macht.
Die Menschen sollen sehen und im wörtlichen Sinn begreifen, dass Gott es ist, der das Brot gibt.
Das ist eine Erfahrung, die Menschen in der Bibel immer wieder gemacht haben.
Gott ist es, der uns Menschen mit Nahrung versorgt.
Das Volk Israel wurde in der Wüste mit Wachteln und Manna versorgt und konnte so die lange Wanderung überstehen. Wir haben es vorher in der Schriftlesung gehört.
Elia wurde, als er erschöpft und müde in der Wüste war, durch Gott mit Brot und Fleisch versorgt und konnte so neuen Lebensmut schöpfen.
Und die Witwe von Zarpath durfte die wunderbare Erfahrung machen, dass das letzte Restchen Mehl und Öl im Krug nicht das Ende bedeuteten, sondern dass die Vorräte von Gott immer wieder neu geschenkt und die Krüge gefüllt wurden.
Und auch bei der wundersamen Brotvermehrung durch Jesus – die ja interessanterweise auch in der Wüste stattfand – wird auch deutlich, dass Jesus es ist, der für die Grundbedürfnisse der Menschen sorgt und sie stillt. Dass Jesus selbst es ist, der die Lebensgrundlage der Menschen ist.
Und Jesus lebt uns Menschen damit gleichzeitig vor, wie das Reich Gottes mitten unter den Menschen aussieht. Er selbst lebt uns vor, was geschieht, wenn Menschen miteinander teilen und so Gemeinschaft erleben.
Jesus zeigt auf ganz einfache und dafür umso eindrücklichere Art und Weise, was die wesentlichen Momente des Reiches Gottes sind:
Gemeinschaft, in der niemand weggeschickt wird und Gerechtigkeit, die alle satt werden lässt.
Diese beiden Dinge sind die Grundlagen, die Grundpfeiler des Reiches Gottes hier mitten bei uns Menschen.

Das Reich Gottes weitergeben

Und aus dieser Reaktion von Jesus können wir Menschen lernen und uns immer wieder neu herausfordern lassen.
Für uns Menschen heute kann das bedeuten, dass auch wir uns für Gemeinschaft einsetzen, auch wenn es zunächst, ähnlich wie den Jüngern und Jüngerinnen, leichter scheint, Menschen wegzuschicken. Die Menschen, die wir vielleicht nicht auf den ersten Blick bei uns am Tisch sitzen haben wollen, mit denen wir im Alltag nicht so viel zu tun haben wollen. Nämlich diejenigen, die schon von anderen oft genug weggeschickt und ausgegrenzt wurden. Diejenigen, die schmerzhaft erleben mussten und müssen, was es bedeutet, in der Wüste des Lebens überleben zu müssen und nichts zu haben.
In den vergangenen Wochen ist ein Stückchen dieses Füreinander-Einstehens deutlich geworden. In der Wasserwüste der Hochwassergebiete. Mich haben die Bilder der Helfenden berührt. Wie alle taten, was sie konnten. Die jungen und kräftigen haben Sandsäcke gefüllt und Schutt weggeräumt. Die älteren haben die vielen Helfenden bekocht und für Ruheplätze gesorgt. Wer Hausrat übrig hatte, gab denen, die viel oder alles verloren haben. Die Spendenbarometer in den Fernsehsendungen schnellten nach oben.
Das ist dann ein ganz konkretes Einstehen für andere. Für die in Not gekommenen Nachbarn, Schwestern und Brüder.
Der Einsatz für eine gerechte Gesellschaft, das fordert heraus – ganz im Sinne Jesu. Hier bei uns vor Ort und auf der ganzen Welt. Nicht nur in den Katastrophengebieten. Das bedeutet dann, sich einzusetzen für eine gerechte Verteilung der Güter. Sei es Nahrung oder der Zugang zu Ressourcen, Wasser aber auch zu Bildung und Arbeit.
Das ist dann ein ganz konkretes Einstehen für eine diakonische Kirche, in der alle Menschen ihren Platz haben sollen. Arme und Reiche, Glaubende und Zweifelnde, Fröhliche und Traurige. Ein Platz, an dem Glaube gelebt und weitergegeben werden kann. Damit diejenigen, die in Not an Leib und Seele geraten sind, nicht weggeschickt werden und sich selbst helfen müssen, sondern im Erleben der Gemeinschaft und des Teilens Hilfe erfahren.
Das Reich Gottes, liebe Gemeinde, die Nähe und Zuwendung Gottes zu uns Menschen zeigt sich im Überfluss.
Nach dem Teilen von Brot und Fischen wurde nicht alles bis auf den letzten Krümel verspeist. Es wurde nicht genau abgezählt und vorgegeben, was und wie viel jede und jeder essen darf. Nein – es war das Erleben der Fülle und dennoch blieb noch etwas übrig. Viel sogar.
So viel, dass es gesammelt wurde. Zwölf ganze Körbe voll.
Leider, liebe Gemeinde, schweigt unser Predigttext darüber, was mit den Resten geschehen ist. Ich kann mir aber vorstellen, dass diese Reste weitergegeben wurden an andere. Damit noch mehr Menschen das Reich Gottes erleben, schmecken und sehen konnten.
Denn aus ihm, aus Gott, der die Quelle des Lebens ist, strömt die Fülle. Der Reichtum – nicht nur der materielle, sondern auch der Reichtum eines erfüllten Lebens.
Lassen wir uns davon beschenken und geben wir an andere Menschen weiter – es ist genug für alle da. Amen.

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