Heiligabend/Christvesper (24. Dezember 2013)

Autorin / Autor: Pfarrer Dr. Martin Hauff, Langenau [Martin.hauff@kirche-langenau.de]

1. Timotheus 3, 16

Liebe Gemeinde!
In einem Talkessel am Südostabfall der Schwäbischen Alb, in Blaubeuren, befindet sich die Klosterkirche mit ihrem prächtigen spätgotischen Hochaltar. Dieser Hochaltar, der 1493 geweiht wurde, verdankt seine Entstehung dem fruchtbaren Zusammenwirken des Blaubeurer Abts Heinrich Fabri mit seinem Landesherrn, Graf Eberhard im Bart. Wenn die Bildtafeln des Altars ganz geöffnet sind, sieht man auf dem linken Altarflügel eine eindrucksvolle Darstellung der Geburt Jesu. Ein schroffer Fels, das sogenannte „Klötzle Blei“, Wahrzeichen Blaubeurens, an dessen Fuß Hirten Schafe hüten, und die ummauerte Stadt Blaubeuren bilden den Hintergrund. Im Vordergrund spielt sich das Weihnachtsgeschehen in einem ruinenartigen Stall ab. Sein Dach ist beschädigt. Seine Mauern sind durchlöchert. Auf einem Tuch am Boden liegt das Jesuskind. Maria und Joseph knien anbetend davor. Durch das offene Seitenportal treten erwartungsvoll die Hirten.
Der Künstler hat die Altartafel in einen Goldrahmen gefasst und die ganze Szenerie auf Goldgrund gemalt. Gold, das ist die Farbe der himmlischen Welt Gottes, die sich nicht irgendwo in unermesslichen Entfernungen befindet, sondern die sich ganz dicht hinter den vordergründigen Realitäten unserer Welt ausbreitet. Die Darstellung der Christgeburt auf der Blaubeurer Altartafel bringt also die irdische Szenerie des Bethlehem-Stalles und den Goldgrund der himmlischen Welt Gottes zusammen. Durch die äußerliche Armut hindurch wird der Glanz der ewigen Welt Gottes sichtbar. Wer vor dem Blaubeurer Altar steht, dem wird deutlich: Christi Geburt verbindet Himmel und Erde. Und Christtag ist der Ort, da Himmel und Erde beieinander sind wie nie zuvor.

Gott hat sich in der Gestalt Jesu ganz menschlich gemacht

Diesen Goldgrund hinter der Geburt Jesu macht unser heutiger Predigttext aus dem 1. Timotheusbrief sichtbar. Es ist ein Christuslied der frühen Christenheit, das uns das Persongeheimnis Jesu erschließt. Es ist ein Christuslied, das uns ins Staunen führt über das Geheimnis der Weihnacht.
„Gott ist im Fleische, wer kann dies Geheimnis verstehen? (EG 41, 4)“, singen wir in einem der Weihnachtslieder. Das ist ein Widerhall unseres Christusliedes, wo es heißt: „Christus ist offenbart im Fleisch.“ Damit ist das Geheimnis von Weihnachten auf den Punkt gebracht. Versuchen wir, uns diesem Geheimnis staunend anzunähern. Das ist nicht ganz einfach, weil der zentrale Begriff uns zunächst auf eine ganz andere Lebens-Bühne mitnimmt. Im Handumdrehen nimmt uns der Begriff „Fleisch“ mit auf die kulinarische Bühne. Schon riechen wir den leckeren Weihnachtsbraten – aber lassen wir dem noch etwas Zeit. Im biblischen Sprachgebrauch meint „Fleisch“ die ganz und gar menschliche Sphäre. „Fleisch“, das heißt vergänglich, schwach, zuweilen ohnmächtig und eben nicht allmächtig und in allem Herr der Lage zu sein.
Das ist das Geheimnis der Weihnacht: Gott hat sich für uns in der Gestalt Jesu ganz menschlich gemacht. Nicht in einer flüchtigen Erscheinung, wie die griechischen Götter sich zuweilen unter die Menschen gemischt haben, sondern durch Fleischwerdung, Menschwerdung. In Jesus Christus hat Gott diese Welt nicht nur flüchtig gestreift, sondern ist ganz und gar in sie eingegangen. Der große Gott bleibt also nicht fern von unseren Ängsten, Nöten und Sorgen – so wie damals der Kaiser Augustus fern war in seiner Stadt Rom, ohne Blick für die Strapazen, die sein Befehl zur Steuerschätzung den betroffenen Menschen zufügte. Nein, Jesus teilt schon als Kind und dann als Erwachsener die Armseligkeit und das unfreiwillige Unterwegssein so vieler. Er ist einer von uns geworden.

