15. Sonntag nach Trinitatis (28. September 2014)

Autorin / Autor: Dekanin Renate Meixner, Weikersheim [Renate.Meixner@elkw.de]

1. Mose 2, 4-9; 2, 15

Der Anfang vor dem Anfang

Ein junges Paar sitzt in meinem Büro. Sie wollen heiraten. Miteinander besprechen wir den Gottesdienst, regeln die Formalitäten, dann frage ich sie: „Wann hat eigentlich Ihre gemeinsame Geschichte angefangen?“ „Damals vor drei Jahren, bei der Geburtstagsfeier meiner Freundin“, sagt die Braut. „Er war auch eingeladen, und wir redeten den ganzen Abend miteinander.“ „Also bei mir hat es erst zwei Wochen später, bei unserem ersten Date, so richtig gefunkt“, entgegnet der Bräutigam. „Seitdem sind wir zusammen.“ – „Wenn man’s genau nimmt“, meint die Braut nach kurzem Nachdenken, „kennen wir uns schon ganz lange. Wir sind schon miteinander in den Kindergarten gegangen. Aber nach der Schule haben wir uns aus den Augen verloren.“ – „Du hattest schon damals immer so gute Ideen“, erinnert sich der Bräutigam. „Und du die Geduld und Sorgfalt, sie durchzuführen“, ergänzt sie und fährt fort: „Das ist bis zum heutigen Tag so geblieben.“
Manchmal ist es gar nicht so einfach, zu sagen, wann etwas angefangen hat: eine Freundschaft, eine Liebe, ein Krieg, der Frieden, das eigene Leben. Manchmal lassen sich Daten nennen. Aber reichen sie, um vom Anfang zu erzählen? Reicht beispielsweise das Datum des Geburtstages, um den Anfang des eigenen Lebens zu erfassen? Allein den biologischen Anfang meines Lebens zu wissen, reicht nicht aus, um mich selbst zu begreifen. Die Fragen gehen weiter. Sie gehen hinter den Anfang: Worin gründet alles Leben? Warum bin ich so wie ich bin? Wozu bin ich so wie ich bin? Wo führt das alles hin? Die Worte, die wir eben gehört haben, erzählen vom Anfang des Menschen, quasi vom Geburtstag der Menschheit – vom Anfang aller Anfänge. – Sie stehen ganz am Anfang der Bibel – nicht als naturwissenschaftliche Theorie über die Entstehung von Mensch und Welt, sondern vielmehr als ein Glaubensbekenntnis.
Sie erzählen von dem großartigen Moment, als dem Volk Israel die Augen aufgingen über ihren Anfang vor dem Anfang: der Gott, mit dem ihre Geschichte als ein Volk begann, der Gott Israels, der sie aus Ägyptenland geführt und ihnen Land zum Leben gegeben hatte – dieser Gott war ja schon längst vor diesem Anfang da ,kannte sie schon ganz lange. Er war nicht nur der Gott Israels, sondern der Gott aller Völker; gab nicht nur Israel seinen Anfang, sondern der ganzen Menschheit. – ‚Eigentlich‘, so begreifen sie wie das Paar, von dem ich erzählt habe, ‚kennen wir uns von Anfang an‘. Genauer gesagt: Er, Jahwe Gott kennt sie von Anfang an. Schon immer besteht diese Beziehung. Schon immer sind sie sein Geschöpf. Das, was jetzt ist, das hat seinen Ursprung in jenem Anfang. In ihm ist alles enthalten. So wie in der kleinsten Zelle unseres Körpers die Information über den gesamten Organismus enthalten ist, so enthält jener Anfang die wesentlichen Grundzüge menschlicher Existenz. Der Anfang ist das Ganze in nuce: Anfang und Ende, das Warum und Wozu und die wunderbare Erkenntnis, dass Gott mit dem Menschen etwas anfangen wollte und will.
Aber lassen Sie uns doch einfach mal die Nuss knacken. Was steckt denn drin in diesem Anfang?

