2. Sonntag nach Weihnachten (05. Januar 2014)

Autorin / Autor: Pfarrer Dr. Martin Weeber, Gerlingen [martin.weeber@elkw.de ]

Römer 16, 25 -27

„Dem aber, der euch stärken kann gemäß meinem Evangelium und der Predigt von Jesus Christus, durch die das Geheimnis offenbart ist, das seit ewigen Zeiten verschwiegen war, nun aber offenbart und kundgemacht ist durch die Schriften der Propheten nach dem Befehl des ewigen Gottes, den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden: dem Gott, der allein weise ist, sei Ehre durch Jesus Christus in Ewigkeit! Amen.“

So endet der Römerbrief, die letzte Schrift des Paulus, sein Testament, sein Vermächtnis:
Gott sei Ehre durch Jesus Christus in Ewigkeit.
Dies sind die letzten Worte, die uns von des Paulus Hand überliefert sind.
Und es klingt in diesen Worten ein Ton, der uns vertraut ist aus der Weihnachtserzählung:
„Ehre sei Gott in der Höhe!“
So singen es die Engel.
Und so schreibt es der Apostel
„Gott sei Ehre durch Jesus Christus in Ewigkeit.“
Man mag einen Zufall darin sehen, dass diese Worte die letzten sind, die uns von Paulus erhalten sind. Manche Ausleger meinen gar, diese Worte stammten gar nicht von Paulus selber, sondern seien von einem Herausgeber angefügt worden.
Ich sehe mehr in diesen Worten. Für mich sind sie in der Tat eine kurze Zusammenfassung der Theologie des Paulus. Und deshalb sind das für mich letzte Worte, versehen mit dem ganzen Gewicht, das man solchen Worten zuzuschreiben geneigt ist.

Durch die Predigt von Christus ist das Geheimnis offenbart, das seit ewigen Zeiten verschwiegen war.
Hier liegt für mich der Kern dieser Worte.
Man kann die Theologie des Paulus sehr kleinteilig rekonstruieren. Darauf verwenden die Ausleger viel Zeit und viel Scharfsinn. Jeder Vers, jeder Halbvers, jedes einzelne Wort des Apostels ist schon um und um gedreht worden. Das ist wichtig, das ist verdienstvoll und das ist manchmal recht aufschlussreich.
Aber gelegentlich müssen wir auch ein paar Schritte zurücktreten, uns von den Details lösen und versuchen, einen Gesamtüberblick zu gewinnen über das, was dem Apostel wichtig und wesentlich ist.
Und ich meine, dass die Kernaussage unseres Predigttextes uns einen guten Zugang biete zum Kern der Theologie des Paulus: Durch die Predigt von Christus ist das Geheimnis offenbart, das seit ewigen Zeiten verschwiegen war.

Das Geheimnis der Weltgeschichte

Paulus ist einer, der groß denkt. Er musste sich mit vielerlei Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten herumschlagen. Aber sein Denken verliert niemals ganz den Zug ins Große.
Paulus schaut zurück. Er schaut zurück bis zum Anfang. Er ist ein Geschichtsdenker.
Er überblickt im Geiste, was alles geschehen ist seit Anbeginn der Welt; was geschehen ist seit ewigen Zeiten.
Paulus sieht das alles aus seiner eigenen Perspektive.
Die ist, wie bei jedem Menschen eingeschränkt.
Aber was er sieht, das erscheint ihm gewaltig.
Und: Es erscheint ihm rätselhaft, undurchschaubar, geheimnisvoll.
Was für einen Reim soll man sich machen auf all das, was in der Welt geschieht?
Gibt es da große Linien? Gibt es Zusammenhänge?
Oder ist alles nur ein Spiel des Zufalls?
Dass alles nur ein Spiel des Zufalls wäre:
Das zu denken, ist für Paulus keine ernsthafte Möglichkeit.
Zu vertraut ist ihm der Gedanke, dass Gott die Geschichte lenkt und leitet.
Er steht da in einer großen Tradition.
Die Schriften der Propheten, die er erwähnt, die sind voll von Versuchen, Gottes Wirken in der Geschichte zu erkennen, zu verstehen, ja nach Möglichkeit dieses Wirken vorauszusehen.
Paulus kennt all diese prophetischen Deutungsversuche.
Und doch schließen sie ihm die Geschichte nicht wirklich auf.
Erst durch Christus gehen ihm die Augen auf.
Paulus erkennt Christus als den Sohn Gottes – und in eins mit dieser Erkenntnis löst sich ihm das Rätsel, das Geheimnis der Geschichte.
Will man wissen, worin dieses Geheimnis besteht, dann muss man freilich andere Stellen aus der Korrespondenz des Paulus heranziehen, etwa diese eine wunderbare Passage aus dem Zweiten Korintherbrief: „Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben“ (2. Kor 4, 6).
Ein Licht ist aufgegangen im Weltendunkel, in der Herzensfinsternis: Das ist das große Erleuchtungsgeheimnis, das wir in der Weihnachtszeit auf solch vielfältige Weise feiern.
In das Dunkel der Welt kommt durch Christus ein Licht. Und in diesem Licht zeigt sich die Welt, zeigt sich die Geschichte der Welt noch einmal ganz neu: Es ist doch nicht nur alles ein Mischmasch von Gewalt und Irrtum, es waltet doch nicht nur der blinde Zufall über Zeiten und Menschen.
Gott selber setzt seinen Heilswillen durch – für die ganze Welt und für jeden einzelnen Menschen. Und er begibt sich dazu selber in die Abgründe des Menschseins hinab. Er legt sich in die Krippe, und er lässt sich später ans Kreuz schlagen. Nichts erspart er sich.
Dass Gott die Geschichte lenkt: Dieser Gedanke fasziniert Menschen immer wieder. Paulus hat diesen Gedanken in einer ganz sorgfältig ausgearbeiteten Form kennengelernt.
Und dennoch ist ihm letztlich erst in der Begegnung mit Christus das Geheimnis der Geschichte enthüllt worden. Seit er Christus kennt, hat sich ihm das Geheimnis der Welt erschlossen.

