4. Sonntag nach Trinitatis (13. Juli 2014)

Autor/in: Pfarrer Thomas Lehnardt, Reutlingen [Thomas.Lehnardt@elkw.de]

Römer 12, 17 -21

Anlass zu Hass und Rache im Übermaß

Als Saul an jenem Tag in die dunkle Höhle trat, da war seine Zuneigung zu David schon lange in offene Feindschaft umgeschlagen. Der jähzornige Wurf mit der Lanze auf den Harfe spielenden David war nur der Anfang gewesen. Nach mehreren Anschlägen auf sein Leben musste David vor Saul fliehen. Anlass zu Hass und Rache dürfte David also im Überfluss gehabt haben.
Nachdem der Verfolger den David in der Wüste bei Ein-Gedi hatte ausmachen können, rückte Saul mit seinem Heer aus. Er ahnte nicht, wie nahe er dem Verfolgten bereits gekommen war. So zog er sich, als ihn ein menschliches Bedürfnis bedrängte, in die Abgeschiedenheit einer Höhle zurück, um sich zu erleichtern – just in der Höhle, in der sich David mit seinen Kameraden versteckt hielt.
So kauerte Saul also ahnungs- und wehrlos im Dunkeln am Boden, David mit dem Schwert daneben. Zu allem Ärger und Groll über Saul kam noch ein weiteres: Mussten David und seinen Gefährten nicht befürchten, wenn sie diese Gelegenheit verstreichen ließen, ihrerseits entdeckt zu werden? Könnte dieser Moment nicht von Gott geschenkt sein, um Gerechtigkeit walten zu lassen? Die Kameraden drängten David: „Siehe, heute ist der Tag, von dem der Herr zu dir gesagt hat: Siehe, ich gebe deinen Feind in deine Hand“ (1. Sam 24,5).
Doch David sah den Willen Gottes nicht in der Rache: Anstatt Böses mit Bösem zu vergelten, war er auf Gutes bedacht. Nur den Saum des Mantels schnitt er mit seinem Schwert ab und schütze Saul auch vor seinen Kameraden.
Anlass zu Ärger und Zorn, zu Hass und Rachegefühlen hat der junge David wahrlich genug gehabt. Die schwermütige Seele Sauls hatte er mit seinem Harfenspiel erleichtert. Das Reich Sauls hat er beim Kampf mit dem Philister Goliath gerettet. Mit dem Königssohn Jonathan verbindet ihn eine tiefe Freundschaft. Ja, David wird sogar zum Schwiegersohn des Königs, als er seine Tochter heiratet. Viel Böses hat David mit Gutem überwunden – und dennoch entrinnt er der Eifersucht, dem Jähzorn und den Nachstellungen des Königs nicht. Anlass zu Hass und Rache hat der junge David in der Höhle bei Ein-Gedi wahrlich genug gehabt.
Was lässt den jungen Krieger die einmalige Gelegenheit verstreichen lassen, seinen Verfolger aus dem Weg zu räumen? Was gibt ihm den tollkühnen Mut, mit dem abgeschnittenen Mantelstück vor die Höhle zu treten und Gott als Richter zwischen Saul und sich anzurufen? „Von Bösen kommt Böses. … Der Herr sei Richter und richte zwischen mir und dir … und führe meine Sache, dass er mir Recht schaffe“ (1. Sam 24,14.16).
Beschämt erkennt Saul Davids Stimme und gesteht ein: „Du bist ge-rechter als ich, du hast mir Gutes erwiesen; ich aber habe dir Böses er-wiesen“ (1. Sam 24,18).
Was bewegt die Herzen dieser beiden im Streit verbissenen Männer, so dass der eine auf Rache verzichten und der andere Reue zumindest für den Moment empfinden kann?

Predigttext aus Römer 12,17-21

Wie ein Kommentar zum heutigen Predigttext aus den Ermahnungen des Römerbriefs zur Feindesliebe lässt sich diese biblische Geschichte aus den Daviderzählungen lesen:
„Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): ‚Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.‘ Vielmehr, ‚wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln‘ (Sprüche 25,21-22). Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Ärger und Aggression wahrnehmen

