10. Sonntag nach Trinitatis (24. August 2014)

Autorin / Autor: Kirchenrat Dr. Joachim Hahn, Plochingen [JoachimSHahn@web.de]

Daniel 9, 15 -19

Liebe Gemeinde!
Ein sogenanntes „Bußgebet“ ist unser heutiger Predigttext. Ein Gebet, in dem der Prophet Daniel flehentlich Gott um Vergebung bittet, um Vergebung der Schuld seines Volkes. Jerusalem lag zu seiner Zeit in Trümmern, das Land war verwüstet. Das Besondere ist nun in diesem Gebet – wie es wohl etwas ganz Besonderes bei allen Propheten der Bibel ist: Sie suchen die Schuld am Geschehenen zunächst bei sich selbst, beim eigenen Volk, fragen selbstkritisch, wie es dazu kommen konnte.
Das ist auffällig: sie suchen also für das Geschehene die Schuld nicht bei anderen oder bei den Bösen in den Welt oder gar beim lieben Gott, der das alles zugelassen hat. Nein, sie fangen bei sich an, zu fragen und zu bekennen: An uns selbst hat es gelegen. Oder zumindest: Wir hatten unseren Anteil daran! Und diese Grundeinstellung, die führt sie zu einem solchen Gebet, einem Bußgebet, einer Bitte um Vergebung. –

Buße – etwas, mit dem wir uns heute schwer tun

Was verbinden wir damit, wenn wir den Begriff Buße hören? Buße, Bußgebet, das ist in unserer heutigen Gesellschaft etwas wenig Aktuelles; wenig aktuell wohl auch unter uns Christen, in den Kirchen. Vor Jahren schon (1994) wurde von Seiten unseres Staates der Buß- und Bettag als öffentlich anerkannter Feiertag gestrichen. Nur schwach war damals der Widerspruch der Kirchen. Und wenn man auf die Argumente dafür oder dagegen achtete, so ging es weniger um die Frage, ob das Thema Buße etwas Aktuelles ist. Vielmehr beklagte man mit dem Verlust eines Feiertages den Verlust eines „Kulturgutes“ unserer Gesellschaft.
Buße tun, ein Bußgebet abhalten – etwas, mit dem wir heute schwer tun. Brauchen wir es womöglich gar nicht mehr? Ist es wirklich ein alter Zopf, der abgeschnitten gehört? Oder liegt das etwa daran, dass wir – aus welchen Gründen auch immer – eigene Schuld nicht mehr oder nur noch ganz schwer eingestehen können? Liegt es daran, dass wir immer viel eher meinen: Die anderen sind schuld oder die Zeitumstände, oder – wie man modern sagt – die eigene Sozialisation, aber nicht wir? Und deswegen brauchen wir angeblich auch kein Schuldbekenntnis, keine Buße. Manche meinen auch: Was irgendwann geschehen ist, was an Schuld war, das kann man mitsamt den Erinnerungen einfach wegscheuchen, so wie man lästige Fliegen verscheucht.

Daniels Bußgebet – aus der Tradition Israels, nicht aus dem Neuen Testament

Bevor ich diesem Gedankengang weiter nachgehen möchte, möchte ich einzelne Gedanken dieses biblischen Bußgebetes noch genauer betrachten. Auffallend ist zunächst, dass es ein Bußgebet aus dem Alten Testament ist, es ist ein Bußgebet aus der Tradition Israels, nicht aus dem Neuen Testament. Es wird von einem Propheten, dem Propheten Daniel gebetet, und er trägt seine Anliegen stellvertretend für sein Volk Israel Gott vor. Was ist auffallend an diesem Gebet?

