1. Sonntag nach Epiphanias (12. Januar 2014)

Autorin / Autor: Pfarrer Reinhard Hauber, Nagold

Jesaja 42, 1 -9

Liebe Gemeinde!
Ein Mann hat einen alten Baum in seinem Garten. Jedes Frühjahr trägt der Baum gelbe Blüten. Ansonsten ist er unscheinbar. Eines Tages wird die Gegend, in der der Mann wohnt, von einem schweren Sturm heimgesucht. Nach dem Sturm gehen der Mann und sein Sohn hinaus in den Garten. Den alten Baum hat es schwer getroffen. Einer der beiden Hauptäste ist zur Hälfte abgebrochen und hängt nach unten. „Soll ich eine Säge holen und den Ast absägen?“, fragt der Sohn seinen Vater. „Der Ast ist nicht mehr zu retten.“ „Nein, das möchte ich nicht“, sagt der Vater. „Dem Baum würde etwas fehlen ohne den Ast. Der Ast ist nur angebrochen. Ich will ihn so lassen, wie er ist. Vielleicht bleiben die Zweige ja trotzdem grün.“ „Ich habe da wenig Hoffnung“, meint der Sohn. „Aber gut, wenn du es so willst.“

Wir handeln oft anders als der Knecht

„Das geknickte Schilfrohr zerbricht er nicht. Den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“ Handeln wir so, liebe Gemeinde? Oder machen wir kurzen Prozess? Die Kerze, die wir vor zwei Stunden angezündet hatten, ist nur noch ein Stummel. Der Docht liegt schief und fängt an zu rußen. Pusten wir die Kerze aus? Werfen wir den Stummel in den Müll? Holen wir eine neue Kerze aus dem Schrank?
„Den glimmenden Docht löscht sie nicht aus.“ Was macht die Lehrerin mit dem Schüler, der ständig stört? Zieht sie andere Saiten auf, nachdem er nicht hören will? Gibt sie ihm Strafarbeiten? Schickt sie ihn vor die Tür, um ihm Grenzen zu setzen?

Der Text in der Situation Deuterojesajas

„Das geknickte Schilfrohr zerbricht er nicht. Den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“ Dieses Wort steht im Jesajabuch. Es führt uns vermutlich zurück in die Zeit um 550 vor Christus. Die Israeliten sind nicht in ihrer Heimat. Die Babylonier haben sie verschleppt. Sie haben sie gezwungen, 1000 Kilometer zu laufen, und haben sie im Zweistromland neu angesiedelt. Da leben sie nun, mitten unter anderen verschleppten Ausländern.
Sie leben noch, aber haben alles verloren, was ihnen kostbar war. Das Land, das Gott ihnen gegeben hatte, ist verloren. König Zedekia hat sein Augenlicht verloren und lebt im Exil wie sie selbst. Und der Tempel in Jerusalem, in dem sie Gottes Nähe gespürt hatten, ist nur noch ein Steinhaufen. Die Israeliten kommen ins Zweifeln. Ist ihr Gott wirklich der Herr aller Herren? Oder haben die Babylonier Recht? Ist Marduk der Gott aller Götter?
Da meldet sich in einem der israelitischen Dörfer im Exil ein Mann zu Wort. Er sagt: „Stellt euch vor, ich hatte gestern eine Vision. Ich war allein auf einem Berg und habe auf einmal eine andere Welt gesehen. Ich sah einen großen Saal und in der Mitte des Saales einen großen Thron. Mir war klar, dass das der Thron Gottes war. Neben Gott sah ich viele Engel. Sie bildeten einen großen Kreis. Mal redete Gott, mal redete ein Engel. Sie schienen miteinander Rat zu halten.
Dann zeigte Gott auf mich. Alle Engel sahen mich an. Gott sagte: „Hier ist mein Knecht, hinter dem ich stehe. Ihn habe ich erwählt, ihm gilt meine Liebe, ihm gebe ich meinen Geist. Er soll unter den Völkern meine Rechtsordnung aufrichten. Er tritt nicht wie ein Feldherr auf. Er schreit keine Befehle und lässt keine Verordnungen auf der Straße ausrufen. Das geknickte Schilfrohr zerbricht er nicht, den glimmenden Docht löscht er nicht aus. Er selbst zerbricht nicht und wird nicht ausgelöscht. Er führt meinen Auftrag aus. Er bringt mein Recht bis an die fernsten Küsten.“
Der Mann hört auf zu reden. Die Männer und Frauen um ihn herum schweigen lange. Dann meint eine Frau: „Weißt du, was du da geschaut hast? Das war die himmlische Ratsversammlung. Du hast erlebt, wie Gott dich zum Propheten berufen hat.“ Eine andere Frau meint: „Das geknickte Schilfrohr zerbricht er nicht, den glimmenden Docht löscht er nicht aus. Diese Beschreibung passt auf dich. Du hast mir in den vergangenen Monaten sehr viel Mut gemacht.“ Noch ein anderer sagt: „Was bedeutet der Satz: ‚ Er soll unter den Völkern meine Rechtsordnung aufrichten? ‘ Sollst du Kontakt zu unseren ausländischen Nachbarn aufnehmen? Sollst du etwa die Babylonier auf unseren Gott ansprechen?“

