Reformationsfest (31. Oktober 2013 / 03. November 2013)

Autor/in: Pfarrer Friedmar Probst, Alfdorf [friedmar.probst@elkw.de ]

Ezechiel 3, 16 -21

Liebe Gemeinde,
Hesekiel wird zum Wächter für seine Zeitgenossen bestellt. Er soll auf ihr Leben aufpassen, auf ihren Lebensweg achten. Braucht ein mündiger Mensch einen Wächter? Die erste Reaktion ist: „Aufpasser? - Nein danke!“

Wächtern ist man dankbar

Eine Wandergruppe in den Alpen. Die Stimmung ist gut, der Himmel ist blau, und der Plan für morgen heißt, einen herrlichen Gipfel zu besteigen. Der Hüttenwirt ist mit dem Wetter vertraut. Er weiß: Das Wetter ändert sich bald. Innerhalb von Stunden gibt es morgen zuerst Regen, dann Schnee, verbunden mit einem gewaltigen Temperatursturz.
Er warnt die Gruppe: „Steigt nicht auf, es ist zu gefährlich! Es wird vereiste Stellen geben. Bleibt hier oder geht ins Tal!“
Die Gruppe loswandern zu lassen, ohne etwas zu sagen: Das wäre unverantwortlich. Es wäre gleichgültig und lieblos. Der Hüttenwirt hat seine Warnung ausgesprochen. Wie sich die Gruppe verhält, das steht nicht in seiner Macht. Wächter sein, heißt: Die anderen sind mir nicht egal.

Ich brauche keinen Aufpasser!

Da haben zwei Jungs einen Lausbubenstreich gemacht. Sie waren „Klingeln putzen“. Eigentlich ein harmloser Spaß. Womit die Kinder nicht gerechnet haben: Der in seiner Ruhe gestörte Bewohner verlässt die Wohnung, er verfolgt die Kinder und ergreift sie. Mit festem Griff umklammert er das Handgelenk des einen Jungen. Die Situation droht zu eskalieren, die Kinder haben Angst, es wird laut. Eine Nachbarin spricht den Mann an: „Was machen Sie da?“ Die Reaktion fällt barsch aus: „Mischen Sie sich nicht ein, das ist meine Sache.“ Aber er lockert seinen Griff, die Kinder können gehen.
Wer Streit schlichten will, macht sich angreifbar. Wer Gewalt wahrnimmt und interveniert, setzt sich aus. Dem Angesprochenen ist es unangenehm. „Ich brauche keinen Aufpasser!“ Aber für die schwächeren Konfliktpartner, die Kinder, ist die Wächterin gut gewesen.

Der Auftrag des Hesekiel

Der Prophet Hesekiel bekommt den schweren Auftrag: Du sollst Wächter sein. Du sollst den Gottlosen vor seinem Weg warnen.
Das Wort, das Luther mit „gottlos“ übersetzt, meint im Hebräischen einen Menschen, an dessen Händen Blut klebt. Einer, der Gewalttaten verübt und der den Richter besticht. Der also die göttlichen Gebote missachtet. Weil in der Bibel alles Recht von Gott gesetzt ist, bedeutet das Wort auch: Gott zu vergessen und ohne Gott zu leben, als theoretische Leugnung Gottes oder als praktische Gottvergessenheit.

Hesekiel hört den Auftrag: Gehe auf die Menschen zu. Nein, nicht pauschal auf „die“ Menschen. Richte dein Wort an einzelne, die sich verfehlt haben. Rufe diesen konkreten Menschen zur Umkehr. Es gehört mehr Mut dazu, einzelne anzusprechen, als pauschal „die böse Welt“ zu kritisieren. Jesus wird es später so sagen: „Sündigt aber dein Bruder, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein“ (Matthäus 18,15). Der Ruf zur Umkehr zieht sich durch die Bibel hindurch. Denn Gott ist ein Freund des Lebens. Er möchte nicht, dass ein Mensch sich durch Rücksichtslosigkeit und Gewalt selbst verfehlt.

Auch die Reformation war ein Ruf zur Umkehr

Heute ist Reformationsfest. Am 31. Oktober 1517 hat Martin Luther 95 Thesen zu Ablass und Gnade an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg geheftet. Luther wollte damit einen Missstand beseitigen: nämlich, dass die Kirche gegen Geld Sündenstrafen erlassen kann. Er wollte den Menschen zu einem getrösteten Gewissen verhelfen. Nicht zu einem äußerlich beruhigten. Deshalb formulierte er in der ersten These:
„Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: ‚Tut Buße‘, wollte er damit sagen, das ganze Leben des Gläubigen müsse Buße (also Umkehr) sein.“

Die Reformation beginnt mit einem Ruf zur Umkehr. Luther ist es nicht egal, dass Menschen durch finanzielle Versprechungen in trügerischer Sicherheit gewiegt werden: „Die Sache mit Gott kann ich durch eine Überweisung von meinem Konto regeln.“
Luther nimmt sein Wächteramt wahr. Im Studium der Bibel und im Gespräch mit anderen ist ihm klar geworden: Ein Christenmensch ist mehr als die Summe seiner Taten. Und: ein Christ wird nicht auf Grund seiner eigenen Leistung selig. Auch nicht durch die Leistungen anderer. Zur Seligkeit führt der Glaube, dass Jesus Christus alles für mich getan hat an Karfreitag und Ostern. Das war die reformatorische Einsicht.

Gottes Gnade genügt

Nicht dein eigenes Tun, nicht deine Leistung macht dein Leben gut, sondern Gottes Gnade. Dass Gott dich freundlich anblickt, das genügt. Auch da, wo dein Leben Blessuren erlitten hat, wo es Fragment geblieben ist: Du musst nicht vollkommen sein, du musst nicht immer erfolgreich sein. Gottes freundlicher Blick auf dich, seine Gnade genügt.
Braucht es da Wächter, die uns sagen: Kehrt um zum barmherzigen Gott?
Ja! Denn heute gilt vor allem der etwas, der stark ist, der durchsetzungsfähig ist. Die Leitworte sind: Du hast dein Leben selbst in der Hand. Wenn du dir nicht hilfst, dann tut es keiner. Du musst erfolgreich sein, jung bis ins hohe Alter. Niederlagen sind verboten. Bedürftig will niemand sein. Schon gar nicht der Rettung bedürftig. Selbst die eigene Endlichkeit wird ausgeblendet.
Weil wir als Christen Menschen in unserer Gesellschaft sind, haben wir auch teil an ihren Irrtümern. Und deshalb braucht es für die Kirche und für die Gesellschaft Wächter, die auf andere Acht haben und sich das Wort abgewöhnen: „Das ist nicht mein Problem.“
Heilsam gegen alle Selbstinszenierung der Stärke ist die Erklärung von Martin Luther zum zweiten Glaubensartikel. Gegen alle Ansätze der Selbsterlösung schildert Luther den Menschen als bedürftigen Menschen. Und er predigt Jesus Christus, der die menschliche Bedürftigkeit auf sich genommen hat: „…der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöst hat, erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben, auf dass ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden vom Tod, lebet und regiertet in Ewigkeit. Das ist gewisslich wahr.“ Der schönste Satz in deutscher Sprache sei dies, hat einmal jemand formuliert. Sicher nicht nur aus sprachlichen Gründen. Alles bekommen wir geschenkt. Das ist Gnade!

Reformationstag 2013. Aufpasser brauchen wir nicht. Wächter schon. Sie sagen uns: Gott blickt dein Leben freundlich an, und das macht dein Leben gut. Das gibt dir die Freiheit, in aller Ruhe das Rechte zu tun. Amen.

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