1. Sonntag nach Weihnachten (29. Dezember 2013)

Autorin / Autor: Kirchenrätin Dr. Karin Grau, Stuttgart

Jesaja 49, 13-16

Liebe Gemeinde, in diesem Herbst entdeckte ich auf dem Gehweg zwischen vielen bunten Platanenblättern ein weißes Blatt Papier. Die Umrisse einer kleinen Hand waren darauf zu erkennen, dazu ein kleines rotes Herz und in großen Kinderbuchstaben der Name KARLA. – Eine Arbeit aus dem Kindergarten. Man sieht das kleine Mädchen leibhaftig vor sich, wie es konzentriert mit einem dicken Stift eine feste kleine Hand umfährt. Hand und Herz und Name. Eine wunderbare Botschaft. Sie erinnert mich an das Bild von Paul Klee, das in meinem Arbeitszimmer hängt; es trägt den Titel "Hat Kopf, Hand, Fuß und Herz". Das Blatt aus dem Kindergarten berührt mich nicht weniger. Sorgfältig und gut sichtbar hab ich es auf ein Mäuerchen gelegt und gehofft, es möge gefunden werden, von Karla oder von der Person, für die Karla diese Botschaft malte.

Eine ähnliche Botschaft schenkt uns der heutige Predigttext. Er ist über zweieinhalbtausend Jahre alt und dennoch wie ein neues, noch nicht ausgepacktes Geschenk zum Weihnachtsfest 2013: „Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.Zion aber sprach: Der HERR hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen.Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen.Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir“ (Jes 49, 13-16).

Worte für ein trauriges Herz

Wer spricht hier zu wem? Ein Prophet spricht zu Jerusalem, zur Tochter Zion. Jerusalem ist in einem desolaten Zustand. Es erholt sich nicht von den Zeiten der Besatzung, der Zerstörung und Deportation durch die Babylonier. Und das Schlimmste ist: Die Stadt hat sich an diesen Zustand gewöhnt. Sie vermisst nicht mehr das Marktgeschrei und das Kinderlachen, von dem sie einst erfüllt war. Sie hofft nicht mehr auf den Wiederaufbau ihrer Mauern; sie hofft nicht mehr auf neues Leben. Sie hat sich an die Tristesse gewöhnt, an Freudlosigkeit und trostlose Ruinen.
Die Worte des zweiten Jesaja kommen nicht an gegen diese Traurigkeit. „Tröstet, tröstet mein Volk!“ So beginnt der zweite Hauptteil des Jesajabuches, den man mit Recht ein Trostbuch nennen kann. „Jubelt, ihr Himmel, freue dich, Erde! Brecht aus in Jubel, ihr Berge! Denn GOTT hat sein Volk getröstet und erbarmt sich der Elenden.“ So die Botschaft des heutigen Predigttextes in einer anderen Übersetzung. Doch das traurige Herz der Stadt verschließt sich vor einer Botschaft, in der Gott tröstet und voller Erbarmen ist. Es lässt die frohe Botschaft eines tröstenden Gottes nicht an sich heran. – Wie kann der Prophet dieses Herz erreichen?
Der Prophet erinnert an eine alte Sehnsucht, an das tiefe, schöne Bild von Jerusalem als der Braut des unaussprechlichen Gottes. Er mag dieses Bild: Jerusalem personifiziert als Frau, Zion als Braut oder Ehefrau Gottes. Das Verhältnis zwischen Gott und Zion wird damit als ein ganz inniges gezeichnet, ist eigentlich wie eine Beziehung zwischen Mann und Frau, eine Liebesbeziehung. Dies stellt der Prophet seiner Stadt jetzt vor Augen: "Zion, du sprichst wie eine verlassene Braut; die ihrem Bräutigam hinterherjammert und klagt: Er hat mich vergessen! – Ja, du hast Recht, hier geht es nicht nur um Mauern und Ruinen, hier geht es eigentlich um deine Beziehung zu Gott, die eigentlich – von Gott aus gesehen – eine Liebesbeziehung ist. Doch darauf vertraust du nicht mehr. Du gibst Gottes Treue zu dir eigentlich keine Chance." So versucht der Prophet das Herz seines Volkes zu erreichen. Und dann ergreift der Unaussprechliche selbst das Wort. Gott selbst geht noch viel tiefer, wechselt die Rolle, sieht sich nicht nur als Bräutigam oder Ehemann, sondern als Mutter seines Volkes: „Kann eine Frau ihr Neugeborenes vergessen? Sie erbarmt sich doch über ihr leibliches Kind. Selbst wenn sie es vergäße, ich vergesse dich nicht! Schau, in beide Handflächen habe ich dich gezeichnet, deine Mauern sind immer vor mir.“

