3. Advent (14. Dezember 2014)

Autorin / Autor: Pfarrerin Susanne Joos, Stuttgart [Susanne.Joos@elkw.de]

Matthäus 11, 2-6

gefangen seinAls Hanna die Arztpraxis verlässt, beginnt es schon zu dämmern. Sie zieht ihren Schal fester um die Schultern und macht sich auf den Weg zur Bahn.
Der Befund war in Ordnung. Die Werte im grünen Bereich. Jetzt ist es schon sechs Jahre her, dass sie so schwer krank war. Jede Routineuntersuchung erwartet sie mit Bangen. Ob der Krebs wiederkommt. Jedes mal Erleichterung. Aber doch nur verhaltene Freude, wie in Watte gepackt. „Unbeschwertheit scheint es für mich nicht mehr zu geben“, so geht es ihr durch den Kopf. Den Blick auf den Boden geheftet geht sie durch die Fußgängerzone.

fragenJohannes, einer der großen jüdischen Propheten. In der Wüste predigt er von der Nähe des Himmelreiches und ruft zur Buße.
Die Leute lassen sich aufrütteln von der rauen, asketischen Gestalt, der Kraft seiner Worte. Lassen sich von ihm taufen als Zeichen ihrer Umkehr.
„Nach mir kommt einer, der stärker ist als ich“, ruft Johannes, „er wird mit Geist und Feuer taufen, wird Gericht halten und mit seiner Wortschaufel die Spreu vom Weizen trennen.“

Auch Jesus kommt zu dem Mann in die Wüste und lässt sich taufen. Johannes ahnt da bereits, dass es umgekehrt sein müsste, dass er zu Jesus kommen müsste.

Dann nimmt Johannes’ Schicksal eine dramatische Wendung.
Er wird verhaftet und gefangen gesetzt.
Er hatte Herodes öffentlich kritisiert. Das war politisch hochbrisant. Der König hatte seine Ehefrau verstoßen und damit das Volk ihrer Herkunft gedemütigt, dann heiratete er die Frau seines Bruders.
Dass Herodes das Todesurteil über ihn sprechen würde, damit muss der Täufer rechnen.
Noch ist Johannes nicht abgeschnitten von der Außenwelt. Seine Anhänger besuchen ihn. Sie berichten vom Auftreten Jesu, von seinen Werken.

Ist Jesus von Nazareth der, der den er angekündigt hat?
Johannes ist ein kritischer Kopf, kein Schwärmer. Er will es sicher wissen, muss es prüfen, es geht um seine Lebensaufgabe. Es geht um Gott.
Nun aber ist er im Gefängnis, in Lebensgefahr. Sein Zweifel wird zu einer persönlichen, zu einer existentiellen Frage:
Bist du es, der da kommen soll?
Kann ich loslassen und aufhören zu kämpfen?
Bist du der Messias?
Wirst du es auch für mich sein, wenn ich sterben muss?

Johannes schickt seine Jünger zu Jesus mit der Frage, die er nicht für sich behalten kann, die ausgesprochen werden muss, die gestellt werden muss, - dem, der allein sie beantworten kann:
Bist du es? Oder müssen wir auf einen anderen warten?

sich ärgernAn einer Ampel hebt Hanna den Kopf. Die Läden rechts und links strotzen von Lichterketten, künstlichem Schnee, Engeln in allen Farben und Größen.
Welch ein unglaublicher Kitsch! denkt sie nicht zum ersten Mal.
Früher hat sie das nicht so sehr gestört. Sie hat sich immer gefreut auf Weihnachten, sich Zeit genommen sich vorzubereiten. Die Adventszeit hatte etwas Verheißungsvolles. Sie fühlte sich geborgen in ihrem Glauben.
In den letzten Jahren hat sie wie immer die Wohnung für die Familie geschmückt, aber ohne rechte Beteiligung.

