18. Sonntag nach Trinitatis (19. Oktober 2014)

Autor/in: Dekan Otto Friedrich, Heilbronn [okfriedr@aol.com]

Epheser 5, 15 -21

Liebe Gemeinde,
haben Sie auch ein Morgenritual? Wie ist das bei Ihnen, wenn es losgeht in den Tag hinein? Duschen, Milchkaffee, dabei die Heilbronner Stimme – vor allem der Regionalteil unverzichtbar? Das iPad hochfahren, die Tageslosung und den Lehrtext lesen und die ersten Mails checken? Überlegen, was heute alles anliegt. Die ersten Entscheidungen, die zu treffen sind, gehen mir durch den Kopf – oder ganz anders: Ich ziehe nochmals die Decke über den Kopf und weiß gar nicht, wie ich heute aus dem Bett kommen soll. Gestresst von den letzten Tagen, weil immer allzu viel zu erledigen war – oder weil schwere Entscheidungen zu treffen waren, die mich auch im Schlaf noch verfolgten. Wie komme ich durch diesen Tag, wie kommen wir durch die Woche mit ihren Anforderungen, ihren Herausforderungen, wie kommen wir durchs Leben, mit seinen Sorgen, wie kommen wir durch die Zeit? Wie schaffe ich das alles? Manchmal frage ich mich das. Manchmal belastet es mich. Manchmal bin ich verwundert, dass alles klappt und manchmal ist es einfach selbstverständlich, unhinterfragt.
Ich denke, da hat jeder so seine Strategie, seine Routinen, seine Verhaltensmuster: Die einen sagen Augen zu und durch. Die anderen verdrängen in einer Art Flucht.
„Seht sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise“, sagt der Epheserbrief dazu. „Achtet genau auf eure Lebensweise, lebt nicht wie Unwissende“, heißt es in einer anderen Übersetzung.

Mit akribischem Taufblick leben

Im griechischen Text des Neuen Testaments finden wir sogar das Wort „akribos“, mit dem akribischen Blick also nach allen Richtungen beginnt das Leben der Weisen und Wissenden.
Für uns Protestanten ist das ja zunächst einmal etwas fremd, weil es in unserer Tradition vornehmlich um das Hören auf das Wort Gottes und um die Verkündigung geht. Der Glaube kommt aus der Predigt – so sagt es doch Martin Luther. Hier aber erfahren wir etwas von einer der Weisheit verpflichteten Theologie, der es um einen aufgeweckten Blick – so heißt es ein paar Verse vorher – auf den persönlichen Lebensweg und den globalen Gang der Welt geht.
Also kein Tunnelblick nach dem Motto: Nur nicht detailliert in die Tiefe gehen und akribisch wahrnehmen, sondern Augen zu und durch. Vielmehr das, was man vielleicht einen „Taufblick“ nennen könnte: der sorgfältig und wach die eigene Lebenssituation und die meines Umfeldes wahrnimmt.
Von „Taufblick“ spreche ich deshalb, weil hier ein Tauflied zitiert wird, in dessen Kontext dieser Textabschnitt steht.

Die christlich geprägte Lebenskunst

Wie also soll sie denn aussehen, die christliche Lebensweise, nach der viele Menschen fragen, die Orientierung suchen in ihrem Leben? Gibt es überhaupt eine christliche Lebensphilosophie, die helfen kann, ein Leben zu meistern – wie kann christlich geprägte Lebenskunst denn aussehen? Wie kann eine neue Perspektive entwickelt werden?
Der Epheserbrief jedenfalls versucht darauf Antworten zu geben, aus christlicher Sicht. Dabei ermahnt er ziemlich streng zum Teil mit deutlichen Ansagen, er brandmarkt unchristliches Verhalten und das ganz rigoros. Er fasst das zusammen in dem: „Achtet genau und sorgfältig auf eure Lebensweise. Seid konsequent, nutzt den Augenblick, nutzt eure Zeit!“
Das sind klare Ansagen, das sind hohe moralische Ansprüche, und mir fällt gleich die Konfirmandin ein, die mir sagt: „In der Kirche ist alles immer so ernst!“ Warum sind sie nur solche „Spaßbremsen“? Oder der Vater, der mir sagte: „Typisch Kirche, hebt immer mahnend den Zeigefinger – Lebensgenuss und Lebensfreude sind euch Protestanten doch fremd!“

Noch einmal schaue ich auf den Text, überlege was ich mit den Ermahnungen anfangen kann und wie ich vielleicht darin doch eine vertiefte Lebensfreude entdecken kann, die eine nachhaltige Wirkung hat. Noch einmal zum Beginn des Predigttextes: „Seht nun sorgfältig darauf, wie ihr eurer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise und kauft die Zeit aus – denn es ist böse Zeit“. Will heißen, es ist offenbar nicht egal, wie ich handle, gefragt sind Achtsamkeit, Besonnenheit, Wahrnehmung des Augenblicks und vor allem genau darauf schauen, wahrnehmen, was passiert und sich konsequent verhalten. Dabei geht es um Haltung, nicht um das sklavische Einhalten moralischer Regeln, und es geht um Ehrlichkeit und darum sich nicht selber zu belügen, dazu ermuntert der Epheserbrief. Achtet euch, wie Gott euch achtet. Ja, Veränderungen beginnen eben immer mit Klarheit über den nächsten Schritt.

