2. Sonntag nach Trinitatis (29. Juni 2014)

Autor/in: Pfarrerin Esther Kuhn-Luz, Rottweil [pfarramt-west@ev-kirche-rottweil.de]

1. Korinther 9, 16 -23

Liebe Gemeinde,
in den notwendigen Diskussionen um einen gerechten Lohn – einen Lohn, von dem ich auch leben kann – mischt sich der Apostel Paulus ein. Er diskutiert mit der Gemeinde in Korinth die Frage, ob es auch in der Evangeliumsverkündigung – in pastoralen Berufen – einen Lohn geben darf. Für alle Evangeliumsverkündende hat er schon damals ganz eindeutig diese Position vertreten. Natürlich brauchen auch Menschen in ihrer pastoralen Tätigkeit einen Lohn.
Scheinbar musste sich Paulus rechtfertigen für seine Position, dass die Gemeinden zuständig sind, die Apostel und Missionare auch zu bezahlen. „ Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden“, schreibt er den Korinthern – ein paar Zeilen vor unserem Predigttext. Er zitiert damit eine kluge sozialethische Anweisung aus der biblischen Sozialgesetzgebung im 5. Buch Mose. Und Paulus führt das weiter aus: „ Sorgt sich Gott etwa um die Ochsen? Oder redet er nicht überall um der Menschen willen? Ja, um unsretwillen ist es geschrieben: Wer pflügt, der soll auf Hoffnung pflügen und wer drischt , soll in der Hoffnung dreschen, dass er seinen Teil empfangen wird“, schreibt Paulus ( 1. Kor. 9, 9f). An dem Ertrag der Arbeit beteiligt zu werden - das ist eine gute Beschreibung für einen gerechten Lohn in den verschiedenen Arbeitsbereichen: Da wird noch beachtet, dass meine eigene Leistung, meine Kreativität, mein Arbeitsvermögen zum Erfolg beigetragen haben – und dass ich deswegen auch so bezahlt werden soll. Der zum Glück jetzt durchgesetzte Mindestlohn ist nur eine Hilfskonstruktion nach unten – gegen noch schlechtere Löhne, die vor allem im Bau, in der Gastronomie, in der Fleischindustrie gezahlt werden, wo Menschen nur als austauschbare „Arbeitskräfte“ –also Werkzeuge – nicht als Menschen in ihrer Würde und mit ihren Bedürfnissen gesehen werden.

Wes Brot ich ess', des Lied ich sing'

Wieder zurück zu Paulus. Er führt die Diskussion ganz konkret zu seiner Zeit – und er führt sie noch mal in eine andere Richtung. Bei ihm geht es um die Freiheit, die er in seinem Glauben an Christus erfährt – und diese Freiheit möchte er auf garkeinen Fall verlieren. Er möchte sich nicht abhängig machen von denen, von denen er bezahlt wird, von denen er seinen Lohn bekommt. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing…“ – nein, die Freiheit des Evangeliums braucht eine Freiheit in der Anstellung. Übrigens war das auch der theologische Grund in den Landeskirchen der EKD, dass Pfarrer/innen nicht von den Gemeinden bezahlt werden, sondern von der Landeskirche. Da gibt es natürlich durchaus auch Abhängigkeiten…

