9. Sonntag nach Trinitatis (28. Juli 2013)

Autorin / Autor: Pfarrer Gottfried Hengel, Plochingen [Gottfried.Hengel@elkw.de]

Matthäus 13, 44-46

Liebe Gemeinde,
einen Schatz zu finden ist möglich! „Der Goldschatz aus dem Kartoffelacker“ – was wie eine Überschrift zu unserem Predigttext anmutet, war in Wirklichkeit eine Schlagzeile aus der Presse vor eineinhalb Jahren.
In Brandenburg hatten Archäologen Münzen aus byzantinischer Zeit in einem Acker entdeckt. Vermutlich lagen diese Münzen schon seit eineinhalb Jahrtausenden dort, vergraben bei einem Einfall feindlicher Merowinger. In früheren Zeiten war es üblich, in gefährlichen Zeiten Reichtümer zu vergraben – denn Banken und Safes waren unbekannt. Ein Platz im Acker war da das Sicherste.
Von spektakulären Funden berichtet uns auch Jesus kurz und prägnant in diesem Doppelgleichnis.
Beides Mal wird darin etwas gefunden, was sich als etwas ganz Besonderes erweist. Ein Schatz im Acker – oder eine einzigartige Perle.

Im ersten Gleichnis ist der glückliche Finder ein Landarbeiter, vielleicht ein Tagelöhner, der im Dienste eines reichen Bauern oder Grundbesitzers steht. Völlig unerwartet gerät er an seinen Schatz. Beim Pflügen stößt er plötzlich auf ein Hindernis. Wohl kaum wird er an einen Schatz denken, als sich sein Pflug verhakt. Ärger statt Freude: Schon wieder liegt ein Stein im Acker und stört beim Pflügen!
Erst beim genauen Hinschauen erkennt der Arbeiter: Es ist kein Stein, sondern ein Kasten, gefüllt mit Münzen und Reichtümern.
Die Freude, die den armen Tagelöhner dann überkommt, schildert uns Jesus ausdrücklich.

Im zweiten Fall ist ein reicher Kaufmann der Finder. Er handelt mit Perlen, die in der Antike als Symbol besonderen Wohlstands galten. Gute Perlen sind nicht leicht zu bekommen – man muss wissen, welche den Kauf wert sind, und vor allem, wo man welche bekommt. Auf dieser Suche wird dem Kaufmann eines Tages eine ganz besondere Perle angeboten – eine, die er noch nie vorher gesehen hat. Als er diese sieht, weiß er sofort, dass sie einzigartig ist.

Ein armer Knecht, der zufällig auf einen Schatz stößt und ein reicher Händler, der nach langem Suchen die Perle seines Lebens findet – die beiden Beispiele könnten kaum unterschiedlicher sein.
Doch Jesus geht es in diesem Doppelgleichnis nicht um arm oder reich, auch nicht, ob hier zufällig oder langersehnt etwas gefunden wurde. Offensichtlich ist das Thema, von dem er spricht, von solcher Bedeutung, dass es ganz verschiedene Menschen betrifft.
Das Gemeinsame und das Entscheidende bei beiden ist: Beide erkennen voller Freude sofort, was sie gefunden haben.
Sie verstehen: Jetzt gilt es. Das ist das Beste, was mir passieren konnte. Deshalb gehen beide, Tagelöhner und Kaufmann, hin und regeln ohne Zögern die notwendigen Dinge.
Selbstverständlich ist das durchaus nicht. Das sehen wir bei einer anderen Schatzfindergeschichte. Auch diese Geschichte überliefert uns der Evangelist Matthäus. Sie geht leider nicht so glücklich aus – die Geschichte vom reichen jungen Mann, der zu Jesus kommt. Dieser junge Mann sucht keine weltlichen Schätze, denn die hat er schon. Er ist auf der Suche nach Gott und seinem Reich. Diese Suche lässt sich der junge Mann einiges kosten: Er führt ein moralisch einwandfreies Leben. Er achtet Gottes Gebote und seine Mitmenschen, er lügt nicht, stiehlt nicht, betrügt nicht.
Du bist schon ganz nahe am Reich Gottes, sagt ihm Jesus. Nur eines fehlt dir zum Schatzfund deines Lebens: Verkaufe alles, was du hast, und komm und gehe mit mir!
Es ist die Chance seines Lebens, die da geboten wird. Und doch kann der Mann sie nicht ergreifen – denn er hat zu viele Güter. Deshalb wendet er sich von Jesus ab und geht traurig seiner Wege. So einfach ist es also nicht mit dem Schatz – selbst wenn man ihn gefunden hat.

Der Schatz im Acker und die kostbare Perle – im heutigen Predigttext geht es Jesus natürlich nicht um tatsächliche Schätze. Ein solcher Fund wäre allenfalls eine Schlagzeile in der Zeitung wert, wie sie am Anfang geschildert wurde.

Jesus geht es um viel mehr.

