Erntedank (06. Oktober 2013)

Autorin / Autor: Schuldekan Dr. Andreas Löw, Ludwigsburg [schuldek.ludwigsburg@elkw.de]

Matthäus 6, 19 -24

Liebe Gemeinde!
Bunte Kürbisse, ein großer Bund Weizenähren und herrliche gelbe Sonnenblumen. Auf (und vor) dem Altar ist sichtbar, liebe Gemeinde: Wir feiern heute Erntedank! Wir danken Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde für seine Gaben, die er uns auch in diesem Jahr wieder schenkt. Wir singen, erheben unsere Herzen, loben und preisen Gott für seinen Segen mit dem Bekenntnis:
„Er sendet Tau und Regen
und Sonn- und Mondenschein,
er wickelt seinen Segen
gar zart und künstlich ein
und bringt ihn dann behende
in unser Feld und Brot;
es geht durch unsre Hände,
kommt aber her von Gott.“ (EG 508,2)

Erntedank – erfahrbarer Segen für die Empfänger der Erntegaben

Und wir hören, angesichts all des Segens, den Gott über uns hat kommen lassen, auf Gottes Wort in den Worten des Propheten Jesaja, der uns zuruft: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich doch nicht denen, die zu dir gehören! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen“ (Jesaja 58,7f.).
Den Segen, den Gott durch unsere Hände zu materiellen Gütern hat werden lassen, ihn lassen wir erneut durch unsere Hände fließen, lassen ihn denen zukommen, deren Augen wie unsere auch auf Gott gerichtet sind, in der Hoffnung, dass er ihnen ihre Speise zur rechten Zeit geben wird. Denn die Menschen im Pflegeheim und die Frauen und Männer im Tafelladen, denen unsere Erntegaben auch in diesem Jahr wieder zukommen werden, sie sollen durch diese Gaben erfahren, dass Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, es gut mit uns Menschen meint, dass er uns und Ihnen schenkt, was wir zum Leben brauchen. Und indem wir so handeln, indem wir den uns von Gott zugeteilten Segen mit anderen teilen, stellen wir uns in den Verheißungsraum, den Gott Abraham und dem Volk Israel gegenüber eröffnet hat mit den Worten: „Ich will dich segnen… und du sollst ein Segen sein!“ (1. Mose 12,2).
Erntedank – eine Herausforderung für die mit Gaben Gesegneten

Aber – so mag sich die eine oder der andere nun fragen – wo bleibe ich, wenn der Segen Gottes gleichsam durch mich hindurchfließt? Was, ja wie viel bleibt von Gottes Segen bei mir hängen? Wie viel gilt es für mich zurückzuhalten? Im Bibelabschnitt für den heutigen Erntedanksonntag heißt es:
„Jesus sprach: Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.
Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!
Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Matthäus 6,19-24).

Erntedank – sichtbarer Segen für die Gemeinde

Das auf dem Altar sichtbare Evangelium des heutigen Sonntags lautet: „Gott sorgt für uns! Er schenkt uns das für jeden Tag Nötige und Lebenserhaltende.“ Gottes Fürsorge für unseren Leib und unsere Seele – sie feiern wir, wenn wir in diesem Erntedankgottesdienst Gott für seine guten Gaben danken. Gottes Fürsorge für unseren Leib und unsere Seele – sie schmecken und sehen wir nachher, wenn wir gemeinsam Abendmahl feiern und das Brot des Lebens und den Kelch des Heils empfangen. Der Blick auf den Erntedankaltar und das Schmecken und Sehen beim Abendmahl – sie erinnern uns daran, was Gott für uns getan hat und immer wieder neu tut. Und mit unseren Erntedankliedern sowie dem „Amen“, das wir sprechen, wenn wir das Brot des Lebens und der Kelch des Heils empfangen, sagen wir, dass wir Gottes gute Gaben für unser Leben annehmen, dass wir als beschenkte und von Sünde befreite Frauen und Männer in der Nachfolge Jesu Christi als Schwestern und Brüder leben wollen.
Erntedank – erfahrbarer Segen für die Elenden und Schwachen
Und das Evangelium, die frohe Botschaft in den Worten des Propheten Jesaja, lautet: „Gott hat vor allem die Hungrigen und Elenden, die Schwachen und Armen im Blick. Er hört ihr Seufzen und ihre Gebete.“ Der Linderung ihrer Not gilt seine Aufmerksamkeit. Und wir, die von Gott mit Hab und Gut, mit Gesundheit und Arbeitskraft Beschenkten, wir dürfen an der Ausbreitung des Evangeliums mitwirken, dürfen im kommenden Reich Gottes mit Hand anlegen, indem wir unser Hab und Gut, unsere Gaben und Fähigkeiten für die Elenden und Schwachen einsetzen.
Erntedank – eine Herausforderung für die mit Gaben Gesegneten

