13. Sonntag nach Trinitatis (14. September 2014)

Autor/in: Kirchenrätin Carmen Rivuzumwami, Stuttgart [c.rivuzumwami@q-orange.de ]

Apostelgeschichte 6, 1 -7

Liebe Gemeinde,
erinnern Sie sich noch an die großen Ereignisse in jenen Tagen der neunziger Jahre? Sie gingen richtig nahe.
Ereignisse, die Mut machten, Auftrieb gaben, einen euphorisch ausrufen ließen: Und jetzt wird alles anders, und ich bin dabei! Die Tore stehen offen, und die Zukunft erscheint hell und weit.
Was keiner für möglich hielt, was keiner zu hoffen wagte, wurde Wirklichkeit
- Die friedliche Revolution in der DDR brachte im Herbst 1989 die Mauer zu Fall und führte nur ein Jahr später zur Wiedervereinigung Deutschlands.
- Der „wind of change“ blies weiter, und durch Glasnost und Perestroika öffnete sich das große Sowjetreich hin zu mehr Demokratie, und der eiserne Vorhang fiel in Europa.
- Und es war ein sonniger, aber windiger Tag in Kapstadt, dieser 2. Februar 1990. Was am frühen Morgen noch niemand wusste, es war der Wind des Wandels, der durch die Stadt blies, denn es war der Anfang vom Ende der Apartheid in Südafrika. Nelson Mandela wurde nach 28 Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen und 1994 zum ersten schwarzen Präsidenten des neuen Südafrikas gewählt.
Aber dann kamen die Mühen der Ebene, Ernüchterung löste Euphorie und Aufbruchsstimmung ab. Die Bedenkenträger nahmen zu und die Rechthaber wieder ihre Plätze ein. Der Wandel wurde von Machern gestaltet und verwaltet, und denen, die sich noch als Brüder und Schwestern in den Armen lagen, aus der Hand genommen.
Oder war es die Sehnsucht der Menschen nach hierarchischen Ordnungen und starken Leitungen und Institutionen, weil es so leichter, bequemer ist?

Ein Wind des Wandels, ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind ergriff einst die Jüngerinnen und Jünger und alle die, die an Jesus als den Auferstandenen glaubten. Ihre Trauer wandelte sich in Zuversicht. Mut ergriff sie, das Evangelium zu verkünden, das Brot mit einander zu brechen und beständig im Gebet zu bleiben.
Und so heißt es, dass die Menge der Gläubigen beständig zunahm. Sie lebten in Gütergemeinschaft und waren ein Herz und eine Seele in jenen Tagen nach Pfingsten.

Das Reich Gottes – Verheißung und Enttäuschung

Das Reich Gottes ganz nahe, schon hier und jetzt gelebt in den ersten Zeiten, von denen Lukas in der Apostelgeschichte erzählt.
Doch schon in jenen Tagen der ersten Christenheit hält die Euphorie der Realität nicht stand.
Sie wollten in Gütergemeinschaft zusammenleben, alles miteinander teilen, aber die Eigensucht von Hananias und Saphira zeigen, dass die Fehlbarkeit der Menschen immer wieder zu Brüchen und Enttäuschungen führt.
Und in unserem heutigen Predigttext setzt sich diese Fehlbarkeit fort:
„In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murmeln unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.
Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen.
Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst.
Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
Und die Rede gefiel der Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia.
Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie.
Und das Wort breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam“ (Apg 6,1-7).

Jesus hat das Reich Gottes verkündet. Und was kam? Die Kirche!
Dieser Seufzer des Theologen Loisy führt mitten hinein in die Spannung, in der die Christenheit seit 2000 Jahren lebt.
So ernüchternd kann eine Lesart der Vorgänge in jenen Tagen ausfallen. So ist das eben mit uns Menschen, immer wieder wird es Ungerechtigkeit und dann Konflikte geben. Dann muss halt gehandelt und angeordnet werden, damit Ruhe einkehrt und das Murmeln nicht Überhand nimmt und in Aufruhr oder gar Spaltungen mündet.
Ich möchte eine andere Lesart mit Ihnen anschauen, die meines Erachtens das, was Kirche ausmacht, das, was Kirche zeichenhaft für die Welt sein kann, aufzeigt.