Bilder für die Seele

Es sind zwei wunderbare Bilder, die uns hier geschenkt werden. Es sind Bilder für alle, die sich verlassen fühlen, gottverlassen, von Gott vergessen. Es sind Bilder für Menschen, die sich an einen freudlosen Zustand ihres Herzens gewöhnt haben; die mit Traurigkeit ihre Tage verbringen, auch die Festtage und die Tage zwischen den Jahren. Es sind Bilder für Menschen, in denen die Hoffnung auf ein neues Leben gestorben ist.
Dieses Gotteswort fragt uns nach den Bildern, die wir in unserer Seele tragen. Jeder Mensch lebt mit inneren Bildern, mit Bildern aus Kindheitstagen, mit Bildern von Verstorbenen, mit Bildern auch, die uns die Welt um uns herum zuspielt; manche Bilder sind verklärt, manche hoffnungslos eingetrübt. Die Bilder, die wir in uns tragen, haben Macht; sie melden sich in Träumen; sie prägen meinen Blick in die Zukunft. - So fragt mich das Prophetenwort: Welche Bilder füllen meine Seele? Welche inneren Bilder haben Macht über mich? Welche Bilder von Gott wirken in meinem Inneren, bewusst oder unbewusst? Welche Bilder schließlich prägen das Leben meiner Kirche?
Im Religionsunterricht habe ich vor kurzem mit einer Klasse Kinderbilder von Gott gesammelt und begutachtet. Ein erster Auftrag lautete: Welches Bild spricht mich besonders an? Zu meinem Erstaunen fühlte sich der Großteil der Schülerinnen und Schüler von einem Bild besonders angesprochen, das mir wiederum völlig fremd war: ein schraffiertes Blatt mit einem dunkeln Rand. "Von Gott kann man sich kein Bild machen", "Von Gott darf man sich kein Bild machen", "Es ist Quatsch, Gott als eine Person im Himmel darzustellen". Das waren die Kommentare. Als wir uns dann aber unsere eigenen Kinderbilder von Gott gezeigt haben, Zeichnungen aus der eigenen Kindheit, da waren plötzlich doch viele Bilder zu sehen: ein Regenbogen über einer bunten Wiese; eine strahlende Sonne über einem Laib Brot; zwei Hände, welche die Erdkugel umfassen.
Wir können und sollen uns kein Bildnis oder Abbild von Gott schaffen und anbeten, das gehört zum ersten der Zehn Gebote. Und doch braucht unsere Seele Bilder vom Tiefsten und Größten; sonst wird sie ausschließlich von anderen Bildern bestimmt. Jesus selbst gibt uns viele lebendige Bilder: vom Senfkorn, vom Sauerteig, von Gott als besorgtem Hirten und als liebevollem Vater. Und heute überreicht uns das Jesajabuch dieses doppelte Bild: Gott ist wie eine Mutter, in der sich das Innerste regt, wenn sie ihr Neugeborenes in den Armen hält; in Gottes Hände ist eingezeichnet der Grundriss Jerusalems, der Entwurf seines geliebten Gegenübers.
Liebe Gemeinde, an Weihnachten erfahren wir jedes Jahr aufs Neue, dass die frohe Botschaft der ganzen Welt gilt, dass die große Freude des Jesaja der ganzen Welt widerfahren soll. Auch dieses heutige Prophetenwort gilt allen Menschen. Dafür hat Jesus sein Leben eingesetzt. Der lebendige Christus spricht durch Jesaja zu allen Elenden, zu allen Menschen, die ihren Halt, ihre Lebensmitte nicht in sich selbst, sondern in einem Größeren suchen. Wir dürfen die Bilder des Propheten in der Tiefe unserer Seele aufnehmen: Gott ist wie eine Mutter, in der sich das Innerste regt, wenn sie mich wie ein Neugeborenes in den Armen hält; in Gottes Hände eingezeichnet sind die Umrisse eines jeden Menschen, der aus der Schöpfung hervorgeht.

Bilder für die Kirche

Kann es sein, dass es wirklich noch nicht ganz ausgepackt ist, dieses Geschenk, dieses Prophetenwort? Kann es sein, dass es noch nicht ganz angekommen ist in unseren Gemeinden und in unserer Kirche, dass Gott selbst uns solche Bilder schenkt: Eine Mutter, in deren Armen wir liegen. Eine Mutter, in deren Innersten wir gebildet wurden. Dies sind andere Bilder von Gott als die, die sich in der Christenheit im Laufe der Jahrhunderte durchgesetzt haben; in denen sich das Männliche durchgesetzt hat und oft auch Ernst und Strenge. Durch Jesaja spricht ein mitfühlendes, ein warmherziges göttliches Gegenüber; kein Gott, der über uns herrscht und unser Leben bis ins Detail bestimmt; sondern ein liebendes Wesen, das Anteil nimmt am menschlichen Leben, das mit leidet in Krankheit und Schmerzen, das mit weint bei Unrecht und Unterdrückung.
Durch Jesaja spricht ein Gott zu uns, der nicht alle Fäden in der Hand behalten will, sondern der seine Hände für uns öffnet, die empfindlichen, weichen Innenflächen hinhält und uns zeigt:
Jeder Mensch, jedes Leben, jeder Name ist hier festgehalten. Keiner und keine wird vergessen. Kein Leben geht in Wahrheit verloren. Auch Leben, das niedergetreten, niedergeknüppelt wurde; auch Leben, das in der Gosse endet. Gegen allen Augenschein und gegen alle Maßstäbe der Welt spricht Gottes Stimme zu uns:
Ich habe einen Entwurf von dir. Ich habe dich aus meinem Herzen in meine Hände eingezeichnet. Dein Bild in meinen Händen ist unauslöschlich, im Leben und im Sterben. Siehe, du bist mir immer vor Augen. Dich hab ich mit Liebe gezeichnet. Amen.

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