Aber noch einmal: Wo bleiben dann wir persönlich? Wie können wir als von Gott beschenkte und befreite Schwestern und Brüder unser Leben gestalten, wie mit unserem Geld und Gut umgehen?
Im Evangelium der Bergpredigt ruft Jesus uns auf, unsere Sorgen auf Gott zu werfen. Jesus verspricht uns, dass Gott die Sorgen, die wir auf ihn werfen, in Fürsorge für uns verwandelt. Wenn Gott schon für die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Felde sorgt, dann ist erst recht die Last unserer Zukunft bei Gott gut aufgehoben. Und das nicht nur im geistlichen und im spirituellen Sinn. Auch die Sorge vor einer beginnenden Demenz, die mir meine geistigen Kräfte und intellektuellen Besitztümer raubt, die Angst vor einer Inflation, die mir mein Erspartes auffrisst, die Sorge, ob im Alter das Geld für die Pflege und den Pflegeheimplatz reicht oder die bange Frage, ob auch die Kinder und die Enkel genügend zum Leben haben werden: Gott nimmt diese unsere Fragen wahr; er nimmt sie ernst. Gottes Fürsorge für uns – so ruft es uns das Evangelium des Matthäus heute zu – Gottes Fürsorge für uns erstreckt sich auch und gerade auf den materiellen Bereich. Ja, gerade beim Blick auf den Mammon, auf das, was ich an materiellen Besitztümern habe, können wir uns als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu vertrauensvoll Gott in die Arme werfen. Die Sorge um die Vergänglichkeit unseres Vermögens, die Angst vor Motten und Rost, vor Dieben und vor der Inflation, vor einem Wiederaufflammen der Schulden-, Banken- und Eurokrise und den damit verbundenen Haftungsrisiken, die unser Land eingegangen ist – all diese Sorgen sind ja begründet. Aber gerade weil diese Sorgen nur allzu gut begründet sind, können wir unser Herz nicht mit dem Mammon verbinden, sondern sollen Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte Gott lieben und unseren Nächsten wie uns selbst.

Erntedank – eine Geschichte und Hinweis auf ein Symbol

„Geld regiert die Welt“ – sagt das Sprichwort; aber Geld, so das Evangelium, Geld regiert nicht das Reich Gottes. Im Reich Gottes wird der Wert des Geldes umgewertet, bekommt das Geld die Bedeutung, uns einen Schatz im Himmel zu schaffen. Dazu eine russische Legende:
Ein reicher Mann verfügte, dass im Falle seines Todes ein Sack mit Goldstücken mit in sein Grab gelegt werden solle. Gleichsam eine Vorsorge für das Leben nach dem Tode. Als der Mann nach seinem Tod in den Himmel kommt, sieht er den Sack mit den Goldstücken neben sich. Er ist erleichtert. Als nächstes sieht er einen langen Tisch voller erlesener Speisen und Getränke. Hier lässt sich's ja gut sein, denkt er und fragt: „Was kostet dieses Lachsbrötchen?“ „Ein Cent.“, ist die Antwort des Verkäufers. „Und der Wein?“ – „Alles ein Cent“. Billig, denkt der Mann, himmlisch billig. Und er wählt sich eine ganze Platte aus. Aber als an der Kasse mit einem seiner Goldstücke bezahlen will, da nimmt der Verkäufer die Münze nicht an. „Alter Mann“, sagt er und schüttelt bedauernd den Kopf, „was hast du nur im Leben gelernt?“. „Was soll das“, murrt der reiche Mann, „ist dir mein Gold nicht gut genug?“. Und der Verkäufer antwortet: „Ja, schon, aber wir nehmen hier nur das Geld, das einer im Leben verschenkt hat.“

Im Reich Gottes wird der Wert des Geldes, der Wert des Besitzes umgewertet. Das uns im Leben anvertraute Geld gilt es – wie Jesus es auch dem reichen Jüngling empfahl (Mt 19,16-26) – für die Armen einzusetzen, um sich einen Schatz im Himmel (6,20; 19,21) zu erwerben.
Wem diese russische Legende etwas zu platt erscheint und der dennoch ein sichtbares Symbol für diese Botschaft des Evangeliums sucht, der betrachte nachher beim Abendmahl wieder einmal genau die Hostie. Sie erinnert ja äußerlich an die Form einer Münze. Aber sie ist nun eben keine Münze auf der ein Kaiser abgebildet ist oder die Insignien eines Staates, sondern Christussymbole verzieren die Hostie. Mit diesen Christussymbolen will uns die Hostie daran erinnern, dass der Eintrittspreis zum Himmelreich für uns von einem anderen bezahlt wurde: von dem leidenden, sterbenden und auferstanden Herrn Jesus Christus. Er selbst ist der Weg zum ewigen Leben. Er selbst ist die Tür zum Reich Gottes. Er selbst ist der Herr, der uns heute Morgen wieder zuruft: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wie euch das alles zufallen“ (Mt 6,33). Amen

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