8. Sonntag nach Trinitatis (21. Juli 2013)

Autorin / Autor: Pfarrer Gerd Ziegler, Backnang [gerd-walter.ziegler@elkw.de]

Matthäus 5, 17-20

Liebe Gemeinde!
„Das Bessere ist der Feind des Guten“, lautet ein Sprichwort, das Voltaire zugeschrieben wird. Dabei dachte der französische Aufklärer weniger an die noch umweltfreundlicher arbeitende Waschmaschine als an menschliche Werte und Ideale. Er strebte nach Gerechtigkeit für sein Volk und kritisierte die Justizbehörden, die Obrigkeit und die Kirche seines Landes wegen praktizierten Unrechts. Zugleich setzte er sich für Verfolgte und Bedrängte ein. Gerechtigkeit heißt eine Forderung damals wie heute. Gerechtigkeit betrachten viele Menschen als notwendige Grundlage für das Miteinander in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Schule oder in der Kirche. Weltweit wollen Menschen gerecht behandelt werden.

Jesus fordert eine bessere Gerechtigkeit

Mit der Bergpredigt wendet sich Jesus an die Männer und Frauen des Volkes Israel. Seine Jünger stehen bei ihm in der ersten Reihe und hören aufmerksam, was er lehrt. Gleich nach den Seligpreisungen und den Worten von Salz und Licht konfrontiert er die Zuhörenden mit der Bedeutung des Gesetzes und der Lehre der Propheten. Seine Ausführungen spitzt er zu als er sagt: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Was hat es mit den Schriftgelehrten und Pharisäern und deren Gerechtigkeit auf sich? Wie sähe eine bessere Gerechtigkeit aus? Wer kann diese Bedingung erfüllen? Schriftgelehrte waren jüdische Theologen und Juristen. Sie legten die Tora – wie die fünf Mose-Bücher heißen – aus. Deren Gebote und Vorschriften galten auch für das alltägliche Leben. Im ersten Jahrhundert gehörten sehr viele Schriftgelehrte der religiösen Partei der Pharisäer an. Pharisäer setzten sich eifrig für die Beachtung der Gebote ein. Sie warteten auf den Messias und die kommende Erlösung. Um diese Verheißungen nicht zu gefährden, wollten sie falsches Handeln aufgrund von Gebotsverstößen unbedingt vermeiden. Offenkundig verhielten sich einige dabei engstirnig und egoistisch. Auch Scheinheiligkeit und Hochmut im Umgang mit anderen Menschen wurde ihnen vorgeworfen. Jesus setzt sich mit Schriftgelehrten und Pharisäern kritisch auseinander. Matthäus berichtet, welche harten Worte Jesus ihnen gegenüber finden kann: „Weh euch … ihr Heuchler, die ihr den Zehnten gebt von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben! Doch dies sollte man tun und jenes nicht lassen. Ihr verblendeten Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt!“ (Mt 23, 23f). Gesetze und Gebote haben den Menschen zu dienen. Sie sollen das gesellschaftliche Leben regeln und Schaden abwenden. Sie haben die Aufgabe, Leben zu schützen und zu fördern. Jesus richtet sich gegen eine Haltung im Umgang mit dem Gesetz, die sich von der Gerechtigkeit weit entfernt hat. Das ist der Fall, wenn Menschen in ihrer Not übersehen werden und keine Hilfe erfahren. Das Wesentliche in der Tora ist: Recht und Barmherzigkeit, Glauben und Vertrauen. Gerät das aus dem Blick, bleibt eine erstarrte gesetzliche Haltung übrig. Zu gering erscheint der Einsatz für die Gerechtigkeit durch eine so beschriebene „pharisäische“ Einstellung. Das Gesetz wird dadurch unterschätzt.

Ein Selbstgerechter auf dem Irrweg

Auf der anderen Seite gibt es auch ein Zuviel im Ringen um Gerechtigkeit. Gesetze werden dann in ihrer Wirkmacht überschätzt. Ich erinnere an ein aufregendes Beispiel aus der deutschen Literatur. „An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Rosshändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.“ So fängt Heinrich von Kleist seine Erzählung an.
Michael Kohlhaas reist mit einigen Pferden nach Sachsen, um sie zu verkaufen. Unterwegs verlangt der listige Burgvogt Junker Tronka einen Passierschein. Kohlhaas will das Formular nachreichen und lässt ihm solange zwei Rappen als Pfand zurück. Doch in Dresden erfährt er, dass der Junker kein Recht dazu hatte, einen Passierschein zu verlangen. Die als Pfand überlassenen Pferde findet Kohlhaas auf dem Rückweg krank und abgemagert vor. Sie waren zwischenzeitlich zu Zwangsarbeit auf dem Feld missbraucht worden und nun wert- und nutzlos. Kohlhaas beschreitet den Klageweg gegen den Junker Tronka zunächst vor Gericht in Dresden, dann beim Kurfürsten von Brandenburg. Doch lässt der Junker seine guten Beziehungen spielen und wehrt die Klagen ab. Kohlhaas schickt seine Ehefrau als Botin zum Kurfürsten. Aber Wächter greifen sie zuvor an und verletzen sie schwer. Kurz danach stirbt sie an den Folgen des Überfalls. Kohlhaas schwört grausame Rache. Er schart Männer um sich und zieht schwer bewaffnet gegen Junker Tronka in den Kampf. Zwar flieht der Junker, doch wird die Burg niedergebrannt,und viele Bewohner werden umgebracht. Auf der Jagd nach dem Junker steigern Kohlhaas und seine Mannen die Gewalt exzessiv. Sie stecken Städte in Brand und ermorden viele Menschen. Nach etlichen dramatischen Wendungen wird Kohlhaas schließlich festgesetzt und zum Tode wegen Landfriedenbruchs verurteilt. Vor seiner Hinrichtung hört Kohlhaas, dass Junker Tronka zu einer Haftstrafe und Wiederherstellung der Gesundheit der beiden Pferde verurteilt wurde. So geht er in den Tod mit der Genugtuung, dass ihm am Ende doch Gerechtigkeit zuteil wurde.