Matthäus deutet mit dem Text Jesu Wirken

Machen wir einen Sprung, liebe Gemeinde. Machen wir einen zeitlichen Sprung. Wir befinden uns im Jahr 80 nach Christus. Machen wir einen geographischen Sprung. Wir sind in Judäa. Matthäus hat eine unbeschriebene Schriftrolle vor sich. Er will die Geschichte Jesu aufschreiben. Er hat viel Material gesammelt. Da sind Notizen über Jesu Worte, Notizen über Jesu Wunder und ein längerer Text über Jesu Leiden und Sterben. Auf dem Tisch liegen auch die heiligen Schriften. Immer wieder öffnet er die vertrauten Schriftrollen. Er liest bei Mose nach, er liest bei den Propheten und in den Psalmen nach. Er schreibt einen Abschnitt über Jesu Wunder. Dann öffnet er die Schriftrolle der Propheten. Er überfliegt den Propheten Jesaja. An einer Stelle liest er sich fest. Ihm wird warm und kalt zugleich. Er begreift: „Diese Stelle ist der Schlüssel, um Jesus zu verstehen.“ Dann greift er zum Stift und notiert: „In Jesu Heilungen hat sich erfüllt, was der Prophet Jesaja angekündigt hatte: ‚Hier ist mein Knecht, hinter dem ich stehe. Ihn habe ich erwählt, ihm gilt meine Liebe, ihm gebe ich meinen Geist. Er soll unter den Völkern meine Rechtsordnung aufrichten. Er tritt nicht wie ein Feldherr auf. Er schreit keine Befehle und lässt keine Verordnungen auf der Straße ausrufen. Das geknickte Schilfrohr zerbricht er nicht, den glimmenden Docht löscht er nicht aus‘“ (nach Matthäus 12).

Wer ist Jesus Christus?

Was erfahren wir durch diesen Text über Jesus Christus, liebe Gemeinde? Wer ist der, von dem mittlerweile nicht nur in Judäa, sondern auf der ganzen Welt geredet wird? Wer ist der, an den inzwischen Menschen aus allen Völkern glauben?
Wenn wir Jesaja lesen, verstehen wir: Jesus hat Gottes Geist. Er hat Gottes Geist im Übermaß. Jesus geht es um die göttliche Ordnung, die göttliche Weltordnung. Aber er richtet sie nicht wie ein Feldherr, wie ein Diktator auf. Er kennt keine Gewalt. Er verzichtet darauf, Menschen zu zwingen, einzusperren oder gar zu töten. Er hat einen Blick für die Schwachen, für die Machtlosen. Er wendet sich dem geknickten Schilfrohr zu. Er schützt den glimmenden Docht vor Zugluft.

Heutige Erfahrungen mit Jesu Zuwendung

Nicht wenige unter uns könnten davon berichten. Manche unter uns haben eine schwere Kindheit hinter sich. Ihre Eltern hatten ihnen eingeredet, dass sie an allen Konflikten in der Familie schuld sind. Diese Menschen waren viele Jahre von Schuldgefühlen geplagt. Doch dann erkannten sie, dass es eben nur Schuldgefühle und keine wirkliche Schuld waren. Sie erkannten, dass auch ein Christ zwischen falschen Schuldgefühlen und echter Schuld unterscheiden muss. Sie lernten Jesus neu kennen. Sie lernten begreifen, dass er keineswegs der verlängerte Arm derer ist, die ihnen Schuldgefühle einreden.
Andere unter uns haben die zurückliegenden Weihnachtstage als sehr belastend erlebt. Eine Mutter hatte viel getan, um sich und ihren Kindern eine schöne Feier zu ermöglichen. Doch am ersten Weihnachtstag kam es zum großen Konflikt. Ein nichtiger Anlass führte zu einer schweren Auseinandersetzung. Eines der Kinder war vorzeitig abgereist. Die Mutter war mehrere Tage bedrückt. Eines Morgens blätterte sie im Gesangbuch und blieb an einem Weihnachtslied hängen. Sie schöpfte neuen Mut.

Wie Jesus Christus euch getan hat, so sollt ihr an anderen handeln

Wer ist Jesus Christus? Jesus Christus hat einen Blick für die Schwachen, für die Machtlosen. Er wendet sich dem geknickten Schilfrohr zu. Er schützt den glimmenden Docht vor Zugluft.
Wenn wir Jesus so erfahren, dann wird das Konsequenzen für unser Verhältnis zu unseren Mitmenschen haben. Wenn wir selber einmal wie ein glimmender Docht waren und von Jesus geschützt wurden, dann dürfen wir unsere Mitmenschen nicht mehr so behandeln, wie es gang und gäbe ist. Ich hatte von der Lehrerin erzählt, die einen ständig störenden Schüler hat. Sie erkennt gerade in diesem Schüler ein bedürftiges Kind, einen glimmenden Docht. Sie findet Wege, wie sie ihm Grenzen setzen kann, ohne ihn zu bestrafen.
Wer ist Jesus? Er ist einer, der sich dem geknickten Schilfrohr zuwendet und den glimmenden Docht vor Zugluft schützt. Wie sollen die leben, die Christen und Christinnen sein wollen? Auch sie sollen sich dem geknickten Schilfrohr zuwenden und sollen den glimmenden Docht vor Zugluft schützen. Amen.

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