Schatz und Perle – ein Leben mit Gott

Schatz und Perle sind Sinnbilder für das Himmelreich – Sinnbilder für Gott selbst. Schatz und Perle stehen nicht für ein Leben im Reichtum, aber für ein reiches Leben.
Schatz und Perle stehen für ein Leben mit Gott.
Um aber das Himmelreich, um ein Leben mit Gott zu finden - das ist Jesus ganz wichtig - müssen wir nicht irgendwo „da oben“ suchen.
Der Himmel ist hier in meinem Leben fassbar – auf dem Acker meines Lebens, den ich jahraus, jahrein betrete, bebaue, bearbeite. Der Acker im Gleichnis ist nichts anderes als mein Leben, das ich führe, ob mit vollem Einsatz, oder eher schlecht und recht.
Erstaunlich ist, dass Jesus dabei unsere Vorstellungen von Himmel und Erde durcheinanderbringt. Denn die Erde und der Himmel, so wie viele ihn sich vorstellen, haben gar nichts miteinander zu tun.
Der erdenschwere, lehmige Acker ist ja das diametrale Gegenteil vom leichten luftigen Himmel mit seinen ziehenden Wolken, wo viele Gott vermuten.

Gott finden – hier auf der Erde

Wenn Jesus dagegen in seinen Gleichnissen vom Himmel und von Gott spricht, geht es immer ganz irdisch zu.
Wenn Jesus von Gott und seinem Reich spricht, dann redet er nicht von jubilierenden Engeln auf weißen Wolken, nicht von gewaltigen himmlischen Thronsälen, übervoll von Gold und Edelsteinen, oder wie sich Menschen den Himmel sonst noch vorstellen mögen.
Wenn Jesus von Gott und seinem Reich spricht, redet er von ganz Alltäglichem: Vom Acker, der immer wieder zu bestellen ist. Von den Vögeln, die auf dem Acker wohnen, und die doch genug zu leben haben. Von den Lilien, die auf dem Acker wachsen, ohne dass einer sie gesät hat. Und doch sind sie wunderschön geschmückt.
In seinen Gleichnissen spricht Jesus von der Saat, die auf dem Acker ausgebracht wird und aufgeht, wie von allein.
Wenn Jesus vom Himmel spricht, schildert er uns friedliche, zuversichtliche Bilder vom Wachstum und Gedeihen, trotz vieler widriger Umstände.
Wenn Jesus von Gott spricht, redet er von einem Schatz, der sich ganz irdisch finden lässt.
Nicht irgendwann, sondern jederzeit.
Nicht irgendwo, sondern bei mir.
In meinem Leben.
Denn auch in meinem Leben ist Gott da, mittendrin. Auch in meinem Leben wirkt er und lässt sein Reich wachsen.
Das kann gerade dort sein, wo ich diesen Lebensacker schon genau zu kennen glaube.
Wo ich schon viele Male darüber gelaufen bin – ohne etwas zu entdecken.
Auch dort, wo keine Spur von Gott ist, sondern nur Erde, Steine, auch dort, wo ich nur Alltag und Gewohnheit sehe, auch dort liegt Gott verborgen.
Jesus sagt uns: Gott findet ihr nicht, wenn ihr zum Unendlichen starrt – sondern wenn ihr euch bückt, in eurem Alltag. Dort liegen Gottes neue Möglichkeiten. Unverhofft. Unerwartet.
Dieses Unerwartete mitten im Leben der Menschen - das ist das Grundprinzip, das die ganze Bibel durchzieht. Mit der Möglichkeit von neuem, unerwarteten Leben beginnt schon das erste Kapitel der Heiligen Schrift – als aus der Finsternis Licht wird, aus toter Materie lebendige Wesen.

Unerwartet beginnt die Geschichte Gottes mit seinem Volk, als Abraham und Sara im hohen Alter noch ein Kind geschenkt wird.
Immer wieder findet Gott neue Möglichkeiten für seine Menschen – nach dem harten Sklavendienst in Ägypten, als das Volk endlich befreit wird.
Nach vielen Irrwegen durch finstere Täler führt Gott seine Menschen doch immer wieder ans Licht.
Und selbst das Ende der Bibel, ihre letzten Kapitel stehen unter der großen Zusage: Siehe, ich mache alles neu.
Immer ist ein Stück vom Himmel dabei – auch dort, wo niemand ihn vermutet.
Immer wieder ist Gott zu finden – vom Anfang bis zum Ende.

Auch in unserem Leben ist ein Schatz verborgen

Wie das nun in unserem Leben aussehen kann, wo dieser Schatz liegt, das erzählt uns Jesus allerdings nicht.
Er gibt uns nur die Bilder vor Augen, die uns helfen, an der richtigen Stelle zu suchen. Wie wir dieses Gleichnis ins unser Leben übertragen, liegt an uns.
Da gibt es viele Möglichkeiten – denn die Äcker unseres Lebens sind groß, verschieden in ihrer Ausdehnung, verschieden in ihrer Lage, verschieden in der Zusammensetzung ihres Bodens.
Nur einen Satz lässt Jesus bei der Übertragung des Gleichnisses in unser Leben nicht gelten. Das ist die resignierte Aussage: Ich werde bestimmt nie einen Schatz finden!
Gerade für diese Möglichkeit will uns Jesus ja die Augen öffnen. Das Himmelreich lässt sich überall finden – auch in unserem Lebensacker.

Ein älterer Mann meinte einmal im Gespräch über unseren Predigttext nachdenklich: "Bis jetzt habe ich diesen Schatz nicht gefunden. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Vielleicht werde ich den Schatz erst bei meinem letzten Atemzug finden."
Mich hat diese Aussage sehr beeindruckt.

Ich denke, sie ist im Sinne Jesu, der uns die Augen für Gott öffnet – auch dort, wo es niemand erwartet. Denn gerade dort fängt das Himmelreich an. Genau dort ist Gott – mit seinen unendlichen Möglichkeiten in unserem begrenzten Leben. Und mit seinem Versprechen, uns den Himmel zu öffnen. Amen.

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