Barmherziges Tun führt das Gesetz aus

„Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.“ Jesus unterstreicht, dass die Tora nach wie vor Geltung besitzt. Jeder kleinste Buchstabe und jedes Tüpfelchen im Gesetz haben Gewicht und Bedeutung. Wer jedoch nur vorschriftsmäßig und rein gesetzlich mit der Tora umgeht, missversteht ihr Wesen. Tora bedeutet mehr als nur Gesetz. Als Weisung und Lehre Gottes bietet sie die Lebensgrundlage für sein Volk. Sie ist Geschenk seiner Liebe. Die Tora zu erfüllen heißt gerade nicht, sie nur wortwörtlich auslegen zu wollen. Ihren Sinn anzuwenden hängt von der Situation ab, in der sich betroffene Menschen befinden. Im richtigen Moment kann erforderlich sein, eine Vorschrift außer Kraft zu setzen. Als die hungernden Jünger am Sabbat Ähren ausraufen und zu essen anfangen, beklagen das einige Pharisäer. Jesus entgegnet: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht umgekehrt (vgl. Mk 2,27). So bewahrt Jesus das Wesen der Tora, die Leben ermöglichen will. So richtet er ihren wahren Sinn auf.
In der Bergpredigt bringt Jesus den Anspruch des Gesetzes und seine radikale Auslegung zusammen. Er verbindet Tora und Evangelium. Er bewahrt das Wesen der Weisungen Gottes und führt den Geist des Evangeliums vor Augen. So spricht Jesus mit der Bergpredigt auch uns Christen heute an. Die typisch „pharisäische“ Haltung, wie sie bei damaligen Gegnern Jesu beschrieben wurde, kommt auch heute vor, wo Menschen um Deutungshoheit und Auslegungskompetenz ringen. Sie begegnet in religiösen Kreisen, in gesellschaftlichen Gruppen oder politischen Parteien. Wer weiß sich völlig frei von der Versuchung, selbst stets im Recht zu sein? Wer wird einmal von sich sagen, immer das Richtige getan zu haben? Um die Verbindung von Tun und Lehren geht es: „Wer es aber tut und lehrt, wird groß heißen im Himmelreich.“ „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten“ (Mt 7, 12). Mit dieser Goldenen Regel fasst der Bergprediger die angemessene Haltung gegenüber Gott und den Menschen in Worte. Eine Auffassung von Gerechtigkeit, die nur gesetzlich und formalistisch vorgeht, bedrängt und behindert das Leben. Der Hang zur Gerechtigkeit um jeden Preis birgt die Gefahr der Verwandlung in einen Michael Kohlhaas, der nicht akzeptable Selbstjustiz ausübt. Ihn macht sein übersteigertes persönliches Rechtsgefühl zum Räuber und Mörder.
Die bessere Gerechtigkeit, von der Jesus spricht, lässt sich nur durch die Liebe verwirklichen. Du sollst Gott lieben und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (vgl. Mt 22,37ff). Das Doppelgebot der Liebe beschreibt die Haltung des Herzens und die Richtung des Geistes, um den Willen Gottes auszuführen.

Eine wahre Begebenheit

„Das Herz von Jenin“ heißt ein preisgekrönter Dokumentarfilm, den der Tübinger Regisseur Marcus Vetter maßgeblich produziert hat. Es geht um Ismael Khatib aus dem Flüchtlingscamp von Dschenin im Westjordanland. Im Jahr 2005 spielt sein Sohn Ahmed mit einer täuschend echt aussehenden Spielzeugwaffe. Israelische Soldaten verwechseln das Spielzeug mit einer wirklichen Waffe und eröffnen das Feuer auf den Jungen. Am Kopf tödlich verwundet, stellen die Ärzte in Haifa seinen Hirntod fest. Ismael Khatib sieht sich zusammen mit seiner Frau vor die Entscheidung gestellt, die Organe des Sohnes für kranke Kinder zu spenden. Der Palästinenser Khatib zeigt mit der Entscheidung dafür im schmerzlichsten Augenblick eine menschliche Größe, die man kaum erwartet hätte. Mit Ahmeds Organen können israelische Kinder weiterleben. Der Film begleitet die Besuche Khatibs bei drei Familien – darunter eine jüdisch-orthodoxe –, deren Kinder durch die Organspenden gerettet wurden. Mitten im Nahostkonflikt, in feindseligem Klima, war so eine Handlung möglich!

Was Menschen tun und lassen, ist niemals gleichgültig. Das betrifft uns Christen genauso. Der Apostel Paulus betont die Gnade, das Geschenk des Glaubens an Jesus Christus, wodurch wir „gerecht“ vor Gott werden. Gute Werke und Taten sollen dem folgen. Es widerspricht nicht dem Bergprediger, der Gottes Weisungen durch seine gute Nachricht auslegt und darin erfüllt. Wer liebt und seinen Nächsten sieht, der „tut und lehrt“ Gottes Willen und „der wird groß heißen im Himmelreich“.
Amen.

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