Was viele von Israel meinen – und Israels Vertrauen auf Gottes große Barmherzigkeit

In diesem Gebet stehen Gedanken, die möglicherweise gar nicht in unser Bild vom Alten Testament, vom Judentum hineinpassen. Am deutlichsten wird dies in den Worten, mit denen der Prophet seine Grundhaltung gegenüber Gott zum Ausdruck bringt. Er sagt: „Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“
Warum fällt dieser Satz auf? Weil er womöglich nicht zu dem passt, was viele – vielleicht eher die Älteren von uns – schon im Religionsunterricht oder sonst woher vom Alten Testament oder vom Judentum gehört und gelernt haben. Da wurde uns gesagt: für Altes Testament und für das Judentum gelte: Juden würden gesetzlich leben, sie würden darauf bauen, wie sie mit Gesetzeswerken vor Gott gerecht und gut dastehen. Und im Gegensatz dazu wir Christen: Wir werden allein aus dem Glauben heraus gerecht, wir bestehen allein aus Gnade vor Gott.
Und deswegen, weil Juden so gesetzlich seien, seien sie – so die jahrhundertelange Lehre der Kirche – auch Feinde des Evangeliums, Feinde der Gnade Gottes, Feinde Jesu Christi. Ich vermute, liebe Gemeinde, dass manche unter uns in dieser oder ähnlicher Weise den Unterschied zwischen Juden und Christen erklärt bekamen, oder den Unterschied zwischen Altem und Neuem Testament.
Es ist erst wenige Jahrzehnte her, seit sich einzelne, glücklicherweise dann immer mehr Theologen in den Kirchen gefragt haben: Stimmt dieses Bild überhaupt, das wir hier vom Judentum haben? Schließlich haben dann die ersten und dann auch viele andere das gemacht, was eigentlich selbstverständlich sein müsste, wenn man über jemanden anderen spricht und über dessen Meinungen anderen weitersagt: Sie haben sich mit jüdischen Theologen zusammengesetzt, ihre Bücher gelesen, um dann plötzlich und immer mehr festzustellen: Was und wie wir in der Kirche über Juden gedacht und gelehrt haben, das stimmt ja gar nicht! Wir haben ein völlig verzerrtes Bild gezeichnet. Wir haben das Alte Testament, den jüdischen Glauben in ein Schema, in eine Schublade gepresst. Wir haben über Jahrhunderte in der Kirche ein Feindbild vom jüdischen Glauben kultiviert.
Eigentlich hätten wir es ja schon im Alten Testament selbst erkennen müssen, dass es nicht stimmt, was wir lange geglaubt und womöglich auch weitergesagt haben. Denn Daniel selbst spricht für sich und im Namen seines Volkes aus: „Wir vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine (Gottes) große Barmherzigkeit.“ Das ist genauso Altes Testament, das ist genauso jüdischer Glaube, der sich eben nicht so einfach in ein Schema, in eine Schublade pressen lässt! Altes Testament und jüdischer Glaube enthalten genauso wie das Neue Testament das Evangelium von Gottes Gnade und Barmherzigkeit.