Verstehen lernen, was Gottes Wille ist

Und darum „werdet nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist“. Lernt also zu verstehen, was Gottes Wille ist, statt immer nur zu meinen, die Lösung parat zu haben. Dazu aber braucht es einen Bezugspunkt außerhalb, dazu ist es gut, nicht in unseren eigenen Denkschemata und Verhaltungsmustern zu bleiben, nicht nur die eigenen Interessen zu sehen, sondern eine andere Perspektive zu vertreten, die von Gott kommt.
Frust gibt es genug auf der Welt und Gejammer auch, deshalb denkt nicht, ein Problem wäre behoben, wenn ihr es ertränkt – deshalb folglich die drastisch formulierte Mahnung: „Sauft euch nicht voll Wein!“
Nicht einfach zu akzeptieren dieses Wort, in einer Stadt, die gerade neun Tage ihr Weindorf gefeiert hat und in der dieses Kulturgut hoch gehandelt wird. Und sicher gilt auch: Nicht jeder muss diese Mahnung auf sich beziehen – die meisten Weindorfbesucher sind friedvolle und gemütliche Menschen, denen Alkoholexzesse fremd sind. Aber die gibt es eben auch und Folgen davon sind rund um unsere Kirche jeden Morgen zu sehen.
Schön, dass wir dann in diesen Wochen auch einen Gottesdienst gefeiert haben mit dem Freundeskreis Suchtkranker und dabei Lebensgeschichten gehört haben, die durch Alkoholabhängigkeit ernsthaft gefährdet waren. Man sollte die Gefahren nicht herunterspielen oder bagatellisieren. Ich denke, es geht noch ein Stück weiter, es geht nicht nur darum, dass manche Menschen ihre Sorgen in ein Gläschen Wein schütten, sondern darum ganz grundsätzlich allem auf die Spur zu kommen, was die Seele und den Geist des Menschen berauscht und den Wirkungen des Alkohols vergleichbar ist: was abhängig und süchtig macht und den Blick zur Wirklichkeit vernebelt.
Bei jungen Menschen nehmen wir oft eine verstärkte Spielsucht wahr. Sie fliehen in virtuelle Welten und damit vor den Herausforderungen des wahren Lebens. Selbst- und Weltwahrnehmung werden über Computerspiele gewonnen, die die Wirklichkeit entrücken.

Christsein – mit nüchternem Kopf und angerührtem Herzen leben

Christsein, so der Epheserbrief, hat mit einem nüchternen Kopf zu tun, damit ich fähig werde, das Leben und mich selbst und meine eigenen Haltungen auch mit einer angemessenen inneren Distanz und Kritik anzusehen. Und so heißt es weiter: „Lasst euch dabei von Gottes gutem Geist erfüllen!“ Also statt sich betäuben – sich von Gott begeistern lassen. Statt sich verkriechen und sich in virtuelle Welten zu flüchten, sich der Wirklichkeit stellen und dabei Momente der Begeisterung erfahren.
Ja, Christsein hat mit einem angerührten Herzen zu tun und einem weiten Horizont. Lasst euch von Gottes Geist erfüllen, das gehört elementar zur christlichen Lebenskunst.
Der leider früh verstorbene Theologe Michael Nüchtern hat einmal geschrieben: „Geistes Gegenwart und Geistes Fülle, kommt aus geistlicher Beschäftigung und aus der lebendigen Beziehung zu Christus.“ Unser Predigttext, der verweist auf den Gottesdienst, der im Namen Jesu versammelten Gemeinde und sagt: „Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in euren Herzen!“ Im Gottesdienst erleben wir mehr, als nur das Hören auf Wort und Texte, auch die Musik kommt dazu, der Gesang, alles zusammen öffnet unser Herz und gibt uns neue Orientierung und Perspektive.
Ich denke, es wäre gut, wenn wir uns anstecken ließen von dem überschwänglichen Lob und dem großen Dank der Schlussverse, dass wir als Gemeinde quasi zu einem singenden Leib Christi werden, der auch gegen die „bösen Zeiten“ befreit und erlöst durch Gottes guten Geist ansingt und betet.

Komprimiert zusammengefasst also: Wagen wir es, zu sehen, zu singen und zu danken zum Lob und zur Ehre unseres Gottes.
AMEN.

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