Die älteste christliche Gemeinde im Konflikt

Die älteste christliche Gemeinde bestand, so hören wir, von Beginn an aus verschiedenen Gruppen. Heute würden wir sagen, sie war „multikulturell“. Neben den hebräisch-sprachigen Gemeindegliedern, die sich von der jüdischen Gemeinde gelöst hatten, da sie den Glauben an Jesus als den Christus, also den Messias, angenommen hatte, gab es auch einen griechisch-sprachigen Teil. Auch sie gehörten vorher zur jüdischen Gemeinde.
Und wie eng oft kulturelle Verschiedenheit und soziale Ausgrenzung zusammenhängen, kann man nun im gemeinsamen Gemeindeleben sehen. Witwen und alleinstehende Frauen genossen im damaligen sozialen Kontext kaum Ansehen und waren auf Unterstützung angewiesen.
Hier fehlte es an Gleichbehandlung! Zum einen - wie beschrieben - aus dem sozialen Kontext heraus, dass Frauen nicht gleichgestellt waren, zum anderen aber in der Umsetzung der Zuwendung gegenüber den hilfsbedürftigen Frauen.
Die hebräisch-sprachigen Witwen erhielten in der Gemeinde bei der täglichen Versorgung eine Mahlzeit, während die griechisch-sprachigen übersehen oder ausgelassen wurden.
Die Frauen wehren sich und es erhebt sich Protest seitens der griechischen Juden. Der Konflikt ist da.
Und er scheint sich auf den ersten Blick zuzuspitzen:
„Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen“, so reagieren die Zwölf.
Wird hier etwa eine Hierarchie eingezogen zwischen der täglichen sozialen Fürsorge und dem geistlichen Amt? Zwischen Leib und Seele?
Bestimmt nicht. Wer im Vaterunser um das tägliche Brot bittet, die hungernde Witwe aber leer ausgehen lässt, vernachlässigt zu allererst das Wort Gottes, verrät die Botschaft vom Reich Gottes.
Die Apostel sehen den Konflikt, weichen auch nicht aus, sondern suchen nach einer Lösung. Sie betreiben Konfliktmanagement oder positiv: sie initiieren ein Changemanagement. Der Konflikt wird nicht von oben verwaltet und im Zaum gehalten, sondern die Lösung liegt in der Gemeinde der Gläubigen. Mit der Lösung des Konfliktes, mit der Sorge für Gerechtigkeit untereinander, geschieht ein Wandel in der Gemeinschaft, so dass das Wort Gottes wahrhaftig gelebt verkündet werden kann. Und die Gemeinde wächst, nicht nur an neuen Gemeindegliedern, sie wächst an sich selbst.

Zeichen gelebter Kirche: Verkündigung, Diakonie und Gemeinschaft

Die Gemeinde erfährt am Konflikt, dass Gerechtigkeit echte Gemeinschaft und somit Zukunft schafft.
Und genau das sind die Zeichen von gelebter Kirche, in den Gemeinden vor Ort und in der weltweiten Ökumene: Verkündigung, Diakonie und Gemeinschaft!
Alle drei Elemente sind unentbehrlich und eng miteinander verbunden. Fällt eines dieser Elemente weg oder wird abgewertet, dann sind auch die anderen gefährdet und drohen zu erstarren.
In dieser lebendigen Gemeinschaft mit Gott und untereinander können wir uns angstfrei begegnen, Konflikte benennen und lösen. Nicht Konkurrenz, Leistungsdruck und Machtsicherung bestimmen den Umgang, sondern Gerechtigkeit, Achtsamkeit und Teilhabe. Der einzelne und die einzelne werden wahrgenommen, in seiner Not, mit ihren Fähigkeiten und Begabungen, mit ihren Wünschen und Fragen, mit seinen anderen Gedanken und Ansichten.
Dann heißt das Prinzip des Lebens nicht, dass nur der Stärkere sich durchsetzt, sondern das Prinzip des Lebens heißt „gegenseitige Hilfe“ in Gemeinschaft.
Darum ist es das Beste, Gemeinschaften zu bilden und den Sinn für das gemeinsame Leben miteinander und füreinander zu stärken. So wie es in jenen Tagen die ersten Christinnen und Christen taten. Sie waren getragen vom Geist des Wandels, dem Geist der Einheit, der aus der Vereinzelung und Ausgrenzung herausführt. Sie erlagen nicht der allzu menschlichen Gefahr, angesichts des Wandels Mauern um sich hochzuziehen, sondern sie bauten Windmühlen, um das neue Leben, den neuen Lebensstil in die Welt zu tragen.

Konfliktlösung damals als Stärkung der Gemeinde heute

Diese Lesart des Berichtes über eine Konfliktlösung der ersten Christenheit in jenen Tagen, lasst sie uns hineintragen in unsere Gemeinden dieser Tage.
Lesen wir es als Stärkung für uns in unseren Gemeinden, nicht um uns zu überfordern, sondern zu ermutigen auf unserem Unterwegs-Sein in das Reich Gottes, das Jesus verkündet hat und in ihm Gestalt annahm.
In der Gemeinde der ersten Christenheit protestierten die, die übersehen wurden. Heute gehören sie oftmals nicht mehr zu unserer Gemeinde. Und wir spüren den Verlust schmerzlich, nicht nur weil unsere Gemeinden nicht wachsen, sondern weil wir spüren, dass wir selber nur am Anderen und mit den Anderen wachsen.
Viele Aufgaben der Diakonie sind heute aus den Gemeinden an die großen Institutionen von Gesellschaft und Kirchen delegiert. Und dort herrscht bekanntlich Mangel.
Entdecken wir unseren Reichtum: Es sind genug Menschen, Ideen, Begabungen und Energien da.
Nehmen wir unser Leben selbst in die Hand, denn alle wirklich tragenden Aktionen entstehen nicht von oben, sondern aus Gemeinschaften: Nachbarschafts-, Kranken-, Armen-, Behinderten- und Flüchtlingshilfe. Aktionen für das Leben!
In diesen Tagen der Konflikte können wir als lebendige Kirche Zeichen setzen, dass der Wind des Wandels keine Utopie, sondern eine göttliche Verheißung des Geistes ist, der uns ermutigt:

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen
was keiner sagt, das sagt heraus
was keiner denkt, das wagt zu denken
was keiner anfängt, das führt aus.

Wenn keiner ja sagt, sollt ihr es sagen
wenn keiner nein sagt, sagt doch nein
wenn alle zweifeln, wagt zu glauben
wenn alle mittun, steht allein.

Wo alle loben, habt Bedenken
wo alle spotten, spottet nicht
wo alle geizen, wagt zu schenken
wo alles dunkel ist, macht Licht.
Lothar Zenetti
Amen.

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