Jetzt ärgert sie sich über den Kommerz, all das hohle Getue.
Sie spürt, wie ein Zorn in ihr wächst, und auf einmal ist es nicht nur Ärger auf die Menschenmassen und das Grelle um sie herum, sondern Zorn auf Gott:
Was bist du für ein Gott, der so verborgen bleibt, von dem man so wenig spürt! Jahr für Jahr Weihnachten, immerfort warten, dass es anders wird, dass es besser wird, -
und nichts wird besser, noch immer Hunger und Unrecht, Angst und Leid.
Gut, ich bin wieder gesund geworden, - aber hast du etwas damit zu tun? Ich habe einfach profitiert von der Kunst der Medizin oder einfach Glück gehabt. So viele haben kein Glück, so viele finden keine Hilfe.
Erstaunt merkt Hanna, dass in ihrem Zorn auch Schmerz spürbar wird, ziehendes Sehnen.
Ihr Gang wird langsamer. Sie biegt in eine Seitenstraße ein.
Vielleicht reicht es auch noch, die nächste Bahn zu nehmen.

antwortenBist du es, der da kommen soll? Oder sollen wir auf einen anderen warten?
Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.

deutenLiebe Gemeinde,
Was fangen wir mit einer solchen Antwort an?
Kein Bekenntnis: Ja, ich bin es!
Kein Versprechen für die Zukunft: Ihr werdet noch viel mehr erleben!
Nur der Hinweis, genau hinzuschauen.
Auf das, was schon zu sehen ist.
Geschichten von Blinden, denen die Augen aufgehen.
Geschichten von Abgestumpften, die wieder aufhorchen und sprechen.
Geschichten von Bettelarmen, die gesehen werden.
Geschichten von Gezeichneten, die wieder dazugehören.
Von einem totgesagten Mädchen, das vom Bett aufsteht.
Nicht die Massen finden Heilung, nur Einzelne. Hier und da.
Geschichten, die man so oder so erzählen kann, mehrdeutig, missverständlich.
Keine Beweise. Keine Sicherheit.
Keine Befreiung aus dem Gefängnis.
Kein Gericht, das für alle sichtbar scheidet zwischen Spreu und Weizen.
Aber einer, der selbst zum Weizenkorn wird und sich hingibt für die Welt.

Nur die Aufforderung, genau wahrzunehmen.
Was wir hören und sehen, zu deuten, - mit Gott zu rechnen, der seine Verheißungen erfüllt.

Man kann sich ärgern über Jesu Antwort.
Man kann über sie stolpern und zu Fall kommen.
Man kann irrewerden an Gott, der unsere Erwartungen an ihn immer wieder verstört.

Selig, wer sich nicht ärgert.
Selig, wer im Ärger nicht hängen bleibt und die Hoffnung nicht loslässt auf die Erfüllung der großen Verheißungen.
Selig, wer sich von dem Wunsch nach Eindeutigkeit nicht davon abhalten lässt, die Wirklichkeit zu lesen und zu deuten und die Werke Christi zu entdecken.
Selig, wem er selbst die Augen und Ohren öffnet.

hörenAm Eingang eines Kaufhauses sitzt ein Mann und spielt Akkordeon. Hanna bleibt stehen. Arm und abgerissen sieht er aus. Irgendwo aus Osteuropa wahrscheinlich, denkt sie. Sein Spiel ist virtuos, aber das ist es nicht, was Hanna in Bann zieht. Es ist seine Stimme.
Woher nimmt er die Kraft, so zu singen, fragt sie sich.
Was hat er erlebt? Was ist seine Geschichte?
Was ist das, dass mir das fast Tränen in die Augen treibt, - und sonst kaum jemand auch nur einen Moment stehen bleibt?
Sie weiß nachher nicht, wie lange sie da steht und nur schaut und hört und ihr Herz klopfen spürt.
Als sie ein paar Münzen in den Korb wirft, begegnet sie für einen Moment seinen Augen.
Dann reißt sie sich los.
Von seltsamer Unruhe erfüllt eilt sie zum Zug.
Amen.

Anregungen für diese Predigt sind entnommen aus „Bist du es, der da kommen soll?, Predigtmeditation von Martin Hauff in a&b 21/2014.

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