Anlass zu Ärger und Aggression, ja Anlass zu Zorn und Hass, ja manchmal sogar Anlass zu Rachegefühlen haben wahrscheinlich auch wir Christenmenschen heute immer wieder genug.
Den wenigsten von uns wird es gehen wie David, dass wir uns von der legitimen Regierung unseres Landes verfolgt und im Leben bedroht erleben. Den wenigsten von uns wird es gehen wie den Christen in Rom in der Mitte des ersten Jahrhunderts, denen um ihres Glaubens willen Verfolgung und Tod drohte.
Die meisten von uns werden das Gebot, niemandem Böses mit Bösem zu vergelten und uns nicht selbst zu rächen, tief verinnerlicht haben. Vielleicht sogar so tief, dass wir unseren Ärger auf Menschen, die uns etwas Böses tun, dass wir die Aggression gegen die Menschen, die uns nicht gut gesonnen sind, nicht einmal spüren und zulassen können. So sehr scheinen wir das Gebot der Feindesliebe verinnerlicht zu haben, dass es uns manchmal schwerfällt, Feinde überhaupt wahrzunehmen und unsere feindseligen Gefühle zu spüren.
Was würde denn passieren, wenn wir unserer Enttäuschung darüber Raum geben würden, dass wir mit all dem, was wir in der Familie und für die kleinere oder größere Familie tun, nicht so recht gesehen werden? Was würde passieren, wenn wir unseren Ärger darüber wahr- und ernstnehmen würden, dass andere ganz selbstverständlich unser finanzielles oder zeitliches Engagement hinnehmen, ja sogar damit rechnen, ohne dass wir dazu auch nur einmal gefragt wurden? Manchmal steigert sich solcher Ärger unter der Oberfläche zu Aggression und Wut gegen uns selbst – und wir werden krank. Oder wir beginnen andere insgeheim abzuwerten und vor uns und anderen schlecht zu machen, auch oder gerade wenn wir uns eine offene Auseinandersetzung gar nicht trauen.

Dem Zorn Gottes Raum geben

Was würde passieren, wenn wir in dieser komplizierten Gefühlslage dem Zorn Raum geben würden? Vielleicht wenden Sie gleich ein, dass das ja gar nicht so schlimm sei, dass Sie gar nichts Böses empfinden würden, dass das doch alles selbstverständlich sei, was Sie da für andere tun. Ja und vermutlich ist da vieles für Sie ganz selbstverständlich, gehört zu Ihrem Selbstverständnis dazu. Und vielleicht ist das auch ganz gut so.
Und wenn es jetzt aber tief in ihrem Herzen doch einen Ärger gibt, nicht recht wahrgenommen zu werden, was würde dann passieren, wenn Sie dem Zorn Gottes Raum geben könnten? Wie würde sich Ihre Wahrnehmung ändern, wenn Sie Ihrem Zorn bei Gott Raum geben könnten?
Vielleicht hätten Sie dann nicht die Sorge, dass Ihr Ärger, dass Ihr Zorn Sie wegschwemmen würde, wie es offenbar dem König Saul widerfahren ist, der in seinem Jähzorn den Speer nach dem Harfe spielenden David schleudert, der in seiner Eifersucht jedes Maß verliert, der in seiner maßlosen Wut seine ganze Familie ins Unglück stürzt. Wie würde sich Ihr Ärger, Ihre Wut, vielleicht sogar Ihr Zorn ändern, wenn Sie diese unangenehmen und mächtigen Gefühle einem Noch-Mächtigeren überlassen, wenn Sie ihren Zorn im Raum des mächtigeren Gottes ausdrücken könnten? Ließe sich dann Ärger und Wut spüren und anschauen, vielleicht sogar aushalten, obwohl sie uns übermächtig und deswegen verboten erscheinen? Ließe sich dann ganz vorsichtig lernen, sie wahrzunehmen als ein Teil, der auch zu uns Christenmenschen gehört, mit dem wir bei Gott Raum haben?
Könnten wir dann vielleicht sogar unser hinter dem Zorn verborgenes Bedürfnis nach Anerkennung und Zuwendung entdecken? Dann könnte es ja vielleicht sogar manchmal gelingen, den anderen mit seinen Bedürfnissen wahrzunehmen und ihm oder ihr das zukommen zu lassen, was sie zum Leben braucht und so einen Weg zum Frieden zu beschreiten, ohne uns selbst aufzugeben.

Ich habe nicht gemeint, dass du nicht einmal zischen dürftest

An einem Weg zu einem Tempel, lebte einst eine Kobra; immer wieder biss sie Leute, die auf dem Weg vorbeikamen, um im Tempel zu beten. Die Dorfbewohner bekamen Angst und kamen nicht mehr.
Der Swami, der Meister des Tempels, ging zur Schlange und sagte zu ihr: „Es ist nicht gut, wenn du die Leute beißt, die hier vorbeikommen, um in den Tempel zu gehen. Versprich mir, dass du das nie wieder tust.“
Die Schlange auf dem Weg machte keine Anstalten mehr zu beißen. Die Menschen verloren ihre Angst. Ja, die Dorfjungen packten sie sogar am Schwanz und zogen sie lachend hierhin und dorthin.
Als der Swami wieder einmal auf dem Weg vorbeikam, rief er die Schlange, um zu sehen, ob sie ihr Versprechen gehalten hatte. Die Schlange kam demütig und in einem miserablen Zustand angekrochen, so dass der Swami ausrief: „Du blutest ja. Wie konnte das geschehen?“ Die Schlange war den Tränen nahe und schluchzte, dass sie, seit sie dem Swami das Versprechen gegeben habe, auf diese Weise missbraucht worden sei.
„Ich habe dir gesagt, nicht zu beißen“, antwortete der Swami, „ich habe nicht gemeint, dass du nicht einmal zischen dürftest.“

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