Jesus Christus – im Himmel den Engeln präsentiert

Aber Jesus ist nicht nur einer von uns. Er ist und bleibt zugleich der ganz Andere, der ganz auf die Seite Gottes gehört. In seiner Person sind Erde und Himmel verbunden. Der zur Welt kam in der Krippe, Jesus, der verbürgt den Frieden und die Liebe Gottes in dieser Welt. Auf seinem ganzen irdischen Weg ist Jesus eingestanden für den Frieden und die Liebe Gottes. Das führte ihn in den Tod am Kreuz. Gott aber hat Jesus seinen Gegnern gegenüber ins Recht gesetzt. Er hat Jesus aus Vergänglichkeit und Tod in die Unvergänglichkeit und Herrlichkeit hinübergenommen. Er hat ihn aus der Sphäre des Fleisches in die Sphäre des Geistes versetzt. Jesus Christus wurde, wie es unser Christuslied besingt, „gerechtfertigt im Geist, …aufgenommen in die Herrlichkeit“.
Mehr noch, er wird eingesetzt in eine unvergleichliche Machtstellung. Er herrscht sichtbar im Himmel und noch unsichtbar über diese Welt. Er als der neue Weltherrscher wird den Engeln präsentiert. „Erschienen den Engeln“, heißt’s im Christuslied. Engel sind Mächte – die oft zitierten „guten Mächte“, aber auch die finsteren Gewalten, die die Welt durcheinanderbringen, ängsten und zerstören, also die gefallenen Engel. Lange Zeit haben wir gemeint, alles erklären zu können zwischen Himmel und Erde. Inzwischen ist uns wieder deutlicher bewusst geworden, dass es Mächte und Gewalten gibt, die auf Zerstörung und Tod aus sind.
Unser Text sagt nun etwas ganz Großes: All diesen Mächten und Gewalten wird nun einer präsentiert, der zugleich im Himmel und auf Erden die Macht übernimmt. Den bösen Mächten zum Trotz, den guten zur Freude – so wie’s in der Weihnachtsgeschichte des Lukas heißt: „die Menge der himmlischen Heerscharen lobte Gott und sprach: ‚Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.’“ Den Engeln im Himmel wird Christus präsentiert – eben der, der sich als Kind in der Krippe in die größtmögliche Nähe und Solidarität zu uns begeben hat, ist der Herr aller Mächte und Gewalten, die in unserer Welt um Einfluss ringen.

Jesus Christus – auf Erden durch seine Boten proklamiert

Im Himmel wird er den Engeln präsentiert, auf Erden durch seine Boten proklamiert. Christus wird „gepredigt in der Völkerwelt“, heißt es in unserem Christuslied. Den Anfang nahm diese Predigt mit den Hirten in Bethlehem, die die Nachricht von Jesu Geburt weitersagten. Jesus Christus setzt also seine universale Bedeutung nicht mit den bekannten Machtmitteln dieser Welt durch. Sondern er lässt seine universale Bedeutung durch das werbende Wort ausrufen, durch die einladende Predigt bekannt machen. Seine Herrschaft ist keine Gewaltherrschaft. Mit ihm kommen Gottes Liebe und Gerechtigkeit zum Recht.