Was viele von Israel meinen – und Israels Hoffnung auf die Auferstehung

Viele unter uns Christen meinten und meinen auch heute noch zu wissen, wie Juden glauben oder wie sie glauben sollten, eben anders, nicht so wie wir, nicht von so tiefer Erkenntnis wie wir, noch unvollkommen. Früher wurde auch beispielsweise gesagt, nur Christen glauben an die Auferstehung und das ewige Leben, weil Jesus Christus auferstanden ist. Juden – so wurde gesagt – könnten daran ja gar nicht glauben, weil sie nicht an die Auferstehung Jesus glauben.
Wer sich dann intensiver mit dem Judentum beschäftigt, der wird dann allerdings ganz schnell erfahren, dass auch das nicht stimmt. Der Glaube an die Auferstehung, das ewige Leben, die Vollendung der Welt: das sind Hoffnungen, die Christen und Juden miteinander verbinden. Es sind Verheißungen, die durch das Neue Testament nun auch für andere gelten, außerhalb des Judentums. Zugleich werden diese Verheißungen aber nicht für Juden außer Kraft gesetzt!
Es ließe sich noch viel dazu sagen – deutlich wird im Nachhinein: Jahrhundertelang wurde in der christlichen Verkündigung jüdischer Glaube aus völliger Unkenntnis, manchmal auch aus bösem Willen heraus, als dunkle Folie genommen. Als dunkle Folie, um den christlichen Glauben, um das Evangelium, um unseren Glauben umso heller strahlen zu lassen.
Tief steckt bis heute in der Denkweise vieler Christen ein negatives Bild von Juden und jüdischem Glauben. Viele tun sich schwer damit in der Kirche, sich von den alten Denkschemata zu lösen. Immer noch ist der Weg zwischen Kirche und Synagoge gepflastert mit Missverständnissen, Vorurteilen und Unkenntnis.
Alles wäre ja nicht so schlimm, wenn die Judenpogrome und die Judenmorde schon im Mittelalter nicht direkt oder indirekt die Folge einer falschen christlichen Verkündigung gewesen wären!

Die Schuld der Kirche gegenüber Israel und die Buße: Lernen aus der Schrift

Als Christen und als Kirche haben wir wirklich immer wieder neu Grund, vor Gott zu treten und zu sagen: Wir haben als Kirche Schuld auf uns geladen! Wir haben gesündigt! Und wir dürfen nicht darin nachlassen, unser Denken und unseren Glauben zu überprüfen, ob wir nicht immer noch in vielem von alten Denkschemata geprägt sind, die uns die Tradition der Kirchengeschichte mitgegeben hat.
Zu Beginn der Predigt dachten wir nach über den Sinn von Buße und Bußgebet. Darauf möchte ich nun nochmals zurückkommen. Was mich immer wieder sehr bewegt und zum Nachdenken gebracht hat, ist das: Wenn ich die Fragen von Schuld und Umkehr bisweilen mit frommen jüdischen Menschen besprach oder Bücher jüdischer Gelehrter gelesen habe, dann entdeckte ich oft zu meinem großem Erstaunen: Da wird im Rückblick auf das furchtbare Leid, das über das jüdische Volk kam, gar nicht so sehr von der Schuld der anderen gesprochen.
Da wird – wie bei unserem Bibeltext aus dem Danielbuch – vielfach ganz selbstkritisch gefragt: Was war unser Anteil als Juden? Haben wir womöglich einen falschen Weg eingeschlagen, dass Gott so viel Unheil über uns brachte? Haben wir uns vom Glauben der Väter abbringen lassen, hätten wir selbst mehr glauben, beten und Gott allein vertrauen sollen? Jüdische Selbstkritik sogar angesichts des Holocaust! Es ist zutiefst bewegend, ergreifend, was von jüdischen Theologen in den letzten Jahrzehnten geschrieben wurde. Aber es nimmt ganz die Tradition der Bibel, der Propheten wie dieses Daniel auf.
Sollten nicht auch wir noch viel mehr aus solchen Texten der Bibel lernen? Das würde uns von vielem frei machen. Dann müssten wir eigene Schuldanteile nicht mehr krampfhaft verdrängen. Dann kämen wir aus ohne die vorschnellen Anschuldigungen der anderen. Dann würden wir immer mehr lernen, ohne die so beliebten Nebentöne der Entschuldigung zu reden und uns mit unserem Anteil herauszunehmen. Wir würden frei werden von dem ständigen Aufrechnen der Anklage und der Beschuldigung.
Israel hat Gott als den Gott der Gnade erfahren. Auch wir Christen haben diesen Gott über Jesus Christus kennengelernt als den Gott, der für uns ein Gott voller Gnade ist. Seine Barmherzigkeit hat auch unserer Kirche und in unserem Land immer wieder eine neue Zukunft für ein neues Miteinander ermöglicht. So können auch wir wie Israel seine Barmherzigkeit rühmen: „Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“ Amen.

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