Beruf und Berufung

Die Lohndiskussion, die Paulus für andere führt, möchte er für sich selbst nicht in Anspruch nehmen. Und seine Begründung dafür hat viele in ihrer eigenen Biografie sehr beschäftigt - die Diskussion um Beruf und Berufung. Kann ich meine Berufung zu meinem Beruf machen – und was geschieht dann mit mir? Paulus erzählt das noch mal biografisch. Er erinnert an sein Berufungserlebnis. Paulus erfuhr eine bedingungslose, gnädige Zuwendung Gottes, die sein bisheriges Gottesbild über den Haufen warf. Das war seine Befreiung. Nicht nur Freiheit, vielmehr Befreiung ist ihm das Evangelium. Christus selbst ist ihm begegnet – und von Christus ist er beauftragt worden, Christus zu verkünden. Das ist keine leichte Aufgabe – damals nicht und heute nicht. Paulus wird immer wieder mit Verachtung konfrontiert, er wird verspottet, angefeindet, lächerlich gemacht… Und er kennt dieses Gefühl: Am liebsten würde ich es mal für eine Weile aufhören. Aber das ist keine Wahl. Paulus erkennt das für sich – es ist nicht nur einfach eine Berufsentscheidung – sondern er ist von Gott berufen. Das gibt ihm auf der einen Seite Kraft, auf der anderen Seite trägt er auch immer wieder schwer daran. Aber er kann nicht anders – es brennt in ihm wie ein Feuer – und er erinnert sich an den Propheten Jeremia, der seine eigene innere Zerrissenheit mit diesen eindrucksvollen Worten beschrieben hat: „Du hast mich überredet, Gott, und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und du hast gewonnen. Aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich und jedermann verlacht mich. ...Da dachte ich: Ich will nicht mehr an Gott denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es war in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen…“ (Jer 20,7ff)
Paulus drückt es mit seinen eigenen Worten aus: „ Dass ich das Evangelium predige, darf ich mich nicht rühmen, denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predige!“
Und dann fährt er fort: „Täte ich es aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn.“ Also – wenn ich meine Arbeit als Apostel als Job machen würde, dann wäre es vollkommen ok, wenn ich dafür bezahlt werde – denn wie gesagt: Ein Ochse der da drischt…
Aber: „Ich tue es nicht aus eigenem Willen. Das Amt ist mir anvertraut…“

Erwerbsarbeit und Gastfreundschaft

Von was hat Paulus denn dann gelebt, wenn er keinen Lohn bekommen hat? In seinen Briefen gibt es dazu verschiedene Hinweise. Zum einen hat er immer wieder als Zeltmacher gearbeitet, sich also als Handwerker Geld verdient, um dann – unabhängig von der Zuwendung von anderen – seine Zeit und Energie für die Verkündigung des Evangeliums ein zu setzen. Es gibt und gab immer wieder Pfarrer, Pfarrerinnen, Priester, für die Paulus in diesem Sinne ein großes Vorbild war. Das Geld für den Lebensunterhalt als Kassiererin oder am Band zu verdienen – im normalen Arbeitsprozess zu sein, um selber die Situation im normalen Arbeitsalltag mit anderen zu teilen und intensiver mitzubekommen, was der Glaube eigentlich im Arbeitsalltag dieser Welt bedeutet. „ Solidarität“ nennen manche dann die Erfahrung des Glaubens, dass sie nicht alleine da stehen in Konflikten. Und welche Sehnsüchte sich auch in der Arbeit entwickeln – nach Anerkennung und Wertschätzung zum Beispiel, danach regelmäßig Pausen machen zu können. Und dann – so sagen es Arbeiterpriester und andere – sind wir mit der Evangeliumsverkündigung viel dichter an den Menschen, können sie ganz anders begleiten in ihrer Sehnsucht nach innerer Freiheit, nach Befreiung.
Noch eine zweite „ Quelle“ nimmt Paulus für sich in Anspruch: die Gastfreundschaft. In den verschiedenen Briefen dankt Paulus immer wieder verschiedenen Männern und Frauen, bei denen er eine Zeitlang mitwohnen, mitleben konnte, die für seinen Unterhalt gesorgt haben. Bei Lydia zum Beispiel in Philippi oder bei Priska und Aquila in Korinth oder bei Gemeindeleuten in Jerusalem. Gastfreundschaft. In der Diskussion ums Wohnen wird das immer mehr zu einem wichtigen Kriterium: sich gegenseitig Gastfreundschaft ermöglichen, Mehrgenerationenhäuser und soziale Wohnprojekte entstehen – und in den Ferien gibt es mehr und mehr einen Wohnungswechsel… Bei all diesen Bewegungen sind oft christlich verwurzelte Menschen dabei.

