3. Sonntag nach Epiphanias (26. Januar 2014)

Autor/in: Pfarrerin Eva Ulmer, Weil der Stadt [Eva.Ulmer@elkw.de ]

Apostelgeschichte 10, 21 -35

Eintauchen in die Fremde

Eine fremde Kultur ist eine spannende Sache. Wer selbst schon einmal in einem fremden Land gelebt hat oder dort länger Urlaub gemacht hat, hat das vermutlich selbst erlebt.
Da ist Neugierde – was ist dort anders? Wie leben die Menschen, welche Sitten und Gebräuche haben sie? Vielleicht stellt sich auch die Frage nach religiösen Ritualen und Gebräuchen. Was glauben die Menschen dort, welche Feste werden gefeiert und warum? Und wie werden diese Feste begangen?
Oft mischt sich aber zur Neugierde auch eine größere oder kleinere Portion Skepsis. Nicht alles ist verständlich – manches sogar befremdlich und abstoßend. Und diese Erfahrung wird oft von Menschen auf beiden Seiten gemacht. Von denen, die als Fremde in eine neue Kultur eintauchen, aber auch von den anderen. Von denjenigen, die den Fremden, die Fremde kritisch beäugen. Was bringt er oder sie mit? Wie verhält er sich? Wie geht sie auf die Menschen zu? Wie werden unsere Traditionen und Rituale geachtet?
Oftmals ist die Begegnung zwischen zwei verschiedenen Kulturen sehr bereichernd für alle. Gemeinsamkeiten werden entdeckt und man freut sich an ihnen. Unterschiede werden erkannt und benannt. Oftmals ist es dann für die Erklärenden eine Herausforderung, die eigene Kultur, Tradition oder Religion zu erklären und trägt zur eigenen Erkenntnis bei.
Dabei ist das Aufeinandertreffen von fremden Kulturen kein Phänomen unserer Zeit, schon von alters her machten sich Menschen, aus ganz verschiedenen Gründen, auf in fremde Länder und begegneten damit auch fremden Kulturen, Religionen und Traditionen. Auch die Bibel ist voll von solchen interkulturellen und interreligiösen Begegnungen.
Eine davon ist uns heute als Predigttext gegeben.

Begegnung

Wer sind diese zwei Personen, die da in unserem Predigttext aufeinandertreffen?
Da ist zunächst einmal Petrus. Über ihn wissen wir aus den Evangelien schon ziemlich viel. Ein Jünger Jesu war er, vom Charakter her etwas vorlaut. Er verleugnete Jesus. Trotzdem bekam er nach Ostern von Jesus den Auftrag: „Weide meine Lämmer.“ Er wurde einer der ersten Christen und war doch tief in der jüdischen Tradition verwurzelt.
Über Kornelius erfahren wir in den Versen unmittelbar vor unserem Predigttext so einiges. Ein römischer Soldat war er – Hauptmann einer Abteilung, die in Palästina stationiert war. Er war gottesfürchtig – das heißt, er lebte nach der Thora, den Geboten des Volkes Israel. Den letzten Schritt, den Übertritt zum Judentum durch die Beschneidung, ist er aber noch nicht gegangen.
Als Vertreter der römischen Besatzungsmacht in einer Synagoge? Da wird ihm sicher Skepsis entgegengebracht worden sein. Vermutlich konnten viele Juden nicht einschätzen, was und wer er genau war. –
Dennoch – er hatte eines Tages eine Erscheinung: Ein Engel befahl Kornelius nach Joppe, dem heutigen Jaffa bei Tel Aviv, zu gehen und dort Petrus zu treffen. Kornelius folgte diesem Aufruf und ging mit drei seiner Gefolgsleute nach Joppe. Während die vier unterwegs waren, bekam Petrus zeitgleich in einer Vision allerlei nach jüdischem Gesetz unreine Speisen vorgesetzt. Als einer, der in der jüdischen Tradition aufwuchs, lehnte er natürlich ab, diese zu verzehren. Doch die himmlische Stimme betonte drei Mal, dass das, was von Gott rein gemacht worden sei, nicht verboten ist.
Kornelius und Petrus – beide hatten also eine Vision und schließlich begegneten sich die beiden. Auch diese Begegnung wurde von einem Engel arrangiert. Der gottesfürchtige römische Soldat und der Judenchrist, ein Jünger Jesu.
Beide sollten eigentlich nach der jeweils geltenden Gesetzgebung nichts miteinander zu tun haben. Der Besatzer nichts mit der gewöhnlichen Bevölkerung und der Jude nichts mit Ungläubigen. Aber die Begegnung zwischen den beiden überwindet alle Grenzen.