Lange nach der Lebenszeit des Paulus hat es sich eingebürgert, dass man mit der Geburt Christi die Zeiten neu zu zählen beginnt. Nun ist jedes neue Jahr, das da aus Gottes Ewigkeit hervorkommt und in Gottes Ewigkeit zurückkehrt, ein Jahr „nach Christi Geburt“. Ich denke, Paulus würde das gefallen, dass wir auf diese Weise die Jahre zählen und benennen: Jahre nach Christi Geburt.
Durch die Predigt von Christus ist das Geheimnis offenbart, das seit ewigen Zeiten verschwiegen war.

Das Geheimnis unserer Lebensgeschichte

Paulus ist ein Denker des Großen und des Ganzen. Solche Denker gibt es immer wieder. Die meisten von uns gehören nicht dazu. Die meisten von uns sind vollauf damit beschäftigt, ihre eigene, kleine Lebensgeschichte zu deuten. Ich bin nicht Paulus und muss nicht Paulus sein.
Mein Horizont ist viel kleiner. Und dennoch frage ich mich, ob das, was Paulus die ganze Weltgeschichte erschließt, mir wenigstens meine Lebensgeschichte erschließt – und die Lebensgeschichte derer, mit denen ich mein Leben teile?
Entschlüsselt und enträtselt Christus auch mir mein Leben? Macht er mir mein Leben hell und klar? Ist Christus mir ein Licht in meiner Finsternis?
Auch unser eigenes, kleines Leben erscheint uns oft rätselhaft, undurchschaubar, geheimnisvoll.
Was für einen Reim soll ich mir machen auf all das, was in meinem Leben geschieht?
Gibt es da große Linien? Gibt es Zusammenhänge?
Oder ist alles nur ein Spiel des Zufalls?
Ich sinne noch einmal nach über unseren Predigttext, sinne nach über dessen Kernsatz:
Durch die Predigt von Christus ist das Geheimnis offenbart, das seit ewigen Zeiten verschwiegen war.
Letzte Worte, Worte von Gewicht.
Mir fällt auf: Es ist hier nicht einfach von Christus die Rede.
Es ist die Rede von der Predigt von Christus.
Wir haben Christus ja nicht anders als dadurch, dass er uns gepredigt, dass er uns verkündigt wird. Seine Zeitgenossen sind wir ja nicht. Auch wenn manche unter uns gerne so reden, als pflegten sie einen Umgang mit ihm, der sich kaum unterscheide vom Umgang mit anderen Menschen.
Durch die Predigt von Christus ist das Geheimnis offenbart, das seit ewigen Zeiten verschwiegen war.
Freilich: Es wäre ein verengtes Verständnis von Predigt, dächte man bei diesem Wort nur an die zwanzig Minuten der Kanzelrede am Sonntagvormittag. So wichtig und so schön diese ist:
Die Predigt von Christus hat mancherlei Gestalten. An die musikalische Verkündigung dürfen wir denken, die ja stets in der Weihnachtszeit besonders glanzvoll und herzerhebend klingt. Die Werke der Kunst dürfen uns vor Augen treten, wen wir von der Predigt von Christus reden, und zwar beileibe nicht nur jene Kunstwerke, die wir gleich als kirchliche identifizieren. Gerade jene Kunst, die uns abweisend und unnahbar erscheint, vermag oft deutlicher vom Christusgeheimnis zu reden als gefällige Illustrationen des immer schon Vertrauten. So wie es dem Paulus einst ergangen ist, so mag es auch uns ergehen: dass Christus zu uns spricht, wo wir es gar nicht erwartet hätten.
Jung ist es noch, das neue Kalenderjahr. Was es bringen wird, weiß noch keiner von uns.
Es wäre schön, wenn uns im neuen Jahr die Predigt von Christus zum Schlüssel würde, der uns das Geheimnis des Weltlaufs und das Geheimnis unseres eigenen Lebenslaufs erschließt. Die Predigt von Christus in all ihrer Vielgestaltigkeit. Wenn uns aufginge, dass auch wir hineingehören in diese Predigt, in diese Geschichte. Wenn uns das wenigstens hin und wieder aufleuchtete: Das wäre schön. Rätsel genug werden bleiben.
Durch die Predigt von Christus ist das Geheimnis offenbart, das seit ewigen Zeiten verschwiegen war.
Amen.

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