Die Weihnachtsbotschaft durchbricht das harte Gefüge unserer Realitäten

Was im Himmel schon offenkundige Wirklichkeit ist, ist auf Erden freilich noch verborgen. Sprechen nicht die Realitäten auf unserer Erde eine ganz andere Sprache? Jesu Geburtsstadt Bethlehem ist auf drei Seiten von einer riesigen Sperrmauer umschlossen, die das Westjordanland vom Kernland Israels trennt. Und doch feiern auch die arabischen Christen in Bethlehem heute Abend wie wir die Christgeburt. Wie wir hören auch sie von dem Christuskind, das in unsere Welt hereinkam mit seiner Liebe und seinem Frieden. Mitri Raheb, Pfarrer an der evangelisch-lutherischen Weihnachtskirche in Bethlehem, Christ und Palästinenser, sagt: „Das Grundgefühl der meisten Menschen in Palästina ist Untergangsstimmung. Aber Christen leben aus Hoffnung und in Hoffnung und auf Hoffnung hin.“ Und so haben er und seine Gemeinde Räume der Hoffnung für die Menschen in Bethlehem geschaffen – im Begegnungszentrum, im Gesundheitszentrum, in der Fachhochschule für Kunst und Medien. Räume der Hoffnung in Bethlehem, die im Schatten der bedrängenden Sperrmauer einen weiten Horizont eröffnen. Darum geht es ja an Weihnachten, dass Christus mit seiner Liebe und seinem Frieden das harte Gefüge unserer verfestigten Wirklichkeit durchbricht und so Räume der Hoffnung eröffnet. Mitten im Dunkel unserer Nacht leuchtet das Licht der Hoffnung auf. Tiefe Freude macht sich breit.
Diese Weihnachtsfreude schließt uns nicht in eine schöne Gefühlswelt ein, und wenn die Weihnachtsdekoration weg ist, ist wieder alles so, wie es war. Weihnachten führt uns nicht einen Weg hinaus aus der Welt, sondern einen Weg in die Welt hinein. Wenn Gott sich für mich interessiert und mir im Kommen Jesu seine Liebe zeigt, dann kann ich meinen Nächsten nicht achtlos neben mir liegen lassen. Erfüllt von der Weihnachtsfreude können wir aufstehen und aufeinander zugehen. Wenn Gott sich so sehr für diese Welt interessiert, dass er ihr nicht fernbleibt, dann kann ich umso klarer meine Aufgaben in dieser Welt sehen: mithelfen, dass weniger Menschen auf dieser Welt an den Rand gedrängt werden. Mithelfen, dass in einer Welt, in der Kampf und Krieg herrschen, mehr und mehr die Liebe und die Achtsamkeit füreinander Raum gewinnen.

Die Weihnachtsfreude beflügelt

Ich denke noch einmal an die Darstellung der Christgeburt auf dem Blaubeurer Hochaltar. Der ruinenartige Stall vor den Toren Blaubeurens ist Sinnbild für die harte Realität dieser Welt. Aber dann ist eben auch der Goldgrund da und die Engelsgruppen, die das „Ehre sei Gott“ singen und die das Tuch halten, auf dem das Jesuskind liegt – Hinweise auf die dahinter liegende größere Wirklichkeit der himmlischen Welt Gottes. Die heimatliche Landschaft stellt die Geburt Christi hinein ins Leben der Betrachtenden. Die Geburt Christi ist geschehen auch für die Menschen in Blaubeuren, in unserer Gemeinde, ja in der ganzen Welt. Ruinenstall und jauchzende Engelchöre, irdische Farben im Vordergrund und das Gold im Hintergrund machen’s sinnenfällig deutlich: Christi Geburt verbindet Himmel und Erde. Christtag ist der Ort, da Himmel und Erde beieinander sind wie nie zuvor.
Das Kind in der Krippe wird transparent auf Gottes große Liebe zu dieser Welt und zu uns Menschen. Wo wir uns vom Geheimnis der Liebe Gottes anrühren lassen, wachsen unserer Weihnachtsfreude Flügel. Die Weihnachtsfreude beflügelt uns, nach dem Motto Luciano di Crescendos zu leben, der einmal sagte: „Wir sind Engel mit nur einem Flügel. Um fliegen zu können, müssen wir uns umarmen.“ Amen.

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