Grenzüberschreitung

Zunächst ist das Aufeinandertreffen an sich auch schon ungewöhnlich. Kornelius, der hochgestellte römische Soldat, fällt vor Petrus auf die Knie. Einen Grund dafür erfahren wir nicht. Doch Petrus scheint offensichtlich von Kornelius´ Verhalten irritiert zu sein und antwortet ganz pragmatisch „Steh auf, ich bin auch nur ein Mensch.“
Petrus scheint anfangs nicht zu wissen, wie er sich richtig verhalten soll– aber er erkennt schnell, dass es gut ist, ab und zu die Grenzen der eigenen Tradition zu überschreiten: „Ihr wisst, dass es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist, mit einem Fremden umzugehen oder zu ihm zu kommen; aber Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen meiden oder unrein nennen soll“ (V 28).
Auch Kornelius möchte Neues erfahren und bittet Petrus, nachdem er noch einmal kurz den Verlauf der ungewöhnlichen Begegnung zusammenfasst, zu predigen.
Manche von Ihnen, liebe Gemeinde, kennen vielleicht den Ausgang der Geschichte, der erst einige Verse nach unserem Predigttext erzählt wird. Während Petrus predigte, fiel der Heilige Geist auf die Anwesenden. Ein kleines Pfingsten geschah also. Und alle Anwesenden ließen sich taufen. Kornelius gilt somit als der erste Heide, der sich christlich taufen ließ. „Die Bekehrung des Kornelius“ wird der Fortgang der Geschichte oft genannt. Doch ich finde, dass auch Petrus sich ein Stück weit bekehrte. Indem er nämlich erkennt, dass in der Kirche Raum für alle ist– für Juden und Heiden. Dass nicht Gesetzlichkeit vor allem steht, sondern das Tun des Willen Gottes.
Das ist wirklich eine Grenzüberschreitung in beide Richtungen. Das Evangelium war nicht mehr ausschließlich den Judenchristen vorbehalten, die Gemeinde öffnete sich für Heiden, die hinzukamen. Aber auch Heiden schlossen sich der Gemeinde Jesu Christi an.

Gemeinschaft

Diese grenzüberschreitende Begegnung zwischen Petrus und Kornelius war und ist wegweisend für die Kirche. Damals und heute. Wegweisend dafür war die Erkenntnis des Petrus: „Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm“ (V 34f).
Dass Gott die Person, ihre Herkunftsgeschichte, ihre Stärken und Schwächen nicht ansieht, ist befreiend. Was vor Gott zählt, ist einzig und alleine das Tun des Willen Gottes. Auch für die junge christliche Gemeinde war seit der Begegnung von Kornelius und Petrus nicht mehr der Vollzug der Taufe oder der Beschneidung an sich von Bedeutung, sondern es ging einzig und alleine um Glaubwürdigkeit. Um die Glaubwürdigkeit, mit der der Glaube gelebt wird.
Das steht über allem, was in unseren Gemeinden oft als unüberwindliche Trennung wahrgenommen wird. Das steht über allen menschlichen Vorstellungen, wie Gemeinde gelebt werden soll. Das steht über allem, was die verschiedenen Konfessionen auf der ganzen Welt oft schmerzlich trennt. Hier entsteht Gemeinschaft und Brücken der Trennung können – wenn schon nicht abgerissen – zumindest überquert werden.
Und das wahrhaftige Tun des Willen Gottes ist auch das, was uns Christenmenschen mit unseren jüdischen Geschwistern verbindet. Durch die grenzüberschreitende Begegnung zwischen Kornelius und Petrus damals, durch das gemeinsame Erleben des Heiligen Geistes. Dadurch dürfen wir Christenmenschen zum Gottesvolk Israel hinzukommen. Wir dürfen uns gemeinsam in die Tradition der Hebräischen Bibel und den Gotteserfahrungen des Volkes Israel stellen. Und wir dürfen gemeinsam, mit allen Unterschieden, auf dem Weg zu dem einen Ziel sein, in der Gewissheit, dass Gott es ist, der uns begleitet.
Ich wünsche mir, liebe Gemeinde, dass uns die Erkenntnis des Petrus auch mehr Gelassenheit im Umgang mit anderen Religionen gibt. Wohl dürfen und sollen wir von dem erzählen, was wir glauben, worauf wir vertrauen und was wir hoffen. Aber wir dürfen uns auch immer wieder erinnern lassen, dass nicht wir es sind, die über „richtig“ und „falsch“ des Glaubens entscheiden. Sondern – und das ist gut so – Gott alleine, der die Herzen aller Menschen kennt.
Seien wir also offen für grenzüberschreitende Begegnungen, die uns neue Horizonte eröffnen und schließlich zur Gemeinschaft führen. Damit wir mit Petrus sagen können:
„Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.“
Amen.

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