Anfang und Ende

„Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in die Nase…“ Zwei sehr unterschiedliche „Materialien“ machen den Menschen zum Menschen: Erde oder besser gesagt (weil präziser übersetzt) Staub und göttlicher Lebensatem. Irdisches und Göttliches. Staub, der Inbegriff des Vergänglichen, wird in den Händen des Schöpfers zum Menschen, der durch den eingehauchten Atem zu einem lebendigen Wesen wird. Damit kommt unmissverständlich zum Ausdruck, was wir tagtäglich beglückend oder auch belastend erfahren: Leben ist ein Geschenk. Was für ein Glück, wenn ein Kind zur Welt kommt, wenn jemand nach schwerer Krankheit wieder genesen konnte. Was für eine Enttäuschung und Traurigkeit, wenn das nicht geschieht und jemand an seiner Krankheit stirbt. – Wir können uns das Leben selber weder geben noch erhalten – trotz enormer medizinischer Möglichkeiten. Leben ist für uns Menschen unverfügbar – und damit auch der Tod, der in der Vergänglichkeit und Flüchtigkeit des Staubes hier schon deutlich anklingt. Normalerweise vermeiden wir es, bei Anfangsgeschichten schon vom Ende zu sprechen. Aber die biblische Anfangsgeschichte mutet es uns zu, die Vergänglichkeit des Menschen wahrzunehmen. Ist das nicht etwas pessimistisch? Oder ist es gar lehrreich, ganz im Sinne des Beters des 90. Psalms (V.12): „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“? Man kann klug werden an dieser Wahrnehmung. Man kann vor allem staunen lernen, wie kunstvoll, einzigartig und verschwenderisch schön alles vergängliche Leben geschaffen ist: Menschen, Tiere, Pflanzen, „Bäume, verlockend anzusehen“. Was für ein großzügiger, lebensliebender Schöpfer muss hinter all dem stehen! – Und wer die Geschichte am Anfang der Bibel weiterverfolgt, wird noch viel mehr ins Staunen kommen, weil sich zeigen wird, wie Gott sich selbst und den Menschen treu bleibt, indem er selbst am Ende neu anfängt: „Siehe, ich mache alles neu“, heißt es auf den letzten Seiten der Bibel.

Zwischen Anfang und Ende

Doch was ist mit der Zeit zwischen Anfang und Ende – unserer Lebenszeit? Wozu sind wir da? – Die Erde bebauen und bewahren, sagt uns die Geschichte vom Anfang. Dieser Auftrag klingt schlicht, klingt nach Arbeit – mitten im Garten Eden. Auf den ersten Blick ist das doch eine recht bescheidene Skizzierung des Paradieses – und wir hätten da wohl noch ganz andere Vorstellungen. – Auf den zweiten Blick sehe ich verschiedene Bilder vor meinem inneren Auge. Ich sehe mich in meinem neu angelegten Garten. Jeden Tag bin ich mindestens einmal dort: gieße, mähe, grabe Disteln aus, freue mich an jeder reif gewordenen Himbeere und lasse sie mir auf der Zunge zergehen. – Ich sehe Menschen in unseren Gemeinden, die in großer Treue Gruppen und Kreise leiten. Ich sehe Väter und Mütter, die es trotz mancher Sorgen als ein großes Glück erleben, ihre Kinder großzuziehen. Ich sehe Menschen, die sich engagieren in der Umweltgruppe, im Eine-Welt-Laden. Ja, sie wirken manchmal angestrengt, aber viel öfters zufrieden und zuweilen sogar richtig begeistert. Vielleicht deswegen, weil eine nicht zu unterschätzende Portion Glück darin liegt, das Anvertraute zu pflegen , zu gestalten, es wachsen und gedeihen zu sehen – und gerade so an Gottes Schöpfungswerk beteiligt zu sein.
Wenn man sich dann noch bewusst macht, dass in anderen Schöpfungsmythen dem Menschen die Aufgabe zukommt, den Göttern zu dienen, sie regelrecht zu bedienen, dann gewinnen die schlichten Worte der Bibel an Glanz und Tiefe. Bebauen und bewahren, das ist ein guter Auftrag. Das gibt Sinn. Wir können ihn erfüllen – nicht als Sklaven irgendwelcher Götzen oder Mächte – und auch nicht als selbst ernannte Götter – wovor der Baum der Erkenntnis schon durch seine pure Existenz warnt – sondern als Menschen in Beziehung zu Gott.
Bleibt zum Schluss nur die Frage, ob wir etwas damit anfangen können, dass sich unser Menschsein nur im Gegenüber zu Gott und in der Verantwortung für diese Erde recht entfalten kann. Bleibt die Frage, ob wir diesen Tag in der nüchternen und zugleich kühnen Gewissheit anfangen wollen, vergängliche Menschen zu sein, belebt und beschenkt vom Atem des Ewigen, beauftragt, seine Schöpfung zu bebauen und zu bewahren – je an dem Platz, an den wir gestellt sind. Amen.


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