Die Freiheit in Christus ermöglicht Freiheit im Denken und Handeln

„Was ist denn nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium predige ohne Entgelt und von meinem Recht am Evangelium keinen Gebrauch mache.“ Die Freiheit der Unabhängigkeit – das empfindet Paulus als etwas sehr Kostbares. Und für ihn entspricht diese gelebte Form der Freiheit auch der Freiheit im Glauben an Christus. „Die Freiheit eines Christenmenschen“, so formuliert es Martin Luther. Und Paulus lebt diese Freiheit – indem er sich davon befreit, zu einer bestimmten Gruppierung dazugehören zu müssen. Das kennen wir ja, den Wunsch, zu einer Gruppe dazuzugehören oder die Abwehr, zu einer anderen Gruppe auf keinen Fall dazugehören zu wollen. In unserer Gesellschaft werden Menschen schnell zugeordnet. Äußerungen werden oft nicht als sachliche (oder emotionale) Äußerungen gehört, sondern oft nur als Hinweis, wo man denn die Person „hinstecken“ muss. Und das verführt dann dazu, keine klare Position mehr zu beziehen. Das kennen wir auch in der Kirche.
Und dann kann es geschehen, dass die Angst, falsch eingeordnet zu werden, einen daran hindert, Position zu beziehen gegen Ungerechtigkeit, menschenunwürdiges Verhalten etc. Dann wird aus der „Freiheit eines Christenmenschen“ schnell die „Feigheit eines Christenmenschen“. So hat das manager magazin (3. März 2014 online) die ökumenische Sozialinitiative „Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft“ genannt – ein Nachfolgewort für das Sozialwort der Kirchen aus dem Jahr 1997. „Vor 17 Jahren haben die Kirchen mit ihrem gemeinsamen Sozialwort klar benannt, auf welcher Seite sie stehen und was ihrer Ansicht nach falsch ist in der Welt. Das war damals wenigstens eine echte Diskussionsgrundlage. 1997 hatte das Sozialwort der Kirchen zumindest noch alttestamentliche Qualitäten, was das Propheten- und Wächteramt angeht… Klarheit und Konfrontationsbereitschaft wird man im Thesenpapier der neuen 'Ökumenischen Sozialinitiative' nicht finden. “
Und dann wird kritisiert, dass es zum Beispiel keine Kritik an einem unbegrenzten Wirtschaftswachstum gibt – und keine klare Position für die Opfer des entfesselten globalen Finanzkapitalismus, keine deutliche Position für eine Wirtschaft, die dem Gemeinwohl verpflichtet sein muss.
Möglichst niemandem auf die Füße treten – das scheint dann wichtiger zu sein als im Sinne von Jesus zu schauen, wo wir als Kirche Jesu Christi in seinem Namen prophetisch wirken. „Ich bin gekommen, den Armen das Evangelium zu verkünden“ ( Lk 4,18).– So benennt Jesus die Intention seines Redens und Handelns.
Paulus formuliert den Umgang mit der Freiheit in Christus auf seine eigene Weise: „ Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich mich doch selbst jedermann zum Knecht gemacht, damit ich möglichst viele gewinne.“ Paulus hat eine innere Freiheit in Christus gewonnen – er lässt sich nicht einfach zuordnen, einordnen. Er versteht seine Aufgabe darin, sich auf die jeweiligen Menschen einzulassen mit ihrer besonderen religiösen und biografischen Prägung: den Juden ein Jude und den Heide ein Heide. Und er formuliert das so, dass er sich selbst nicht dabei verliert – denn in Christus verwurzelt zu sein bedeutet, mich ganz einzulassen und darin aber nicht aufzugehen.
„Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden – obwohl ich selbst nicht unter dem bin – damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne.
Denen, die ohne Gesetz sind, bin ich wie einer ohne Gesetz geworden – obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin in dem Gesetz Christi – damit ich die, die ohne Gesetz sind, gewinne.
Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.
Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.“
Dieser Schlusssatz hat mich sehr fasziniert. Am Evangelium habe ich teil, indem ich mich auf verschiedene Menschen einlasse, um mit ihnen etwas von der Freiheit eines Christenmenschen zu leben – um mit ihnen diese Sehnsucht zu teilen.
Gebe Gott uns das Vertrauen, in Christus verwurzelt zu sein, um in der Freiheit eines Christenmenschen da zu wirken, wo wir die Sehnsucht nach „ Befreiung“ wahrnehmen.
Amen.

Predigt zum Herunterladen: Download starten (PDF-Format)